„[…] dass jedes Konzert […] zu einer Grenzerfahrung wird.“ – Matthias Kranebitter (Black Page Orchestra) im mica-Interview

Das BLACK PAGE ORCHESTRA ist ein heterogen zusammengesetztes Ensemble für zeitgenössische Musik mit Basis in Wien. Sein Repertoire setzt sich zu einem Großteil aus Kompositionen der jüngeren Generation zusammen. Oftmals handelt es sich um ästhetisch radikale Werke, die auf Konfrontationskurs gehen, unsere Wahrnehmung attackieren und dabei die Gesellschaft und unsere Umgebung reflektieren. Wie viel Bereitschaft zur Hemmungslosigkeit das fordert, welche Probleme die Kompromisslosigkeit mit sich bringt und was zugleich so reizvoll am Grenzgang ist, erklärt der künstlerische Leiter MATTHIAS KRANEBITTER im Gespräch mit Shilla Strelka.

Das Black Page Orchestra existiert seit mittlerweile sieben Jahren. Wie kam es zur Gründung?

Matthias Kranebitter: Die Idee zu einem eigenen Ensemble hatte ich nach der Rückkehr von meinem Studium in den Niederlanden. Ich hatte damals die Notwendigkeit verspürt, ein Ensemble zu gründen, da ich sehr viele aktuelle kompositorische Positionen im Wiener Musikbetrieb vermisst habe.

Du konntest schnell einige Leute für die Idee gewinnen. Wer war von Anfang an mit dabei?

Matthias Kranebitter: Das waren Alessandro Baticci, Alfredo Ovalles, den ich beim ersten Konzert kennengelernt habe, Florian Fennesz, mit dem ich schon viel gemacht hatte und Igor Grosz. Auch Mirela Ivičević war anfangs schon mit kuratorischen Ideen dabei.

Mittlerweile ist das Ensemble auf 23 Musikerinnen und Musiker angewachsen, die aus teils ganz unterschiedlichen Kontexten und Musikgenres kommen.

Matthias Kranebitter: Ja, das finde ich auch wichtig! Ich habe Leute aus dem Umfeld versammelt, die ich interessant und gut finde. Ich denke, eine gute Musikerin bzw. ein guter Musiker ist intelligent, hat verschiedenste Interessen und ist auch in den unterschiedlichen Gebieten unterwegs.

Zum Beispiel?

Matthias Kranebitter: Es gibt Leute wie Alfredo, der noch in einer Latin-Jazz-Kombo spielt oder Florian, der viel in Jazz- und Pop-Projekten spielt, Alessandro mit seinen hunderten Projekten, Fani [Vovoni Anm.], die auch alte Musik spielt. Es ist keine Musikerin bzw. kein Musiker nur im Black Page Orchestra aktiv.

Matthias Kranebitter (c) Igor Ripak
Matthias Kranebitter (c) Igor Ripak

Ich finde es wichtig, einem Klangkörper eine klare Richtung zu geben.

Wie funktioniert die Auswahl der Stücke? Stimmt ihr demokratisch ab?

Matthias Kranebitter: Nein, es gibt zwar immer Vorschläge und Ideen von Musikerinnen und Musikern, die Endentscheidung treffe schlussendlich aber ich. Ich finde es wichtig, einem Klangkörper eine klare Richtung zu geben. Aber es gibt ein Mitspracherecht der Musikerinnen und Musiker und ich freue mich, wenn sich Leute einbringen. Natürlich gibt es auch verschiedene Wünsche von Veranstaltenden und Fördergebern zu berücksichtigen, aber ich möchte dem Publikum in jedem Fall ein klares ästhetisches Profil des Ensembles vermitteln.

Ihr konzentriert euch bewusst auf die jüngere Generation der Komponistinnen und Komponisten?

Matthias Kranebitter: Ja, weil es das ist, was mich berührt, was mich bewegt und was ich als aktuell empfinde. Ich versuche Stücke zu finden, die etwas Besonderes haben.

Was meinst du damit?

Matthias Kranebitter: Hauptaspekt ist der ästhetische Ansatz, das heißt, dass es einen Sound gibt, den ich vorher noch nicht kannte. Manchmal sind es auch technische Aspekte oder konzeptuelle Hintergründe. Das macht das Ganze im Konzertablauf oft ziemlich herausfordernd, weil jedes Stück seine eigenen technischen Raffinessen hat. Auch wenn das nur kleine Details sind, ist es im Gesamtbogen von sechs bis sieben Stücken logistisch fast unbewältigbar. Aber bis jetzt ging es sich immer noch aus.

Ich habe nie jemanden erlebt, der oder die an seine oder ihre Grenzen gestoßen wäre.

Musst du. wenn du Werke auswählst, auch wissen, was im Können der Musikerinnen und Musiker liegt? Es sind ja sehr anspruchsvolle Kompositionen, die viel fordern. 

Matthias Kranebitter: Ja, obwohl wir dahingehend eigentlich keine Kompromisse eingehen. Die Auswahl erfolgt wirklich rein nach dem Gesichtspunkt des Stücks. Ich habe bei den Musiker*innen auch überhaupt keine Bedenken. Ich habe nie jemanden erlebt, der oder die an seine oder ihre Grenzen gestoßen wäre. Und wenn, dann sind das möglicherweise überhaupt die Grenzen des Spielbaren und des Instruments selbst. Eine andere Sache ist es aber, wenn es um Stücke geht, die mit performativen Elementen arbeiten. Da müssen die Musikerinnen und Musiker noch etwas anderes außerhalb ihres Instruments tun, das heißt, ich versuche zumindest schon im Vorfeld zu überlegen, wer das machen könnte. Zu performen, zu sprechen, ist nicht für jede und jeden selbstverständlich. Es ist auch nicht Teil der Ausbildung. Aber es gibt immer wieder Stücke, die performative Fähigkeiten verlangen. Mittlerweile ist es allerdings auch so, dass wir jedes Instrument doppelt besetzt haben, so dass man schon eine Auswahl treffen kann.

Multimediale Anordnungen sind zentral im Repertoire des Black Page Orchestra. Das Ensemble wird so manchmal zur Projektionsfläche für Videos oder ist Stroboskopblitzen ausgesetzt. Wie ist das für das Ensemble, wenn es auf so vielen sinnlichen Ebenen gefordert ist? 

Matthias Kranebitter: Das müssten wir die Musikerinnen und Musiker selbst fragen. Ich kann mich erinnern, damals bei der Performance in der Arena, haben ein paar wegen der Nebelmaschine gejammert. Das ist nicht das erste, an das sie bei ihrem Musikstudium gedacht haben: dass sie im Nebel Klarinette spielen müssen. Ich meine, ja, es ist sicher herausfordernder. Bei David Bird war es sicher auch nicht so leicht mit diesen ständigen Lichtblitzen zu spielen; oder Masken zu tragen, wie in der Performance mit Stirn Prumzer, das hat auch nicht alle gefreut. Aber das ist Teil davon.

„[E]ine möglicherweise existenzielle Erfahrung

Herausfordernd ist es auch für das Publikum. Ich habe das Gefühl, als würdet ihr mit den Stücken wachrütteln wollen. Es sind oftmals sehr ekstatische, aufwühlende Kompositionen. Was reizt dich daran?

Matthias Kranebitter: Mein Ideal wäre natürlich, dass jedes Konzert von uns zu einer Grenzerfahrung wird. Musik mit künstlerischem Anspruch ist ja kein Betäubungsmittel, sondern Bewusstseinserweiterung, das Schärfen der Sinne und der Wahrnehmung durch eine möglicherweise existenzielle Erfahrung.

Zahlreiche der Kompositionen, die ihr aufführt, integrieren neuere Technologie. Wie neugierig müssen die Musikerinnen und Musiker sein? 

Matthias Kranebitter: Es gibt schon Technologien, die sie in ihrer Spielweise fordern, aber jede und jeder von uns muss ja im Alltag auch ständig neue Tools lernen, die er oder sie im digitalen Bereich anwenden muss. Das kann man dann schon auch beim Musizieren verlangen. Es war nie so, dass jemand gesagt hätte, nein das mach ich nicht. Es gab etwa das Concertino von Georgy Dorokhov, das wir in Kärnten gespielt haben, das eine radikale Destruktivität mit sich bringt, weil der Solist die Violine ansägt, anbohrt, Nägel reinhämmert und schlussendlich komplett zerstört. All dies passiert aber doch hinsichtlich des Klanges und eines musikalischen Ausdrucks, weshalb ich das Stück auch so spannend finde. Da gab es dann schon Diskussionen und nicht nur Wohlwollen bei Musikerinnen und Musikern des Ensembles. Aber ja, die Musikerinnen und Musiker selbst müssen auch neugierig sein.

Ihr spielt in so unterschiedlichen Orten wie dem Wiener Musikverein oder der Arena Wien.  Einer der speziellsten Orte war aber wohl ein U-Boot-Hafen in Vis, Kroatien. Wie kam es dazu?

Matthias Kranebitter: Auf Vis gibt es haufenweise Militäranlagen, die verlassen sind. Die sind nicht abgesperrt, du kannst da überall hingehen. Und dieser U-Boot Tunnel, den kannst du nicht übersehen, wenn du auf dieser Insel bist. Der ist sehr spektakulär, auch von der Akustik her. Da hast du Wasser und ein Rundgewölbe aus Beton. Der Sound steht da drinnen. Wir wollten damals ein Video zur „Mikrophonie 1“ von Karlheinz Stockhausen aufzeichnen und ich habe mir gleich gedacht, das wäre der perfekte Ort.

Wenn du sagst, spektakulärer Ort – ihr habt generell keine Berührungsängste mit spektakulären Anordnungen.

Matthias Kranebitter: Ja, genau. Es geht ja auch nicht um ein oberflächliches Spektakel, die Werke haben dann schon mehr Gehalt, als dass da jetzt die Lichter blitzen. Zumindest versuche ich die Stücke danach auszuwählen, dass sie auf einem Fundament gebaut sind und es nicht nur ein Feuerwerk gibt.

Wenn ihr aber, wie unlängst, Intonarumori einsetzt, dann sind die ja auch schon eher …

Matthias Kranebitter: … spektakulär?

Ja. Wie seid ihr dazu gekommen?

Matthias Kranebitter: Filippo Perocco, ein italienischer Komponist, hat sie nachgebaut und wir durften sie benutzen. Wir machen das nicht nur wegen der Instrumente, sondern weil es eine historische Relevanz hat, vor allem hat es in Zusammenhang mit Stockhausen super gepasst. Da ist eine ästhetische Linie mit den Futuristen, die wirklich auch eine neue Klangwelt gesucht haben, den Bruch mit der Tradition wollten und die frühen Elektroniker nach dem 2. Weltkrieg. Da ist die „Mikrophonie“ sehr wesensverwandt.

Ist Stockhausens Mikrophoniedas einzige wirklich ältere Stück in eurem Repertoire?

Matthias Kranebitter: Xenakis machen wir nächstes Jahr, endlich! Aber ja, Stockhausen und die „Eisengießerei“ von Mosolov, das ist frühe russische Avantgarde, sind bisher die einzigen Werke des 20. Jahrhunderst, die wir gespielt haben.

Es geht einfach um das Energielevel.

Wir würdest du den Sound des Black Page Orchestra beschreiben? 

Matthias Kranebitter: Wichtig ist, dass die Musikerinnen und Musiker hemmungslos und zu brachialen Ausbrüchen fähig sind. Es geht einfach um das Energielevel. Da ist es auch von Vorteil, dass die Musikerinnen und Musiker – gerade auch wenn sie aus so unterschiedlichen Ecken wie Jazz oder Impro kommen – keinerlei Hemmungen haben. Das ist vielleicht mit nur klassisch ausgebildeten Musikerinnen und Musikern anders, die sind manchmal zurückhaltend, weil sie auf die vollständige Kontrolle der Instrumentenklänge bedacht sind.

Zurückhaltend dürfen sie beim Black Page Orchestra wirklich nicht sein. Welche Ensemblemusiker schminken sich sonst vor jeder Vorstellung?

Matthias Kranebitter: Das war nicht meine Idee! Das war die Idee der Musikerinnen und Musiker. Ich würde nie jemanden zwingen, sich zu schminken. Nein, das war ganz spontan. Beim ersten Konzert hatte Alessandro, glaube ich, einen Schminkkasten mit. Und dann haben wir das beibehalten.

Manchmal sind sie mir auch zu gut gelaunt!

Es klingt, als hättet ihr viel Spaß.

Matthias Kranebitter: Ja! Das schon. Das ist mir auch aufgefallen. Ich dachte immer, das wäre bei allen Ensembles so. Aber das stimmt nicht. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Das ergibt sich einfach. Manchmal sind sie mir auch zu gut gelaunt!

Du bist ja auch Komponist. Ist es so, dass das Black Page Orchestra deine Stücke am akkuratesten interpretiert?

Matthias Kranebitter: Es ist natürlich so, dass ich die Musikerinnen und Musiker im Black Page Orchestra am besten kenne, und sie mich natürlich auch. Diese menschliche Nähe bringt selbstverständlich Vorteile in der Zusammenarbeit mit sich. Wir teilen  viele – musikalische – Ansichten und haben, denke ich, oft auch ein ähnliches Verständnis der Materie. Es ist sicher auch immer abhängig von der Komposition, wenn ich aber ein Stück definitiv für das Black Page Orchestra schreibe – wie soeben „Combative Music and it’s Algorithmic Demystification“dann ist das in den Händen des Ensembles sicher erstmal am besten aufgehoben.

Gibt es eigentlich eine fixe Dirigentin bzw. einen fixen Dirigenten des Ensembles?

Matthias Kranebitter: Nein.

Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?

Matthias Kranebitter: Ich finde das gut! Es gibt unterschiedliche Leute, mit denen wir zusammenarbeiten und es ist auch für die Musikerinnen und Musiker erfrischend.

Du hast das Black Page Orchestra zur selben Zeit gegründet wie das Unsafe+Sounds Festival?

Matthias Kranebitter: Am selben Tag, zur selben Stunde.

Was war die Idee dahinter?

Matthias Kranebitter: Die Frage war: Wenn wir als Ensemble unser erstes Konzert veranstalten – wer kommt da hin? Wir wollten nicht nur das Publikum aus der klassischen neuen Musik ansprechen. Das hat die Vernetzung mit der Angewandten und der Clubszene angeregt. Ich finde Vernetzung erreichst du durch größere Kontexte.

Was waren die größten Herausforderungen, die dir bislang bei der Arbeit mit dem Ensemble begegnet sind?

Matthias Kranebitter: Die größten Herausforderungen waren eigentlich immer Konzerte an Orten, an denen normalerweise keine Konzerte stattfinden, wie etwa in dem besagten Uboothafen. Ein Konzert elektronischer Musik zu spielen, wenn der Ort nicht einmal über Strom verfügt, ist recht herausfordernd. Es macht das Erlebnis aber in jedem Fall noch intensiver und eigentlich macht es auch noch mehr Spaß.

Herausfordernd war aber auch unser Konzert bei der Musikbiennale Zagreb im April zu den Lockdownzeiten – von einem Lockdown in einem Land in den anderen Lockdown in ein anderes Land zu reisen und wieder zurück. Da gab es viele bürokratische Hürden und zusätzlichen Papieraufwand und wir wussten auch bis zuletzt nicht, ob es überhaupt klappt.

Wie ging es euch sonst im letzten Jahr? Ihr konntet trotz Covid ein paar Mal auftreten. Im Oktober gab es eine Kooperation mit dem Unsafe+Sounds, bei dem etwa Katharina Ernst, Bernhard Lang, Oyvind Torvund und Alexander Schubert zur Aufführung kamen. Dann gab es die Musikbiennale in Zagreb mit Ivičević und Schubert auf dem Programm. Im Radiokulturhaus habt ihr auch gespielt …

Matthias Kranebitter: … ja. Dann gab es noch die „Geiseloper“ von Samu Gryllus, da geht es um eine gescheiterte Geiselnahme in Ungarn in den 1970er-Jahren und um den Umgang damit im damaligen autoritären ungarischen System. Die wird im WUK im Herbst noch dreimal gespielt und in Budapest. Und dann gab es noch das Konzert im Musikverein mit den Intonarumori, den futuristischen Geräuschmachern von Luigi Russolo. Im Juni hatten wir noch einen kleinen Auftritt beim WOW!Signal Festival in der Steinergasse, und am 1. Juli spielen wir dann ein neues Programm in Mailand. Im August sind wir bei impuls in Graz und im September bei der Gaudeamus Music Week in Utrecht. Dann im Oktober musikprotokoll in Graz. Und am 21. Oktober startet unser Zyklus im Musikverein am 21.Oktober.

Ihr tretet bei impuls in Graz auf und seid dort Ensemble in Residency. Was ist geplant?

Matthias Kranebitter: Ja genau. Wir treten auf mit unserem Repertoire und dann interpretieren wir auch einige Kompositionen von Studierenden, die sich bei einem Call beworben haben. Dann gibt es außerdem ein Projekt mit Francois Sarhan, einem Komponisten, der dort als Lehrender tätig ist. Das wird sicher auch eine spannende Zusammenarbeit. Die bisherigen Arbeiten die ich von ihm kenne sind sehr performative und theatralische Stücke, fast Regiearbeiten wie im Theater. Ausgangspunkt für dieses neue Werk ist sein akustisches Tagebuch, eine Ansammlung unterschiedlichster Audioaufnahmen die er zu Soundcollagen zusammengefügt hat. Er bezeichnet sie als Logbooks. Davon ausgehend werden wir mit ihm eine zirca einstündige Performance erarbeiten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Shilla Strelka

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Termine:

Mittwoch, 18. August 2021, Mumuth, Graz, impuls Academy
Freitag, 27. August 2021, Mumuth, Graz, impuls Academy
Samstag, 11. September 2021, Pandora, Utrecht, Gaudeamus Music Week
Sonntag, 12. September 2021, Tivoli Vredenburg, Utrecht, Gaudeamus Music Week
Freitag, 8. Oktober 2021, musikprotokoll, Graz
Montag, 18. Oktober 2021, openmusic, Graz
Donnerstag, 21. Oktober 2021, Musikverein, Wien

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Links:
Black Page Orchestra (Website)
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Black Page Orchestra (music austria Datenbank)
Matthias Kranebitter im Interview (mica – music austria)
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