Bild Hearts Hearts
Hearts Hearts (c) David Meran

„Das ist der beste Beatles-Trick” – HEARTS HEARTS im mica-Interview

Das irgendwo zwischen Art-Rock und Indie-Pop angesiedelte Quartett HEARTS HEARTS gehört in Österreich zu den Bands der Stunde. Kurz nach dem Release des zweiten Albums „Goods / Gods“ (Tomlab) trafen sich DAVID ÖSTERLE, JOHANNES MANDORFER und PETER PAUL AUFREITER mit Sebastian J. Götzendorfer, um über Klöster und Pfarrheime, die künstlerische Freiheit bei Live-Umsetzungen und ihren neuen Sound zu sprechen. 

Sie haben vor Kurzem Ihr neues Album „Goods / Gods“ veröffentlicht. Jetzt gibt es dieses Klischee, dass sich Musikerinnen und Musiker ihr Album nach der Fertigstellung nie wieder anhören. Wie halten Sie es damit?

Johannes Mandorfer: Na ja, ich hörte es heute zum letzten Mal beim Üben im Proberaum [alle lachen].

David Österle: Ich habe es hingegen wirklich schon sehr lange nicht mehr gehört. Während der Entstehung eines Albums hat man wahnsinnig viel Lust auf die Songs, da haben sie noch etwas Magisches und diesen kreativen Reiz. Wenn die Lieder dann wirklich in ihrer endgültigen Form sind, dann ist das ganze Projekt auf irgendeine Art und Weise eben fertig. Dieser Reiz von vorher geht doch etwas verloren.

Johannes Mandorfer: Ja, die Lust liegt doch eher im Gestalten. Ich höre es auch fast nie, außer eben zu Übungszwecken.

David Österle: Gerade am Anfang macht es, finde ich, aber schon sehr viel Spaß, sich das endgültige Produkt anzuhören. Es ist extrem beglückend, wenn alle Songs vom Mastering kommen.

Weil jetzt von Endgültigkeit die Rede war: Bei Live-Auftritten leben Kompositionen und Songs auch noch einmal anders auf. Gibt es bei Ihnen relevante Unterschiede zwischen den Studioversionen und den Live-Darbietungen?

Peter Paul Aufreiter: Das ist von Song zu Song unterschiedlich. Unabhängig davon, dass eine Komposition bereits von der Live-Aufführung an sich lebt, schauen wir aber, bei welchen Songs sich was anbietet. Bei manchen ist es sehr schön, wenn sie nahe an der Studioversion sind, bei anderen gibt es mehr Freiraum.

David Österle: Gerade dann, wenn man die Lieder bei der ersten Tour nach einer Veröffentlichung live spielt, ist die Erwartungshaltung des Publikums auch nicht, dass sich die Songs ganz anders anhören. Ein halbes Jahr später ist aber bei uns auch ein anderes Gefühl da, man will bestimmte Übergänge mehr ausreizen oder man baut ein neues Element ein.

Johannes Mandorfer: Ich denke, man greift dann eher strukturell ein als in die Sounds an sich. Die bleiben schon nahe an dem, was wir auch auf den Alben verwenden.

In der Rolle als Anwalt der Fans: Zu diesem Thema gibt es bekanntlich unterschiedliche Positionen. Erstens: Der Song hat live genauso zu sein, wie man ihn auf dem Weg in die Arbeit schon hundertmal gehört hat. Zweitens: Es wird wertgeschätzt, wenn sich die Band auf der Bühne den kreativen Freiraum nimmt, Kompositionen abzuändern und ihr Können noch einmal anders zur Schau zu stellen.  

David Österle: Ja, das stimmt. 

Peter Paul Aufreiter: Bei unserem aktuellen Live-Set zum Beispiel, sind drei Songs von unserem ersten Album „Young“ und zwei davon leben sehr von starken Neuinterpretationen. Das ist eben bei älterem Material auch besser zu handhaben. Auch um dann für sich selbst – neben dem Publikum eben – einen neuen Anreiz zu schaffen.

David Österle: Da kann ich nur zustimmen, das ist auf jeden Fall auch eine Facette.

„Dieses Mal war es das alte Pfarrheim in Scheibbs.“ 

Weil jetzt schon das erste Album erwähnt wurde: Da gibt es doch diese Geschichte, dass die Songwriting-Sessions in einem Kloster bei Kremsmünster in Oberösterreich stattgefunden haben. Wie war der Herstellungsprozess beim neuen Album?

Peter Paul Aufreiter: Dieses Mal war es das alte Pfarrheim in Scheibbs [alle lachen].

Johannes Mandorfer: Da gibt es eine sehr aktive kleine Szene – in der wir auch Mitglieder sind –, die auch immer wieder Musikerinnen und Musiker einlädt. Und da waren wir eben zwei Wochen dort zum Songwriting.

Peter Paul Aufreiter: Um auf den Kern der Frage zu kommen: Das wichtigste ist eigentlich, etwas ab vom Schuss zu sein, viel Zeit am Stück zu haben und ansonsten keine Verpflichtungen. Da drinnen war es auch eiskalt: Man konnte nur musizieren, schlafen und dann wieder von vorne. Da passiert es auch automatisch, dass man nicht viel übers Schreiben an sich nachdenkt, sondern die Songs passieren einfach so.

Beeindruckend damals bei „Young“ war auch die sehr lange Vorlaufzeit von beinahe fünf Jahren bis zum Release des Albums. Diese Entschleunigung hat der Musik offensichtlich sehr gutgetan. Wie war das diesmal bei „Goods / Gods“?

David Österle: Die Herangehensweise war eine völlig unterschiedliche: Beim ersten Album wussten wir anfangs nicht genau, was eigentlich aus diesem Projekt wird. Dieses Mal war aber von vornherein klar, dass ein Album veröffentlicht werden soll. Der Wunsch, auf etwas Konkretes hinzuarbeiten, war bei „Goods / Gods“ viel größer – auch aufgrund der Rezeption des ersten Albums, dessen Airplay etc.

Johannes Mandorfer: Bei „Young“ wurde ganz einfach das Format „Album“ erst viel später besprochen.

Bezüglich der Stimmung der Musik scheint es so, als wäre „Goods / Gods“ etwas aufgeweckter und energetischer, wohingegen „Young“ beinahe ausschließlich sehr melancholisch war.  

David Österle: Da würde ich auf jeden Fall zustimmen. Ich denke, das hat auf jeden Fall viel mit der Live-Umsetzung zu tun. Es gab den Wunsch, Songs zu performen, die ein bisschen mehr Gas geben, leichtfälliger sind und ab und an das Publikum vielleicht auch zum Tanzen zu motivieren.

Peter Paul Aufreiter: Wir wollten die Grundstimmung öffnen und mehr Vielfalt schaffen. Bei manchen Songs gab es tatsächlich Diskussionen, ob das jetzt für Hearts Hearts überhaupt noch passt. Das ist ohnehin interessant: Dass wir uns etwas aus dem Fenster lehnen, kommt beim Publikum zu ungefähr zehn Prozent an, bei uns selbst aber viel stärker.

Johannes Mandorfer: Genau, da ist die Fremdwahrnehmung wirklich eine ganz andere als die eigene. Obwohl wir uns selbst manchmal nicht mehr sicher sind, gesagt wird uns im Endeffekt immer: „Das geht sich gut aus.“

Peter Paul Aufreiter: Beispielsweise ist „Present / Tense“, der letzte Song des Albums, sehr schnörkellos, das ist eigentlich ein geradliniger Indie-Song. Auf „Young“ war hingegen noch in jedem einzelnen Song ein ungerader Rhythmus.

Das ist wirklich auffällig. Ist es auch Absicht, dass der Song so abrupt aufhört, als ob ein Kratzer auf der Platte wäre?

David Österle: Ja klar, das ist der Beatles-Trick [lacht].

„Es ist uns ein Anliegen, dass eine Komposition auch zehnmaligem Anhören standhält.“

„Neben Herz mit viel Köpfchen“ wurde mal in einer früheren mica-Rezension geschrieben. Das sollte auf die eben angesprochenen ungeraden Rhythmen und die vielen Details der Songs anspielen. Wie kommt es zu dieser Ausrichtung?

Peter Paul Aufreiter: Das ist ganz einfach die Musik, die wir machen wollen. Es ist uns ein Anliegen, dass eine Komposition auch zehnmaligem Anhören standhält. Durch solche Dinge bekommen die Songs eine gewisse Tiefe.

Johannes Mandorfer: Es ist auch für uns selbst wichtig, dass wir die Songs auf die lange Frist spannend finden und wir uns da einem long-term commitment hingeben können. Natürlich entsteht dieser Hang zur Komplexität auch durch das Zusammenwürfeln von vier Menschen, die doch sehr unterschiedliche Charaktere sind.

Peter Paul Aufreiter: Oft werden auch Dinge als schwierig oder kompliziert interpretiert, bei denen wir uns selbst gar nicht so viel dabei denken.

David Österle: Für mich kommen diese Kommentare zur Kompliziertheit auch oft eher überraschend.

Bild Hearts Hearts
Hearts Hearts (c) David Meran

Neben der Komplexität der Songs war das auch hinsichtlich der Sounddichte und der Detailverliebtheit gemeint. Da gibt es wiederum zu „Young“ die Geschichte, dass Sie, Peter Paul Aufreiter, ursprünglich der Produzent der Band waren – und plötzlich waren Sie Bandmitglied.  

Peter Paul Aufreiter: Wir kannten uns schon länger persönlich. Und dann gab es ursprünglich die Idee, gemeinsam schöne Demos aufzunehmen, und dann bin ich da plötzlich reingewachsen. Ab einem gewissen Zeitpunkt war ich auch bei den Proben, bei denen nicht gerade Demos aufgenommen wurden, und dann ist das plötzlich verschwommen.

Johannes Mandorfer: Peter Paul war in manchen Dingen schneller in der Umsetzung als wir, beispielsweise in der Handhabung der Elektronik. Dann wollten wir ihn ganz einfach nicht mehr gehen lassen [lacht].

Wie schlägt es sich in der Entstehung eines Albums nieder, wenn jemand, der die Fähigkeiten eines Produzenten vorzuweisen hat, dann plötzlich ein integraler Bestandteil einer Band ist?

David Österle: Die Songs von „Young“ damals wurden dadurch auf jeden Fall noch viel verspielter und elektronischer. Manche Songs, die davor eher ein Singer-Songwriter-Gewand hatten, hörten sich danach vollkommen anders an.

Sie werden mittlerweile regelmäßig von den gängigen Radiosendern gespielt, im Ausland rezipiert und auch „Goods / Gods“ wird bisher gut aufgenommen. Das wirkt alles sehr vielversprechend. Wie viele Hoffnungen macht man sich in einer solchen Situation, irgendwann von seiner Musik leben zu können?  

Peter Paul Aufreiter: Das ist eigentlich ein Plan, nicht nur eine Hoffnung. Seit Anfang des Jahres versuchen wir beispielsweise, diesen Plan durch das Engagement eines Managements voranzutreiben.

Johannes Mandorfer: Aufgrund einer gewissen Professionalisierung hofft man, dass es sich irgendwann ausgeht. Es versteht sich von selbst, dass das auf lange Frist gemeint ist, so realistisch sind wir schon.

Peter Paul Aufreiter: Reden wir in zwanzig Jahren bei einem weiteren Interview darüber!

Sehr gern und herzlichen Dank für das Gespräch!

Sebastian Götzendorfer

HEARTS HEARTS live:
01. Juni 2018: FM4-Bühne, Linz (AT)
13. Juli 2018: Rock im Dorf, Schlierbach (AT)

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