Belle Fin (c) ) Raoul Bruck

„Das Wienerische ist unser Zuckerguss“ – BELLE FIN im mica-Interview

Die österreichische Bandformation BELLE FIN vereint Wienerlied mit unterschiedlichen musikalischen Einflüssen aus Pop, Alternative, Chansons, Jazz und Blues. Dabei formen FABIAN BACHLEITNER (Gitarre, vocals), ROBIN ULLMANN (Trompete, vocals) und PETER ENGEL (Bass) ein eigenständiges Soundspektrum, um laut Eigendefinition die ganz persönlichen „G’schichten aus dem Wiener Wald“ zu erzählen. Im Interview mit Julia Philomena stellt sich die Band vor.

Wie ist Belle Fin entstanden?

Robin Ullmann: Der Fabian und ich machen schon seit 10 Jahren Musik. Vor drei Jahren haben wir uns entschlossen, Belle Fin zu gründen. Wir wollten das Wienerische mit anderen, uns nahe stehenden Musikstilen kombinieren.

Fabian Bachleitner: Wir haben uns davor in diversen Partien und Formationen ausprobiert. Im Sommer 2013 habe ich dann ein paar Demos aufgenommen, die unter anderem spätere Belle-Fin-Nummern skizziert haben. Beispielsweise „Praterstern“, „16 sein“ und „Der Schwarze Rabe“. Nachdem die Demos im Freundeskreis die Runde gemacht haben, ist die Idee aufgekommen, uns musikalisch größer zu besetzen. Belle Fin wollte ich ursprünglich so klein wie möglich halten, so klassisch wie es eigentlich jetzt als Trio ist. Damals haben wir aber Gitarristen, Bassisten, Schlagzeuger und Sänger zusammengetrommelt, um die simpel angedachten Grundstrukturen zu erweitern und zu verdichten.

Belle Fin besteht heute aus Ihnen beiden und Peter Engel am Bass. Warum haben Sie sich für das kleinere Setting entschieden?

Robin Ullmann: Da wir gerne und am liebsten in kleinem Rahmen spielen, funktioniert Belle Fin als Trio sehr gut für uns. Wenn wir aber als Tanz-Partie auftreten, wie man heute so schön sagt, werden wir aber nach wie vor in großer Besetzung spielen. Das ist klar.

Wieso der Name Belle Fin?

Fabian Bachleitner: Meine Mutter heißt Belfin. Aber nicht wie unser „schönes Ende“ geschrieben, sondern kurdisch, mit nur einem L und ohne E am Ende. Der Name war also immer da und plötzlich passend.

Robin Ullmann: Die französische Variante war uns auch deswegen sehr willkommen, weil Chansons unseren Nummern recht nahe stehen.

Man sagt, Künstler verlieren die Distanz zu ihrer Arbeit. Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Robin Ullmann: „Komm zum Konzert und hör’s dir an!“, würde ich sagen, wenn mich jemand nach der Musik fragt [lacht]. Wienerlied ist sicher eine passende Bezeichnung für Belle Fin, damit ist nix verhakt. Es sind aber so viele Elemente in unsere Songs verflochten, dass eine klare Genre-Einordnung nicht so leicht ist.

Fabian Bachleitner: Der klare Kern ist die Tradition des Wienerlieds. Es geht um das Erzählen von Geschichten in Mundart, die zwar zwangsläufig wienbezogen sind, aber in der Ausführung sicher nicht so klassisch, wie es die Wienerlied-Begriffserklärung vorgibt.

Belle Fin (c) Raoul Bruck

Welche Einflüsse sind für Sie neben dem Wienerlied von Bedeutung?

Fabian Bachleitner: Einflüsse kann man nicht verneinen! [lacht] Durch das Jazz-Studium zeichnen sich natürlich viele Referenzen ab. Auch Alternative war als Genre sehr wichtig für uns.

Robin Ullmann: Es gibt die relativ neue Bezeichnung des „Wiener Soul“. Wie 5/8erl in Ehr’n den ersten Single-Release gefeiert haben, ist der Begriff gerne verwendet worden. Auf uns trifft das eher weniger zu.

Fabian Bachleitner: Sofern wir das überhaupt noch beurteilen können. Viel Distanz zur eigenen Musik bleibt einem ja nicht, das stimmt.

“Strauss, Schrammel oder Mahler waren für mich die ersten Einflüsse, wenn auch unfreiwillig, weil ich denen zu Hause gar nicht entkommen konnte.”

Wie sind Sie musikalisch sozialisiert worden?

Fabian Bachleitner: Dank meinem Vater haben mich von klein auf die Stones begleitet, die Beatles und später der Hardrock. Led Zeppelin, Deep Purple und die ganzen anderen Oldies haben mich, meinen Ausdruck und mein Musik-Verständnis sehr geprägt. Das sind Bands, die für mich auch in punkto Authentizität sehr maßgebend waren.

Robin Ullmann: Mit sechs Jahren habe ich begonnen Trompete zu spielen. Sowohl mein Vater als auch mein Großvater sind Bläser und demnach war für mich die erste musikalische Berührung eine sehr klassische. Strauss, Schrammel oder Mahler waren für mich die ersten Einflüsse, wenn auch unfreiwillig, weil ich denen zu Hause gar nicht entkommen konnte [lacht]. Über die alternative Indie-Schiene habe ich noch in der Schulzeit den Fabian kennengelernt. Heute bin ich sehr im Jazz und Hip-Hop zu Hause.

Fabian Bachleitner: Seit der Schule haben wir uns eigentlich gemeinsam in sehr ähnliche Richtungen weiterentwickelt. Wir waren beide im Musikzweig und haben uns rund um die Uhr mit Klassik auseinandergesetzt. Außerdem haben wir singen gelernt.

Robin Ullmann: Wir haben mit der Klasse das Mozart-Requiem aufgeführt. Das war ein so einprägsames Erlebnis, dass meine Sehnsucht, selbst zu singen, durchaus auch alleine, zum ersten Mal aufgeflackert ist.

Sie sind beide im Begriff Ihr Diplom-Studium am Vienna Music Institute zu beenden, um ausgebildete Instrumental- und Gesangspädagogen zu werden.

Fabian Bachleitner: Ende des Wintersemesters sollte ich mein Diplom haben und somit unterrichten dürfen. Das will ich allerdings nicht! [lacht] Es ist ein gutes Backup und wenn es die eigene Wirtschaftslage verlangt, dann werde ich natürlich unterrichten.

Robin Ullmann: Ich werde gerne unterrichten!

Sie waren 15, als Sie begonnen haben, miteinander zu spielen. Wie funktioniert Ihre Arbeitsweise heute?

Robin Ullmann: Wir haben eine Zauberformel: der Fabian bringt ein Stück Kohle, das ich dann zu schleifen beginne. Das Endergebnis ist ein Diamant. Immer! [lacht]

Fabian Bachleitner: Der Robin ist mein überprüfendes Organ [lacht]. Etwas konkreter kann man sagen, dass manchmal schon der ganze Text von mir kommt, manchmal nur Fragmente. Manchmal habe ich eine klare Melodie, an der sich in weiterer Folge die ganze Nummer orientiert, während ein anderes Mal der Text melodisch gar nichts vorgibt. Das variiert sehr. Aber unabhängig von der Ausgangsposition, versuchen wir immer eine Dramaturgie zu erstellen und einen Kontext zu finden, der für uns beide stimmig ist.

Wie schreibt Belle Fin Texte?

Fabian Bachleitner: Mittlerweile nach einem sehr klaren Schema. Vor meinem geistigen Auge spielen sich Szenen ab, die ich sukzessive zu beschreiben beginne. Das versuche ich so genau und detailliert wie möglich, damit im Endeffekt eine gute Geschichte erzählt werden kann. Ein Bild ist immer mein Ausgangspunkt. Wenn das Bild da ist, bedarf es nur noch der sprachlichen Erfassung.

Welche Themen prägen die Songs von Belle Fin?

Robin Ullmann: Obwohl ich das erste Schreiben dem Fabian überlasse, greift er immer auf Themen zurück, die für uns beide relevant sind. Wenn man schon so lange miteinander arbeitet, wie wir es tun, dann ist man natürlich gut eingespielt. Wenn der Fabian eine neue Zeile geschrieben hat, dann reden wir darüber. Wir diskutieren und nähern uns kollektiv dem späteren Text, der späteren Aussage an.

Fabian Bachleitner: „Der Schwarze Rabe“ zum Beispiel ist eine Nummer, die wir mit 17 geschrieben haben. Das war noch ein ganz anderer Zugang, der mittlerweile fast obsolet geworden ist.

Robin Ullmann: Obwohl „Der Schwarze Rabe“ auch damals schon eine Stimmung eingefangen hat, die wir beide empfunden haben. Wir wollten ein Lied von den traurigen Gestalten der Nacht singen. Wir waren viel unterwegs und haben versucht die Stadt einzuatmen, so lange und so tief, bis es nicht mehr geht.

Fabian Bachleitner: „Der Schwarze Rabe“ entstand zur Eröffnung der Pratersauna. Das waren quasi die ersten Eindrücke und Erlebnisse, die wir dort gesammelt haben. In der  Anfangsphase war die Pratersauna ein sehr spannender Ort der Begegnung mit eigenartiger Klientel. Ganz anders als heute. Das ganz frühe Flex mit seinem Baumstumpf quer durch die Bar, das war auch interessant, aber die Pratersauna war magisch. Das war ein Spielplatz für Zwanzigjährige, wo traurige Leute aufeinander treffen, die alleine kommen und alleine gehen. Viele sind da hineingefallen und in der Clublandschaft wieder zum Leben erwacht. Zu beobachten, wie das Feiern eine Art Ersatz für alles Triste im Leben der anderen geworden ist, war merkwürdig. Vor allem, weil wir uns aus diesen Bildern, die wir gezeichnet haben, ja nie ausnehmen wollten oder durften. Wenn man sich entsetzt im Club umschaut, darf man dabei nicht vergessen, selbst drinnen zu stehen.

Welche Hintergrundgeschichte hat „Auf da Bruckn“, die neuste Nummer von Belle Fin?

Fabian Bachleitner: „Auf der Bruckn“ ist in einer Nacht entstanden, in nur eineinhalb Stunden. Ich bin im Bett gelegen und habe an den Typus Frau gedacht, der mich schon oft begleitet hat [lacht]. Diese fiktionale Figur hat mich plötzlich angeschrien mit den Worten „Brauchen tu’ ich keine Liebe, brauchen tu ich Tschick“. Und das war der Auslöser, diese eine Phrase, die alles beschreibt. In der Nummer den Gegenspieler, der dich immer an die eigenen Grenzen stoßen lässt, der dich immer herausfordert. Und in unserem Fall kulminiert, in dem Moment, wo sich diese Frau auf die Brücke stellt und sich hinunterstürzen möchte. Wenn diese eine Phrase, dieses eine Bild da ist, dann gibt’s die Nummer.

Wie wichtig ist Ihnen das Pflegen des Images?

Fabian Bachleitner: Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, welches Image wir haben. [lacht]

Robin Ullmann: Das Image per se, würde ich sagen, ist jedenfalls nicht inszeniert. Die Strizzi-Manier unterstreichen wir schon gerne, aber der Kern ist authentisch.

Fabian Bachleitner: Wir könnten nichts von uns geben, was nicht vorhanden wäre.

Belle Fin hat bereits einige Musikvideos und Konzert-Teaser released. Was gibt es über ihre Entstehung zu erzählen?

Fabian Bachleitner: Den „Schwarzen Raben“ haben beispielsweise Simon Hellenmayer und Christoph Schütz im Zuge einer Home-Session für uns aufgenommen. Die stehen eigentlich generell sehr unterstützend hinter uns. Den Trailer „Fensterspechtler“, der wunderschön geworden ist, hat Raoul Bruck, auch ein lieber Freund von uns, gemacht. Das aktuellste Video „Auf der Bruckn“ ist wieder gemeinsam mit Simon entstanden und dem großartigen Felipe Kolm.

Robin Ullmann: Das Strizzi-Video zum Beispiel hat auch der Raoul gemacht und das lieben wir sehr. Unzufrieden waren wir nie. Bei den Videos lassen wir unseren Freunden quasi gänzlich freie Hand. Ein bisschen vorbesprechen tun wir schon, aber sonst mischen wir uns nicht ein.

“Wenn ich an den Texten arbeite, orientiere ich mich meistens am Theater.”

Warum ist Ihnen die Mundart zum liebsten, musikalischen Instrument geworden?

Fabian Bachleitner: In meiner Familie fragen sich alle, wo ich das Wienerische aufgeschnappt habe. Meine Eltern sprechen hochdeutsch und eigentlich ist es mir selbst ein Rätsel, warum und wie ich mir das angewöhnt habe. Es gibt Videos von mir, in denen ich als Sechsjähriger mit meinem Vater Taxi-Fahrer gespielt habe und im tiefsten Dialekt anfange zu schimpfen, wie ich es heute gar nicht mehr könnte. Das ist sehr merkwürdig [lacht].

Robin Ullmann: Mit mir haben zu Hause auch alle hochdeutsch gesprochen, es sei denn ich war schlimm. Wenn meine Eltern böse auf mich waren, dann haben sie nur noch im Dialekt mit mir gesprochen. Insofern kenne und schätze ich beides. Wichtig ist bei den Texten das Sprachgefühl. Das richtige Abschätzen, welcher Wortklang gesungen besser funktioniert.  Wienerisch ist so nett und so lieb und lässt sich gut zum Negieren verwenden. Ich bin kein Fan vom Austro-Pop. Aber wie in ihm mit Sprache umgegangen wird, ist nicht uninteressant.

Fabian Bachleitner: Wenn ich an den Texten arbeite, orientiere ich mich meistens am Theater. Dort trifft man auf eine Intensität, die ich für meine Musik suche. Ich darf mich für meinen Text nicht bemühen müssen, sondern es muss sich richtig anfühlen. Ich liebe beispielsweise Die Strottern, aber selbst da habe ich zeitweise das Gefühl, dass ihre Sprache zu gewollt ist. Von Klischees versuchen wir uns zu distanzieren.

Robin Ullmann: Durch die Blaskapelle habe ich viele Wiener Urgesteine kennengelernt, die sich mir vor allem durch das ständige Verwenden von Sprichwörtern ins Hirn gebrannt haben.

Fabian Bachleitner: Das Wienerische ist unser Zuckerguss. Und das Sensible.

Zukunftspläne?

Fabian Bachleitner: Wirklich loslegen wollen wir Anfang 2017, unser Album-Debüt ist für Frühling geplant.

Robin Ullmann: Wir sind zwar keine Zukunfts-Menschen, aber 2017 soll Großes passieren! Wir wollen viel spielen und auf Österreich-Tour gehen.

Fabian Bachleitner: Der Wunschtraum von Ruhm und Erfolg in ganz Europa, den haben wir glücklicherweise nicht. Ich würde mich sehr freuen, hier in Österreich für unsere gute Variante des Wienerlieds bekannt und geschätzt zu werden. Mein Wunsch ist, dereinst mit Belle Fin zu einer beständigen, emotionalen Erinnerung zu werden. So wie Leute heute über Ludwig Hirsch reden, hoffe ich, dass einmal Leute über uns sprechen werden. Das ist vielleicht mein schönstes Ziel.

Vielen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

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