(c) Herbert Zotti

„Das Wienerlied lebt davon, dass man Geschichten ordentlich erzählt“ – SUSANNE SCHEDTLER und HERBERT ZOTTI (WEAN HEAN) im mica-Interview

Zum 19. Mal findet heuer das Wienerlied-Festival WEAN HEAN statt: In den letzten Jahren hat WEAN HEAN immer wieder Brücken geschlagen, etwa in Richtung Hip-Hop. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählen HERBERT ZOTTI und SUSANNE SCHEDTLER vom heurigen Programm, in dem auch Poetry-Slam und Uraufführungen einen Platz haben.

Das Festival Wean Hean 2018 beginnt am 21. April 2018 – „Testreihe Wienerlied“ steht als Überschrift über diesem Abend. Was ist für die Auftaktveranstaltung geplant?

Susanne Schedtler: Wir haben im Beisl im WUK das Wienerlied mit Kurt Girk, Willi Lehner, Rudi Koschelu und Marie-Theres Stickler, die machen Wienerlied pur. Außerdem ist an diesem Abend das David Stellner Duo dabei, das ist ein junges, aufstrebendes Duo, das sehr schöne Texte macht. Und Madame Baheux sind eher in Richtung Balkan ausgerichtet, und auch experimentell. Das sind vier Frauen, wunderbare Musikerinnen. Und Hannes Löschel und Vinzenz Wizlsperger, den wir vom Kollegium Kalksburg kennen, haben eine neue CD herausgebracht, sie nennen sich pünklichkeit & anarchie. Sie spielen schon im Titel mit ihrem Witz, weil sich in irgendeiner grafischen Reihe das ‚t’ bei Pünktlichkeit nicht ausgegangen ist, das ist also kein Schreibfehler.

Wer ist noch an diesem Abend dabei?

Susanne Schedtler: Die Wiener Wäsche ist auch eine neue Formation mit Christof Dienz, Matthias Loibner, Lorenz Raab und Peter Rom. Das ist eine Zusammenkunft von Jazzmusikern und zeitgenössischen Musikern. Im Stadtsaal haben wir ja am Ende des Festivals den Poetry-Slam und deswegen stellen wir ihn am Anfang auch vor. Yasmin Hafedh alias Yasmo, die sehr bekannt ist in der Szene, wird den Abend moderieren und auch selbst einen Text präsentieren.

Am 27. April gibt es einen Abend mit dem Titel „Das Buch der Tänze“, den Sie programmiert haben.

Susanne Schedtler: Das war ein Weg der Recherche, ganz am Anfang stand eine Anfrage: Könnt ihr zusammenstellen, wie viele Wienerlieder Ödön von Horvath in den Geschichten aus dem Wienerwald erwähnt hat? Ich bin darauf gekommen, dass er Zeit seines Lebens auch mit Komponisten zusammengearbeitet hat. Und Horvaths erstes Buch – „Das Buch der Tänze“ – ist in den 1920er-Jahren mit großem Orchester aufgeführt worden. Das hat mich interessiert und ich bin dem nachgegangen.

Wie ging Ihre Recherche weiter?

Susanne Schedtler: Ich habe das Manuskript, die Orchesterpartitur, aus der Bayrischen Staatsbibliothek ausgehoben und wir haben das Manuskript in ein Notenprogramm übertragen und für ein Kammerensemble bearbeiten lassen. Dann haben wir begonnen, ein Orchester zusammenzusuchen. Im Prinzip ist das nun eine Uraufführung, weil die erste Aufführung schon lange zurückliegt und in Osnabrück stattgefunden hat. Wir werden dieses kolossale Werk – eine Verwebung von Dichtung, Musik und Tanz – nun im Bockkeller zeigen.

Überhaupt rückt das Festival Wean Hean heuer Literatur ins Zentrum. Da gibt es etwa eine Veranstaltung mit dem Autor Radek Knapp.

Herbert Zotti: Radek Knapp stammt aus Polen, er ist ein großartiger Autor, den haben wir mit zwei slawischen Musikern ins Programm eingebettet. Mit Aliosha Biz an der Geige und Alexander Shevchenko am Bajan. Das wird musikalisch toll und auch literarisch empfehlenswert, ein Abend zwischen Schwermut und hintergründigem Witz.

„Ein Schrammelquartett ist wirklich wie ein kleines Orchester.“

Wie im Jahr 2017 wird Wean Hean mit einem Programmpunkt Wien verlassen. Was ist für den 13. Mai unter dem Titel „Ritter, Mönch und Rebensaft“ geplant?

Herbert Zotti: Letztes Jahr waren wir in Drosendorf und das Publikumsecho war so, dass es geheißen hat: „Ihr müsst wieder so etwas machen. Heuer werden wir nach Aggstein und nach Aggsbach fahren, zur Kartause in Aggsbach. Einerseits, um die renovierte Kartause zu besichtigen, und andererseits, um religiöse Kultur zu zeigen, diesen Bereich zwischen Kloster und Welt. In der Kirche werden wir geistliche Lieder und auf der Burgruine Aggstein werden wir Ritterlieder und Balladen mit dem Publikum singen. Dann wird es ein Konzert von Robert Kolar und Dagmar Bernhard geben und dazwischen gibt es noch ländliche Musik mit steirischer Harmonika und Geige. Und am Schluss werden wir noch wienerische Weinlieder singen.

Und am 23. April wird es eine Veranstaltung unter dem Titel „wean modean“ geben, mit Musik von Friedrich Cerha. Was passiert an diesem Abend?

Herbert Zotti: Friedrich Cerha ist zum ersten Mal dabei, gemeinsam mit dem attensam quartett. Er hat Teile seiner „Keintate“ für dieses Schrammelquartett arrangiert, und das ist schon sehr spannend. Man glaubt gar nicht, wie viele Möglichkeiten ein Schrammelquartett hat. Ein Schrammelquartett ist wirklich wie ein kleines Orchester. Es ist erstaunlich, dass sich Cerha, der ja nicht mehr zu den jungen Komponisten zählt, auf diese Weise mit dem Wienerlied beschäftigt.

„Im Konzerthausstudio haben Interpreten wie Hermann Leopoldi, André Heller, Hans Salomon und Toni Stricker aufgenommen.“

Wean Hean bespielt heuer auch das Wiener Konzerthaus, am 9. Mai treten dort Die Strottern und das Velvet Elevator Orchester auf. Warum ist Wean Hean Gast im Konzerthaus?

Susanne Schedtler: Vielen jüngeren Leuten ist vielleicht nicht bekannt, dass es im Konzerthaus auch ein Aufnahmestudio gab. Im Konzerthausstudio haben Interpreten wie Hermann Leopoldi, André Heller, Hans Salomon und Toni Stricker aufgenommen. Und Kurt Sowinetz hat dort Studioalben aufgenommen, die nie in einem Konzert präsentiert worden sind. Diese Musik haben eben Die Strottern und dieses Retro-Filmorchester, das Velvet Elevator Orchester, aufgegriffen und ausgegraben. Diese Partituren befinden sich im Archiv des Konzerthauses. Sie lassen diese Entertainmentära der 1970er- und 1980er-Jahre noch einmal aufleben.

An diesem Abend wird es also Musik zu hören geben, die noch nie live aufgeführt worden ist?

Susanne Schedtler: Genau. Platten wie „Alle Menschen san ma zwida“ hat vielleicht der eine oder andere im Regal, aber die sind eben nie live aufgeführt worden.

Wie sehen Sie aktuell den Zuspruch zum Wienerlied?

Herbert Zotti: Ich sehe momentan, dass das Wienerlied durchaus wieder in ist, auch bei jüngeren Leuten. Dass es ziemlich viele Instrumentalistinnen und Instrumentalisten gibt, die sich mit Wiener Musik beschäftigen. Probleme sehe ich ein wenig bei den Sängerinnen und Sängern, denn die jungen Leute haben kaum Möglichkeiten, zu sehen, wie das die alten Sängerinnen und Sänger gemacht haben. Außer sie setzen sich wirklich in die Wirtshäuser zu den Älteren. Ausgebildete Sängerinnen und Sänger, sei es mit Musical-, Operetten- oder Opernhintergrund, tun sich beim Wienerlied besonders schwer, weil sie davon leben, ihre schöne Stimme zu zeigen.

„Hans Moser ist für mich ein großartiger Wienerlied-Interpret .“

Wie ist das beim Wienerlied?

Herbert Zotti: Das Wienerlied lebt davon, dass man eine Geschichte ordentlich erzählt. Und glaubwürdig und so menschlich wie möglich erzählt. Deswegen: Hans Moser ist für mich ein großartiger Wienerlied-Interpret. Eben nicht, weil er so eine schöne Stimme hat, sondern weil er so gut erzählen kann.

Welche aktuellen Entwicklungen sehen Sie noch? Gibt es zu wenig Nachwuchs für das Wienerlied?

Herbert Zotti: Nein, es gibt nicht zu wenig Nachwuchs. Es ist ja auch nicht so, dass Wien früher voll war mit unendlich vielen Wienerlied-Formationen. Auch früher haben nicht alle gesungen. Von unseren Großeltern haben wir aber noch Lieder wie „Lustig ist das Zigeunerleben“ mitbekommen und das haben auch alle singen können. Heute ist es schwieriger, ein gemeinsames Repertoire zu finden: Alle können einige englische Lieder und noch einige andere, aber miteinander etwas musikalisch zu machen ist schwierig. Das finde ich schade. Man hat gedacht, dass das an den Schulen liegt, aber das Singen kann nur freiwillig passieren – die Schule muss ja ein bisschen Druck ausüben.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

 

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