Bild Rainer Krispel
Rainer Krispel (c) Mario Lang

„Das lässige Leben ist Arbeit, auch Musikarbeit“– RAINER KRISPEL über sein Buch „Musikarbeiter unterwegs“ im mica-Interview

RAINER KRISPEL ist Musiker und Musikarbeiter. Als solcher hat er nicht nur lange das CHELSEA programmiert und Acts sowie VeranstalterInnen mit seinen Texten und organisatorischen Fähigkeiten unterstützt, er fand auch Zeit für eine regelmäßige Kolumne in der Straßenzeitung AUGUSTIN. Nun ist ein Buch erschienen, das eine Auswahl dieser Texte präsentiert. Titel: „Musikarbeiter unterwegs“. Thema: gute Musik aus Österreich, von ATTWENGER bis WANDA, von BLIND PETITION bis TRUDE MALLY. Prädikat: wichtig. Wer etwas über Musik in diesem Land, den Pop, Rock und Underground wissen will, sollte es gelesen haben. RAINER KRISPEL sprach mit Markus Deisenberger über kulturelle Nicht-Begriffe, die Dynamik der Wiener Szene und die derzeitige Irritation, die nahe bei der Wehmut wohnt.

„Musikarbeiter unterwegs“ heißt das Buch, das du gemeinsam mit Mario Lang veröffentlich hast. Deine Tätigkeit als Musikjournalist hast du immer schon als „Musikarbeit“ bezeichnet. Warum die Betonung der Arbeit? Sollte Musik nicht in erster Linie Vergnügen und nicht Arbeit sein?

Rainer Krispel: Ich glaube, dass es darum geht, im nicht kapitalistischen Sinn Arbeit umzuwerten. Und die Entstehungsgeschichte passierte ja sehr aus dem Moment heraus. Das hatte viel mit der Sendung „Autofahrer unterwegs“ zu tun. Das war wie ein Reflex. Als Robert Sommer vom Augustin mich anrief und diese Artikelserie initiierte, war der Titel sofort klar: „Musikarbeiter unterwegs“. Definiert wurde es erst später. Ich finde den Begriff sehr schön, auch wegen der Musikarbeiterkapelle, die es ja gibt. Ich liebe das Künstlersubjekt, aber diese Verzärtelung, die sich auch kulturpolitisch manifestiert hat, wo man Musikerinnen und Musiker sowie Kreative für halbgare Wesen hält, die realpolitisch nichts checken – das hat man ja gerade in einer Pressekonferenz miterleben dürfen –, nervt enorm. Deshalb finde ich den Begriff des Musikarbeiters auch im Sinne einer sich organisierenden Musikarbeiterschaft sehr tauglich, und er impliziert die Auseinandersetzung mit der Musik, die durchaus Arbeit ist.

Bild Attwenger & Rainer Krispel
Attwenger & Rainer Krispel (c) Mario Lang

Welche Pressekonferenz der vielen meinst du? 

Rainer Krispel: Die des Vizekanzlers und der Kulturstaatssekretärin. Die hat das Bild vermittelt, es gäbe Musikerinnen und Musiker, die am Balkon singen einerseits und die Festivals in Bregenz und Salzburg andererseits. Es ist irre, was da für kulturelle Nicht-Begriffe auftauchen. Wir sind doch nicht die Tanzbären der Nation, wir als Musikerinnen und Musiker sowie Kreative. Dass das ausgerechnet Die Grünen mittragen, ist besorgniserregend. Ich schicke ihnen ja auch gerne dieses Buch, damit sie mal nachlesen können, wie viel es wirklich gibt. Ich stehe auch gerne für ein Gespräch zur Verfügung und erzähle ihnen, was es alles gibt in diesem Land.

„Respekt und Auseinandersetzung verdienen im Grunde genommen alle, die Musik machen.“

Im Buch finden sich übliche Verdächtige wie Attwenger und Valina, aber auch einige Überraschungen wie Wanda, Trude Mally und Blind Petition. Nach welchen Gesichtspunkten hast du die Interviewpartnerinnen und -partner ausgewählt?

Rainer Krispel: Die Situationisten haben die künstlerische Strategie des „Dérive“, des Sichtreibenlassens, erfunden. Genauso halte ich es auch. Ich lasse mich treiben. Aber auch durch meine soziale Verankerung und die Verwachsenheit meines Lebens mit Musik kommen oft Ideen oder Vorschläge von Freundinnen und Freunden, die selbst Musik machen und/oder für Promotion-Firmen arbeiten. Im Zweifelsfall gebe ich diesen Ideen nach. Im Fall von Wanda fand ich die erste Platte von der Energie her super. Mario, der die Fotos macht, hat mit ihnen ein Radio-Interview gemacht, und dann haben wir das einfach kombiniert. Ich habe den Marco Wanda und die anderen beiden, die dann noch aufgetaucht sind, als sehr angenehme und tolle Menschen erlebt. Das war ein sehr lustiger Nachmittag. Ich finde Wanda grundsätzlich spannend. Es ist vielleicht nicht die Musik, die ich mir jeden Tag anhöre, aber gerade das vorletzte Album habe ich auch künstlerisch sehr interessant gefunden. Das erreicht mich – es mag auch meiner Gitarren-Prägung geschuldet sein – mehr als Bilderbuch. Die Trude Mally wiederum hat eine CD beim Hans Peter Falkner [Fischrecords; Anm.] gemacht. Und da ich durch meine Arbeit für Friedl Preisl doch immer wieder an das Wienerlied anstoße, habe ich mir gedacht, dass das passt. Aber auch Blind Petition gehören für mich einfach dazu. Ich finde es ja erstaunlich, dass ich durch meine Punk-Prägung und meine Arbeit im Bereich der Musik und Kultur so viele vermeintlich unterschiedliche Welten sehe und oft merke, dass das so separiert ist. Mit wachsendem Alter verstehe ich das immer weniger. Dass alles in Österreich in Kasten und Boxen gesteckt wird. Auch beim Akkordeonfestival habe ich manchmal das Gefühl, dass dort Menschen ausführlich und ausschließlich ihren Musikkonsum verrichten. Die gehen zu diesen Geschichten, und das war’s dann. Mir ist das unbegreiflich, warum manche Dinge wenig wahrgenommen werden, und insofern leiste ich mir das dann auch. Im Booking ist es ja auch so: Da setzt man manchmal auf die sichere Bank, manchmal aber riskiert man auch etwas, veranstaltetet etwas, wo vielleicht nicht so viele kommen, was man aber inhaltlich superspannend findet. Und: Respekt und Auseinandersetzung verdienen im Grunde genommen alle, die Musik machen.

Bild Blind Petition & Rainer Krispel
Blind Petition & Rainer Krispel (c) Mario Lang

„Musik, die ein bisschen mehr sein will als Musik, […] hat mich immer schon interessiert.“

Inwiefern war eine gewisse Widerständigkeit ein Auswahlkriterium? Über Attwenger etwa schreibst du: „Sie hätten auch Deutschland, Österreich und die Schweiz flächendeckend betouren, abcashen und dann in Alpenrock-Fernsehdokus die stumpf gewordenen Künstleregos pflegen können.“ Ein schöner Satz. Haben sie eben nicht getan, und dieser Gegenentwurf, den sie leben, scheint dir zu gefallen, oder? 

Rainer Krispel: Ich denke schon, dass mich Sachen mehr erreichen, die, wie du sagst, ein gewisses widerständiges oder sehr aktiv reflektierendes Potenzial in ihrer Musik haben. Mich interessiert Musik, die künstlerische, inhaltliche und vielleicht auch formelle Reibung am Status quo erzeugt, schon mehr als eine Musik, die behübscht oder nur noch selbstreferenziell ist. Ich kenne Markus Binder und Hans Peter Falkner gut. Ich weiß, dass Markus Binder jemand ist, der immer danach sucht, dass ein Lied, eine Platte etwas ist, was er so noch nicht gemacht hat. Das finde ich einmal grundsätzlich spannend. So wie ein Ernst Molden, der mir sehr nahe ist, auch immer wieder in seinen Mikrowelten für die jeweiligen Konstellationen ganz andere Songs schreibt. So etwas erreicht mich. Schon allein durch meine Punk- und Hardcore-Sozialisation ist es so, dass mich Musik erreicht, die einen Bahöl macht. Musik, die ein bisschen mehr sein will als Musik, die Kunst mittransportiert, die über die Tellerränder hinausblickt und die uns auch gesellschaftlich etwas sagen will, hat mich immer schon interessiert. Und was in letzter Zeit immer wichtiger ist, dass es immer selbstverständlicher wird, dass Frauen künstlerisch souveräne Musik machen. Aus Girl-Camps kommend, aus dem DIY- oder Queer-Bereich. Frauen bekommen immer mehr an Gewicht und es entsteht immer mehr weibliche Musik mit wirklich großem künstlerischen Gewicht. Das ist etwas, was ich sehr parteiisch verfolge und begleite.

Bild Ronnie Urini
Ronnie Urini (c) Mario Lang

Über einen Satz bin ich gestolpert: „Ist Wolfgang Ambros der Großglockner einer fiktiven österreichischen Popgeschichtsschreibung, so ist Ronnie Urini ihr Mount Everest.“ Ein Satz, den man erst einmal verdauen muss. Wie ernst meinst du das? 

Rainer Krispel: In mir schlummert ja immer noch der große Roman über Wolfgang Ambros. Aber natürlich geht hie und da schon auch die Formulierlust mit mir durch. Wenn man sich die wirkliche Relation der Wichtigkeit des Werks und der Person ansieht, ist der Sager schon der Lust auf Provokation geschuldet, was in der Popschreibe durchaus Tradition hat. Aus meinem persönlichen Musikverständnis heraus allerdings ist der Ronnie Urini, weil er so viel probiert, weil er nicht diesen sozialen Realismus pflegt, den man bei Ambros orten könnte, vielleicht wirklich wichtiger. So stimmt es dann doch wieder. Man muss es nicht wörtlich nehmen, aber der frühe Ambros war schon gut. Ich finde ja, man tut ihm heute Unrecht. Ambros ist zu wenig geschätzt. Natürlich hat er dann auch schlechte Platten gemacht, aber wer hat das nicht?

Ein Ambros-Roman?

Rainer Krispel: Als Person oder fiktionalisierte Person wäre der Ambros schon hochinteressant. Die Vorstellung einer Pop-Ikone, die später dann gebrochen ist oder sich selber bricht. Das ist österreichische Geschichte. Das wäre aber nur machbar, wenn er mit mir sprechen würde. Da müsste er aufmachen.

Mit dem Buch geht es dir auch darum, die Dynamik einer vitalen Wiener Musikszene abzubilden, in geballter Ladung zu zeigen, was es alles gibt. Wie dynamisch ist die Szene wirklich, wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert? 

Rainer Krispel: Das kann ich sehr stark an meiner Biografie festmachen, weil ich ja auch lange im Chelsea gebucht habe. Als ich nach Wien kam, etwa 1995, waren wir bei vier bis fünf Konzerten im Monat. Mein Bruder David, der seit längerer Zeit das Booking macht, und der immer noch unermüdliche Othmar sind mittlerweile bei zwanzig, fünfundzwanzig Konzerten angelangt. Das bildet die Dynamik sehr gut ab. Natürlich sind das nicht nur hiesige Bands, und auf alten Konzertauflistungen, die ich mir immer wieder gerne ansehe, sieht man gut, dass man viel auch wieder vergisst. Es hat schon immer ein bisschen etwas gegeben. Aber man sieht auch, dass es in den letzten zehn Jahren massiv mehr geworden ist, dass das vernehmbar ist, dass die Produktionsmittel auch zugänglicher geworden sind, zumindest theoretisch. Und dass es einen Resonanzraum bei Publikum sowie Veranstalterinnen und Veranstaltern hat, mehr noch, als es das früher hatte. Andererseits ist es auch so: Ich erinnere mich mit Freude, dass meine Bands Seven Sioux und Target Of Demand in Österreich oft spielen konnten, ohne dass das solch eine Keilerei war, wie es das heute der Fall ist.

„Durch das Corona-Virus und die damit verbundene Krise wird sichtbar, wie sehr das in keiner Form durchdacht ist, wie der Markt genau gar nichts reguliert.“

Was meinst du mit „Keilerei“? 

Rainer Krispel: Heute musst du dich acht Monate vorher im Wettbewerb mit einer hochprofessionellen Agentur um einen Spielplatz kümmern. Von der kreativen und künstlerischen Qualität darf man von einer Potenzierung sprechen. Die Rahmenbedingungen sind deshalb aber nicht unbedingt besser geworden. Durch das Corona-Virus und die damit verbundene Krise wird sichtbar, wie sehr das in keiner Form durchdacht ist, wie der Markt genau gar nichts reguliert. In Wirklichkeit ist es eine Keilerei und es besteht in allen Bereichen Diskussions- und Handlungsbedarf. Dass Musikerinnen und Musiker keine Interessenvertretung haben, die wirklich aus Musikerinnen und Musikern besteht, ist wahrscheinlich das größte Manko.

Du schreibst, die Interviews seien alle Begegnungen auf Augenhöhe. Was muss man berücksichtigen, um diese Augenhöhe herzustellen? Und wie verträgt sich das mit dem Fandom, dass du an anderer Stelle betonst, der grenzenlosen Liebe und Begeisterungsfähigkeit, denn es gelte „zu entdecken, wie fordernd und rastlos ich einen anderen Menschen nehmen kann, weil dieser das voller Vertrauen zulässt“. Verträgt sich das denn mit dem Begegnen auf gleicher Höhe? 

Rainer Krispel: Das ist vermeintlich widersprüchlich, da stimme ich dir zu. Im Punk- und Hardcore-Universum, in dem ich geerdet bin, ist aber jede und jeder ein Star. Das habe ich, als ich jüngst mit meiner Band Target Of Demand am Brexit-Wochenende in England gespielt habe, wieder eindrucksvoll erlebt. Selbst als Fan also bin ich ein Star und sitze dem Star gegenüber. Dann sind wir wieder auf Augenhöhe. Insofern kann ich diesen vermeintlichen Widerspruch aus dieser Haltung heraus aushebeln. Und: Die Selbstverständlichkeit, über Musik zu sprechen, nimmt zu. Musikerinnen und Musiker lernen auch diesen Teil des Spiels immer mehr. Das hat sich verändert. Früher war das seltener, sich zu verbalisieren. Das Bewusstsein dafür zu haben, welche Position man einnimmt. Weil wir vorhin über Wanda geredet haben: Der Marco kann das wirklich gut. Sich als Popstar zu generieren konnte der schon, bevor sie so viele Platten verkauften. 

Bild Szene Wien Team & Rainer Krispel
Szene Wien Team & Rainer Krispel (c) Mario Lang

An anderer Stelle schreibst du aber: „Wo der britische Musiker vor seinem Instrument die Selbstdarstellung in Interviews lernt, ist es für den heimischen Musikschaffenden die Ausnahme, über sein Tun in ganzen Sätzen Auskunft zu geben.“ Ist Marco Wanda also die Ausnahme oder beobachtest du, dass es an Professionalität, was die Selbstdarstellung anbelangt, allgemein zugenommen hat? 

Rainer Krispel: Prozesse sind nicht so eindeutig. Aber das, was wir hier machen, sprachlich darüber zu reflektieren, was Musik ist und kann, mit Begeisterung und Genauigkeit, ist im Verschwinden begriffen. Plötzlich sind wie auf TripAdvisor alle Kritikerinnen und Kritiker. Als Punk finde ich das grundsätzlich ja gut. Aber die Frage ist: Aus welcher Position sprechen die Menschen? Ist es gleichwertig, wenn jemand über das erste Album, das er in seinem Leben hört, schreibt, oder wenn jemand darüber schreibt, der sich dreißig Jahre lang intensiv mit Musik befasst hat und sich in einer konstruktiv gemeinten Kritik äußert? Wenn wir Augen und Ohren dafür verlieren, dass das ein massiver Unterschied ist, bewegen wir uns in die Sprachlosigkeit. Man braucht sich nur Pressetexte durchzulesen: Schwurbelsätze und selbstreferenzielle Systeme allerorten. Nichtssagendes, das keinen interessiert. Das Wer, Wo, Was und Warum scheint niemand mehr gelernt zu haben.

Bild Mira Lu Kovacs
Mira Lu Kovacs (c) Mario Lang

Aber selbst ein alter Hase wie du wird auch mal geschulmeistert, weil es Medienprofis – und das meine ich jetzt ganz unironisch – wie Austrofred gibt, der deine Frage nach der faktischen Wahrheit mit einem lakonischen und zugleich gewitzten „Wichtig ist, es könnte so sein“ kontert. Aber du hast es mit Humor genommen, oder? 

Rainer Krispel: Absolut. Das ist ja auch Grundlage meiner Weltsicht. Henry Miller, den ich sehr verehre, hat immer gesagt: „Print the legend.“ In einer Biografie hat er immer, wenn er Einblicke gewährte und der Biograf in ihn drang, unterbrochen und gemeint: „Ach, erfinden sie doch was.“ Insofern hat Austrofred als Titan natürlich recht.

Sind aber jetzt die Medienprofis Austrofred und Marco Wanda symptomatisch für den Umgang mit dem Selbstmarketing oder ist es doch eher Mira Lu Kovacs, die – bezogen auf die notwendige Rolle einer Moderatorin und Entertainerin – in einem der Interviews sagt: „Ich habe das Gefühl, ich sollte, ich will aber eigentlich nicht.“

Rainer Krispel [lacht]: Das Schöne ist doch, dass es das alles gibt. Gerade sie ist ein gutes Beispiel. Das Interview war in ihrer eigenen Geschichte früh. Ich habe später mit 5K HD etwas gemacht und gemerkt, dass sie im Prozess gewachsen ist. Die ist nicht nur künstlerisch gewachsen, sondern auch, was die Selbstdarstellung betrifft. Mira Lu hat ihre Position besetzt. Ich würde sagen: Alle drei von dir Genannten sind symptomatisch, und es gibt noch viele andere.

„Den jungen Häupl hätte ich mir bei The Clash vorstellen können.“

In erster Linie geht es in deinem Buch natürlich um Musik, aber ab und an bricht sich der Unmut über politische Umstände Bahn. Tourette oder einfach notwendige Verortung der Musik?

Rainer Krispel: Beides. Das hat natürlich einen persönlichen Hygiene-Effekt wie in den sozialen Medien. Andererseits denke ich mir immer wieder: „Nein, ich tu das nicht mehr, sondern suche mir Formen, wo ich verbindlich und politisch konstruktiv kommunizieren kann.“ Manchmal muss man aber dann doch. Es spricht daraus auch der Wunsch, dass ich mir Musik nur politisch denken kann. Ein Hip-Hop-Act [Kaputtnicks, Anm.] hat vor langer Zeit einmal einen Brief an den Bundeskanzler geschrieben, das fand ich sehr beeindruckend.
Und die Newton Neurotics sangen dereinst: „Kick out the Tories, the rulers of the land.“ Sätze dieser Klarheit finde ich nicht mehr. Mir ist rätselhaft, warum es kaum Kunst gibt, die die derzeitigen Inszenierungen zurückschleudert. Stattdessen singen wir „We are the world“. Aber es gibt auch Ausnahmen: Culk, deren Sängerin und Texterin mir eines der politischsten Interviews gab. Man muss schon ausdifferenzieren, aber grundsätzlich unterliegen wir alle immer wieder dieser Wohlbefindensvermutung. Bevor wir daran rühren, arrangieren wir uns lieber mit ihr. Ich bin ja auch freundlich und mag es, wenn wir miteinander auskommen, aber wenn ich auf die Bühne gehe, weiß ich doch noch gar nicht, ob ich das Publikum mag, und gebe dem Publikum auch das Recht, mich nicht zu mögen. Wenn wir ritualisiert nur noch alle leiwand sind – genau das passiert politisch und Die Grünen sind an dieser Feel-Good-Inszenierung, hinter der nichts ist, beteiligt – folgen daraus Elitenbildung und Wirklichkeitsverlust.
Aber das Land hat halt keine geistige demokratische Tradition. Wir sind von einem Kaiserreich der wenigen in den Weltkrieg und von dort in eine wackelige Demokratie gestrauchelt, die sich über alle Parteien hinweg an Deutschland orientiert hat, und von dort in eine gesellschaftliche Konstruktion, in der große Teile des geistigen Lebens, alles, was progressiv war, ermordet und vertrieben wurden. Dass bei einer Demokratie mit derart vermindertem Personal nichts rauskommen kann als das völlige geistige Elend, ist nur logisch. Wenn man sich anschaut, wie spät Kultur erst Raum greift …
Und: Es gibt keine einzige politische Partei in diesem Land mit einem glaubwürdigen – da nehme ich die Wiener Kulturstadträtin aus – kulturpolitischen Auftreten. Wo man den Eindruck hat: Das sind Menschen, die kennen sich aus. Ich gehe mein ganzes Leben auf Konzerte, habe dort aber erst einmal, bei Patti Smith nämlich, Politikerinnen und Politiker getroffen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass diese Systeme es nicht zulassen, weil Politikerinnen und Politiker achtzig Stunden die Woche arbeiten. Man müsste sich die Arbeitsbedingungen anschauen, und dann bräuchte es eine neue Ethik und Verantwortung. Die derzeitige Verantwortungs- und Ahnungslosigkeit ist ein Rezept für Desaster. Den jungen Häupl hätte ich mir bei The Clash übrigens durchaus vorstellen können.

Welche Rolle spielt der Ort? Macht es einen Unterschied, ob man sich in einem Wiener Beisl, im Proberaum oder im Café trifft? 

Cover "Musikarbeiter unterwegs"
Cover “Musikarbeiter unterwegs”

Rainer Krispel: Wir hatten alles. Wir waren in Proberäumen, Beisln, Cafés. Eigentlich sind mir wären keine Unterschiede aufgefallen. Vielleicht neigt der Proberaum dazu, dass es ein bisschen mehr um die Musik geht. Im Grunde genommen ist es ein soziologisches Schreiben, das ich pflege. Über Tonarten schreib ich ja eher peripher. Gute Frage, aber vom Gefühl her gibt es keinen Unterschied, den ich festmachen könnte.

Interessant finde ich auch, dass Wien eine sehr unterschiedliche Rolle in den Lebensläufen der Musikerinnen und Musiker spielt. Mal ist die Stadt ein Durchgangsort, wie bei Ian Fisher, mal ist man gestrandet, wie Scott McCloud, und weiß noch nicht, ob man bleiben wird, dann ist es einfach der Ort, in den man durch Geburt geworfen wurde und mit dem man klarkommen muss. Färbt das auf die Lebenssicht ab? 

Rainer Krispel: Ich glaube, die Hiesigen nehme es selbstverständlicher hin. Die, die in Bewegung sind, entwickeln einen anderen Blick drauf.

Einen positiveren oder negativeren?

Rainer Krispel: Einen genaueren. Ian Fisher zum Beispiel brachte Leute zusammen, die sich sonst nicht so begegnet wären. Mit seinem Durchgangsblick und dem Wissen, dass manche Dinge woanders hingehören, als sie momentan sind, hat der etwas angestoßen und mitbewegt. Das ist seit jeher aber auch die Geschichte von Wien. Du hattest immer die Communitys von Salzburgern, Linzern, Innsbruckern etc., die herkamen, weil es halt die einzige lebenswerte Großstadt ist, und die sich dann im Großstädtischen oder in ihrer Vermutung vom Großstädtischen selber zu verwirklichen, sich auszudrücken begannen und damit die Stadt in ihren Subkulturbereichen veränderten. Das ist ein wirklich dynamischer Prozess.
Die sogenannte Wiener Musik wird heute Leuten zugeschrieben, die gar keine Wienerinnen und Wiener sind. Martin Spengler [Martin Spengler & Die Foischn Wiener] und Voodoo Jürgens, der als Tullner zur Ikone der Wiener Musik werden konnte. Da ist Wien auf eine gewisse Art und Weise sehr großstädtisch. Aus der Schnittmenge ergeben sich spannende Dinge. 

Bleiben wir beim Ort. Es gibt dieses Video von Ernst Molden, wie er barfuß, die Gitarre geschultert, durch den mückenverseuchten Kritzendorfer Urwald pilgert. Das sich mir eingebrannt. Genau von diesem Shooting schreibst du im Buch. Aber wenn ein Ernst Molden nach Kritzendorf pilgert, macht er das nur teilweise zum Vergnügen, das hat schon einen tieferen Sinn. Genau dort gehört er hin, oder? 

Bild Ernst Molden & Rainer Krispel
Ernst Molden & Rainer Krispel (c) Mario Lang

Rainer Krispel: Ich finde: Die Musik gehört von jeher raus. Es muss viel mehr Open Air gespielt werden. Was oft als Behübschung passiert, muss selbstverständlich sein. Dass Musik dort, wo sie geschrieben wird, auch gespielt wird. Die „Walking Concerts“, die Oliver Stangl veranstaltet, machen Sinn. Musik ist etwas, was rausgeht. Warum wieder einkasteln? In ein CD-Schachterl, eine Vinyl-Hülle. Alles Vierecke. Das ist per se schon ein Widerspruch. Musik will doch raus. Musik will die Distanz zwischen zwei Menschen überwinden. Nichts ist doch schöner, als wenn dem Ernst Molden in Kritzendorf jemand beim Vorbeigehen begegnet, das Lied kurz mithört, das er singt, und es dann auf seinen eigenen Weg mitnimmt.

Bleiben wir bei Ernst Molden. Mit dem, sagst du, verbindet dich „eine Freundschaft, die über alles reden und schweigen kann“. Die Freundschaft zwischen Musiker und Musikarbeiter, sie ist also möglich?

Rainer Krispel: Absolut. Wir könnten tagelang über Musik reden. Er versteht oft besser als ich, was ich tue. Und ich höre seine Musik aufmerksam und bemerke schon die kleinsten Veränderungen. Das ist sehr spannend.

Wenn man die Texte aus alle den Jahren auswählt und editiert, packt einen da nicht auch manchmal Wehmut? Einige der Projekte existieren nicht mehr, nur wenige wie Attwenger und Clara Lucia sind lang geblieben. Manche haben sich in anderen Berufen verwirklicht, einige der Institutionen existieren nicht mehr, wie beispielweise die Szene Wien. Da hat sich bei mir persönlich Wehmut eingestellt, als ich auf den Fotos die alte Crew sah … 

Rainer Krispel: Wehmut ist ein fast zu schwacher Ausdruck. Gerade die Freundinnen und Freunde, die einstweilen gestorben sind – das fetzt einen regelrecht um.

Das wäre meine nächste Frage gewesen. Viele der Menschen, die du über die Jahre interviewt hast, leben nicht mehr. Ludwig Hirsch, Wilfried, aber auch Christoph Moser, Mike Glück und Huckey von Texta, also Menschen, zu denen du teilweise sehr persönliche Beziehungen pflegtest, sind gestorben. 

Rainer Krispel: In der Gesamtheit ist erstaunlich, wie viel noch da ist. Das ist tröstlich. Dass vieles Spuren hinterlassen hat. Aber die Verluste sind beträchtlich und schmerzen sehr. Die Artikelserie ist sehr nah an meiner eigenen Biografie. Man fängt an, Achsen zu sehen. Man begreift, wie sehr die etwa von dir angesprochene Szene – wie sie vor der feindlichen Übernahme war – fehlt. Es ist nichts von Dauer und das manifestiert sich.

Was bedeutet das für die Zukunft? 

Rainer Krispel: Der letzte Abend, an dem ich DJ war, beim Konzert der Supersuckers, war vielleicht der letzte Rock-’n‘-Roll-Abend für lange Zeit. Klingt arg, aber andererseits ist das auch ein Versprechen. Was immer die Energie ist, sie wird eine andere Form finden. Es irritiert uns, dass wir noch nicht wissen, was diese Form sein wird, und diese Irritation wohnt nah bei der Wehmut. Es gibt den Satz, der in Linz wichtig ist: „Es muss was geben.“ Das lässige Leben ist Arbeit, auch Musikarbeit, und es wird auch immer wieder Ausdrucksformen finden. Canetti hat einmal gesagt, wir müssten den Tod mit allem, was wir haben, bekämpfen. Alle, die sich mit dem Tod arrangieren, seien Verräterinnen und Verräter. Deshalb sollten wir am besten Charaktereigenschaften der von uns Gegangenen nachspielen, um uns länger an sie zu erinnern. Ich habe bei den Verstorbenen bewusst nicht die Nachrufe gewählt, sondern Artikel über ihre Musik, denn die ist noch immer da. Sie bleibt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Markus Deisenberger

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MUSIKARBEITER UNTERWEGS 2005 bis 2020
Rainer Krispel, Mario Lang
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