Richard Graf (c) Joanna Pianka

„DAS THEMA DER KOMPOSITIONSPÄDAGOGIK IST MIR EIN GANZ GROSSES ANLIEGEN.“ – RICHARD GRAF IM MICA-INTERVIEW

Der Musiker und Komponist RICHARD GRAF liebt und lebt Herausforderungen. So ist er mittlerweile Dekan für Musikpädagogik an der JAM MUSIC LAB Privatuniversität für Jazz und Popularmusik in Wien. Zehn Jahre lang war er unter anderem auch Leiter der 1989 gegründeten INÖK, Interessengemeinschaft Niederösterreichische KomponistInnen. Auf seine Initiative gehen unter anderem die „Tage der neuen Musik“, der MAX BRAND Kompositionspreis und das MAX BRAND Ensemble zurück. Michael Franz Woels traf den umtriebigen Niederösterreicher RICHARD GRAF auf ein Gespräch im Haus der KomponistInnen in der Ölzeltgasse in Wien.

Ein Grund warum wir hier sitzen, ist das 30-jährige Jubiläum der INÖK und das bevorstehende Fest-Konzert am 25. Oktober in Palais NÖ. Was ist ihr persönliches Resümee?

Richard Graf: Nach dem Konzert im Rahmen der Tage der Neuen Musik und der Präsentation der Festschrift werde ich einmal durchatmen. Ja, ich werde meine Tätigkeit als Präsident der INÖK, der Interessengemeinschaft Niederösterreichische KomponistInnen, nun nach zehn Jahren zurücklegen, werde aber weiterhin das MAX BRAND Ensemble leiten und bleibe auch im Vorstand des ÖKB, des Österreichischen Komponistenbundes, und werde dort Projekte wie den bundesweiten Kompositionswettbewerb Jugend komponiert, der mir sehr am Herzen liegt, weiter betreuen.

Auch das Thema der Kompositionspädagogik ist mir ein ganz großes Anliegen. Das erste Kompositionspädagogik-Studium in Europa, das mit einer Lehrbefähigung abschließt, habe ich 2010 initiiert. An der JAM MUSIC LAB University bin ich nun dabei, ein Masterstudium im Bereich Kompositionspädagogik einzurichten.

Ich habe in den letzten zehn Jahren mehrere Kompositionsaufträge aus Zeitgründen abgelehnt. Durch meine vielen organisatorischen Arbeiten hatte ich kaum Zeit, zum Beispiel auch einfach meine Website zu aktualisieren. Das wird sich bald ändern, denn ich möchte als Musiker und Komponist nun wieder aktiver werden und mir dafür Zeit nehmen. Die hatte ich in den letzten Jahren einfach nicht, dafür habe ich einiges auf die Beine gestellt, worauf ich durchaus stolz bin:

Das MAX BRAND Ensemble, die Tage der Neuen Musik, die Aktualisierung der NÖ Musikedition, 2017 eine Veröffentlichung des Trompeters und der Jazz-Legende Michael Mantler mit dem MAX BRAND Ensemble. Wir sind eines der wenigen österreichischen Ensembles, die auf dem Label ECM-Records ein Album veröffentlichen konnten und ich durfte bei dieser CD „Comment c’est“ produktionstechnisch mithelfen.

Was ist der Reiz am Produzieren?

Richard Graf: Grundsätzlich finde ich diesen Job als Producer total spannend. Ich bringe immer gerne das Beispiel von den Beatles und dem Musikproduzenten George Martin. Ohne ihn würde es die Beatles, so wie wir sie kennen, nicht geben. Wenn man sich Bootleg-Aufnahmen von den Beatles anhört, dann hört man gewaltige Unterschiede zu den Ergebnissen mit George Martin. Immer wieder gab und gibt es Produzenten, die mit ihrer Genialität ein gutes Projekt erst zu einem großartigen Erfolg machen, etwa Quincy Jones und das Album „Thriller“ von Michael Jackson. Ab Mitte der 1980er-Jahre hat sich im Bereich des Pop-Producings extrem viel getan, vor allem in England und Amerika. Bei uns war da leider „tote Hose“. Erst in den letzten Jahren hat sich wieder ein österreichisches Selbstbewusstsein herausgebildet, das sich wohltuend auf die gesamte Szene auswirkt und das ich auch unter unseren Studierenden spüre.

Sie sind seit einem Jahr Dekan für Musikpädagogik der JAM MUSIC LAB University. Was ist das Besondere an dieser Ausbildung für Musikerinnen und Musiker?

Richard Graf: Man hat mich ins Boot geholt, um insbesondere den Bereich der Pädagogik zu forcieren, aber auch mein Know-How als Komponist und Autor eines musiktheoretischen Standardwerks wie „Die Akkord-Skalen-Theorie und Jazz-Harmonik“ einzubringen. Diese Universität bietet aufgrund der Offenheit im Bereich der Popularmusik viele Möglichkeiten, nicht nur für talentierte Nachwuchskünstlerinnen und -künstler aus Österreich, sondern für alle, die künstlerisch eigenständige Wege gehen möchten. Man kann hier zum Beispiel auch mit einem Heavy-Metal-Projekt eine Masterarbeit starten, denn insbesondere unsere Studien bieten viele neue, interessante Möglichkeiten, da sie auch aktuelle Formen der Artistic Research miteinbeziehen.

„DER WICHTIGSTE ASPEKT IHRER ARBEIT IST DIE AUSÜBUNG VON KUNST IN FORM VON MUSIK.“

Was zeichnet das künstlerische Forschen, die Artistic Research nun aus?

Richard Graf: Es gibt bei einer wissenschaftlichen Arbeit ganz klare Richtlinien und Methoden, wie ich vorgehen kann beziehungsweise muss, um einem Mindestmaß an Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden. Künstlerinnen und Künstler sind da bisher immer ein bisschen außen vor gewesen, die keine 100-seitigen Abhandlungen über ihre Arbeiten verfasst haben. Aber der wichtigste Aspekt ihrer Arbeit ist die Ausübung von Kunst in Form von Musik. Das rückt nun stärker in den Fokus. Ich habe es als Student manchmal irritierend empfunden, wenn eineinhalb Stunden lang über ein musikalisches Thema referiert wurde, ohne dabei einen einzigen Ton zu hören.

Das Kunstwerk, das Projekt steht bei der künstlerischen Forschung stärker im Mittelpunkt, wird hörbar und sichtbar gemacht. Es muss natürlich ein Anteil an Wissenschaftlichkeit dabei sein. Aber die Herangehensweise ist eine andere. Ich möchte es an zwei aktuellen konkreten Beispielen dingfest machen: Simon Zöchbauer und David Dornig schließen demnächst ihr Master-Studium bei mir ab und sie zeigen auf großartige Art und Weise, wie die individuelle künstlerische Forschung im Bereich neuer Musik, jenseits von Kategorien wie U- und E-Musik aussehen – oder besser gesagt: klingen – kann.

Während der Gitarrist und Komponist David Dornig seit einigen Jahren im Bereich 31-töniger Stimmung und n-tolischen Taktarten forscht und auch selbst eine 31-Ton-Gitarre spielt, steht für den Trompeter und Komponisten Simon Zöchbauer die Frage nach neuen Zugängen im Bereich sakraler Musik im Mittelpunkt. Dabei werden Spieltechniken und improvisatorische Möglichkeiten untersucht, die wiederum in eigene Kompositionen einfließen.

Natürlich könnte man das alles rein theoretisch betrachten. Dann würde eine dicke Analyse von Möglichkeiten und Konzepten herauskommen. Das wäre die eine Möglichkeit. Aber das Spannende ist doch, diese Konzepte hörbar zu machen und dadurch den künstlerischen Prozess dahinter besser verstehen zu lernen. Da kommt Artistic Research ins Spiel.

„ARTISTIC RESEARCH IST EINE GUTE MÖGLICHKEIT, UM EINE NEUE ART VON WISSENSCHAFTLICHKEIT IM BEREICH DER KUNST ZU PRÄSENTIEREN.“

Um nochmal auf die Frage der künstlerischen Forschung zurückzukommen. Es gibt mittlerweile die erste Dissertation, die nur online verfügbar ist: Die Website tactile paths von Christopher Williams beinhaltet alles, was zum Verständnis notwendig ist.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Artistic Research sich noch in einer Entwicklungsphase befindet. Nicht um die reine Wissenschaftlichkeit zu ersetzen, sondern um Kunst zu erforschen und gezielter das zu präsentieren, was Kunst ausmacht. Dies sollte ja auch die Aufgabe einer Musikuniversität sein.

Der mittlerweile 6. Austrian Composers’ Day an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ist auch so eine Möglichkeit, aktuelle Themen einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Max Brand war ein österreichisch-amerikanischer Komponist und Pionier der Synthesizer- und elektronischen Musik. Der MAX BRAND Kompositions-Preis, den Sie ins Leben gerufen haben, war heuer auch ein Thema der Veranstaltung.

Richard Graf: Die Idee des Austrian Composers’ Days ist, brennende Fragen rund ums Komponieren und dem Musikbusiness Studierenden und Interessierten näher zu bringen. Und das in unterschiedlichen Formaten: durch Vorträge oder Panels mit Gesprächsrunden, die verschiedene Perspektiven aufzuzeigen. Es geht um Information und Kommunikation.

Als ich 2012 das MAX BRAND Ensemble ins Leben gerufen habe, war dieser Preis auch schon eine Idee. Wir haben nun einen Sponsor gefunden, das muss man ja auch mitbedenken. Die Berndorf-Privatstiftung wird den Preis stiften. Interessanten und durchaus ungewöhnlichen Kompositionen im Bereich Neuer Musik soll eine Chance gegeben werden. Max Brand [Anm: 1896–1980] war ja ein Elektronik-Komponist, der seiner Zeit voraus war. Man hat den künstlerischen Wert damals einfach noch nicht erkannt.

Viele Leute aus der späteren Elektronik- oder Techno-Szene haben ihn als Vorbild genommen und auf seine Ideen zurückgegriffen. Mit dem MAX BRAND Ensemble haben wir diesen elektronischen Part auch in Form von Live-Elektronik integriert. Ich denke, wenn Max Brand heute leben würde, würde er diesen Aspekt spannend finden: Sound in Echtzeit zu manipulieren und gleich wieder ins Publikum zu schicken. Das gab es zu seiner Zeit noch nicht.

„DIE AKTIVITÄT UND DAS SELBER-KREIEREN WURDE IN DEN MITTELPUNKT GERÜCKT.“

Kommen wir zurück zum Thema Musikpädagogik. Wie haben sich musikpädagogische Zugänge im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert?

Richard Graf: Der Ansatz, den der deutsche Philosoph und Komponist Theodor W. Adorno geprägt hat, dass die Schüler brav die Meisterwerke analysieren und nachspielen sollen, funktioniert so nicht mehr. Aber seine Philosophie hat den deutschsprachigen Raum geprägt. Zu meiner Schul- und Studienzeit waren vor allem die musikgeschichtlichen Daten und Fakten wichtig. Im englischsprachigen Raum ist das ja seit jeher anders. Die Aktivität und das Selber-Kreieren wurden in den Mittelpunkt gerückt. Bei uns geht es nun auch in diese Richtung. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man sowohl in der Schule als auch im Bereich der Musikschulen nicht nur Meisterwerke einstudiert, sondern auch Musik entdeckt, indem man auch selbst Ideen umsetzt und versucht zu komponieren oder zu improvisieren. Das schafft einen anderen Zugang zur Musik. Man lernt dabei auch, die sogenannten Meisterwerke von innen heraus besser zu verstehen.

„DIDAKTIK IM BEREICH DER JAZZ- UND POPULARMUSIK IST EINES MEINER FORSCHUNGS-STECKENPFERDE.“

Da kommen wir nun zu didaktischen Konzepten. Bei uns an der JAM MUSIC LAB University liegt der Schwerpunkt auf Jazz und Popularmusik, wobei es für mich besonders interessant wird in den Grenzbereichen zur neuen, experimentellen Musik. Da gibt es viele Dinge auch noch zu entdecken. Wenn ich heute als klassischer Geiger oder als Pianist erfolgreich sein möchte, dann fange ich am besten mit vier Jahren mit dem stundenlangen, täglichen Üben an, um später wirklich vorne mitmischen zu können. Das internationale Niveau ist einfach derartig hoch, dass es kaum mehr anders geht.

Im Bereich Jazz und Popularmusik oder im Bereich Neuer Musik ist es nicht so eindeutig, wo ich da anfange. Was sind die Elemente, die den (künstlerischen) Erfolg schließlich ausmachen? Denken wir an Beispiele wie Thelonious Monk. Pianistisch gesehen würde ich ihn nicht als Virtuosen bezeichnen. Aber er hatte einen genialen Stil, seine Sprache gefunden. Oder auch der Gitarrist John Scofield. Bedingt durch technische Herausforderungen ist sein einzigartiges Phrasing entstanden, das man nach ein paar Tönen wieder erkennt. Es geht also um ganzheitliche, individuelle Zugänge, bei denen der Mensch, der Künstler, die Künstlerin im Mittelpunkt steht.

„DIE AMERIKANER SAGEN: JAZZ IST UNSERE KLASSISCHE MUSIK.“

In Amerika wurde sehr viel im Bereich der Forschung und Dokumentation des traditionellen Jazz geleistet. Wir hatten vor kurzem John Edward Hasse – den ehemaligen Kurator des „National Museum of American History“ der Smithsonian Institution in Washington, D.C. und Spezialist für Duke Ellington – an der JAM MUSIC LAB University, der uns wichtige Einblicke gewährte. Die Methoden des traditionellen Jazz sind sehr gut erforscht. Die Amerikaner sagen ja: „Jazz ist unsere klassische Musik.“

Aber wie coacht man eine Band? Wie unterrichtet man Improvisation? Wie lehrt man Komposition? Wir sind da erst am Anfang, diese teilweise informellen Methoden auszuloten. Ein Band-Coach hat eigentlich ein ähnliches Profil wie ein Producer, da gibt es viele Überschneidungspunkte: Impulse zu geben, um das Ergebnis zu optimieren, den Prozess der Kreativität zu unterstützen und dabei Neues zu entdecken – kurz gesagt: die künstlerische Identität „herauszuarbeiten“.

Die Didaktik im Bereich der Jazz- und Popularmusik gehört zu meinen Forschungs-Steckenpferden. Da gibt es noch einiges zu entdecken, zu entwickeln und sie eröffnet dabei auch neue Möglichkeiten im Bereich der Kompositionspädagogik.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

Termine:
Freitag, 25. Oktober 2019, 19.30 Uhr
MAX BRAND Ensemble
Tage der Neuen Musik
Landtagssaal, Herrengasse 13, 1010 Wien

Links:
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Jam Music Lab