Peter Jakober (c) Franz Reiterer
Peter Jakober (c) Franz Reiterer

„Das Ganze beginnt dann akustisch so zu eiern …“ – PETER JAKOBER im mica-Interview

Die Idee zum Eröffnungsstück der MUSIKTHEATERTAGE WIEN 2019 ist bei einer Besprechung für ein neues Musiktheaterstück entstanden. Der Gedanke an eine Art Klanginstallation im WUK, die das Thema Zivilisation aufgreifen soll, bekam Raum. Und dann kristallisierten sich Details immer mehr heraus, beispielsweise Dunkelheit bei der Aufführung. Die Sängerinnen und Sänger konnten also keine Noten lesen und einander nicht sehen. Sylvia Wendrock sprach mit PETER JAKOBER über die Kombination von technischer Präzession mit menschlicher Ungenauigkeit, Emanzipation und Akustmatik.

Wie nähert sich dein Stück „Sound Cloud I.“ den beiden Begriffen Mythos und Zivilisation?

Peter Jakober: Ich bin gerade auf der Suche nach Textvorlagen zum Thema, aber mehr noch wirkt bei diesem Vokalstück die Masse an Menschen, die daran mitwirkt: Ein Großteil des Innenhofes wird beschallt, circa 50 Sängerinnen und Sänger singen in Duos aus den Fenstern des WUK. Ich arbeite also mit der Wirkung einer solchen Menschenmasse auf der einen Seite und mit der Tempopolyphonie auf der anderen Seite. Vor ein paar Jahren gab es schon ein Stück mit drei Chören und zwölf Subdirigenten von mir. Alle Sängerinnen und Sänger sind verkabelt und tragen einen MP3-Player, den sie auf einen Punkt einschalten. Er spielt ihnen Tonhöhen, Tempo usw. zu. Diese Verkabelung, dieses technisch Genaue und gleichzeitig das menschlich Ungenaue, das Nichtschaffen sind schon seit Langem wesentliche Punkte in meiner Musik und betreffen auch den Begriff Zivilisation.

"Sound Cloud I" von Peter Jakober, WUK (c) Joe Albrecht
“Sound Cloud I” von Peter Jakober, WUK (c) Joe Albrecht

Die Tempoverschiebung erzeugt eine sehr dichte Atmosphäre, die die Hörerinnen und Hörer zu sich nach innen bringt.

Peter Jakober: Die Aufhebung eines Grundschlags erzeugt eine Loslösung von oder mit sich selbst, das wäre aber auch bei Instrumentalstücken so. Wie mein Lehrer [Georg Friedrich, Anm.] Haas, der Mikrotonalexperte, so schön in einem Aufsatz beschrieben hat: „Wieso klingt die C-Dur-Tonleiter so voll? Weil sie halt zu einer Obertonreihe so schön verstimmt ist.“ Und bei mir geht es in einer anderen Richtung, eben den Polytempi, auch um diesen Punkt: Man versucht, exakt zu sein, aber durch den Einschwingvorgang von Instrumenten zum Beispiel entsteht immer eine Ungenauigkeit. Die versuchte Annäherung an Perfektion, also das maschinelle Denken versus der Mensch, der daran immer wieder scheitert, aber dadurch auch eine Kraft hat. Bei „Sound Cloud I.“ bekommt dieser grundlegende Aspekt noch einmal eine besondere Qualität, weil die Stimme so nah am Körper ist.

Was wird musikalisch bei „Sound Cloud I.“ passieren?

Peter Jakober: Bei diesem Stück gibt es dieses Mal einen großen Graubereich. Ich kann alles simulieren, man wird dann 50 Tempi übereinandergelagert hören, was eine riesige Sound-Cloud erzeugt. Zusätzlich kommt hinzu, dass MP3-Player unterschiedliche Abspielgeschwindigkeiten haben. Selbst bei der gleichen Marke entsteht schon allein dadurch wieder eine kleine Phasenverschiebung. Klanglich gesehen wird das für mich eine riesige Freude, 50 Menschen teilweise sprechen, teilweise singen zu hören: syllabisch, im Tempo und phasenverschoben. Dieser Gegensatz wird so sehr stark erfahrbar werden, glaube ich.

„Da ist eine Emanzipation des Menschen spürbar.“

Bringst du durch das Aufzeigen der fehlenden Perfektion, der der Mensch vermeintlich anhängt, die Menschlichkeit in den Klang?

Peter Jakober: Ja. Wobei das Menschliche im Klang ja immer da ist, wenn ein Mensch einen Klang spielt. Ich bin sehr beeindruckt von [Joep van; Anm.] Lieshout, an den ich immer denken muss, wenn es um dieses Bildliche im Werk geht: am Kabel hängen auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Mensch, der da singt und diese Klanglichkeit erzeugt. Da ist eine Emanzipation des Menschen spürbar. So auch bei Lieshout: Dessen begehbare Skulpturen setzen den Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt, auch wenn es bei ihm eher etwas Bedrohliches hat. Da gibt es Skulpturen, in denen der Mensch agiert, ohne dass man den Menschen darin sieht, man denkt es sich nur. Jeder macht dort seine „Arbeit“, wird zu einem Teil einer Maschine. Oft führen Schläuche oder Kabel von Positionen weg, an der der mögliche Mensch agiert.

Welche Rollen nehmen die Prinzipien Cluster und Mikrotonalität in deinen Werken ein?

Peter Jakober im Wiener WUK, Musiktheatertage Wien (c) Joe Albrecht
Peter Jakober im Wiener WUK, Musiktheatertage Wien (c) Joe Albrecht

Peter Jakober: Es gibt doch von Stockhausen diesen bekannten Text „Wie die Zeit vergeht“, wo er Tondauern mit Tonhöhen in Verbindung setzt. Eine Oktave von 2:1 ist im Tempo Viertel 120 zu Viertel 60, eine Pulsation ist anfangs ein Puls und wird schnell abgspielt zu einer Tonhöhe. Ich hab das auch mit diesen Tempoüberlagerungen versucht, indem ich chromatische Temposchritte mit dem Faktor der zwölften Wurzel aus zwei übereinandergelagert habe. Das Ergebnis klang extrem fad, obwohl der Text von Stockhausen großartig ist. Wesentlich lieber nehme ich Primzahlen als Grundverhältnis für die Tempoüberlagerungen. So haben sie nichts mit chromatischen oder mikrotonalen Verhältnissen zu tun. Für die Erzeugung von Primzahlen gibt es ja keine Formeln, es steckt also schon in deren Mathematik eine Ungenauigkeit drin. Mikrotonalität beziehe ich nur auf die Tonhöhenkonstellation. Schwebungen, die durch mikrotonale Intervalle entstehen, erzeugen auch Pulsationen, da entsteht eine Entsprechung. Sie ist für mich eigentlich immer da. Man spricht davon, sobald man weniger als einen Halbtonschritt macht, was mich klanglich einfach fasziniert.

„Ich frage mich aber schon: Was hat das Instrument, was hat es für Vorzüge, was kann ich damit anfangen?“

Was reizt dich, für so besondere Instrumentenkonstellationen zu schreiben?

Peter Jakober: Hauptsächlich ergibt sich das über Aufträge. Mein erstes Auftragswerk war für ein Gitarrenquartett beim musikprotokoll, was sich sehr gut für meine Tempogeschichten eignete, weil Gitarren sehr kurze Attack-Zeiten haben und dann schnell ausklingen. Oft bekomme ich Anfragen auch, weil es um das zeitgenössische Repertoire für Cembalo und Zither zum Beispiel sehr dürftig bestellt ist. Bei dem Stück für Cembalo [„dringen“, Anm.] ist es fast schon parodistisch, dass es teilweise nicht nur für eines, sondern gleich für 40 Cembali steht. Ich frage mich aber schon: Was hat das Instrument, was hat es für Vorzüge, was kann ich damit anfangen? Auch das Cembalo hat ja diesen kurzen Attack … In dem Cembalostück spielt sie beispielsweise sehr schnell immer einen Akkord mit oder gegen eine Aufnahme desselben Akkords in anderem Tempo, was sehr schwierig für sie ist. Das Ganze beginnt dann akustisch so zu eiern, was für mich ziemlich toll klingt und natürlich auch etwas Lustiges ist.

Peter Jakober (c) Franz Reiterer
Peter Jakober (c) Franz Reiterer

Deine Oper „Populus“ hat den Johann-Joseph-Fux-Opernkompositionswettbewerb gewonnen und wird 2020 beim musikprotokoll in Graz aufgeführt. Was willst du „dem Volk“ sagen?

Peter Jakober: Ich wollte zum Thema Populismus arbeiten, aber nicht mit dem Zeigefinger, das hat eh keinen Sinn. Alle, die zu dieser Oper kommen, gehören wohl eh nicht zu dieser Klientel, die offensichtlich populistische Parteien wählt. Und genau deswegen soll die Oper nicht fassbar sein, was gar nicht so leicht ist und mich ziemlich in Verzug gebracht hat. Es gibt keine Guckkastenbühne, sondern das Publikum kann rundum gehen. Gesprochen werden Texte von Ferdinand Schmatz, dessen Texte sich teilweise auf politische Parteiprogramme beziehen. Es soll nie fassbar sein, was da eigentlich überhaupt los ist. Ein Zirkus mit dem Populismus, mit dem Thema Volk. Durch seinen „Freigang“ ist die Zuhörerin bzw. der Zuhörer automatisch ein Teil des Stücks, des ganzen Volks, das (sich) da aufführt.

Welche Klang- beziehungsweise Kompositionsprinzipien waren dir dafür dienlich?

Peter Jakober: Neuerdings interessiere ich mich sehr für Akusmatik; Klangerzeuger und Klang werden hier nicht gleichzeitig wahrgenommen. Als Hitchcock-Fan weiß ich zum Beispiel von der Mutter in „Psycho“, die man nie sieht, sondern immer nur hört, dass Ursache und Wirkung voneinander getrennt werden. Das erzeugt eine Art von Entfremdung. Passend zum Thema Populismus: Die Ursache weiß man nicht mehr, aber man spürt immer noch eine Wirkung. Es gibt da auch bei mir Finsternis, in der man Zuspielung von Livespiel nicht mehr unterscheiden kann. Und das Phänomen Lernen durch Imitation, durch das Kinder sich entwickeln und Verhaltensweisen aneignen, greift das Thema Populismus an: Politikerinnen und Politiker müssen ihre Sätze nur oft genug wiederholen beziehungsweise oft genug von anderen, also der Masse, wiederholt werden, um in das eigene Hirn Eingang zu finden, und man muss da wirklich mit dem ganzen Verstand dagegen anarbeiten, dass einem diese Mechanismen nicht passieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sylvia Wendrock

Termine: 12. September 2019: „Sound Cloud I.“ (UA), Musiktheatertage, WUK Wien


Links:
Peter Jakober (mica – Musikdatenbank) 

www.peterjakober.com
www.musiktheatertagewien.com