„Der Akt des Führens im gemeinsamen Musizieren macht mir großen Spaß“ – TANJA ELISA GLINSNER im mica-Interview

Es scheint, als würde die gebürtige Linzerin TANJA ELISA GLINSNER Musik möglichst holistisch erfahren und weitergeben wollen. Sie konnte bereits einige Kompositionspreise einsammeln und beweist damit, dass ein gleichzeitiges Studium in Dirigieren, Gesang und Komposition Früchte tragen kann. Michael Franz Woels traf die multitalentierte Jungkomponistin TANJA ELISA GLINSNER, um mit ihr über flimmernde Texte, ihre ganz persönliche Heldin und die kompositorische Entwöhnung vom Klavierklang zu sprechen.

Beginnen wir mit deinem musikalischen Werdegang. Du hast als Kind die Violine, Klavier und Saxofon gelernt. Wann kam dein Interesse für die Stimme dazu?

Tanja Elisa Glinsner: Ich habe schon immer gerne gesungen, zu Hause in der Familie oder auch im Schul- und Klassenchor. Mein damaliger Musikprofessor hat mich – da ihm meine recht kräftige Stimme aufgefallen war – darauf angesprochen und mich gefragt, ob ich denn nicht Lust daran hätte, Gesangsunterricht zu nehmen. So hat eins das andere ergeben. Schließlich sang ich an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien [mdw; Anm.] vor und lernte meine langjährige Professorin Rannveig Braga-Postl kennen.

Neben einzelnen Opernprojekten im Arnold Schoenberg Chor am Theater an der Wien habe ich unter anderem in der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor im Rahmen der Salzburger Festspiele gesungen und so wertvolle Impulse sammeln können. Als Solistin durfte ich bereits an mehreren Studienproduktionen der mdw mitwirken – wie zum Beispiel 2017 als Tolomeo in Händels „Giulio Cesare in Egitto“ und 2019 als Baba in „The Medium“ von Gian Carlo Menotti. Dies war eine besonders schöne Erfahrung, da Baba zum einen meine erste Hauptrolle war, die ich verkörpern und aus der ich besonders viel lernen durfte. Zum anderen aber auch, weil mich die Klangsprache von Menotti sehr angesprochen hatte. Durch dieses Projekt hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass es mir möglich sein könnte, Komposition und Gesang für mich zu verbinden.

Nun interessiert dich neben dem Komponieren auch das Dirigieren. Wie kam es dazu?

Tanja Elisa Glinsner: Da kamen wohl mehrere Faktoren zusammen. In meiner Schulzeit konnte ich als Geigerin viele Erfahrungen in Jugend- wie auch Laienorchestern machen. Es ergab sich sehr oft, dass ich die Rolle der Stimmführerin oder der Konzertmeisterin übernehmen durfte, was mir besondere Freude bereitete. Gerade einmal dreizehn Jahre alt, wurde ich als Saxofonistin in der Musikkappelle in meinem Heimatort Pregarten vom Obmann gefragt, ob ich denn gerne eine Kapellmeister-Ausbildung machen wolle. Da konnte ich nicht Nein sagen. Die Violine, mein ursprüngliches Hauptinstrument, war mir leider klanglich nie so nah wie zum Beispiel der tiefe, warme und heimelige Klang des Violoncellos. Ich nehme an, dass das wohl daran liegt, dass meine eigene Stimme ein eher dunkles Timbre hat.

Aus diesem Grund – so vermute ich – habe ich das Dirigieren für mich gefunden. Der Akt des Führens im gemeinsamen Musizieren macht mir großen Spaß. Daraus hat sich ein tiefer Wunsch zu dirigieren entwickelt. Ich bin überglücklich, mein Dirigierstudium dieses Semester bei Professor Marc Stringer an der mdw fortsetzen zu dürfen. Besondere Vorbilder sind für mich auf alle Fälle Barbara Hannigan und Nathalie Stutzmann – besonders starke und selbstbewusste Frauen, die sich als Sängerin und als Dirigentin durchsetzen.

Ich mache leider in meinem Alltag die Erfahrung, nicht ernst genommen zu werden, wenn ich von meinen Studien erzähle, was ich auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Allerdings hat es mir psychisch und emotional nie gutgetan, zu versuchen, der gesellschaftlichen Norm bzw. der Erwartung zu entsprechen, der zufolge ich „nur“ Komponistin oder „nur“ Sängerin oder „nur“ Dirigentin sein darf. Nur wenn ich mich mit all meinen Interessen und Tätigkeitsfeldern akzeptiere und zu ihnen stehe – wie viele Zweifel einem deswegen auch entgegengebracht werden mögen –, fühle ich mich vollständig, mit mir selbst im Reinen und gänzlich von meinen künstlerischen Tätigkeiten und Studien erfüllt.

„In meinen Werken spielen oftmals Spektralklänge eine zentrale Rolle.“

Wie sieht es mit Komponistinnen und Komponisten als Vorbildern aus?

Tanja Elisa Glinsner: Vorbilder habe ich in der Komposition eigentlich nicht. Wie jede Komponistin und jeder Komponist bin ich immer auf der Suche nach meiner ganz eigenen musikalischen Ausdrucksweise – man kann von jedem Werk, jeder Komponistin und jedem Komponisten Wesentliches für sich und seine Klangwelt lernen. Die Klangästhetik meines Professors Michael Jarrell hat mich wesentlich beeinflusst. Außerdem liebe ich die klangfarbenreiche Musik von Olivier Messiaen und Toshiro Mayuzumi – einem Komponisten, den ich erst vor Kurzem für mich entdeckt habe – und die zerrende Tiefe der Werke von Tōru Takemitsu. In puncto Stimmbehandlung haben mich zum Beispiel die „Drei Madrigalkomödien“ von Péter Eötvös sehr beeinflusst und mich dazu animiert, die Stimme in meinen eigenen Kompositionen vermehrt einzusetzen – zumal ich ja auch Sängerin bin. In meinen Werken spielen oftmals Spektralklänge eine zentrale Rolle – dementsprechend hege ich eine gewisse Faszination für die Musik von Tristan Murail, Gérard Grisey und Georg Friedrich Haas.

Du hast schon einige Kompositionspreise gewonnen, unter anderem für die Komposition „Wind, weiße Stimme“. Warum hast du für dieses Stück Lyrik von Georg Trakl ausgewählt?

Tanja Elisa Glinsner: Als ich noch an der Anton Bruckner Privatuniversität studierte, habe ich wohl die Begeisterung meines damaligen Professors für Gedichte von Rainer Maria Rilke und Georg Trakl übernommen. Besonders von den Gedichten Georg Trakls war ich wie magisch angezogen. Daher schrieb ich damals meinen ersten Liederzyklus „Meines Lebens Dunkelstunden“ – 7 Lieder für Sopran und Klavier mit Texten von Friedrich Schiller, Rainer Maria Rilke und Georg Trakl. Mit dem Werk „Wind, weiße Stimme“ wollte ich eine Verbindung zu meinem damaligen kompositorischen Arbeiten schaffen. Ich wollte dem scharfkantigen, tief emotionalen und dunklen Text von Georg Trakl eine filigrane, luftige, ruhige und auch naiv-farbige Stimmung entgegensetzen. Es ist zum einen der Versuch der musikalischen Wiedergabe des Gefühls der vorletzten Verszeile „Der kranken Seele verfallener Bogen Schweigen und Kindheit.“ Ich wollte diese Zeile geradezu aus dem Zusammenhang herausreißen, um sie zum Flimmern zu bringen. Zum anderen aber wollte ich durch die Verwendung von Atem als Klangmaterial das Gefühl einer Trance, einer Meditation oder eines anderen tiefen Bewusstseinszustandes musikalisch wiedergeben.

„Aus diesem Grund habe ich dieses Werk auch meiner Mutter gewidmet, meiner ganz persönlichen Heldin.“

Sprechen wir über deine Auftragskomposition „Scena di Medea“.

Tanja Elisa Glinsner: Den Auftrag habe ich letzten Sommer von der mdw aufgrund einer Idee und einer Zusammenarbeit mit der Violinistin Nora Romanoff-Schwarzberg erhalten. Dieses Werk gibt – so finde ich – meine derzeitige Klangsprache am unmittelbarsten wieder. Es ist für Streichquintett und Sprecherin wie auch für die Schlaginstrumente Gongs und Röhrenglocken geschrieben und sollte ursprünglich am 10. März 2020 im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins mit Caroline Peters in der Rolle der Medea uraufgeführt werden. Leider war dies der erste Abend, an dem coronabedingt die Konzerte im Wiener Musikverein abgesagt wurde.

Ich habe an dem Werk um die 500 Stunden gearbeitet, war ein Dreivierteljahr kompositorisch damit beschäftigt. Ich habe mir noch nie so viel Zeit für ein Werk genommen, allerdings wollte ich diesen Auftrag, für den ich freie Hand bekommen hatte, auch auskosten. Mich inspirierte das Thema des Konzertabends „Schicksal? Entscheidung! Antike Heldinnen – zeitlose Stimmen“ sehr. Die Texte sollten unter anderem von Elfriede Jelinek stammen, die Rezitation sollte die Burgschauspielerin Caroline Peters übernehmen. Aus diesem Grund habe ich das Werk auch meiner Mutter gewidmet, meiner ganz persönlichen Heldin. Aus dirigentischer wie kompositorischer Sicht empfand ich die Arbeit mit Caroline Peters, die die Rolle der Medea übernahm, und den Musikerinnen als besonders beglückend und bereichernd. In dem Moment, in dem ich von der Absage erfuhr, empfand ich den Titel des Konzertabends als pure Ironie. Das tue ich noch heute.

Der Text zu „Scena di Medea“ basiert auf „Medea“, dem dritten Teil des Dramas „Das goldene Vlies“ von Franz Grillparzer. Ich habe die Textstellen, welche mir thematisch am wichtigsten erschienen, zu einer Collage verarbeitet. Bestimmte Themenbereiche folgen aufeinander: Ritual, Vergangenheit, Begegnung mit Jason, Fluch, Krëusa und der Mord an ihren Kindern. Zu Beginn steht eine rituelle Einleitung à la Pier Paolo Pasolinis Verfilmung des Medea-Stoffes. Ein Urvolk tanzt zelebrierend um ein Feuer. Man hört den inneren Kampf und die Zerrissenheit der Medea, nachdem sie ihre Kinder ermordet hat. Ist der Mord nicht auch symbolisch – als weitgehendste Verleugnung der eigenen Existenz, zu der sie Jason wie auch die Gesellschaft getrieben haben – gemeint? Nach dieser Einleitung reflektiert Medea über ihre Kindheit, die Verbindung zu ihrem Vater, den schicksalshaften und gewaltigen Eintritt Jasons in ihr Leben, Jasons Mord an ihrem Bruder und den Fluch, mit dem sie ihr Vater belegte. Des Weiteren folgt eine Reflexion über Krëusa, mit der Jason sie betrog, bis hin zum Mord an ihren Kindern.

Es war sehr schmerzvoll, als das Konzert abgesagt werden musste – ich habe es gerade einmal fünf Stunden vor der eigentlichen Aufführung erfahren. Am Vormittag hatte ich noch die Generalprobe dirigiert und mit mehreren Aufnahmegeräten diese Probe aufgenommen. Daher gab es auch eine Aufnahme, die ich zum Glück zur Bewerbung für den Ö1 Talentebörse-Kompositionspreis verwenden konnte. Ich hoffe sehr, dass die Uraufführung in der übernächsten Saison nachgeholt werden kann, aber das ist noch völlig unklar. Wie so viele Dinge in diesen Zeiten.

„Ich nehme an, dieses Heimweh ist manchmal auch in meinen Stücken spürbar.“

Wann und wo findest du eigentlich Zeit zum Komponieren?

Tanja Elisa Glinsner: Ich komponiere am liebsten zwischen 20 und 2 Uhr. Das ist die Zeit, in der ich mich am besten konzentrieren kann, keinen sozialen oder anderweitigen Verpflichtungen mehr nachgehen muss und mich daher gänzlich dem Komponieren widmen kann. Das ist natürlich manchmal nicht leicht mit dem Singen vereinbar bzw. nur durch gute Organisation zu koordinieren. Ich muss körperlich fit sein, um meine Leistung als Sängerin abliefern zu können, aber wenn ich eine Deadline für ein Stück habe, spüre ich schon in etwa, wie viel Zeit ich dafür brauchen werde. Durch einen gewissen Abgabedruck kommt auch ein Schreibfluss zustande.

Ich fühle mich in Wien sehr wohl, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass ich in der Stadt nicht wirklich zur Ruhe komme. Das liegt vermutlich daran, dass ich ursprünglich aus dem Mühlviertel stamme. Dort habe ich meine Kindheit in einem Haus direkt am Waldrand sehr genossen. Das vermisse ich sehr. Ich nehme an, dieses Heimweh ist manchmal auch in meinen Stücken spürbar.

Wie ist das Stück „Blurred Memory“ entstanden? Welche Verbindung gibt es zum Orchesterstück mit dem ähnlich klingenden Namen „BlurRed“?

Tanja Elisa Glinsner: Mein Orchesterstück „BlurRed“ ist Andreas Thaller gewidmet und wurde vor einem Jahr von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern im Rahmen der „11. Saarbrücker Komponistenwerkstatt“ unter der musikalischen Leitung von Manuel Nawri uraufgeführt. Der Werktitel des Stückes für vier Fagotte und Kontrafagott leitet sich von dem ein Jahr davor entstandenen Stück „Blurred Memory“ ab. In „BlurRed“ setze ich mich mit Erlebnissen auseinander, die mich prägten, die ich aber heute nicht mehr explizit benennen kann – daher fand ich das Wortspiel mit „Blurred Memory“ und „BlurRed“ passend. Ich habe mich im damaligen Stress der Bewerbung an den eigentlich geplanten Titel „Birds of Prey“ ironischerweise nicht erinnern können.

„Blurred Memory“ wie auch das Stück „Zwietracht“ für Solo-Horn waren Auftragswerke der mdw – ausgehend von dem institutsübergreifenden Projekt „Holz-Blech-Schlag“, einem „Call for Scores“ der mdw in Zusammenarbeit mit dem Musikverlag Doblinger. „Zwietracht“ und „Blurred Memory“ werden gerade verlegt.

Wann hast du bei deinen Instrumentalkompositionen das erste Mal mit Text gearbeitet?

Tanja Elisa Glinsner: Das war vor zwei Jahren in meinem Werk „Fu forse un tempo …“, als ich mich mit den Sonetten von Francesco Petrarca auseinandergesetzt habe. Ich halte es für sehr wichtig, dass Musikerinnen und Musiker mit ihrer Stimme – insbesondere mit ihrer Sprechstimme – klanglich differenziert umgehen können. Die Übertragung von inneren Klangvorstellungen auf die Stimme muss hierbei natürlich nicht der einer ausgebildeten Sängerin bzw. eines ausgebildeten Sängers entsprechen. Im Vordergrund stehen dabei vielmehr die Geste und ein unmittelbar empfundener Ausdruck. Ich bin der Meinung, dass die Stücke dadurch eine symbolische Metaebene gewinnen können.

In „Scena di Medea“ habe ich die Stimmbehandlung explizit definiert: Zum einen erklingt die Stimme der Medea-Sprecherin, welche Caroline Peters wunderbar intensiv interpretierte. Zum anderen erklingen aber auch die Stimmen der Streicher. Sie sind die Stimmen der Gesellschaft. Dies drückt sich in Passagen wie „Sei verflucht, Medea“ als Kommentar und Be- und Abwertung Medeas aus. Sie übernehmen aber auch die Rolle von Geisterstimmen. Diese versuchen, Medea zu verführen und zu betören. Oder sind sie die Stimmen ihres Gewissens, nachdem sie den Mord an ihren Kindern begangen hat? Das lasse ich den Zuhörenden gerne offen.

Was verbirgt sich hinter dem Titel „GrundRISS 100 wässrige Grundgedanken“?

Tanja Elisa Glinsner: Das war, glaube ich, das erste Stück, mit dem ich wirklich zufrieden war. Davor fand ich leider selten die Ruhe zu notieren, was mir wirklich im Kopf herumgeisterte. Ich musste mir mit verschiedenen Kompositionstechniken Abhilfe verschaffen. In dem Stück „GrundRISS 100 wässrige Grundgedanken“ spielte ich mich formal mit den Fibonacci-Zahlen, die ja auch die Grundlage für die Form der Spirale darstellen. Daher die Anspielung auf Friedensreich Hundertwasser. Zudem habe ich versucht, den Farbenreichtum seiner Gemälde mit ins Stück zu nehmen – es wurde daher die erste Komposition, in der ich mich mit Spektralklängen und Ringmodulation auseinandersetzte.

Komponierst du eigentlich für ein bestimmtes Instrument besonders gerne?

Tanja Elisa Glinsner: Ich schreibe immer gerne für verschiedenste Ensemblekombinationen mit Klavier, da ich die große klangliche Vielfalt dieses Instruments sehr schätze. Ich versuche mich aber derzeit gerade ein wenig umzuerziehen bzw. zu entwöhnen, um zu vermeiden, mich ins Klavier zu flüchten, und mich wieder mehr den klanglichen Anforderungen exponierterer Ensemblekombinationen zu stellen.

Und für die Stimme. Allerdings im Moment noch wenig für den eigentlichen Gesang. Das heißt, ich verwende die Stimme – als weitere symbolische und klangliche Ebene – gerne in kammermusikalischen Besetzungen. In Zukunft würde ich die Stimme in all ihren Facetten gerne auch in meine orchestrale Sprache einbetten. Manche Orchestermusikerinnen und -musiker neigen dazu, sich gegen die Verwendung der eigenen Stimme und die Exponierung, die mit dieser einhergehen kann, zu wehren. Allerdings ermöglicht diese Verwendung eine ganz besondere Dynamik – im Stück, im Musizieren und auch im sozialen Untereinander. Ich empfinde die Probendynamik immer als besonders spannend, wenn sich Musikerinnen und Musiker auf etwas Fremdes einlassen und meine Klangvorstellung durch ihre Interpretation und die Interaktion in den Proben einen eigenen Fluss entwickelt.

Mit dem Erhalt des Ö1 Talentebörse-Kompositionspreises wurde ich nun von der Österreichischen Nationalbank mit der Komposition eines neuen Werkes beauftragt, das im Frühjahr 2021 uraufgeführt und auf Ö1 ausgestrahlt werden soll. Ich plane ein Werk für Violine, Viola, Violoncello, Klavier, Schlagwerk und Bariton, das thematisch an meine „Scena di Medea“ andockt und auch in Zukunft an einem Konzertabend gemeinsam mit diesem Stück gespielt werden kann. Der Titel wird vermutlich „Chrysomeles“ lauten – das ist der Widder aus der griechischen Mythologie, von dem das Goldene Vlies stammt. Mehr möchte ich allerdings noch nicht verraten. Als längerfristiges Herzensprojekt möchte ich einen Zyklus von Szenen mit griechischen wie auch modernen Heldinnen schreiben, deren besetzungstechnischer Kern das Streichquartett und die Stimme in unterschiedlichsten Kombinationen werden sollen.

An welchen weiteren Stücken komponierst du gerade?

Tanja Elisa Glinsner: Das Stück, an dem ich in der nächsten Zeit arbeite, wird ein Cello-Solostück mit dem Titel „Wir werden“ nach einem Text von Henriette Hardenberg sein. Ein außerordentlich expressiver Text, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs geschrieben wurde. Er handelt von der Freiheit der Soldaten, doch auf einer weiteren Bedeutungsebene auch von der Freiheit des weiblichen Körpers und der Emanzipation der Frau sowie von den – leider beinahe in Vergessenheit geratenen – Künstlerinnen dieser Zeit.

In diesem Werk versuche ich, sowohl mit dem Cello als auch mit der Stimme eine musikalische Ekstase zu beschreiben. Den Auftrag habe ich von der Tonkünstler-Cellistin Ursula Erhart-Schwertmann erhalten. Ich bin immer sehr dankbar für die technischen und musikalischen Rückmeldungen der Musikerinnen und Musiker, mit denen ich arbeiten darf. Sie wissen oftmals besser als ich, wie eine bestimmte Geste auf ihr Instrument zu übertragen ist. Diese Art der Zusammenarbeit – meist kurz vor der Fertigstellung eines Stücks – intensiviert und profiliert den Ausdruck und die eigentliche Aussage des Gesamtwerks.

Außerdem arbeite ich im Moment an einem weiteren Auftragswerk des Dirigenten und Komponisten Gerhardt Müller-Goldboom aus Berlin. Er hatte damals beim Preisträgerkonzert des 1. Österreichischen Komponistinnenpreises bei meinem Werk „Fu forse un tempo …“ mitgewirkt. Ich war damals sehr kurzfristig eingesprungen, um dieses Stück zu dirigieren. In Erinnerung an dieses Einspringen erfolgte der Kompositionsauftrag für dieses Werk, das im Rahmen des Musikfestivals tiefschoen auf Schloss Watin im Oktober uraufgeführt werden soll.

Anschließend würde ich gerne an meinem Orchesterwerk „End-LESS“ weiterkomponieren und, sobald es fertig ist, für einen Meisterkurs mit dem SWR einreichen. Die Uraufführung meines Werks „BlurRed“ durch die Deutsche Radio Philharmonie im Juni vor einem Jahr war eine ganz besondere Erfahrung – die erste mit einem großen orchestralen Klangkörper. Daher hoffe ich sehr, dass sich wieder eine derartige Chance ergeben wird – auch um für mich zu lernen, inwiefern die Stimme und der Atem als Klangmaterial in meine orchestrale Klangsprache eingebracht werden können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

Link:
Tanja Elisa Glinsner (Youtube)
Tanja Elisa Glinsner (music austria Datenbank)
Ö1 Talentebörse