„Das alles bin ich!“ – GEORG BREINSCHMID im mica-Interview

Ginge es darum, die bedeutendsten und wichtigsten Persönlichkeiten der heimischen Jazzszene der Gegenwart zu benennen, sein Name wäre auf alle Fälle unter den Erstgenannten zu finden: GEORG BREINSCHMID. Der Bassist und Komponist über seine künstlerische Vielfalt, das Genie von Jaco Pastorius und warum er sich nicht als geborenen Bassisten sieht. Das Interview führte Markus Deisenberger.

Sie haben sich irgendwann dazu entschlossen, der Orchesterlaufbahn den Rücken zu kehren, um die musikalische Karriere als freiberuflicher Jazzmusiker auf die nächste Ebene zu heben. Haben Sie den Schritt irgendwann bereut? Finanziell, emotional?

Georg Breinschmid: Nein, gar nicht. Es war für meine persönliche Entwicklung ungemein wichtig, von den Wiener Philharmonikern wegzugehen. Ich wäre jetzt – hätte ich mich anders entschieden und wäre ich dort geblieben – sicher ein ganz unglücklicher Mensch. Das ist jetzt siebzehn Jahre her und was sich seitdem in persönlicher, künstlerischer und musikalischer Hinsicht getan hat, wäre sonst nie und nimmer möglich gewesen – neben keinem Orchesterjob und neben dem schon gleich gar nicht. Natürlich gibt man eine Menge Sicherheit auf, die Zeiten werden schließlich unsicherer, aber bereut habe ich es nie.
Was mir aber aktuell manchmal abgeht, ist das große soziale Gefüge eines Orchesters, das schön und im besten Sinne bequem ist. Man hat eine vorgegebene Struktur, die man sich als Selbstständiger erst einmal selbst schaffen muss. Aber kreativ zu sein, etwas zu schaffen und sich dabei weiterzuentwickeln, ist eine meiner größten Lebensmaximen. Das treibt mich an, dafür lebe ich. Ich bin sehr glücklich und erfüllt, wenn mir wieder etwas gelingt. Eine aufgenommene CD, ein komponiertes Stück. Es ist ungemein spannend, immer wieder neue Sachen an sich zu entdecken.
In fast jedem Interview erzähle ich, dass ich vor nunmehr fast zwölf Jahren ein Buch von Julia Cameron mit dem Titel „The Artist’s Way“ gelesen habe. Das war ein großer Einschnitt, ich möchte fast sagen, es war „lebensändernd“ für mich. Das ist ein Buch, das einen bei der Entfaltung des eigenen Potenzials begleitet. Ich habe ja sehr spät  mit dreißig eigentlich erst – zu komponieren begonnen.

Gab es dafür einen bestimmten Auslöser oder war der Übergang fließend?

Georg Breinschmid: Ich war schon vier, fünf Jahre nicht mehr im Orchester, als ich damit begonnen habe. Improvisiert habe ich immer, aus irgendeinem Grund aber hatte ich zu großen Respekt gehabt, mich auch schreibend zu betätigen. Direkten Auslöser gab es keinen, aber eines Tages dachte ich einfach, ich müsse es jetzt einfach probieren. Und dann ist plötzlich sehr viel passiert. Aber Ihre Frage nach der damaligen Neuausrichtung ist auch deshalb interessant, weil ich jetzt gerade wieder auf der Suche bin, wie es künstlerisch bei mir weitergeht. Klar, ich schreibe weiterhin und entwickle meine Sachen. Aber es haben sich in den letzten Jahren auch ein paar Bands aufgelöst, die es in neuer Besetzung wieder gibt [Brein‘s Café; Anm.]. Aber insgesamt war ich für mich selbst schon einmal klarer in dem, was ich ganz genau will.

„Ich bin aktuell gerade dabei, meine klassische Vergangenheit wieder mehr in meinen künstlerischen Schaffensprozess zu integrieren.“

Das heißt, Georg Breinschmid ist auf der Suche?

Georg Breinschmid: Immer, aber derzeit noch mehr als sonst, ja. Ich bin aktuell gerade dabei, meine klassische Vergangenheit wieder mehr in meinen künstlerischen Schaffensprozess zu integrieren. Ich spiele wieder wesentlich mehr mit dem Bogen als früher. Das ist ein Teil, den ich lange Zeit sehr vernachlässigt habe. Gelegentlich habe ich sogar wieder klassische Konzerte nach Noten gespielt.

Das Mussorgsky-Projekt [„Mussorgsky Dis-Covered“ mit Elisabeth Kulman, Arkady Shilkloper und Tscho Theissing; Anm.] war aber doch ein Projekt, das beide Welten auf gelungene und glaubhafte Weise miteinander vereinte.

Georg Breinschmid: Auf jeden Fall, ja. Da war ich aber „nur“ Bassist, nicht Konzeptionist. Tscho Theissing hat das mit Elisabeth Kulman gemeinsam erarbeitet. Aber das ist ein gutes Beispiel für eine Richtung, die zu beschreiten interessant wäre. Leider spielen wir das Projekt nicht allzu oft.

Sie haben das soziale Gefüge eines Orchesters angesprochen. War das Vienna Art Orchestra, in das Sie nach deinem Ausscheiden bei den Philharmonikern wechselten, eine Art Ersatzfamilie?

Georg Breinschmid: Ein soziales Gefüge war es schon und für mich in vielerlei Hinsicht sehr wichtig. Die sieben Jahre waren toll. Für andere aber war es, glaube ich, mehr Heimat als für mich. Für mich war es ein toller Job, in dem ich tolle Leute kennenlernen durfte. Mit vielen davon spiele ich heute noch oder unterhalte bis heute Freundschaften. Thomas Gansch etwa, den ich allerdings schon vorher kannte, spielte zur selben Zeit dort. Ein Gefüge ja, Heimat aber nein. Es hat sich auch irgendwann künstlerisch erschöpft. Die Band war zwar toll, die Musik anspruchsvoll und komplex. Aber in einem sehr großen Umfang ging es irgendwann um das Exekutieren geschriebener Charts, ums Funktionieren also.

„Für mich war die Tatsache, dass ich überhaupt schreibe, ein persönlicher Durchbruch.“

Sie spielen und komponieren. Kann man die Gewichtung zwischen Musiker und Komponist in Worte fassen? Oder anders gefragt: Ist es so, dass der Komponist schleichend einen immer größeren Platz für sich beansprucht?

Georg Breinschmid: Eigentlich ja. Ich bin geneigt, es so zu sehen. Für mich war die Tatsache, dass ich überhaupt schreibe, ein persönlicher Durchbruch. Das hat mir damals ja von einem Schlag auf den anderen einen völlig neuen Beruf eröffnet. Da ich viele Jahre meines Lebens mit dem Bassspielen verbracht habe – und noch immer verbringe –, interessiert mich das Komponieren sehr. Es eröffnet neue Möglichkeiten, der ganze Prozess ist faszinierend und spannend zugleich. Zu schreiben ist mir sehr wichtig. Ja, der Komponist nimmt immer mehr Raum ein und es ist auch mein Ziel, mich da immer weiterzuentwickeln.

Sie gelten als Prototyp des vielseitigen Bassisten. Sie unterhalten eigene Bands, sind solo aktiv, treten mit den unterschiedlichsten Ensembles auf, unterhalten unzählige Projekte. Man hat den Eindruck, dass diese Vielseitigkeit aber nicht ökonomischen Zwängen, sondern tatsächlich einer musikalischen Notwendigkeit geschuldet ist. Es macht den Eindruck, als müsse das alles wirklich sein. Stimmt das?

Georg Breinschmid: Ich denke, man zieht die Sachen an, die man will und die man auch ausstrahlt. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich wenig Plan habe. Vieles hat sich einfach ergeben.

War das immer so?

Georg Breinschmid: Eigentlich ja. Natürlich hängt alles mit allem zusammen und hat mit einer Entwicklung zu tun, die man ausstrahlt. Und dann kommen die Dinge auf einen zu. Sie haben von ökonomischen Zwängen gesprochen: Natürlich müssen wir alle Geld verdienen. Aber das wäre in meinem Falle sogar einfacher, würde ich mich auf zwei, drei Sachen im Kern konzentrieren. Für Booker und Veranstalter ist meine Vielfalt eher abschreckend. Dass es bei mir eher zu viel ist, ist daher ständiges Thema.

Und gab es diese Überlegung schon einmal, sich selbst auf zwei, drei Kerndinge zu beschränken und den Rest im Sinne einer Schärfung der eigenen Marke – oder wie immer man das nennen mag – einfach einmal sein zu lassen?

Georg Breinschmid: Das ist ganz schwer für mich zu beantworten. Einerseits gibt es schon den Wunsch, ein wenig mehr Struktur reinzubringen. Manchmal ist es mir ja selbst zu zerfleddert. Gleichzeitig ergeben sich aber so spannende Sachen. Gerade eben spiele ich mit Folk-Musikern zusammen, was ich so noch nie gemacht habe. Und das ist eine unheimlich anregende Sache, die ich so nicht missen möchte. Und die Klassik wurde auch nicht ad acta gelegt, sondern blieb immer ein großer Einfluss. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich weiß nicht. Ich möchte weitergehen. Das Leben selbst ist doch extrem vielfältig. Mir hätte es einfach nie gereicht, mich auf nur eine Sache zu konzentrieren.

Die Gefahr bei dieser Breite und diesem Volumen ist aber doch auch, irgendwann auszubrennen.

Georg Breinschmid: Es ist logistisch und organisatorisch schwierig. Für mich und das Management. Das oft beschworene Profil, das man nach außen trägt, wird dadurch nicht klarer.

Andererseits: Als Prototyp des vielseitigen Bassisten zu gelten, ist doch nicht die schlechteste Zuschreibung.

Georg Breinschmid: [lacht] Das ist sogar wunderbar und es freut mich, wenn das so gewürdigt wird. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Natürlich wäre ich aufgrund der mehrfachen Belastung ein guter Kandidat für einen Burn-out, ich passe aber ganz gut auf mich auf und achte darauf, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten und nicht alles im Leben zu schwerzunehmen. Riesige CD-Produktionen wie „Double Brein“ im letzten Jahr, auf der 25 Musikerinnen und Musiker in unterschiedlichen Besetzungen zu hören sind, haben mir immer wahnsinnig großen Spaß gemacht. Wenn ich mir das anhöre, bin ich sehr happy damit. Eine einzige Besetzung könnte dem nicht gerecht werden.

„Es ist unfassbar, wie ein so talentierter und revolutionärer Musiker, der keine Drogen nahm, binnen kürzester Zeit zum völligen Drogenwrack verkommen konnte.“

Diese Vielfalt zeichnete auch den großen Jaco Pastorius auch. War oder ist das ein Vorbild bzw. Wegbegleiter?

Georg Breinschmid: [Lacht und zieht seine Biografie aus der mitgebrachten Tasche] Die lese ich gerade wieder, ein tolles Buch. Seine erste Solo-CD war ein riesiger Einfluss auf meine Art, CDs zu produzieren. Da wiederholt sich keine einzige Besetzung: Einmal solo, darauf ein Quartett mit Schlagzeug, dann wieder Streicherinnen und Streicher, eine Steel Drum. Das war eine Offenbarung für mich und musikalisch ist es einzigartig, spannend und interessant. Berührend und tragisch ist auch, wie sein Leben verlaufen ist: Er war zum einen ein hochkreativer, einzigartiger Künstler, der für das, was er geschaffen hat, zu Lebzeiten nicht genug Würdigung bekam. Und dann hat ihn die manisch-depressive Erkrankung, an der er angeblich gelitten hat, völlig durch den Rost fallen lassen. Es ist unfassbar, wie ein so talentierter und revolutionärer Musiker, der keine Drogen nahm, binnen kürzester Zeit zum völligen Drogenwrack verkommen konnte.
Obwohl ich ja gar nicht sein Instrument [E-Bass Anm.] spiele, war und ist Jaco Pastorius ein riesiger Einfluss. Ich hätte enorme Lust darauf, mehr in diese Richtung zu gehen. Ich hab mich viel zu lange auf den Kontrabass beschränkt. Ich hätte mich schon sehr viel früher anderen Instrumenten zuwenden können und sollen.

In einem Porträt von Ihnen auf SWR 2 ist von der Macht des Bassisten die Rede. In der Rockmusik wird der Bass oft – zu Unrecht – als das neben E-Gitarre und Schlagzeug unwichtigste Instrument abgetan. Würde die Entwicklung in Richtung Pop und Rock dann nicht mit einem Machtverlust einhergehen?

Georg Breinschmid: Stellen Sie sich mal die Beatles ohne den Bass von Paul McCartney vor. Der war – was oft übersehen wird – einer der innovativsten Bassisten überhaupt.

Andererseits wurde Bill Wyman oft als der Langweilige im Hintergrund wahrgenommen.

Georg Breinschmid: Mag sein. Ich glaube aber auch gar nicht, dass ich der geborene Bassist bin. Ich bin in diese Rolle reingefallen. Bei uns zu Hause lagen einfach zwei Bässe herum. Dadurch habe ich probiert und zu lernen begonnen. Ich kam also durch eine Verkettung unterschiedlicher Umstände zum Bass. Von meiner Gesamtdisposition hätte mir vielleicht ein anderes Instrument besser gelegen.

Das Saxofon etwa?

Georg Breinschmid: Bingo. Ich hätte große Lust, Saxofon zu lernen. Ich muss das auch noch machen. Ich spiele den Bass ja gerne als Soloinstrument, bin aber auch sehr am Groove interessiert. Alles in allem aber gibt es sicher Leute, die mit der Rolle des Bassisten viel natürlicher umgehen als ich. Es ist schon faszinierend: Du bist, wenn du nicht gerade der Bandleader bist, im Hintergrund, kannst aber dennoch viel steuern, weil das Instrument Harmonie und Rhythmus vereint. Mit kleinen Dingen lässt sich die ganze Band in ganz unterschiedliche Richtungen steuern.

Kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon etwas über die kommende, im Herbst erscheinende CD sagen?

Georg Breinschmid: Gern. Sie wird „Bonus-CD“ heißen und wieder ein –  mein mittlerweile viertes – Doppelalbum, sein. Einerseits sind mir immer wieder Stücke übrig geblieben. Andererseits gibt es auch Stücke von früher, als ich noch Sideman war, die ganz wichtig für meine spätere Entwicklung waren, an denen ich emotional hänge und die auf vielen CDs verstreut sind, teilweise auch unveröffentlicht, wilde Gipsy-Freejazz-Sachen etwa mit Zipflo Weinrich. Da kam ganz einfach eine ganze Menge Material zusammen. 49 verschiedene Musikerinnen und Musiker spielen auf der CD.

„Mir war aber auch wichtig, gewisse Sachen in eine Ordnung zu bringen […]“

Erneut also vielseitig.

Georg Breinschmid: Supervielseitig. Mir war aber auch wichtig, gewisse Sachen in eine Ordnung zu bringen und für mich zu sehen: Das alles bin ich. Für mich ist das auch das Ende eines Abschnitts. Ich bin jetzt 42 Jahre alt und, das spüre ich, an diesem Punkt angelangt, an dem etwas Neues beginnt. Wie genau das aussehen wird, steht in den Sternen. En genaues Bild meiner künstlerischen Zukunft habe ich noch nicht.

Das klingt sehr offen. Andererseits wird es ja aber doch – um die Fans zu beruhigen – gewisse bestehende Formationen weiterhin geben, oder?

Georg Breinschmid: Die wird es weiterhin geben. Auf jeden Fall. Thomas Gansch etwa ist der Einzige, mit dem ich gemeinsam komponiere. Da setzen wir uns mit nichts hin und ein, zwei Stunden später haben wir ein oder mehrere Stücke. Das setzt schon viel voraus. Klar: Es gibt Verbindungen, die kappt man nicht so einfach.

Eine Konstante, die sich durch Ihr gesamtes Schaffen zieht, ist der Humor.

Georg Breinschmid: Stimmt. Hader, Bronner, Monty Python – Kabarett und Komik haben mich immer stark beeinflusst, und das wird vermutlich auch so bleiben. Die Bronner-Lieder zum Beispiel hab ich rauf und runter gehört.

Können Sie sich noch an deinen ersten Kontakt mit dem Wienerlied erinnern?

Georg Breinschmid: Auch das war eher spät. 2000/01 hab ich ein paar Shows mit Michael Heltau gespielt, die mir sehr viel Spaß gemacht haben. Und da hat er unter anderem „In einem kleinen Café in Hernals“ gespielt. Ich wohne um die Ecke, wo einst das Original-Café war. Witzigerweise hab ich das Lied erst auf der Bühne kennengelernt. Beim Proben ging sich das nicht mehr aus und wir haben es auf der Bühne vom Blatt gespielt. Drei Konzerte. Beim ersten dachte ich: „Mein Gott ist das schön.“ Beim zweiten Mal kamen mir die Tränen. Das hat eine große Liebe ausgelöst. Nicht dass ich es mit einem speziellen Projekt zelebrieren würde, aber das Wienerlied gehört einfach irgendwie zu mir.

Erklärt sich diese Begeisterung auch aus einer gewissen Faszination für den Osten?

Georg Breinschmid: Ich denke schon. Ich fühle mich kulturell im südosteuropäischen Substrat unheimlich wohl. Ich liebe auch die echte ungarische Volksmusik, die Bartok gesammelt hat. Nicht zuletzt ist Brein‘s Café mit zwei bulgarischen Musikern besetzt. Die bewegen sich bei 7/8-Takten wie die Fische im Wasser. Ich fühle mich dort intuitiv auch sehr zu Hause. Woher das kommt? Keine Ahnung. Wir leben alle auf demselben Planeten

Das zuvor schon angesprochene Porträt von Ihnen auf SWR 2 hieß interessanterweise „The art of entertainment“. Sehen Sie sich selbst als Entertainer?

Georg Breinschmid: Ich war positiv überrascht über diese Zuschreibung. Ich selbst wäre darauf nicht gekommen. Irgendwo stimmt es aber. Ich will die Leute mitnehmen und dem Publikum so nahe wie möglich sein. Ich hab vorher nie darüber nachgedacht. Aber, wenn man so will, bin ich wohl einer.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger
Fotos Georg Breinschmid (c) Julia Wesely

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