Foto Robert Schwarz (c) Anna Breit
Robert Schwarz (c) Anna Breit

»Das Material beantwortet mir alle Fragen« – Robert Schwarz im mica-Interview

Es sind abstrakte, poetische Stücke, an denen sich unsere Imagination auflädt. In einem Spiel aus Abstraktion und Kreation kreiert Robert Schwarz atmosphärische Klanglandschaften, die in der Tradition früher elektro-akustischer Kompositionen stehen und Assoziationen an Iannis Xenakis und stochastische Verfahren wachrufen. Als Ausgangsmaterial dafür dienen ihm Field-Recordings, die er an den entlegensten Orten der Welt sammelt. Warum es wichtig ist, seine eigene Aufmerksamkeit immer wieder auf die Probe zu stellen und was es bedeutet, im Kompositionsprozess den Spuren des gefundenen Materials zu folgen, erzählt der Wiener Künstler im mica-Interview mit Shilla Strelka.

Sie haben eigentlich Architektur und bildende Kunst studiert?

Robert Schwarz: Zuerst habe ich Architektur studiert, während der letzten beiden Jahre parallel Computer-Musik an der ELAK und danach Sound Studies an der Universität der Künste in Berlin. Das ist ein künstlerisch-wissenschaftlicher Studiengang, in dem es vor allem um Sound-Art und auditive Kultur geht.

Haben Sie das Gefühl, dass sich Ihr Verständnis von Sound durch Ihr Architekturstudium verändert hat?

Robert Schwarz: Die Möglichkeit mit Klang Räume und Atmosphären zu schaffen, fand ich schon immer faszinierend. Ich habe aber im Architekturstudium auch gelernt aufzulegen und Partys zu veranstalten. Räumliche Inszenierungen zu erzeugen, in denen Architektur, Musik und Performance im Rahmen einer Party zu so etwas wie einer Sozialen Skulptur verschmelzen, sind noch heute Teil meiner künstlerischen Praxis, wie zuletzt in Brüssel das Projekt „Strookoffer“ oder die Los Bar in Los Angeles 2015. Aber vor allem hat sich durch das Studium mein Verständnis von Raum erweitert.

„Das Aufnehmen von Field-Recordings ist der erste und wesentliche kompositorische Prozess in meiner Musik.“

Fließen konkrete Reflexionen zu Räumlichkeit auch in das Arrangement der Tracks ein?

Robert Schwarz: Ich denke, das Aufnehmen von Field Recordings ist der erste und wesentliche kompositorische Prozess in meiner Musik. Dabei verwende ich meistens räumliche Aufnahmetechniken, also zumindest ein Stereo-Setup. Das passiert immer in einem Raum, der durch Klang aktiviert, also hörbar wird und diesen durch seine Dimensionen und Oberflächen filtert und ihn so beeinflusst. In manchen Stücken geht es um eine bestimmte Räumlichkeit, die ich versuche aus dem natürlichen Raum zu importieren.

Wenn Sie von Field-Recordings ausgehen, spielt die Selektion des Materials natürlich die größte Rolle. Welche Klänge reizen Sie beziehungsweise nach welchen Sounds suchen Sie?

Robert Schwarz: Ich arbeite schon sehr lange mit Field-Recordings. Meine Architektur-Diplomarbeit 2006 war ein Soundwalk durch Wien, begleitet von einer soziologischen Analyse der urbanen Soundscapes. Ich habe mich damals daran abgearbeitet und in Folge dessen das Interesse an den Klängen der Großstadt verloren. Erst Jahre später, während einer Field-Recording-Residency von Francisco Lopez in Südafrika, habe ich einen neuen Zugang gefunden, aber aus einer abstrakten, musikalischen Perspektive und überwiegend in außer-alltäglichen, beeindruckend schönen, natürlichen Umgebungen.

Mich interessieren etwa stochastische Klangereignisse wie Schwärme – eine Vielheit aus ähnlichen Klängen, die im Raum verteilt sind, scheinbar miteinander kommunizieren und dabei einer gewissen Logik des Zufalls und der Wahrscheinlichkeit folgen. Die musikalische Qualität kann sowohl rhythmisch, tonal als auch rein klanglich interessant sein. Aber es ist schwierig, das zu spezifizieren, es ist sehr persönlich und abstrakt. Es können auch Räume oder Atmosphären sein, die mich ansprechen. Manchmal nehme ich auch rein spekulativ an Orten auf, in der Erwartung spannender Konstellationen in näherer Zukunft. Das kann sehr interessant sein.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Robert Schwarz: Beim Erstellen von Naturaufnahmen arbeitet man oft mit Over-Night-Recordings. Meist wird das Equipment kurz vor Sonnenuntergang positioniert und man entfernt sich, um nicht durch die eigene Anwesenheit zu stören. Auch kann man so an Orten aufnehmen, die man zu dieser Zeit nur schwer aufsuchen könnte, weil man zum Beispiel von Moskitos, Hyänen oder Nilpferden attackiert werden würde.

Braucht man nicht sehr lange, um solche Aufnahmen auszuwerten, wenn man auf diese Art arbeitet?

Robert Schwarz: Ja, aber das ist auch das Interessante. Oft entdeckt man erst viel später Interessantes. Im Gegensatz dazu kann es aber auch faszinierend sein, still neben dem Aufnahmegerät zu warten. Man bewegt sich nicht und versucht, so leise wie möglich zu atmen, was die Wahrnehmung schärft. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese kontemplativen Momente oft sehr lange und intensiv in Erinnerung bleiben.

Haben Sie das Gefühl, dass diese Verschärfung der Konzentration, dieser Zustand, in dem Sie dann sind, auch in das Arrangement der Tracks generell einfließt?

Robert Schwarz: Das hoffe ich. Um genau solche Wahrnehmungszustände geht es mir eigentlich – um ein reines, von der Ursache entkoppeltes Zuhören, das von akusmatischer Musik per Definition propagiert wird. Das finde ich oft nachts in natürlichen Umgebungen und das versuche ich in meine Stücke mitzunehmen.

Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit ist aber auch, dass Sie in einem weiteren Schritt dann diese Field-Recordings mithilfe eines modularen Synthesizers bearbeiten. Fügen Sie extra Spuren hinzu?

Robert Schwarz: Das Klangmaterial wird von mir nur dahingehend bearbeitet, bestimmte Details herauszuarbeiten, um hinein zu zoomen sozusagen, zu vergrößern und zu verstärken. Dann wird es durch elektronische Klänge ergänzt oder manchmal auch ersetzt. Das hilft der Abstraktion und lenkt davon ab, die Klangquellen entschlüsseln zu wollen – zum Vorteil einer tieferen Hörerfahrung.

»Ich finde die natürliche Logik des Zufalls und der Wahrscheinlichkeit, die hinter den Aufnahmen steht, meistens interessanter als meine persönliche Befindlichkeit oder meinen Einfallsreichtum«

Wie ist das Verhältnis zwischen Field-Recordings und dem, was Sie extra hinzufügen?

Robert Schwarz: Im Idealfall kann man nicht mehr zwischen natürlichen und elektronischen Klängen unterscheiden.

Entscheidend ist, dass die elektronischen Klänge von den Aufnahmen gesteuert werden. Ich möchte in die eigentliche Komposition eher wenig eingreifen, sondern mich auf die Klangfarben, Frequenzen und Dynamiken konzentrieren.

Woher kommt dieser Respekt dem Material gegenüber, oder anders gefragt: Warum möchten Sie selbst als Autor die Entscheidung an das Material weitergeben? Was erhoffen Sie sich davon oder steckt da eine Ideologie dahinter?

Robert Schwarz: Ich finde die natürliche Logik des Zufalls und der Wahrscheinlichkeit, die hinter den Aufnahmen steht, meistens interessanter als meine persönliche Befindlichkeit oder meinen Einfallsreichtum. Ich nehme bestimmte Sounds auf und arbeite mit ihnen, weil mich ihre Musikalität beeindruckt oder ich irgendeine klangliche Qualität mitnehmen möchte. Dass ich als Autor verschwinde, ist natürlich eine Lüge. Ich wähle das Material aus, ich bearbeite es und füge etwas hinzu. Es ist letztendlich eine von mir erschaffene Musik. Aber ich denke das Material als den Kern der Komposition, wie eine Partitur. Ich finde darin die Möglichkeit, alle Parameter unter Kontrolle zu bringen. Das Material beantwortet mir alle Fragen, mir bleibt aber auch vorbehalten, Schnitte einzufügen, Ereignisse zu löschen, die Perspektive zu wechseln oder ein Ende zu finden.

Was ist es, das Sie konkret daran interessiert, Ihre Klänge aus Ihrer Umgebung zu filtern? Warum ist es Ihnen wichtig, auf diese Art die Wirklichkeit zu integrieren?

Robert Schwarz: Als Klangquelle ist es für mich eine von vielen. Was Strukturen, Dramaturgien, Atmosphären und Räume betrifft, hat sich da für mich eine Methode aufgetan, die mich zurzeit interessiert und die für mich sehr ergiebig ist, zumindest für dieses Projekt. Ich schöpfe nicht nur aus den Aufnahmen, sondern auch aus den kontemplativen Momenten, die ich an besonderen Orten damit verbringen kann, meiner Umgebung zuzuhören. Das erfüllt mich irgendwie mehr als das Programmieren eines Codes oder das Improvisieren auf einem Instrument.

Sie spielen mit der Ambivalenz aus Abstraktion und Konkretion. Natürlich steckt da auch ein sehr experimenteller Prozess dahinter, ein Herantasten. 

Robert Schwarz: Das ist es auch. Zumindest zu Beginn jedes Stückes probiere ich vieles aus, ohne zu wissen, wohin ich genau möchte. Skalieren, falten, Rhythmen oder Melodien extrahieren und neu instrumentieren, einzelne Frequenzspektren isolieren. Dann wächst es auch meistens sehr organisch. Es ist nicht so, dass ich dazu improvisiere und versuche das Material am Synthesizer zu begleiten. Vielmehr schaffe ich ein technisches Setup, das vom Material gespielt werden kann.

„Ich möchte keine konkreten Assoziationen erzeugen oder Raum für Interpretationen eröffnen, sondern die Aufmerksamkeit auf die Klangereignisse als solche lenken.“

Worum geht es Ihnen dann in dem kompositorischen Prozess? Stimmungen einzufangen, Räume zu entwickeln, bestimmte Assoziationen zu evozieren?

Robert Schwarz: Das Einfangen von Stimmungen ist ein guter Punkt. Atmosphären die sich rein akusmatisch konstituieren, ohne Verbindung zur Ursache der Klangquelle, können eine musikalische Qualität schaffen, die sehr abstrakt ist. Ein Beispiel: Zwei hohe Palmen stehen sehr eng nebeneinander. Im Wind schlagen und reiben die Blätter aneinander. Bei halber Abspielgeschwindigkeit klingt das nach erweiterter Spieltechnik am Schlagwerk, aber möglicherweise auch unheimlich, weil man keine Vorstellung von der Klangquelle und ihrer räumlichen Anordnung hat. Die Ursache ist trivial und die Konnotation spekulativ, eigentlich spielt es keine Rolle. Ich möchte keine konkreten Assoziationen erzeugen oder Raum für Interpretationen eröffnen, sondern die Aufmerksamkeit auf die Klangereignisse als solche lenken.

Bringen Sie verschiedene Aufnahmeorte zusammen?

Robert Schwarz: Mein erster Release unter meinem Namen war das Tape »SPSP No.1« mit arrangierten Aufnahmen von Fliegenschwärmen, die ich in meinem Studio dafür gezüchtet hatte. Auf der B-Seite habe ich das rein akustische Stück der A-Seite komplett mit analogen modularen Synthesizern resynthetisiert. Das erste Album auf Gruenrekorder, „The Scale of Things“, entstand, so wie das aktuelle, aus Field-Recordings, die mehr oder weniger im Zeitraum des Arbeitsprozesses gemacht wurden. Die unterschiedlichen Orte dabei als Quellen anzugeben, erschien mir irgendwie so selbstverständlich wie sonst das Nennen der beteiligten Musiker. Die Gemeinsamkeit der Orte ist, dass ich sie innerhalb eines Zeitraums bereist habe. Bei „WIND 1-4“ von 2016 kamen zwar nur Aufnahmen von der Insel La Gomera vor, aber es ging eigentlich mehr um den Wind.

»Auch wenn ich mein Ausgangsmaterial aus der Natur beziehe, möchte ich meine Stücke als abstrakte Kompositionen denken, die einer bestimmten Ordnung oder einem bestimmten Chaos folgen.«

Ich wundere mich, dass Sie nicht über dramaturgische Fragestellungen nachdenken, auch weil Sie viel im Theaterbereich arbeiten und Soundtracks zu Filmen beigesteuert haben. Ich habe durchaus das Gefühl, dass Ihre Alben eine filmische Qualität aufweisen. Es ist für mich nicht nur abstrakte Musik. Gibt es bestimmte Bilder, die Sie leiten? Die Titel des neuen Albums sind ja sehr kryptisch.

Robert Schwarz: Das war eine bewusste Entscheidung, um Interpretationen vorzubeugen. Auch wenn ich mein Ausgangsmaterial aus der Natur beziehe, möchte ich meine Stücke als abstrakte Kompositionen denken, die einer bestimmten Ordnung oder einem bestimmten Chaos folgen. Dramaturgische Entscheidungen treffe ich natürlich schon bei der Platzierung der Mikrofone und bei der Auswahl der Aufnahmen, mit denen ich letztendlich arbeite.

Aber indem Sie bestimmte konkrete Laute, wie Vogelgesang, als Ankerpunkte installieren,  orientiert man sich daran. Die Stimmung, die Sie erzeugen, ist extrem aufgeladen – unheimlich und auch sehr assoziativ. Sie transportiert eine eigene Qualität, die ich als dystopisch beschreiben würde.

Robert Schwarz: Allein die Abwesenheit von Menschen hat an manchen Orten schon etwas Dystopisches. Da ich hauptsächlich nachts aufnehme, finde ich mich häufig in Situationen, die sich auch für mich sehr aufgeladen oder unheimlich anfühlen. Wenn ich längere Zeit in einer aus meiner Sicht menschenfeindlichen Umgebung wie dem tropischen Regenwald verbringe, dann stellen sich bei mir auch dystopische Assoziationen ein, die mich sofort an Werner Herzogs Beschreibungen des peruanischen Regenwaldes erinnern: „The trees are in misery, and the birds are in misery. I don’t think they sing; they just screech in pain. […] Taking a close look at what’s around us, there is some sort of harmony. It’s the harmony of overwhelming and collective murder. […] But when I say this, I say this all full of admiration for the jungle. It’s not that I hate it. I love it. I love it very much. But I love it against my better judgment.“ Solche Gedanken können sich natürlich durch ein Stück tragen.

„Ich habe das Glück, mich in der Natur kaum auszukennen.“

Stellen Sie sich auch konstruktivistische Fragen, inwiefern der akustische Sinn das abbildet, was wir als Wirklichkeit verstehen? Gerade Field-Recordings propagieren ja so etwas wie Zeugenschaft.

Robert Schwarz: In meiner stadtsoziologischen Auseinandersetzung war das natürlich ein wichtiges Thema.

Ich habe das Glück, mich in der Natur kaum auszukennen. Ich habe wenig Ahnung von Biologie. Das macht es einfacher für mich, diese Klänge rein abstrakt wahrzunehmen. Es interessiert mich auch nicht, welche Vögel oder Frösche das waren und worüber sie kommuniziert haben könnten. Für mich sind das Klangobjekte, und wenn ich sie aufnehme, ist es mein Klangmaterial. Da beziehe ich mich natürlich auf das Konzept des „Objet sonore“ von Pierre Schaeffer und der Musique concrète im Allgemeinen, in deren Tradition ich meine Arbeit entfernt verwurzelt sehe. Ich halte es für eine der wichtigsten theoretischen musikalischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts und für eine wichtige künstlerische Freiheit, mit Aspekten von Wirklichkeit abstrakt arbeiten zu können.

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Robert Schwarz
Robert Schwarz (Soundcloud)

Double Negative” ist im Jänner auf dem deutschen Label Gruenrekorder erschienen. Das Release-Konzert findet am 18. Jänner 2018 im Wiener Rhiz statt.