Bruno Strobl (c) Kleine Zeitung

Das Bild einer sehr starken Frau – mica-Interview mit Bruno Strobl zur Uraufführung seiner Kirchenoper „Hemma“

Man weiß nicht allzu viel über sie, und doch ist sie eine der bekanntesten Frauen der Geschichte des heimischen Mittelalters. Mit „Hemma“ wird beim diesjährigen Carinthischen Sommer einiges über die prominente Dame zu sehen sein – Historisches ebenso wie Legendenhaftes. Christian Heindl sprach mit dem Komponisten Bruno Strobl über seine neue Kirchenoper, die am 27. Juli 2017 in Ossiach Premiere hat.

Nach „Sara und ihre Männer“ ist „Hemma. Eine Weibspassion“ innerhalb weniger Jahre Ihre zweite Kirchenoper für den Carinthischen Sommer. Wie hat sich dieser erneute Auftrag ergeben?

Bruno Strobl: Das beruht zum Teil auf Zufällen. 2012 bei „Sara“ hatte ja der damalige Intendant Schlee erklärt, dass es die letzte Kirchenoper beim Carinthischen Sommer wäre. Das war auch insofern schade, weil es ein Erfolg war und viele Leute das Stück nicht mehr sehen konnten – vermutlich aber auch nicht sehen hätten können, weil es selbst bei einer Fortsetzung der Kirchenopernreihe den Festivaltraditionen gemäß keine Wiederaufnahme gegeben hätte.

EIN BISCHOF WÜNSCHT SICH EINE OPER

Bruno Strobl: Im Herbst des folgenden Jahres gab es dann im Dom von Klagenfurt Franzobels Theaterstück „Hemma. Eine Gottesweibspassion“, das zudem von Manfred Lukas-Luderer inszeniert wurde, der zuvor auch die „Sara“ gemacht hatte. Jedenfalls ließ Bischof Schwarz nach der Aufführung den Satz fallen: „Daraus müsste man eine Oper machen!“ Also sprach Lukas-Luderer mich darauf an. 2015 gab es Gespräche mit Holger Bleck, dem neuen Intendanten des Carinthischen Sommers, der nun wieder Kirchenoper machen wollte. Und so fügten sich die Dinge ineinander.

Waren Sie sich mit dem Autor des ursprünglichen Stücks, Franzobel, unmittelbar einig? Konnte man die Vorlage eins zu eins für die Oper übernehmen?

Bruno Strobl: Franzobel machte aus dem Stück erstens eine kürzere Fassung und zweitens eine Kammerfassung, sodass es als Kirchenoper in Ossiach funktionieren konnte.

Über die historische Figur der Kärntner Schutzpatronin Hemma bzw. „Hemma von Gurk“ ist in den Lexika nicht allzu viel zu finden. Sie war eine Adelige, die in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts in Kärnten lebte und dort einerseits mit der geltenden Gesellschaftsordnung der Dominanz des Mannes zurechtkommen musste, nach dem Tod ihres Gatten aber sehr selbstständig als wohltätige und fromme Frau auftrat.

Bruno Strobl: Die wenigen Fakten, die man über Hemma weiß, lassen auf künstlerischer Seite der Fantasie sehr viel Raum.

Wieweit folgt die Oper den geschichtlichen Tatsachen?

Bruno Strobl: Wir gehen davon aus, dass die Familie sehr reich war. Hemma erbte von ihrem Mann und von ihrer Großmutter große Besitzungen, und von diesem Vermögen konnte sie wohltätig wirken und sich um Arme kümmern. Es gibt da die Grubenarbeiter, die schwer schufteten, trotzdem Hungerleider waren und schließlich einen Aufstand machten. – Das ist im Detail frei erfunden, aber unsere Geschichte stützt sich generell doch auf Fakten.

EINE STARKE FRAU IM MITTELALTER

Wird Hemma, die spätere und heutige Landesheilige, im Stück glorifiziert?

Bruno Strobl: Nein, das nicht, aber sie war eine offenbar sehr starke und sehr reiche Frau. Sie hat nicht nur den Gurker Dom – damals als Frauenkloster – gegründet, sondern viele weitere Kirchen und auch soziale Einrichtungen.

Sie gehört zu den sehr wenigen Frauen, die in unserer heutigen Wahrnehmung aus dieser Epoche namentlich hervorragen. Gibt es eine spezielle Hervorhebung der Hemma als Frau?

Hemma von Gurk (c) CS Archiv

Bruno Strobl: Wir wollten absichtlich nicht opulent oder pathetisch werden. Daher erfolgt insgesamt in allen diesen Fragen eine starke Reduzierung. In diesem Zusammenhang ist vielleicht die Arbeitsweise interessant: Jeder Protagonist, jede Protagonistin bekommt eine spezifische Tonkonstellation – das ist keine Leitmotivtechnik – zugeordnet, die sich auch auf die Instrumente überträgt. Aufgrund der auferlegten Beschränkung tauchen diese Abschnitte wiederholt auf. Für mich war es sehr reizvoll, mit dieser Reduktion auszukommen. Es wäre schrecklich, wenn bei 80 Minuten Musik andauernd immer alles neu sein müsste!

Hat sich die anfängliche Vorstellung von der Oper im Laufe der Arbeit stark geändert?

Bruno Strobl: Nein. Es ist sehr reizvoll, wen man sieht, wie das Konzept nach und nach aufgeht. Etwa übernimmt ein Teil des Chors vierstimmig auch die Rolle des Landesfürsten. Das Ganze ist sehr räumlich gedacht, aber nicht spezifisch für die Ossiacher Stiftskirche.

Die Proben haben schon vor einiger Zeit begonnen, wie ist Ihr Eindruck soweit bis jetzt?

Bruno Strobl: Es ist mir gelungen, zu erreichen, dass Simeon Pironkoff dirigiert. Da bin ich sehr froh, weil ich weiß, dass es bei ihm funktioniert.

Pironkoff ist natürlich ein Experte auch für sehr progressive Partituren. Im Fall der „Hemma“ wird wohl in Hinblick auf Ihre gewohnte Ästhetik und die Anforderungen der Kirchenoper nicht so viel experimentiert?

Bruno Strobl: Im ersten Moment sieht das so aus, ja. Aber es gibt sehr viele Zeichen und Text in der Partitur, die darauf hinweisen, dass es doch nicht so ist. Was stimmt, ist, dass ich mich jedenfalls keiner neuen Notation bedient habe. Das bringt’s dann doch nicht. Es stimmt schon: Wenn ich ein Stück schreibe wie “PAW für Zither und Kammerorchester“ für die Klangspuren Schwaz 2014, dann ist das noch einmal etwas anderes. Bei so einer Kirchenoper versuche ich doch sehr, dass es funktioniert und keine enormen Schwierigkeiten für Sänger und Instrumente da sind.

PRIMAT DER TEXTVERSTÄNDLICHKEIT

Wie sind die Herausforderungen der Vokalpartien?

Bruno Strobl: Vor allem sollte man den Text verstehen können, also gerade das darf dann nicht experimentell sein. Das geht bei drei Seiten, aber nicht wenn man 20 Seiten zu vertonen hat.

Gibt es in der Musik auch Hinweise – sei es in originaler Form, sei es stilisiert – auf die damalige Musik, also die Musik, welche vor 1000 Jahren die Gesellschaft umgab?

Bruno Strobl: Nur bedingt. Man kann die damalige Volksmusik ja nur erahnen. Sicher gibt es da gewisse Floskeln, die ihrerseits wiederum auf die genannte Reduktion wirken.

Ist eine klangliche „Annäherung“ an die Zeit gegeben, also durch Instrumente, die der Epoche nahekommen?

Bruno Strobl: Nein, auch das Instrumentarium ist absolut modern, also ich verwende z. B. keine Drehleiern oder noch ältere Instrumente. Das wollte ich absolut nicht!

Muss man bei einem derartigen Stoff eine spirituelle Verbindung zu den handelnden Personen, insbesondere zur Hauptfigur aufbauen?

Bruno Strobl: Hemma ist für mich im Laufe der Arbeit immer interessanter geworden als Figur, von der eine Aussage ausgeht. Das hat heute noch große Bedeutung.

Wie verhält es sich mit der Rolle der Frau? Stellt die Hervorhebung einer so bedeutsamen weiblichen Persönlichkeit einen Weckruf an die Kirche dar, die ja damit noch immer ein Problem zu haben scheint?

Bruno Strobl: Natürlich ist der Stoff darauf angelegt. Aber es gibt keinen erhobenen Zeigefinger.

Was wäre auf den Punkt gebracht die Botschaft der Oper?

Bruno Strobl: Ich denke, es ist die Beschäftigung mit dem Stoff. Was das bei mir bewirkt hat, kann es auch beim Publikum bewirken. Vielleicht bedarf es auch einer über die Oper hinaus weiteren Beschäftigung, zum Beispiel wie es aussieht mit dem Frauenbild in einer aufgeklärten Gesellschaft gegenüber einer nicht aufgeklärten Gesellschaft.

Die nicht fehlen dürfende Frage nach der Zusammenarbeit zwischen Komponist und Librettist im Lauf der Kompositionsphase?

Franzobel (c) Lukas Beck

Bruno Strobl: Mit Franzobel gab es einen intensiven Austausch, er hat mir aber große Freiheiten gelassen.

MIT BLICKRICHTUNG ÜBER OSSIACH HINAUS

Wie sehen Sie generell die Gegenwart und nähere Zukunft des Themas Kirchenoper beim Carinthischen Sommer? Als Beobachter von außen ist man etwas verwirrt über das einmal Ja, einmal Nein.

Bruno Strobl: Das ist natürlich eine finanzielle Frage. Auch „Hemma“ war erst im Februar dieses Jahres wirklich gesichert. Ich halte es für eine sehr gute Idee von Intendant Bleck, dass er den Carinthischen Sommer seinem Namen gemäß auf ganz Kärnten erstrecken will. Dadurch ist es möglich, dass „Hemma“ auch in St. Andrä gespielt werden kann und eine finanzielle Kooperation stattfindet.

Wie sieht der Komponist die Zukunft seines aktuellsten Stücks? Ist diesmal eine Wiederaufnahme in kommenden Jahren zu erhoffen?

Bruno Strobl:  Das würde mich sehr wundern, weil das beim Carinthischen Sommer nicht üblich ist. Auch bei „Sara“ ist das nicht gelungen.

Eine Weiterverarbeitung der vorhandenen „Hemma“-Musik in einem rein instrumentalen Werk?

Bruno Strobl: Wenn ich den Auftrag dazu bekomme, überlege ich mir das. Ansonsten habe ich schon wieder andere neue und reizvolle Projekte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Heindl

 

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