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helianth (c) Lorra Mayer

„DAS LEBEN IST BESSER BARFUSS AM STRAND” – HELIANTH IM MICA-INTERVIEW

Hinter dem geheimnisvollen Namen HELIANTH verbirgt sich eine junge Sängerin mit italienischen Wurzeln, einer einzigartigen Stimme und bewegenden Texten, deren Musik am ehesten dem Alternative-Pop zuzuordnen ist. Clemens Engert sprach mit der Singer-Songwriterin über Musik als Therapieform, ihre Erfahrungen als Straßenmusikerin und die Indie-Szene in Südtirol.

Auf deiner Single „Sounds and Shapes“ singst du unter anderem „Find me by the water, find me by the shore“ – welchen Einfluss hat das In-der-Natur-sein auf deine Kunst?

helianth: Ich bin sehr naturverbunden aufgewachsen und aus diesem Grund ist die Natur ein wichtiger Teil von mir. Sie wirkt auf mich immer sehr beruhigend und ist der Ort, wo ich meinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Wenn mich etwas beschäftigt, gibt es nichts Besseres als auf den Berg zu gehen und abzuschalten. Das überträgt sich wiederum auf meine Musik, weil ich so meine Gedanken verarbeiten kann. Bei „Sounds and Shapes“ verbinde ich das Meer mit Fernweh und Abenteuerlust. Das Leben ist besser barfuß am Strand.

Das Video zu dem Song wurde in der Toskana gedreht. Welche persönliche Beziehung hast du zu dieser Gegend?

helianth: Vor einigen Jahren war ich erstmals in der Toskana auf Urlaub und habe mich in die wunderschöne Landschaft und Atmosphäre verliebt. Dass diese dann die Location des Musikvideos wird, war aber eigentlich reiner Zufall. Da in Südtirol gerade totaler Lockdown herrschte, haben die Video-Produzentin Stefanie Aichner und ich uns spontan dafür entschieden, den Videodreh in die Toskana zu verlegen. Wir haben eine Matratze in das Auto gelegt, einen Gaskocher und gute Musik eingepackt und sind für ein paar Tage auf einen Roadtrip gegangen. Der Videodreh war einer meiner Lieblingsmomente in 2020.

Deine EP „midtide“ wird im Laufe dieses Jahres veröffentlicht. Kannst du kurz erklären, worum es bei „midtide“ inhaltlich geht?

helianth: In „midtide“ geht es darum, zu lernen, dem Prozess zu vertrauen, geduldig zu sein und ein Zuhause in seinem Körper zu finden. Ich habe alle Songs im Laufe des letzten Jahres in meinem kleinen Zimmer in Innsbruck geschrieben und bin super aufgeregt, diese bald zu veröffentlichen!

Stimmt der Eindruck, dass es in deiner Musik auch um eine Art Selbstfindungsprozess geht? Wie eng ist deine Kunst mit deiner persönlichen Entwicklung als Mensch verknüpft?

helianth: Musik zu schreiben, ist für mich wie eine Therapie. Es ist ein Prozess, bei dem ich meinen Gefühlen eine Bedeutung gebe und diese verarbeite. Dabei geht es oft darum, zu verstehen, wo ich selbst stehe, was ich noch verdauen muss oder was mir guttut. Man kann also sagen, dass meine persönliche Entwicklung Hand in Hand mit meiner Musik geht. Ich glaube, dass das Niederschreiben von Gedanken prinzipiell Gold wert ist und das jeder machen sollte. Das ist ein Prozess, der das Leben verändert.

Du schreibst auf deiner Homepage auch, dass deine Musik von Mitgefühl und Empathie angetrieben wird. Wie kann man das verstehen?

helianth: Mein Wunsch ist es, dass meine Musik anderen so sehr hilft, wie sie mir geholfen hat. Besonders jetzt ist Musik wichtiger denn je und ich hoffe wirklich, dass die neuen Songs Kraft und Mut geben können und einen daran erinnern, dass man in dieser verrückten Welt nicht alleine ist.

Was waren deine musikalischen Haupteinflüsse beim Schreiben der Songs?

helianth: Ich wollte, dass die EP wie eine Mischung aller meiner Lieblingskünstlerinnen und -künstler klingt. Da ich von Indie bis zu Punk, Funk und Jazz echt alles höre, glaube ich, dass wir es ganz gut geschafft haben, die verschiedenen Elemente zu kombinieren. Ganz spezifische Haupteinflüsse waren etwa Big Thief, Sharon Van Etten, Fenne Lily und Girl In Red.

Deine Stimme hat einen sehr hohen Wiedererkennungswert.

helianth: Oh danke! Als ich angefangen habe zu singen, habe ich mich stimmlich stark an Künstlerinnen und Künstlern wie Haley Williams, Adele oder Michael Jackson orientiert. So konnte ich echt viel dazulernen. Mittlerweile singe ich ganz nach Gefühl, ohne wirklich darüber nachzudenken. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass ich in meinen Songs meine eigenen Gedanken und Geschichten erzähle. Da muss ich mich nicht verstellen und versuche einfach, ehrlich zu sein.

Du hast eine Zeit lang viel Straßenmusik gemacht. Was hast du in dieser Zeit gelernt?

helianth: Ich war nach der Matura ein Jahr lang in Australien und habe dort Work and Travel gemacht. In Melbourne habe ich mich erstmalig überwunden, auf der Straße zu spielen. Mit dem bisschen Geld, das ich verdient habe, habe ich den Wocheneinkauf finanziert. Irgendwann wurde das zu einer kleinen Tradition. Meine Freundinnen und Freunde haben mich immer begleitet und dazu getanzt, Seifenblasen geblasen und mitgesungen. Es war wie ein kleines Fest. Gelernt habe ich dabei, mich fallen zu lassen, nicht immer alles zu überdenken und nicht alles persönlich zu nehmen. Schlussendlich geht es nur darum, Spaß zu haben!

Du kommst ursprünglich aus Südtirol. Wie kann man sich die dortige Indie- und Alternative-Szene vorstellen?

helianth: Die Szene in Südtirol ist recht überschaubar. Man kennt sich untereinander und versucht sich immer, zu unterstützen – es fühlt sich eher an wie eine große Familie. Es ist allerdings wirklich schwer, aus unserem kleinen Land rauszukommen, was vielleicht auch auf die komplizierte Geschichte Südtirols zurückzuführen ist. Da hat man – meiner persönlichen Erfahrung nach – in Österreich viel mehr Möglichkeiten, seine Kunst auszuleben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Clemens Engert

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