„DAS MAGISCHE ERREICHEN WIR NUR LIVE“ – ELEKTRO GUZZI IM MICA-INTERVIEW

Wann pusten wir wieder die Subwoofer durch? Eher früher als später. Zumindest, wenn es nach ELEKTRO GUZZI geht. Mit „TRIP“ legt das Techno-Trio um BERNHARD BREUER, JAKOB SCHNEIDEWIND und BERNHARD HAMMER ein neues Album vor. Und sorgt nach 15 Jahren für einen „turning point“ in der Karriere. Die „Magie des Live-Sets“ habe man auf Platte gebannt – Houdini grüßt aus dem Techno-Tempel. Während die Trommel scheppert und sich ELEKTRO GUZZI das Messer zwischen die Zähne klemmen, wird der Viervierteltakt zum Heilsversprechen. So hart hat schon länger kein „TRIP“ mehr den Beckenboden massiert. Über aufgegangene Knöpfe, die Unsicherheit der fragilen Leere und wie sich das Bewusstsein für den Moment verändert, haben zwei der drei Guzzis mit Christoph Benkeser gesprochen.

In den „TRIP“ hineinzufinden, war ganz schön schwierig. Nicht weil die Platte unnahbar wäre, sondern weil das Erlebnis im Club gefühlt Jahrzehnte entfernt ist.

Bernhard Hammer: Es ist natürlich eine Live-Platte, aber lass mich länger ausholen: Wir hatten das Album eigentlich im Juni 2020 fertig. Durch die Corona-Situation gab es keine Aussicht auf eine Release-Tour. Wir verschoben aber nicht nur den Termin, sondern entschieden auch, dass die Platte nicht gut genug ist.

Nicht gut genug? 

Bernhard Hammer: Wir waren jedenfalls nicht zufrieden damit …

Jakob Schneidewind: Die eigentlichen Aufnahmen stammen aus einer Phase, in der wir noch auf der Bühne stehen konnten. Es entstand ein Video, wir nahmen einige Tracks auf – und dokterten während des Lockdowns getrennt voneinander an der Produktion herum. Als wir im folgenden Sommer wieder live spielen konnten, haben wir aber gemerkt, dass die Aufnahmen ziemlich weit von der Art entfernt sind, wie wir im Konzert-Setting spielen.

Was nicht der Plan war, nehme ich an. 

Jakob Schneidewind: Ja, es sollte viel eher in die Live-Richtung gehen. In der langen Produktionsphase haben wir uns davon aber wegentwickelt. Deswegen haben wir – mit demselben Material derselben Stücke – den Prozess aufgerollt …

Bernhard Hammer: Und im Oktober neu aufgenommen. Wir haben die Stücke gewissermaßen dekonstruiert. Was man jetzt auf der Platte hört, sind meistens Ausschnitte längerer Aufnahme-Phasen, in denen sich über 40 Minuten verschiedene Momente des Einschwingens, des Zugaufnehmens und des Zerfalls abgespielt haben.

Und aus diesen Phasen hört man wiederum Ausschnitte? 

Bernhard Hammer: Ja, Ausschnitte aus längeren Passagen, die natürlich alle gespielt sind. Durch diese Herangehensweise haben wir es geschafft, das Live-Mindset im Studio zu rekonstruieren. Schließlich versuchen wir bei unseren Konzerten über eine Stunde einen gewissen Bogen zu spannen. Dieser Bogen sollte auf die Platte.

Genau, es fasst den Moment des Live-Konzerts ein, die Stimmung im Club, den Spannungsbogen – ein Gefühl, das sich mittlerweile und durch die Situation distanziert und entfremdet anfühlt. 

Bernhard Hammer: Ganz ehrlich: Darüber machen wir uns wenig Gedanken. Ziel der Platte war es, den Live-Charakter einzufangen – einfach, weil wir bisher daran gescheitert sind. Mit „TRIP“ ist uns das zum ersten Mal gelungen. Zumindest besser als davor!

Auf „Achse Dachse“, der letzten richtigen Elektro-Guzzi-Platte hat das anders funktioniert, stimmt. 

Jakob Schneidewind: Obwohl das auch ein Set war!

Bernhard Hammer: Ja, wir nahmen ja nur die Übergänge zwischen den Parts raus. Auf der limitierten Kassetten-Veröffentlichung hört man aber die ganze Aufnahme von „Achse Dachse“.

Das ist der umgedrehte Ansatz zu der dekonstruierten Herangehensweise, die du vorhin in Bezug auf „TRIP“ angesprochen hast, oder?

Bernhard Hammer: Auf den ersten Versionen der neuen Platte gab es einige konkrete melodische und rhythmische Themen. Sie waren die Grundlage für die neuen Kompositionen, kommen oft aber gar nicht mehr auf den Stücken der Platte vor, weil sie der Startpunkt einer Aufnahme waren, aus der sich längere Improvisationen entwickelt haben. Mit einzelnen Themen in den Aufnahmeprozess hineinzugehen, um nicht einfach aus dem Nichts anzufangen, hat uns sicher gutgetan. Wir waren sofort drinnen und konnten frei heraus improvisieren – die Unsicherheit der fragilen Leere fällt weg.

Quasi der demokratische Band-Ansatz. Jeder bringt Loops und Fragmente mit, einzelne Basslines und so weiter. Und dann schaut man, wo’s hinführt. 

Jakob Schneidewind: Genau, wir haben alle unser Repertoire an Themen und Ideen, sind aber auch in der Lage, flexibel auf die Ideen der anderen einzugehen und damit zu interagieren. So hat sich die Dekonstruktion automatisch ergeben. Im Gegensatz zu früheren Platten wollten wir die unendlichen Möglichkeiten der Studioarbeit gerade nicht ausnutzen, sondern zurück zu den Wurzeln der ersten Alben kehren – One-take-Sessions ohne Overdubs. Das ist die Herangehensweise, die wir live verfolgen, aber diesmal auf Platte festhalten.

Was den Spannungsbogen in gewisser Weise automatisiert. 

Jakob Schneidewind: Ja, allein des Setups wegen. Die Soundästhetik folgt dem Live-Muster. Auch wenn wir im Studio viel herumprobierten, haben wir uns total reduziert.

Das hört man. Gleichzeitig widerspiegelt der Ansatz die Tiefe der Produktion. Ihr habt davor auch schon mit Nik Hummer aufgenommen, „TRIP“ klingt aber noch deeper.  

Bernhard Hammer: Wir spielen seit zwei Jahren mit einem In-Ear-System und haben uns für die Platte den Kopfhörer-Mix selber gemacht. Außerdem haben wir diesen Mix bei den Aufnahmen als Referenz mitgeschnitten. Wir hatten also die einzelnen Mikro-Spuren und gleichzeitig jene, die wir während des Spielens gehört hatten. Das hat den Vorteil, dass die Essenz, das Geile an einem Stück nicht verlorengeht; dass wir danach wissen, wie manche Dinge für uns und im Moment geklungen haben. Beim nachträglichen Mixen kannst du dich an diesen Moment nur annähern, du erreichst ihn nie ganz, weil du die Mischung immer ein Stück weit verfälscht. Auf der Platte hört man jetzt, was wir beim Spielen gehört haben.

Das unterstreicht euren Live-Ansatz.

Jakob Schneidewind: Dass wir als Band arbeiten und interagieren, unterscheidet uns von anderen im elektronischen Bereich. Wir schaffen einen Moment, der sich verselbstständigt. Darin liegt unsere Stärke, darauf fokussieren wir uns. Während andere im Studio fetter produzieren können, verschmelzen wir live unsere Sounds und erzeugen eine Dynamik, die sich nicht nachproduzieren lässt.

Wenn man euch auf der Bühne, oder zuletzt im Video, zusieht, ist das ein schönes Bild: Alle sind in sich und ihr Instrument gekehrt. Trotzdem, und das mag ein bisserl esoterisch klingen, fühlt man eine Verbindung zwischen euch.  

Jakob Schneidewind: Um die Eso-Richtung weiterzugehen: Ja, es hat etwas Magisches, zu dritt diese Momente zu finden, in dem das Ganze abhebt. Deshalb haben wir die Stücke auf der Platte auch so gewählt, dass sie aus Aufnahmen bestehen, wo dieses Magische passiert.

Dieselbe Magie wäre am Mischpult nie möglich, oder?

Jakob Schneidewind: Wir können es nicht, aber es gibt natürlich Leute, die am Mischpult in einen Flow reinkommen. Ich denke an Dub-Typen wie Adrian Sherwood, der am Mischpult schraubt und einen Take aufnimmt, auf dem er sich voll reinzoomen kann. Für uns funktioniert das nicht. Wir erreichen das Magische nur live.

Auf „Trip“ kommt die Magie auch aus der Repetition. Die Melodien von früher sind verschwunden, es ist harter, funktionaler Techno. 

Bernhard Hammer: Stimmt, Melodien sind da wirklich nicht mehr drauf.

Allerhöchstens in ihren Bruchstücken. 

Bernhard Hammer: Genau, es sind einzelne Fragmente. Aber das mit dem Melodien-Spielen, das hamma wieder aufgegeben.

Bild Elektro Guzzi
Elektro Guzzi (c) Klaus Pichler

Der Posaunen-Ausflug, den ihr vor ein paar Jahren gemacht habt, ist abgeblasen.

Bernhard Hammer: Ja, aber das war wirklich was ganz Anderes. Die Idee war, dass die Posaunen haitianische Röhreninstrumente nachempfinden …

Jakob Schneidewind: Und am Ende ist es sehr poppig geworden. Ich bin mit der Platte trotzdem nach wie vor zufrieden. Es war ein konträrer Ansatz zu dem, was Elektro Guzzi sonst ausgemacht hat. Wir verbrachten – auch mit den drei Posaunisten – mehr Zeit, um eine Struktur festzulegen und haben sogar Noten geschrieben. Das Live-Moment war dadurch automatisch schwieriger zu erreichen.

Bernhard Hammer: Ein Moment, das mit „TRIP“ wiederum voll funktioniert. Uns ist ein Knopf aufgegangen.

Inwiefern? 

Bernhard Hammer: In den letzten 15 Jahren unserer Zusammenarbeit haben wir jede Probe mitgeschnitten. Im Sommer wollten wir etwas ändern und begannen, das Mitlaufen der Aufnahme wegzulassen. Plötzlich mussten wir uns darauf verlassen, wie es sich während des Spielens angefühlt hat. Und zwar ohne der Aufnahme als Referenz. Dadurch musst du dich auf das Gefühl im Spiel verlassen. Es brachte uns in das Im-Moment-Sein während des Spielens zurück – ein turning point!  

Das Sicherheitsnetz der Aufnahme als Vergleich fällt weg. Ein Moment in der Vergangenheit wird nie wieder in derselben Art passieren, sondern immer nur in der Erinnerung daran. Dadurch verändern sich Stücke automatisch, oder? 

Jakob Schneidewind: Wie man das Spielen im Moment zelebriert und in welchen Bewusstseinszustand man kommt, verändert sich. Der Fokus geht weg von der eigenen, einzelnen Spur und hin zum gemeinsamen Sound, der im Moment passiert. Das hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass wir über 15 Jahre zusammenspielen. Wir müssen nicht mehr proben, sondern können jederzeit auf Aufnahme drücken. Trotzdem würde ein Musikstück rauskommen, das sich veröffentlichen ließe.

Das klingt sehr selbstsicher. 

Jakob Schneidewind: Es war wichtig, diese Selbstsicherheit zu realisieren. Wir nudeln ja nicht herum. Ob die Aufnahme läuft oder nicht, ist wurscht. Wenn wir spielen, spielt jeder mit voller Konzentration. Im Studio hatten wir damit lange Probleme. Ohne der Spiegelung von außen, ist es schwierig diese Form der Aufmerksamkeit für sich zu erreichen.

Man liefert sich quasi der Labor-Situation aus. 

Bernhard Hammer: Es ist ein bisserl wie bei den Streams, oder? Ich hab mir jedenfalls schwer getan, bei Streaming-Konzerten dieselbe ernsthafte Haltung einzunehmen wie bei einem Konzert vor Ort. Vielleicht war es der Neuartigkeit der Situation geschuldet. Aber alles zu geben, fiel mir schwer. 

Jakob Schneidewind: Für mich ist es nicht so. Ich kann zwischen Streaming-Konzert, Studio-Aufnahme und Live-Konzert vor Ort trennen und mein Bewusstsein darauf einstellen. Das heißt nicht, dass ich es immer schaffe. Im Fall von Streaming hat es aber ganz gut funktioniert. Mich hat eher das fehlende Feedback gestört.

Bernhard Hammer: Ja, aber dein Ansatz ist richtig. Und die Trennung wichtig.

Jakob Schneidewind: Das Bewusstsein für den Moment verändert sich in den unterschiedlichen Situationen. In der Improvisation ist es vermutlich am stärksten, weil der Bewusstseinszustand unmittelbaren Einfluss auf die Musik im Moment nimmt. Wenn die Konzentration wegbricht, ist die Musik hinfällig.

Wie kommt man in diesen Zustand? 

Jakob Schneidewind: Ich stelle mir vor, dass es ein bisserl wie Meditation ist. Man probiert, alle störenden Gedanken und Einflüsse auszublenden. Deshalb spielen wir mit geschlossenen Augen, um sich allein aufs Hören zu konzentrieren. Außerdem hören wir auf unseren In-Ear-System denselben Mix, Elektro Guzzi im Ganzen quasi. Das schafft eine gemeinsame Verbindung.

Dadurch seid ihr im Hören verdrahtet. 

Bernhard Hammer: Der Gitarrist hört sich nicht lauter als der Bassist – wir hören uns als Einzelne in der Gesamtheit. Das hält die Balance zwischen den Sounds, die sich zu etwas zusammenfügen, das besser ist als die einzelnen Sounds für sich.

Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile, ein bisserl wie ein Organismus. Einer, der dem Zeitgeist von Techno folgt und hart auf die Zwölf bumpert.  

Bernhard Hammer: Ich weiß, was du meinst. Aber das passiert nicht bewusst.

Ihr seid vor der Pandemie also nicht bis halb sieben in der Früh zu Abriss-Techno unterwegs gewesen. 

Jakob Schneidewind: Selten. 

Bernhard Hammer: Ab und zu kam das schon vor! Aber einem Trend folgen wir deswegen nicht.

Das will ich gar nicht behaupten. 

Bernhard Hammer: Ja, eh. Die musikalischen Entscheidungen gehen eher aus einem Impuls hervor. Es ist Zufall, wenn wir eine Platte auf 128 Beats in der Minute hören und selber in dieses Tempo einsteigen.

Was im aktuellen Techno eher langsam wäre.

Bernhard Hammer: Na ja, in Wien hat es die Heimlich-Crew vor einigen Jahren geschafft, Downbeat zu einem Ding zu machen. Das ist aber wieder …

Weg, oder? Es gibt eher einen Drang zur Eskalation in der Geschwindigkeit. 

Jakob Schneidewind: Ich verfolge das gar nicht genau, nehme aber wahr, dass unfassbar viel produziert wird. Einen Trend aus dieser Masse an Veröffentlichungen erkenne ich trotzdem nicht. Es verändert sich alles permanent. Und viel schneller, weil sich viele Stile vermischen. Deshalb ist es auch unmöglich, einen Überblick zu bekommen. Die Ganzheit lässt sich nicht mehr fassen. Und Genres verlieren ihre Bedeutung.

Techno ist gewissermaßen zu einer Floskel geworden, die sich gut verkaufen lässt.

Jakob Schneidewind: Ja, unbedingt. Die Musik hat eine wahnsinnige Kommerzialisierung durchgemacht.

Bernhard Hammer: Und dieser wilde, harte Zugang im aktuellen Techno ist auch nur eine Phase, die vorbeigeht.

Deshalb sollte man sich vorerst auf den „Trip“ konzentrieren.

Bernhard Hammer: Beim Albumtitel haben wir uns schwergetan. Das war bei uns immer schon ein längerer Prozess.

Bild Elektro Guzzi
Elektro Guzzi (c) Klaus Pichler

Wie wichtig ist euch die Benennung? 

Bernhard Hammer: Wir realisieren immer mehr, wie wichtig es ist, Titel im Vorfeld der Aufnahme zu finden. Auch um absprechen zu können, wohin man sich bewegt.

Im Sinne eines verfolgbaren Ziels, auf das man gemeinsam zuläuft?

Jakob Schneidewind: Genau.

Widerspricht das nicht dem Zugang des freien Improvisierens ohne vorgefertigten Rahmen?

Jakob Schneidewind: Aus diesem Gedanken haben wir die Sachen in der Vergangenheit erst nach der Aufnahme benannt.

Bernhard Hammer: Gewisse Vorgaben haben wir aber eh immer. Würden wir komplett frei Improvisieren, gäbe es keine Anhaltspunkte. Wir bewegen uns in einem Stil, innerhalb dem es bestimmte Vorgaben gibt – oder zumindest möglich sind. Deshalb geben wir den Stücken inzwischen sofort Titel. Im Namen speichert man ein Gefühl ab, in dem sich etwas im Sound verändert. Durch den Namen bekommt das Stück eine andere Qualität. Das ist schon interessant!

Vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

 

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