„DEN UNDERGROUND MUSS MAN SICH LEISTEN KÖNNEN“ – SANDRO NICOLUSSI (BYDL) IM MICA-INTERVIEW

Mit „It’s Not Over Till You’re Under//Ground” veröffentlicht SANDRO NICOLUSSI seine Debüt-EP auf TERNÄR RECORDS. Der Wahlwiener war Teil des Hausgemacht Kollektivs und legt inzwischen als Resident für TONGRÆBER auf. Außerdem ist NICOLUSSI Aktivist bei KULTUR FOR PRESIDENT und leitet neben der Club-Kolumne im FALTER demnächst das THE GAP MAGAZIN als Chefredakteur. Für seine erste Veröffentlichung als BYDL lässt er Techno in den Abgrund springen. Die Clubs sind zu, die Party steht. Zeit zu experimentieren, weil Subwoofer schlummern und Peaktime-Geballer zum Fünfuhr-Stream nicht funktioniert.  

Zum Treffpunkt im Museumsquartier rollt NICOLUSSI mit dem Bike. Als passionierter Radlfahrer sind Temperaturen unter Null für ihn wie Tech House aus der Dose – grausig, aber zum Warmwerden gerade gut genug. Während des Walk-Talks durch Wien erzählt der DJ, Produzent und Journalist, warum er den Rausch vermisst, welche politischen Ziele hinter Techno stehen müssen und für wofür er sogar sein Fahrrad hergeben würde.

Du bist erst seit einigen Jahren in Wien, aber bereits fixer Teil der Clubszene. Wie bist du zu Techno gekommen?

BYDL: Ich wuchs in Vorarlberg auf und ging in meiner Jugend zu Drum’n’Bass im Dornbirner Conrad Sohm ab. Als ich nach Wien kam, orientierte ich mich neu. Am Anfang blödelte ich in der Szene herum, spielte Tech-House und zog mein Clown-Ding ab. Die Sache wurde nach und nach ernster, Techno die logische Konsequenz. Mittlerweile merke ich aber, dass der Hype nicht gut ist. Es schießen Kollektive aus dem Boden, von denen manche gschissene Meinungen vertreten und der ganzen Szene schaden. Deshalb habe ich beschlossen, einen Schritt zurückzumachen, mich auf die Wurzeln von Techno zu besinnen und darüber nachzudenken, was ich innerhalb dieser Musik machen will. Als ich vor einigen Jahren zu produzieren begonnen hatte, wollte ich nur Club-Sound machen. Im vergangenen Jahr habe ich das hinterfragt – auch weil die Clubs geschlossen waren und bis heute niemand tanzen kann. Seitdem experimentiere ich mehr. Das fühlt sich ehrlich an.

Wie meinst du das?

BYDL: Wered Fuchs, Teil des Duos Bacchanalian Faith, hat mir vor Kurzem einen Track von ihnen geschickt. Eigentlich wollten sie nur ein Intro für ihre Sets produzieren, es wurde aber ein eigenständiger Track daraus. Genau das ist es doch. Wenn nicht der Anspruch da ist, einen Four-to-the-floor-Track zu produzieren, sondern einfach etwas passiert – düster und mit Vocals – entwickeln sich kreative Dinge, an die man anschließen kann.

Das genaue Gegenteil zu Streaming-Sets, bei denen DJs zum Abendessen den ärgsten Peaktime-Techno ballern.

BYDL: Ja, wäre es nicht schöner, wenn jemand ein paar Tape-Decks mitbrächte, um experimentellen Sound zu machen? Das würde der Situation entsprechen. Außerdem macht es das Leben als DJ angenehmer. Tracks, die eine komplexere Struktur haben, also nicht mit der Kick beginnen und aufhören, sind einfacher zu mischen. In den letzten drei Monaten habe ich Podcasts aufgenommen – teilweise ohne Kopfhörer, weil ich mit atmosphärischen Tracks gearbeitet habe. Die Auswahl der Stücke wird dadurch wichtiger. Es geht nicht nur darum, Beats zu synchronisieren, sondern Sounds ineinanderlaufen zu lassen, eine Atmosphäre zu schaffen.

Du hast es bereits gesagt: Die Clubs sind zu. Man muss nicht zwingend auf 135 Beats in der Minute Energie in den Boden stampfen, sondern könnte es auch langsamer angehen. 

BYDL: Ja, das ist gerade mein Ansatz. Zum Beispiel begeistern mich die Produktionen von Asfast – wie alles, was Ventil Records veröffentlicht. Es ist ein Sound, der die Zukunft des Clubs abbildet. Indem ich das sage, tu ich mir keinen Gefallen, weil Leute das schnell absolut bewerten. Ich meine damit nicht, dass experimentelle Musik die Clubnacht ablöst und jemand bis sechs Uhr früh Tape-Schleifen durch den Raum wickelt. Tanzmusik wird es weiterhin geben, und das ist gut so. Trotzdem fände ich den Ansatz überlegenswert, öfter Experimentelles in den Club zu bringen, einen Abend mit Live-Sets zu eröffnen. Schließlich kommt niemand in den Club, um sich sofort oben ohne auf die Tanzfläche zu stellen. Das braucht Zeit. Warum also nicht die ersten Stunden des Warm-Ups dazu nutzen, experimentellere Sounds zu entwickeln?

Was wäre deine Antwort?

BYDL: Wenn man mit dem Wort Clubkultur hantiert, sollte man dafür arbeiten, einen größeren kulturellen Mehrwert zu produzieren als sie vor der Pandemie gehabt hatte. Es geht um die Weiterentwicklung.

Durch das Pilotprojekt der Vienna Club Commission und die Einrichtung der IG Clubkultur gibt es dazu Ansätze. 

BYDL: Trotzdem fehlt es an einem Raum, wo Leute aus der Szene miteinander reden können. Ich bin gut vernetzt und sehe mich als jemand, der diplomatisch zwischen verschiedenen Meinungen vermittelt. Mir fällt auf, dass Leute aus der Szene nicht so unterschiedliche Ansichten haben als man glaubt. Sich im Internet vernünftig darüber zu unterhalten, ist allerdings schwierig. Es entstehen schnell Missverständnisse, weil die kommunikativen Werkzeuge zu starr sind. Würde man aber all jene, die im Internet über Clubkultur streiten, in einen Raum setzen, die meisten Probleme wäre nach einer Stunde bereinigt. Schließlich wissen die Meisten, um was es geht: Dass die Clubkultur an ihrer Basis arbeiten muss, um etabliert und politisch anerkannt zu werden.

Der Club als politischer Ort entstand aus einer Gegenbewegung, aus einem Raum-Schaffen für Menschen, die politisch nicht vertreten waren. Braucht es heute die Anerkennung der Politik, um vernünftige Clubkultur zu machen?

BYDL: Wie sehr ich wollen würde, für Clubkultur politische Anerkennung zu finden, weiß ich nicht. Vermutlich würden sich die vermeintlich coolen neoliberalen Parteien draufhocken und das Feld nach ihren Verwertungsvorstellungen gestalten. Das Bier kostete dann acht Euro. Die Musik würde auch nicht besser sein.

Und es entstünden noch mehr Wahlwerbespots, in denen Politiker „nicht tanzen“ können. 

BYDL: Ja, White Collars haben ihre Clubs in Wien, da braucht es nicht noch mehr. Der Bereich Clubkultur ist ohnehin hochschwellig genug. Man kann noch so oft über Inklusion diskutieren: Wenn der Eintritt 15 Euro kostet und das Bier nochmal fünf, geht sich das nicht aus. Ich versteh, warum es so ist und will es Veranstalterinnen und Veranstaltern nicht vorwerfen. Meint man es mit Inklusion aber ernst, muss sich dafür eine Lösung finden lassen – zum Beispiel durch Förderungen. Eine Nachwirkung dieser Krise wird hoffentlich sein, dass Leute ein Bewusstsein dafür entwickeln; dass es danach mehr Veranstalterinnen und Veranstaltern gibt, die ihre Events niederschwellig planen und mehr auf theoretisch untermauerte Awareness in der Szene setzen. Clubkultur kommt aus einem Klassenkampf, hat sich aus einer revolutionären Bewegung entwickelt. Wir sind nicht so weit, um diese Punkte zu umgehen.

Mehr Aufklärung auf dem Dancefloor statt blinder Hedonismus.

BYDL: Natürlich soll man auch ohne politische Agenda feiern dürfen. Aber nicht nur.

Weil Clubkultur viel mehr als Eskapismus sein könnte. 

BYDL: Ja, in Wien gibt es dafür viele Beispiele. Schau dir den nachhaltigen und kreativen Aufwand an, den das Kollektiv heimlich betreibt. Sie konzipieren Monate vor Veranstaltungen Dekorations- und Bühnenaufbauten, organisieren Altholz, realisieren ihre Pläne – und sammeln beim Abbau jede Schraube, um sie fürs nächste Event zu verwenden. Mit dieser Einstellung organisieren sie ein ganzes Festival und verbrauchen weniger Ressourcen als die Stadt Wien, wenn sie drei Meter Fahrradweg lackiert. Das hat ein derart kreatives und bildendes Potenzial, dass ich nicht verstehen kann, wieso man das ignoriert.

Und wieso man diese kulturelle Arbeit nicht bezahlt.

BYDL: Ja, es kann nicht nur niemand von dieser Arbeit leben, sondern auch die Clubkultur überlebt dadurch auf lange Sicht nicht. Genauso wichtig wie das, was am Wochenende im Club passiert, wäre die Möglichkeit, diese Erlebnisse in den Alltag zu integrieren. Man müsste Räume schaffen, in denen man sich als Community kennenlernt, vernetzt und zusammenarbeitet. In der aktuellen Situation fehlt alles.

Du meinst damit die Räume zur Vernetzung, die es noch nicht gibt. Und bestehende Clubs, die derzeit geschlossen sind. 

BYDL: Ja, das ist eine psychische Belastung. Mir fehlt das Wochenende im Club.

Dass dir der Rhythmus am Wochenende abgeht, hast du zuletzt im Club-Podcast von Rudi Wrany erwähnt.

BYDL: Dort habe ich mich schlecht ausgedrückt. Es geht mir weniger um den Rhythmus, als mehr um das Vertrauensverhältnis zu fremden Personen, das im Club möglich wird. Auch wenn ich viele Leute innerhalb der Szene kenne, gibt es auf Veranstaltungen immer Momente, in denen ich dieses Verhältnis zu Menschen entwickle, die ich nicht kenne. Das können ganz einfache Dinge auslösen: Man legt seine Sachen irgendwo ab oder vertraut einer Person etwas an. Seitdem das nicht mehr möglich ist, habe ich in der Öffentlichkeit teilweise Angst vor fremden Leuten.

„ICH WILL FREMDEN MENSCHEN WIEDER VERTRAUEN DÜRFEN.“

Wie hat sich das umgedreht? 

BYDL: Alles was ich mitbekomme ist: Faschos werden immer aktiver. Liberale Leute beginnen, faschistisches Gedankengut zu relativieren. Das Vertrauen in die Menschheit wird immer nur enttäuscht. Es gibt momentan kein Erlebnis, das einen Ausbruch aus dieser Situation bieten würde. Das ist beklemmend. Ich will fremden Menschen wieder vertrauen dürfen.

Der Kontext Club ist dafür prädestiniert. Man muss dafür nicht so ein pathetisches Wort wie den Vibe bemühen, um zu verstehen, dass dort Alternativen zum Alltag gelebt werden können. 

BYDL: Das Pathoswort „Vibe“ lässt sich nüchtern austauschen mit dem Begriff „Rausch“.

Das ist ein guter Satz. 

BYDL: Man muss nicht verheimlichen, dass Clubkultur auch Rausch ist. Man lässt alle Hüllen fallen, löst alle Blockaden und schafft ein kollektives Erlebnis in einer Welt, in der ohnehin alles individualisiert wird; in der du immer der Bessere, der Größere, der Schnellere sein musst. Der Club schafft eines der letzten progressiven Gemeinschaftsgefühle.

Und damit einen Raum, in dem es nicht zwingend um Wettbewerbsgedanken gehen muss.

BYDL: Obwohl der Neoliberalismus alles durchdringt.

Das lässt sich an der Kommerzialisierung von etwas ursprünglich Radikalem ablesen. Business Techno ist real, die Musik wird zur Ware. 

BYDL: Im DJ-Bereich gibt es Vorbilder, die man viel häufiger aufgrund ihres Erfolgs und Fames bewundert – aber nicht für ihre Kreativität. Dieser Mehrwert kommt nur als Nische vor. Ich habe vor Kurzem einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, dass sich bekannte DJs wieder auf den Underground zurückbesinnen. Leider hat der Artikel nicht beschrieben, was dieser Underground sein soll. Das hat mir noch niemand erklärt!

Es gibt ein ungeschriebenes Verständnis für das Wort, trotzdem kann es niemand verständlich beschreiben. 

BYDL: Ich glaube zu verstehen, was mit dem Begriff gemeint ist. Im Artikel ging es aber darum, dass sich Leute wie David Guetta neue Künstlernamen zulegen, um in kleineren Clubs aufzulegen. Eh leiwand – und logisch, dass er das kann, wenn er davor Millionen gescheffelt hat. Aber das ist doch kein realer Underground!

Sondern eine Farce. 

BYDL: Man merkt, wie manche DJs sich in einem vermeintlichen Underground profilieren wollen und dabei die Geschichte mit Füßen treten. Wer kann sich nach einer 50-Stundenwoche am Samstag in den Club stellen, um für wenig bis gar keine Kohle kulturellen Mehrwert zu liefern? Den Underground muss man sich heute leisten können.

Cover It’s Not Over Till You’re UnderGround
Cover “It’s Not Over Till You’re Under//Ground”

Du umschreibst damit genau die Diskrepanz zwischen aufopfernder Selbstausbeutung und der Frage, wie man ein Umfeld schafft, fördert und lebt, dass sich nicht von kapitalistischen Interessen aneignen lässt. 

BYDL: Es darf nicht darum gehen, Leute zu canceln, die bekannt sind, weil sie in der Vergangenheit Hits produziert haben. Wenn jemand mit großer Reichweite einen nischigen Bereich supportet, ist das gut, sofern es ernst gemeint ist. Dass weltbekannte DJs wie Carl Cox oder Seth Troxler Fundraising-Kampagnen für ihre Tour-Manager starten – also bei Fans um Geld bitten, die überhaupt für ihren weltweiten Erfolg gesorgt haben – ist verrückt. Es muss vielmehr zu einer Umverteilung kommen. Die Großen, die lange genug von der Szene profitiert haben, müssen sie jetzt unterstützen, weil sie aus ihr hervorgegangen sind und sich auf sie beziehen.

Jene Akteurinnen und Akteure, die das kapitalistische Techno-System über Jahre vorantrieben wären gefragt, um die Szene zu retten, auf die sie sich in ihrem Verhalten beziehen. 

BYDL: Wenn ich die Hälfte meiner Debüt-EP an das Workshop-Kollektiv Sounds Queer? spenden kann, können Leute wie Carl Cox auch mal in ihre Tasche greifen. So lange das politisch nicht geregelt ist, wird das aber nicht eintreten.

Ein Ansatz wäre ein Umverteilungsmodell, das nicht auf Spenden von denjenigen aufbaut, die ohnehin für den Erfolg sorgen. Schließlich spielen bekannte DJs Tracks von unbekannten DJs und bauen ihren Erfolg auf fremder Kreativarbeit auf. 

BYDL: Und bevor man es merkt, wird man zur Zuarbeiterin oder zum Zusatzarbeiter. Sobald ein unbekannter Track in einem Set einer oder eines bekannten DJ landet, versucht man die Bekanntheit der oder des DJs zu nützen. Das entwickelt sich zu einem Bittsteller-Verhältnis, durch das man sich dem Erfolg und der Reichweite anbiedert und die eigene Kreativität hintanstellt. Das wirft die Frage auf: Warum müssen andere Leute meine Tracks spielen, damit sie leiwand sind? Viel besser wäre es doch, wenn ich damit ein echtes Gefühl auslösen kann.

Wie du vorhin gesagt hast: Den Underground muss man sich leisten können. 

BYDL: Ich weiß, dass ich das aus einer privilegierten Position heraus sage. Ich reflektiere das, indem ich an einem Umfeld arbeite, in dem alle gut und glücklich leben können. Das muss das Ziel sein: eine Welt, in der finanzielle Not und Armut nicht bestehen.

„ES MUSS WENIGER DARUM GEHEN, WIE VIELE LIKES MAN BEKOMMT, SONDERN DARUM, EINEN KOLLEKTIVSINN ZU ETABLIEREN.“

Dann kommen die Leute aus ihren neoliberalen Löchern und sagen: Wer soll das bezahlen? 

BYDL: Das ginge schon, würde man wollen! So lange der Großteil der Bevölkerung lohnabhängig ist, um Grundbedürfnisse wie Miete und Nahrung zu decken, scheint die Diskussion aber realitätsfern. Deshalb bedarf es eines Umdenkens. Es muss weniger darum gehen, wie viele Likes man für die eigene Performance bekommt, sondern darum, einen Kollektivsinn zu etablieren.

Nach dem Motto: Weg von der individuellen Verwertungslogik hin zum kollektiven Rausch. 

BYDL: Oder hin zu einem Leben, dessen Inhalt das Leben und nicht die Arbeit ist. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, hat meine Mutter früher immer zu mir gesagt. Ich verstehe heute, warum sie es getan hat. Aber ich verstehe nicht, wieso der Inhalt des Lebens nicht das Vergnügen sein sollte. Wir haben diese Doktrin so übernommen, dass es schwer ist, anders zu denken.

Die Frage nach dem richtigen Leben ist auch eine Frage, die den Club betrifft. Das Wort Möglichkeitsraum ist in diesem Kontext hoch gegriffen, könnte unter bestimmten Voraussetzungen aber Wirklichkeit werden. 

BYDL: Genau, es kommt auf die Bedingungen an. Ich wehre mich, den Club als Ort des absoluten Anspruchs zu sehen, in dem alles funktionieren muss. Schließlich passieren auch dort Fehler. Es existieren aber Modelle und Arten der Zusammenarbeit, die funktionieren. Vielleicht sollte man nicht die nächste Bank retten, sondern – und das klingt mega-pathetisch – die Menschheit.

Ich seh schon die Plakate: Menschheitsrettung statt Bankenrettung. 

BYDL: Irgendwas wird immer gerettet, aber besser wird es nie!

Es heißt dann, dass Banken systemrelevant seien. Auf einmal müssen sich Menschen, die einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten, gefallen lassen, auf eine Ebene mit sinnlosen Finanztransaktionen gestellt zu werden. 

BYDL: Das lässt niemand gern mit sich machen. Wenn du als Pflegerin oder Pfleger für deine Systemrelevanz beklatscht wirst und bei den nächsten Lohnverhandlungen einen Mittelfinger ins Gesicht gedrückt bekommst, bist du verärgert. Nur: Wie willst du deinem Ärger Luft machen? Du könntest kündigen – mit dem Ergebnis, dass du deine Miete nicht mehr bezahlen kannst. Damit wird man in ein toxisches Abhängigkeitsverhältnis gedrückt.

Du sprichst einen wichtigen Punkt an: das Nicht-Gehört-Werden. Im Bereich der Clubkultur ist das gerade offensichtlich. Es mag Förderungen für Clubs geben, aber wo bleiben Leute, Kollektive und Ideen, die diese Kultur umsetzen? Auf einmal laufen Menschen bei Corona-Demos mit, die mit rechtem Gedankengut zuvor nichts zu tun gehabt haben. 

BYDL: Ich will nicht sagen, dass ich es verstehe. Aber ich kann es mir erklären. Es scheint die einzige Möglichkeit zu sein, den Unmut am Nicht-Gehört-Werden auszudrücken. Deshalb trete ich offen für einen stärkeren Austausch unter- und miteinander ein. Nicht nur für jene, die es sich leisten können. Sondern für alle. Es müssen Räume geschaffen werden für Menschen, die sonst nicht gehört werden, um die Diversität der Lebensrealitäten miteinzubeziehen. Es müssen Räume geschaffen werden, die barrierefrei sind, auf architektonischer, zeitlicher, finanzieller und sprachlicher Ebene. Aus diesem Grund sind Projekte wie die VCC oder die IG Clubkultur wichtig.

Erkennst du Modelle, wo die Umsetzung bereits besser funktioniert? 

BYDL: Das ist schwierig zu beantworten. Marlene Engel von Hyperreality hat mir letzthin vom Institut für Zukunft in Leipzig erzählt. Es funktioniert als kollektiv verwalteter Club, bei dem keine wirtschaftlichen Interessen verfolgt werden müssen. Das würde auch in Wien funktionieren. Es gäbe Räume, die leer stehen, die bespielt und gestaltet werden könnten. Gleichzeitig müsste man die internationale Vernetzung vorantreiben, also das Denken innerhalb der Grenzen des Nationalstaats auflösen. So lange der neoliberale Kapitalismus globalisiert passiert, muss seine Lösung auf globalisierter Ebene gedacht werden. Think global – act local.

Im Bereich der Clubkultur fehlt dafür das gemeinsame Sprachrohr, um nicht zu sagen, eine Lobby, die gemeinsame Interessen vertritt. 

BYDL: Auch da muss man sich einer schwierigen Auseinandersetzung stellen: Ist eine Lobby gut, weil man mehr Schlagkraft bekommt? Oder ist eine Lobby schlecht, weil man dadurch bei dem mitmischt, was man zuvor aktiv bekämpft hat.

Damit fasst du zusammen, was du seit einiger Zeit praktizierst: politischer im künstlerischen Auftreten zu werden. Inzwischen hast du das Hausgemacht Kollektiv verlassen und bist Resident bei Tongræber 

BYDL: Ja, ich lass mich gerne von Graubereichen in der Kunst inspirieren. In letzter Zeit habe ich mich mehr mit der Geschichte von Black Metal, Post-Punk und Industrial beschäftigt. Alles Bereiche, in denen sich faschistoides Gedankengut eingenistet hat, weil es brachial und düster ist und Extreme anzieht.

Es sind Projektionsflächen, die man sehr unterschiedlich ausfüllen kann, oder? 

BYDL: Ja, allein die Tatsache, dass es mit Red and Anarchist Black Metal eine Benennung für dezidiert linken Black Metal gibt, ist bezeichnend. In meinen Sets spiele ich zwar keinen Black Metal, aber düstere Musik, die manchmal mit komischen Namen oder Covern verbunden ist. Das ist zum Teil explizit, aber manchmal auch bedeutungsoffen, was eine Zuordnung auf Anhieb schwierig macht. Wenn ich also sage, dass ich düstere Musik machen will, weil sich darin ästhetisch viel ausprobieren lässt, habe ich den Anspruch, dass mein Tun politischen Sinn hat – und zwar als anti-diskriminierender Ansatz in jede Richtung. Dass ich damit Leute diskriminiere, die intolerant sind, stimmt natürlich. Die Abwägung sollte man den Leuten aber selber überlassen. Wie bei diesem … wie hieß der Mayhem-Typ?

Varg Vikernes, meinst du? 

BYDL: Burzum nannte er sich für sein Elektronik-Projekt. Leute, die ich als antifaschistische Aktivstinnen und Aktivisten schätze, sagen teilweise: „Na ja, was der damals in diesem Bereich zur Musik beigetragen hat, war groundbreaking.“ Man kann sich darauf ausruhen, seine Musik hören und seine Merch tragen, weil das damals so war. Oder man nutzt die Zeit, um zu recherchieren, zu diggen und neue Artists zu finden, die weniger problematisch sind. Um das zu erleichtern, bezeichne ich meine Musik als antifaschistisch. Die Leute haben dann mehr Zeit, sich mit meinen Konzepten und dem kreativen Sinn hinter meiner Musik auseinanderzusetzen.

Die Sache mit der Benennung lässt sich von rechter Seite aber genauso aneignen.  

BYDL: Klar, ich könnte dieses antifaschistische Label einfach als Deckung auf meine Musik schreiben. Ich bin als Künstler aber bereit, mich selbst zu reflektieren. Für den Fall, dass Fehler passieren, weil ich blinde Flecken nicht berücksichtige, würde ich sie offen zugeben.

Die Selbstbezeichnung wirkt dann ehrlich, wenn man sie sowohl auf künstlerischer als auch auf persönlicher Ebene lebt. 

BYDL: Als Künstlerin und Künstler offenbarst du dein Persönlichstes. Deshalb ist es schwierig, Kritik nicht persönlich zu nehmen. Sollte ich unbewusst einen Fascho-Track spielen, würde ich mehrere Nächte schlecht schlafen, weil ich an der Verbreitung solcher Inhalte – wenn auch unwissend – mitgewirkt hätte. Trotzdem ist es wichtig, in so einem Fall Stellung zu beziehen, das Set offline zu nehmen und den Fehler öffentlich einzugestehen. Diese Fehlerkultur ist nicht nur etwas, was ich mir von Künstlerinnen und Künstlern wünsche, sondern auch von Politikerinnen und Politikern. Sich hinzustellen und zu sagen, dass man etwas verbockt hat, also die Verantwortung zu übernehmen und sich gleichzeitig zu entschuldigen, würde von Reflexion zeugen. Aber es passiert nicht. Das kann man zum Beispiel an der Art sehen, wie Verantwortungsträgerinnen und -träger die Corona-Krise bisher nicht gemanagt haben. Fast 8.000 Menschen sind gestorben. Trotzdem übernimmt niemand Verantwortung. 

Nichts zu sagen, weil Verschweigen aus Perspektive der Mächtigen mehr Sinn macht – ist das nicht pures Kalkül?

BYDL: Das System, das für viele so schlecht funktioniert, ist gut durchdacht. Man schafft sich eine Welt, in der es besonders cool, ist stark und widerstandsfähig zu sein. Wenn du 60 Stunden hackelst und nur drei Stunden pro Nacht schläfst, bist du für manche Kreise ein Vorbild.

Das sind jene Personen, die für 5.000 Euro zum Ayahuasca-Retreat nach Amsterdam fliegen, um danach ein optimierterer Mensch zu sein. 

BYDL: Genau. Ich will nicht in einer Welt leben, in der ich permanent im Wettbewerb mit anderen stehe; in der ich stärker, kräftiger und durchhaltevermögender sein muss. Ich möchte in einer Welt leben, in der ich schwach sein darf; in der ich mich ins Museumsquartier setzen kann, um dort zu weinen – einfach, weil es mir gerade guttut. Würde ich das heute machen, schauten mich die Leute entweder komisch an oder hätten Mitgefühl, aber keine Zeit es zu zeigen, weil sie zum nächsten Termin müssten.

Es wirkt so, als hätte niemand mehr Zeit, um Verletzlichkeit zu zeigen.

BYDL: Das ist so schade. Deshalb müssen wir die Art, wie wir Charakterstärke auslegen, neu definieren. Für etwas einzustehen, sich zu entschuldigen und damit den Schritt zurückzugehen, wäre wichtig. Warum muss man es immer so lange scheiße sein lassen, bis alles zusammenbricht?

Ich überlege gerade, wie wir aus dem Soziologieseminar zurück in den Clubkontext kommen – oder reden wir nicht auch die ganze Zeit darüber? 

BYDL: Ein Freund von mir hat zuletzt ein Essay über Clubkultur und -szene verfasst. Darin hat er einen Punkt gut zusammengefasst: Viele Leute im Clubbereich haben psychische Probleme – warum eigentlich? Ist es so, weil die Leute nur im Club richtig leben können, während sie in Alltag und Gesellschaft wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, Sexualität oder Ideen diskriminiert werden? Die Marginalisierung ist vielschichtig. Ich bin als weißer Mann ultraprivilegiert, aber sogar ich werde innerhalb meiner Familie für die Art, wie ich mein Leben lebe, teilweise belächelt und von Teilen der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert. Das sind Symptome, an denen man erkennen kann, dass etwas falsch läuft.

Ich finde gut, dass du sagst: „Ich werde auch diskriminiert.“ Das zeigt die Gleichzeitigkeit verschiedener Diskriminierungsformen auf – auch wenn deine Perspektive privilegiert ist. 

BYDL: Ich bin durch die Reflexion sehr vorsichtig und unsicher geworden. Manchmal überlege ich drei Mal, ob ich ein Kommentar zu einer Diskussion schreibe. Und am Ende mache ich es gar nicht. Aber: Das mach ich nur in diesem komischen Internetraum. Im Reallife ist es mir noch nie passiert, dass mich jemand aus dem nichts zur Sau gemacht hat. In einer Face-to-Face-Diskussion weist man dich eher daraufhin, noch einmal zu überlegen, was man gesagt hat. Man diskutiert, reflektiert in der Situation und versteht sich wieder.

Bild BYDL
BYDL (c) Daniel Nuderscher

„Der größte Kulturraum in Wien ist das Internet, und das ist gschissen“, hast du zuletzt gesagt. Da schwingt viel mit, die mangelnde Bereitschaft zur Diskussion innerhalb der sogenannten Clubszene ganz besonders.

BYDL: Ich räume aber gerne ein, dass die Clubkultur nicht alles ist. Es gibt Musikrichtungen, Literaturgattungen und Filme, die ich als kulturellen Mehrwert katalogisiere, ohne das ich mich darin wiedererkennen muss. Mit Filmen kenne ich mich zum Beispiel gar nicht aus. Als Akteur der Clubkultur ist es mir aber ein Anliegen, dass auch kleine Kinos bestehen bleiben. Schließungen, gerade innerhalb einer Subkultur, sind nicht abhängig von einem Teilbereich. Beginnen sie, betreffen sie irgendwann alle.

Trotzdem sind Förderungen oft an messbare Daten geknüpft. Nicht umsonst argumentiert die Kulturbranche jetzt mit einem finanziellen Mehrwert und nicht mit dem schwer zu quantifizierenden Gefühl, das eine Veranstaltungen begleiten kann. Das Ergebnis: Nicht die beste Kultur wird gefördert, sondern die kommerziell erfolgreichste. 

BYDL: Ja, das stimmt. Trotzdem sind wir momentan an die Kohle gebunden. Irgendwann müssen wir daran arbeiten, das Geldsystem zu überkommen. Wir haben es erfunden, also muss es möglich sein, es wieder zu entfernen.

Dabei ist der kapitalistische Realismus die essentialisierte Norm, etwas, das wir gar nicht mehr hinterfragen, weil es alternativlos erscheint. 

BYDL: Trotzdem sagen Kulturschaffende nach fast einem Jahr des nichtexistenten Kulturbetriebs immer noch, dass sie sich als Künstlerinnen und Künstler, DJs und damit als Teil der Kulturszene sehen. Es ist unser Lebensinhalt, den wir retten wollen. Wenn das mit Banken und Airlines geht, muss das mit unserer Kulturszene auch funktionieren – und zwar ohne blutige Revolution. Ich vertraue auf die Vernunft der Menschen. Irgendwann wird es das kollektive Erlebnis des Umdenkens geben. So lange muss man im Kleinen stabil bleiben, kämpfen und sich nicht auf die Seite schieben lassen.

Bis wir irgendwann wieder den Bass am Körper spüren.

BYDL: Und dann soll man sich gehen lassen im Bass. Aber nicht nur, weil man sich daran erinnern muss, dass es einen Kampf zu kämpfen gibt. Sonst stehen wir in fünf Jahren wieder da …

„VIELLEICHT MUSS MAN VOM AUTO ZURÜCK AUFS FAHRRAD SATTELN.“

Das Argument, endlich wieder zurückzukehren zum Alltag, habe ich in letzter Zeit öfter gehört. Du widersprichst klar. Es soll keine alte, aber auch keine neue Normalität geben, sondern eine bessere. 

BYDL: Genau, ich will das Konträre zum Normalen, das doch noch beschissener war als es jetzt ist. In der Vergangenheit beuteten sich alle aus und niemand konnte davon leben. Heute thematisieren wir dieses Problem wenigstens. Ich wehre mich zwar, die Krise als Chance zu begreifen, aber sie zeigt auf, wo was falsch läuft. Jetzt liegt es an uns – und damit meine ich nicht nur Kulturschaffende –, das zu erkennen und einzuarbeiten. In manchen Bereichen müssen wir Rückschritte wagen.

Wie meinst du das?

BYDL: Wir dürfen nicht auf die nächste technologische Revolution warten. Vielleicht muss man vom Auto zurück aufs Fahrrad satteln.

Das lebst du als überzeugter Fahrradler vor.

BYDL: Es geht um Verzicht. Das wird abwertend als Hippie-Idee bezeichnet. Schließlich wäre unser Lebensstil nicht derselbe, wenn wir ihn für jeden Menschen auf diesem Planeten etablieren. Aber er wäre auch nicht viel schlechter. Das ist eine Laien-Meinung. Trotzdem bin ich von einem ressourceneffizienten Lebenswandel überzeugt.

Und du sprichst dich für eine Gemeinwohlökonomie aus. 

BYDL: Mein Mitbewohner hat letzthin einen klugen Satz gesagt: Was wäre, wenn nicht das System des Kapitalismus das Problem ist, sondern sein neoliberaler Auswuchs? Wir müssen uns fragen, was wir messen wollen. Statt des Wirtschaftswachstums sollte die Nachhaltigkeit und das Nutzen fürs Gemeinwohl im Vordergrund stehen. Vielleicht kann man dem Gedanken des Wettbewerbs sogar etwas Gutes abgewinnen, wenn man ihn in diese Richtung denkt. Sollte das die Existenzängste der Gesellschaft abschaffen, würde ich sogar mein Fahrrad hergeben.

Das sind alles Themen, die unfassbar komplexe Fragen aufwerfen. Aber man sieht, welche Diskussionen sich ausgehend von der Frage um Clubkultur eröffnen. Der Club ist nicht nur der Raum vor Ort. Seine Ideenwelt strahlt weit darüber hinaus. 

BYDL: Ja, es zeigt die Diversität der Entwurfsmöglichkeiten auf. Selbst in meiner perfekten Welt könnte ich mich mit Leuten darüber streiten, ob Tech House cool ist oder nicht. Alle Meinungen, alle Nuancen sollen bestehen bleiben.

Die Diskussion schließt die Pluralität der Lebensentwürfe nicht aus, sondern ein. 

BYDL: Es geht um Konsens, dass wir alle ein gutes Leben führen. Deshalb muss es eine Offenheit geben, alle miteinzuziehen und ein Verständnis für diejenigen, die nicht partizipieren wollen.

Damit haben wir gar nicht viel über deine Debüt-EP gesprochen – und irgendwie doch sehr viel.

BYDL: Vielleicht macht es mehr Sinn, nicht über die Musik zu sprechen, sondern über die Bedingungen, die es Künstlerinnen und Künstlern zukünftig ermöglicht, EPs und Alben produzieren zu können. Ich will damit nicht sagen, dass ich kein fettes Ego habe, im Gegenteil. Ich bin dankbar, dass meine Musik einen Impact hat; dass Christopher Jan Herb aka Akaroid die EP auf seinem Label Ternär veröffentlicht; und dass Produzentinnen und Produzenten wie Kobermann, ø.FVCHS, Annika Stein, Specific Objekts, Elfriede Blut, Abu Gabi und vielleicht sogar Ursula Winterauer von Ventil Records das Ding remixen. Noch wichtiger ist es mir aber, in einer Welt zu leben, in der ich offen über solche Themen sprechen kann, um an der Änderung mitzuwirken, bevor es zu spät ist. Schließlich ist das auch eine Frage, die mich beschäftigt. Kann ich es irgendwann verantworten, Kinder in die Welt zu setzen? Stell dir vor, wenn das nicht mehr ginge! Wer soll dann meine Synthesizer erben?

Danke für das Gespräch und deine Offenheit! 

Christoph Benkese

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