Bild Roman Britschgi
Bild (c) Roman Britschgi

„Das Klezmore-Festival hat an Beliebtheit gewonnen“ – ROMAN BRITSCHGI (KLEZMORE FESTIVAL) im mica-Interview

Das Festival KLEZMORE findet heuer zum 16. Mal in Wien statt: Vom 2. bis zum 24. November 2019 beschäftigt es sich mit einem erweiterten Klezmer-Begriff. Als Kurator und Musiker ist ROMAN BRITSCHGI seit einigen Jahren Teil des Festivals. Mit Jürgen Plank sprach er über das steigende Interesse an Klezmer und das umfangreiche Rahmenprogramm beim KLEZMORE 2019.

Du hast im Jahr 2017 selbst im Rahmen des KlezMORE Festival Vienna gespielt. Seit wann kennst das Festival?

Roman Britschgi: Das Festival kenne ich schon seit 2010 oder 2011, also seit fast zehn Jahren. Ich habe immer viel Klezmer-Musik gemacht und habe damals mit Kapelush am Festival gespielt. So habe ich Friedl Preisl kennengelernt. Seitdem sind wir in intensiverem Kontakt.

Wie hast du das Festival damals erlebt?

Roman Britschgi: Ich kann mich nicht erinnern, ob ich zuerst als Besucher dabei war oder als Musiker. Ich kann mich an mein erstes Konzert erinnern, das war großartig. Kapelush war ein Trio mit Maciej Golebiowski und Jörg Reissner. Wir haben damals den ganzen Sommer im Telegraphenamt mit Paulus Manker „Alma Mahler“ gespielt und waren ein super eingespieltes Trio, das sehr gut harmoniert hat. Beim KlezMORE haben wir dann im Anatomie-Theater im 3. Bezirk gespielt, im Vorlesungssaal. Der Raum war so gebaut, dass die Reaktion des Publikums durch die Akustik im Raum aufgeputscht wurde. Dadurch haben wir uns wahnsinnig gut gefühlt und haben auch mit dem Publikum gesungen, das war eine tolle Atmosphäre.

Seit einigen Jahren sprichst du beim Programm des KlezMORE mit und bist Kurator. Wie bist du in diese Rolle hineingewachsen?

Roman Britschgi: Als aktiver Musiker mische ich schon seit rund fünfzehn Jahren in der Wiener Szene mit. Es hat sich in den letzten Jahren so entwickelt, dass ich probiere, weniger selbst zu spielen und meine in den letzten Jahren gesammelte Erfahrung auch im Bereich Konzertorganisation einzusetzen. Das ist für mich eine passende Entwicklung, weil ich auch merke, dass viele ganz tolle junge Musikerinnen und Musiker nachkommen. Sie sollten auch die Möglichkeit bekommen zu spielen, so wie wir die früher hatten.

„Die Musik wird dann von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet, immer mit Respekt gegenüber der Tradition“ 

Einer dieser jungen Musiker ist etwa Moritz Weiß aus Graz.

Roman Britschgi: Absolut, ja. Es gibt junge Nachwuchskünstlerinnen und -künstler, die etwas ehrgeiziger sind, darunter Moritz Weiß, der sich seinen Platz erspielt. Moritz und seine Leute leiten heuer auch die Sessions. Die habe ich in den letzten fünf Jahren geleitet, aber das habe ich an Moritz abgegeben, weil er eben sehr aktiv Kolleginnen und Kollegen von der Universität motiviert, Klezmer-Musik kennenzulernen. Die Musik wird dann von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet, immer mit Respekt gegenüber der Tradition. Es ist mir sehr wichtig, das zu betonen. Es ist auch das Ziel, dadurch die Klezmer-Musik wieder breiter zu fächern. 

Das ist ohnehin ein Ansatz des Festivals, das deshalb KlezMORE heißt, weil Traditionen eben weitergedacht werden. Wodurch ist das beim diesjährigen Festival gegeben?

Roman Britschgi: Es beginnt mit einem Klassiker, der aber genau dieses Thema beschreibt und irrsinnig gut auf den Punkt bringt, das sind The Klezmatics. Die haben schon vor Jahren diesen Spagat zwischen Tradition und neuen Arrangements gemacht. Damit sind sie seit etlichen Jahren erfolgreich in der ganzen Welt unterwegs. 

Ich würde auch meinen, dass das Festival volksbildnerische Ansätze hat, weil es neben der Musik auch Vorträge, Lesungen und Workshops gibt. Wie wichtig ist das?

Roman Britschgi: Das ist ganz wichtig. Ruth Schwarz gestaltet dieses Rahmenprogramm jedes Jahr sehr spannend, sie achtet darauf, dass es teilweise auch politische Diskussionen gibt. Der zweite Aspekt dazu ist das Stummfilmprogramm: Da gibt es jüdische Stummfilme, die live vertont werden. Das war früher im Keller im Tachles, jetzt sind wir damit im Kino am Spittelberg. 

Was war neu für dich in der Vorbereitung auf das heurige Festival im Kontext mit Klezmer?

Roman Britschgi: Ganz spannend ist, dass ich ein Projekt initiieren durfte, und zwar die Lungau Big Band mit Socalled [Joshua David Charles Dolgin; Anm.]. Da durfte ich auch mit dem Künstler zusammen das Programm erarbeiten, das heißt, dass ich gemeinsam mit Andi Pranzl  [Lungau Big Band; Anm.] die Arrangements für die Big Band erarbeite. Ich spreche mit Socalled über das Programm und koordiniere das mit der Big Band. Und dieses Projekt macht den großen Spagat zwischen der Tradition und dem Jetzt. Das wird eine Weltpremiere, so ein Programm hat es mit Socalled noch gar nicht gegeben.

Lungau Bigband (c) Kerekes Zoltan

Wie bist du auf den kanadischen jüdischen Rapper Socalled gekommen?

Roman Britschgi: Ich verfolge seine Arbeit schon seit Jahren und ich denke, dass er für dieses Experiment genau der Richtige ist, weil in seiner Arbeit diese enorme Offenheit da ist. Jedes seiner Projekte hat immer sehr viel Herz dabei und ist sehr liebevoll gemacht. Man sieht, wie viel Mühe er sich gibt und dass für ihn nicht in erster Linie das Geld im Fokus steht. Seine Vielseitigkeit überzeugt mich, er rappt und ist auch ein Zauberkünstler und hat eben am Hechtplatz in Zürich eine Art „Muppet Show“ produziert. Ich kann das auch nicht alles verfolgen, er ist sehr aktiv. Da muss ich Andi Pranzl noch einmal erwähnen, der ein toller Big-Band-Arrangeur ist: Andi Pranzl, Socalled und ich schreiben dieses Programm, das am 17. November im Porgy & Bess zu hören sein wird. Wir erwarten einen tollen Abend!

„Ich bin auf die Klezmer-Sessions gespannt“ 

Welche Abende werden noch toll?

Roman Britschgi: Ich bin sehr gespannt auf Mames Babegenush feat. Livestrings im Theater Akzent am 12. November. Und ich bin auf die Klezmer-Sessions gespannt. Da sind wir heuer im Vindobona, da gibt es wunderschöne Räumlichkeiten. Die Session findet nicht auf der Bühne, sondern im Publikumsbereich statt und dadurch werden auch die Leute animiert mitzumachen.

Was ist für dich ein weiteres Highlight beim KlezMORE 2019? 

Roman Britschgi: Spannend finde ich The Eve’s Women Band, das sind vier israelische Frauen, die spielen satten, guten Klezmer, und das als starke Frauengruppe. Von den vier Frauen ist eine streng gläubig und da gab es auch die Diskussion, dass sie am Sabbat nicht fliegen dürfen. Sie reisen daher einen Tag vorher an. Man muss auch in Bezug auf das Essen aufpassen, da unterstützt uns Ruth Schwarz immer gut, weil sie sich gut mit den orthodoxen Jüdinnen und Juden auskennt. Diese Grenzen zu sehen finde ich immer spannend. Die Orthodoxen sagen eigentlich, dass die Frauen nicht auf der Bühne sein dürfen, ein orthodoxer Jude muss auch den Raum verlassen, wenn eine Frau zu singen beginnt. Da gibt es ganz strenge Gesetze. Auf der anderen Seite gibt es eine Frauenband, die singt und spielt. Die Regel, dass sie nicht auf der Bühne spielen dürfen, wird aber aufgehoben. Es gibt immer wieder Möglichkeiten, wie Dinge doch gehen. Also: strong women power am zweiten Eröffnungsabend im Vindobona.

Was wünscht du dir für das Festival?

Roman Britschgi: Man hat in den letzten Jahren gesehen: Das KlezMORE Festival Vienna hat an Beliebtheit gewonnen. Die Qualität der Bands hat gewonnen und die Angebote sind auch breiter geworden. Die Klezmer-Musik erlebt in all ihren Facetten einen Boom, der aber nicht schnelllebig ist und nächstes Jahr schon wieder vorbei ist. Sondern das hat eine kontinuierliche Stärke.

Vielen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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KlezMORE Festival 2019
9.11.-24.11.2019

Das gesamte Programm des KlezMORE Festivals finden Sie unter www.klezmore-vienna.at

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