„DAS ADRENALIN WAR UNSERE DROGE“ – WOLFGANG FADI DORNINGER IM MICA-INTERVIEW

Das Studio von WOLFGANG DORNINGER ist ein Sammelsurium der Musikgeschichte. Analoge Synthesizer stapeln sich zwischen riesigen Lautsprechern aus England, unzählige Kabel laufen in der Kommandobrücke seines Kellers zusammen – kurz wähnt man sich im Cockpit eines Spaceshuttles. Der einstige Bergsteiger und „lebenslange Raver“ hat es sich eingerichtet in seinem Linzer Labor. DORNINGER, der Anfang der 80er Jahre in die Kassettenszene eingestiegen ist, um sie nie wieder zu verlassen, führt herum. Er steckt kleine Geräte an, die er selbst gelötet hat – seine andere Leidenschaft. Und dreht an Knöpfen, bis der Raum bebt. Als Tutor ist WOLFGANG, den alle nur FADI nennen, seit vielen Jahren an der Uni in Linz beschäftigt. Er schreibt Musik für Theaterstücke und setzt Soundinstallationen in den öffentlichen Raum. Seine Liebe zum Techno ist ihm in all den Jahren trotzdem nicht abhandengekommen. Nachdem die Mauer gefallen war, wäre er sogar fast in Berlin gelandet. Auch für London gab es große Pläne. Und im Silicon Valley hätte alles ganz anders kommen können. Dass FADI DORNINGER in Linz geblieben ist, hat dem Mann mit der Figur eines Football-Spielers gutgetan. Mit Anfang 60 und über 40 Jahren im Underground schaut er fitter drein als manch andere in ihrer Quarterlife-Crisis. DORNIGNERS Projekte, MONOCHROME BLEU, JOSEF K. NOYCE, WIPEOUT oder SMILING BUDDHAS, vereinen einen DIY-Gedanken, der ihn als freiheitsliebenden Menschen charakterisieren lässt. Selber machen, auf die Konventionen pfeifen. Das hat bisher funktioniert. Und wird es weiterhin. Christoph Benkeser ist für ein langes Gespräch nach Linz gefahren, um FADI zu besuchen. Ein Gespräch über den Rausch der Höhe, das Spiel zwischen Wirklichkeit und Illusion sowie die Frage, was Subkulturen brauchen, um zu überleben.

Fadi, wir sitzen auf gut-österreichische Art im Keller, deinem Studio.

Fadi Dorninger: Hier stehen noch einige analoge Maschinen, von denen ich mich nie trennen konnte. Nicht einmal zu den Zeiten, als ich das Geld dringend gebraucht hätte. Außerdem arbeitete ich in den 80ern auf eine Art, die im Digitalen gar nicht mehr denkbar wäre. Die frühen Josef K. Noyce-Sachen hab ich direkt auf Tapes aufgenommen. Später kamen Achtspur-Aufnahmen dazu. Ich hatte meine Maschinen aufgebaut, legte ein nagelneues Band in die Revox-Maschine ein. Und ich übte über Wochen. Das Gute an der alten Analogtechnik war, dass ich nicht einmal einen Limiter brauchte. Die Revox stand meistens bei den Spitzen rechts an. Mit dem Headroom des Tonbands ging das aber, weil das viel Sättigung und Dynamik bunkerte. So ein Studio wie heute hatte ich da noch nicht. Sondern nur ein paar Synthesizer, Textzettel an der Wand und Digitaldelays. Es war absolute Reduktion. Ich atmete durch und fasste einen Plan, wie die Seite des Tapes klingen sollte. Wenn ich Glück hatte, haute es direkt beim ersten Mal hin. Wenn ich mich vertan hab, musste ich von Anfang an beginnen, denn ich wollte nicht nachträglich zusammenschneiden. Mir war damals der Fluss wichtig, die Erzählform im Flow. Danach nahm ich eine Metall- oder Chromdioxid-Kassette und überspielte die Musik, um sie in der darauffolgenden Woche an audiofile tapes nach New York zu schicken.

Nach New York?

Fadi Dorninger: Carl Howard, der Labelchef von audiofiles tapes, war ein Fan von meinen Sachen, ja. 14 Tage später schickte er mir die Covers retour – mit dem Hinweis, dass ich die Kassetten eh selbst kopieren könne. Das war eine Arbeitsweise, die mir getaugt hat. Man bereitet sich einen Monat auf ein Tape vor. Und spielt sie aus, ohne geschmäcklerisch herumzutun. Natürlich schrieb ich zu den Aufnahmen dazu, dass es live aufgenommen war. Das gefiel den Leuten, die es hörten. Bei Monochrome Bleue gab es in den Nummern zwar auch offene Strukturen, aber wir hatten ein Schlagzeug – und brauchten deswegen immer ein Studio.

Auch weil Monochrome Bleue eine Band und kein Soloprojekt war, nehme ich an.

Fadi Dorninger: Ja, die Arbeitsweise war anders, wir musste uns ein Studio suchen. Allerdings hatte Monochrome Bleue eigene Instrumente und Sounds. Bei Josef K. Noyce verwendete ich nie einen Synthesizer, den ich in der Band spielte, weil ich den Projekten ihren eigenen Klang geben wollte. Das sind aber alte Geschichten. Meine Geschichte fing ganz anders an.

Wo sollen wir beginnen. Du hast als Kind im Chor gesungen, hab ich gelesen.

Fadi Dorninger: Zwischen zehn und 14 habe ich Alt gesungen, ja. Danach wechselte ich zurück nach Linz in die Schule. Ein Freund spielte mir eine Platte von Jimmi Hendrix vor. Das hat mich ziemlich geflasht. Allerdings war ich zu der Zeit nur Hörer. Als später Punk kam, hat sich das geändert. Ich mochte die Musik zwar nicht, aber die politische Haltung gefiel mir. Vor allem live! Eine Platte hätte ich mir trotzdem nicht gekauft, wobei … „Marquee Moon“ von Television oder die Musik von Patti Smith hab ich geliebt. Alternative TV aus England auch. Die waren schrullig, außerdem gestaltete Mark Perry ein Fanzine und öffnete einen DIY-Kontext, mit dem ich was anfangen konnte. Plötzlich war die Musik nicht mehr das einzige Element, es kam alles zusammen. Wie ich mich einbringen sollte, war mir zu dieser Zeit aber noch nicht bewusst. Irgendwann bekam ich eine Gitarre, weil mir ein Kollege Geld schuldete. Er drückte mir seine Gibson in die Hand. Ich wusste zwar nicht recht, was ich damit anfangen sollte, aber nahm sie. Schließlich hatte Johnny Winter auch so eine. Und ich liebte Johnny Winter, weil mir seine Art des Singens und Gitarrespielens so getaugt hat. Also hatte ich eine Gitarre, konnte ein paar Akkorde, die ich beim Bergsteigen auf den Skihütten gelernt hatte …

Beim Bergsteigen?

Fadi Dorninger: Ich bin von klein auf in die Berge gegangen, ja. Mit 14 Jahren war ich mit meiner Familie am Großglockner.

Wie war das?

Fadi Dorninger: Na, wir waren viel unterwegs. Ich kenn fast jeden 3000er in Österreich. Mit der Familie sind wir nie ans Meer gefahren, sondern in die Berge gegangen.

Ihr seid immer in Österreich gewandert?

Fadi Dorninger: Wir waren immer Bergsteigen! Die Wanderung fand vielleicht am Tag der Ankunft statt – man hat sich die Beine vertreten. Am nächsten Tag war schon eine kurze Tour ausbaldowert. Nach ein paar Wochen haben wir richtige Monster-Touren gemacht. Auf einen 3000er rauf, wieder runter, auf den nächsten rauf und so weiter. Wenn wir am Schluss den Bus verpasst haben, sind wir sogar zu Fuß nach Hause gelaufen – bis uns irgendwann ein Auto mitgenommen hat.

Wie hast du das als pubertierender Rebell gefunden?

Fadi Dorninger: Ich hab es geliebt! Die Berge waren für mich ein Kick. In der Schule hatte ich später einen Kollegen, der während der Sommerferien einen Kletterkurs gemacht hat. Später haben wir im Klettergarten trainiert und im Winter bei Edi Koblmüller im USI-Sportinstitut das Hardcore-Trainingsprogramm durchgezogen. Das war die Vorbereitung dafür, in den Bergen nicht zu sterben.

Das klingt arg.

Fadi Dorninger: Ja, das war ein super Training. Der Koblmüller hat gemeint: „Man lasst nie aus!“ Und so haben wir trainiert. Ein Wahnsinns-Typ. Und ein wilder Hund! Der hat ein paar 8000er gemacht, bis er vor ein paar Jahren im Elburs-Gebirge umkam. Als junger Erwachsener war er für mich eine Inspiration. Einfach weil ich so gern in die Berge ging. Dabei hatte ich nie die optimale Statur zum Klettern – ich bin eher kurz und muskulös gebaut, im Gegensatz zu meinen Kletterkollegen musste ich mir deshalb Zwischengriffe suchen. Das war nicht leicht. Trotzdem: In einem Alter, in dem andere ihre Sinnsuche destruktiv ausleben, haben wir darauf geschaut, dass wir nicht draufgehen. Das Adrenalin war unsere Droge. Ein paar Jahre später, während des Zivildienstes, hatte ich nicht mehr die Energie, um konsequent zu trainieren. Meine Kollegen gingen die Philipp-Flamm-Verschneidung in der Civetta – mein Traumziel, weil es die beste Kletterpartie ist, die man machen kann –, aber ich musste passen. Danach hatte ich keine Kletterpartner mehr, die Verbindung brach ab.

Heiligenblut Urkunde (c) Wolfgang Dorninger

Das Ende des jugendlichen Leichtsinns.

Fadi Dorninger: Wir waren nie selbstmörderisch, ganz im Gegenteil. Wenn ich mir manche Routen anschaue, die wir damals gingen, denke ich mir trotzdem: Das muss jemand anderes gegangen sein! Früher hab ich das nicht gemerkt. Man war high von den Bergen. Und ich bekam ein riesiges Selbstvertrauen. Gleichzeitig hat dieser Thrill, den man jedes Wochenende erlebte, der Psyche gutgetan.

Du hast dir deinen eigenen Rausch erklettert.

Fadi Dorninger: Wenn man sich oft in der Natur bewegt, gewöhnt man sich an die Ausgesetztheit. Das ist ein irrsinniges Gefühl!

Wann ging es mit der Musik los? Als du die Verbindung zum Klettern verloren hast?

Fadi Dorninger: Das lief bereits gleichzeitig. Wir kletterten am Tag. In der Nacht war ich unterwegs.

Du bist vom Klettersteig in den Club gestolpert?

Fadi Dorninger: Das waren die beiden Dinge, die mich unter Strom gestellt haben. Wir – Roland Punzenberger, Gerhard Graml und noch ein paar andere – gingen oft zu Jazzkonzerten. Gil Evans, Ralph Towner, Lew Soloff. Das waren gigantische Abende, auch wenn es nie die Musik war, die ich selber spielen wollte. Für mich war diese Art von Jazz aber interessant, weil ich merkte, dass Musiker ihre Komfortzone verließen. Hätten sich aber jemand auf die Bühne gestellt, um Charlie Parker vom Blattl runterzuspielen, wär ich gegangen. Für mich war Jazz immer ein Aufbruch, ein Aussetzen des Regelwerks. So wie beim Bebop, den Kerouac beschrieb.

Die wilderen Sachen also.

Fadi Dorninger: Na, die Leute lebten gefährlich. Die Musiker, die zu dieser Zeit von Kerouac Bebop und Hard-Bob spielten, hatten alle arge Drug-Habits. Und so klang die Musik. Alle spielten, als wäre es das letzte Mal. Du merkst: Da bricht was auf. Das hat mich geprägt. Gleichzeitig hat mir Punk von der politischen Haltung besser getaugt. Endlich brachen die Endlos-Soli weg, der ganze Ballast fiel ab, das Überbordende wie bei Steely Dan verabschiedete sich. Das hat mir getaugt. So sehr ich die psychedelische Musik der 60er geliebt habe … ich mein, das prägt uns alle noch immer.

Wie meinst du das?

Fadi Dorninger: Meine Theorie ist: Wir leben seit Anfang der 80er Jahre in einer Aufputschmittel-Zeit. Darum ist alles so grausig! Und deshalb ist seither auch nichts mehr erfunden worden. Die Tech-Giganten von heute gegen aus dem psychedelischen Zeitalter hervor. Ich möcht aber dazusagen: Ich bin kein Drogenapostel, ich spreche von der geistigen Haltung. Was passierte denn in den 60ern? Es wurden Netzwerke gedacht! Es war eine Zeit der frühen Computerisierung, auf der das heutige Big Business basiert. Dabei ging alles von einem Open-Source-Gedanken aus. Die Ästhetik des Punk war deshalb an die Gedanken der Hippies anschlussfähig.

Dabei hat das Outgespacte des Psychedelischen nicht so viel mit dem Nihilistischen des Punk zu tun. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Fadi Dorninger: Punk hatte die Hinwendung zu Ska, Dub und Reggae. Das waren Ausreißer in Richtung der Hippies, die auch von durch den politischen Gedanken des Aussteigens getragen wurden. Das hieß: Den Weg zu Ende gehen von der Rebellion gegen das faschistische System. Schließlich hat der Staat überall die Kandare angezogen. In Deutschland stand man kurz vor einem Bürgerkrieg. In Frankreich schlossen sich Renault-Arbeiter mit Studierenden zusammen, um beinahe de Gaulle zu stürzen. Trotzdem wurde der 68er-Lifestyle später kommerzialisiert hin zu Open-Air-Konzerten und Supergroups.

Die Neoliberalisierung im UK begann in den 70ern, es manifestierte sich eine andere Einstellung. There is no alternative …

Fadi Dorninger: Die Probleme waren überall, sie waren nur anders gelagert. Mit dem Thatcherismus im UK wurde Schneise durchs Land geschlagen. Parallel hat man gesehen, wie sich die Punks dort solidarisiert haben. Daraus entstand eine neue Form von Punk – das Performative stand im Fokus. Zum Beispiel bei Gruppen wie COUM Transmission, Throbbing Gristle, Clock DVA. Zu der Zeit bin ich aber noch nicht bei denen gelandet gewesen. Ich wollte Punk machen – aber ohne Instrumente. Ich hatte nämlich panische Angst, weil ich wusste, wie man Noten liest. Deshalb bestand die Gefahr, dass ich eine Hegemonie der Harmonie in mein Werk einführe. Ich wollte aber alles vermeiden, was diese Steuerung zugelassen hätte. Deshalb fing ich an, mit Kassettenrekordern zu spielen, zerlegte sie und baute andere Gummibänder ein. Das hat gereicht, um das Tempo zu verändern. Später kam das Löten dazu. In einem Bastelladen hab ich alles gekauft: Verzerrer, Federhall und so weiter. An diesen Instrumentarien habe ich gearbeitet. Nachdem ein Freund, Gerhard Neulinger, von seiner Weltreise zurückkehrte, habe ich mit ihm eine Band gegründet. Wirklich weitergekommen sind wir damit aber nicht. Ein anderer Freund, Thomas Resch, der damals auch auf Weltreise war, behauptete dann, dass er Saxophon lerne. Also hab ich gesagt, super, sobald du zurück bist gründen wir eine Band, ich bereite alles vor! In der Zwischenzeit hab ich die Leute im Landgraf gefragt, ob ich dort spielen könnte. Als ich denen meine Sachen vorgespielt hab, waren die zutiefst schockiert. Da dachte ich mir schon, es funktioniert nie. Nachdem Thomas aus Australien zurückkam, haben wir trotzdem eine Band gegründet: Monochrome Bleu.

Glücklicherweise ergab sich gleichzeitig eine neue Situation: Die Stadtwerkstatt in der Friedhofsstraße wurde von Künstlerinnen und Künstlern der Kunsthochschule Linz gegründet. An einem Abend bin ich hin, da haben Post – mit einem Violinschlüssel statt dem S – gespielt. Das waren Gotthard Wagner und Wolfgang Georgsdorf. Der eine hat Geige, der andere auf der Gitarre gespielt. Filme liefen rückwärts. Eine super Location. Innerhalb dieser Stadtwerkstatt haben sich Gruppen gebildet – ich bin bei der Theatergruppe gelandet. Das war lustig, weil wir nie Theater gemacht haben. Wir haben uns eher bewegt, gesprochen, berührt.

Das hört sich an, als wäre viel möglich gewesen an diesem Ort.

Fadi Dorninger: Als ich einen Fuß in die Stadtwerkstatt setzte, war ich das erste Mal in einem Labor. Das war nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein soziokulturelles und politisches Labor. Politik war Diskurs und nicht Partei oder Lobby. Leider hat sich die Gruppe, in der ich war, später aufgelöst, weil wir nicht konsequent gearbeitet haben. Trotzdem wusste ich, dass ich einen Ort gefunden habe, an dem ich auftreten kann. Als Thomas zurück nach Linz kam, sind wir dann aufgetreten.

In der Stadtwerkstatt?

Fadi Dorninger: Ja, weil im Landgraf die Meinung vorherrschte, dass unser Auftreten dazu führen könnte, dass etwas zerstört oder zertrümmert würde. Das war sogar der Familie Hackl, die das Landgraf führten, zu destruktiv und sinister. Man muss dazusagen: Die sogenannten Punks in Linz waren lauter Bürgerliche und Leute aus der gehobenen Mittelschicht. Andere arbeiteten sogar im Magistrat – wie die Band Mollies. Die sind zwar zuerst nach Berlin ausgebrochen und haben sich in der Hausbesetzerszene künstlerisch befreit. Irgendwann mussten sie trotzdem zurückkommen und Jobs annehmen, sie wurden eine Art Magistratband. Menschlich waren die aber großartig und fürsorglich – fast undenkbar in diesen kalten Zeiten.

Wie meinst du das?

Fadi Dorninger: Na, die zunehmende Neoliberalisierung und das Yuppietum standen auch in Österreich bereits im Raum. Die Stadtwerkstatt, wo die Leute von Post sich leider nie einklinkten, war in der Hinsicht ein Gegenpol. Bei unserem ersten Auftritt mit Monochrome Bleu kamen locker über 100 Leute. Das war für uns animierend. Ein Jahr später hat die Stadtwerkstatt einen Ars-Electronica-Beitrag gemacht und wir waren eingeladen. Im selben Fenster spielten Tuxedomoon aus San Franciso. Da waren wir bereits eine richtige Band. Immer wieder kamen Leute dazu. Der Roli Punzenberger hat irgendwann von uns gehört, ihm hat das getaugt. Ich hab ihn gefragt, ob er Teil von Monochrome Bleu sein will. Also hat er mitgemacht.

Monochrome Bleu 1985 (c) Sabine Bitter (Konzept Leo Schatzl)

Da wart ihr zu Viert.

Fadi Dorninger: Zu Dritt. Thomas Resch, Roland Punzenberger und ich. Es kamen aber immer wieder Leute dazu, es flottierte. 1987 stieg auch Peter Androsch ein. Da lief das schon ganz gut. Anfang der 80er, zu Beginn der Band, war allerdings noch nicht viel möglich. Werner Geier von der Musicbox auf Ö3 hat unsere Sachen gespielt, aber die meisten konnten damit nichts anfangen.

Weil …

Fadi Dorninger: Die Nummern zu lang waren. Viele wussten nicht, wo sie anfingen und aufhörten.

Dazu waren die Leute nicht bereit.

Fadi Dorninger: Es hat nicht in das knappe Medienfenster gepasst. Dadurch ergab sich aber eine Nähe zur Kunsthochschule. Thomas begann dort zu studieren, Leo Schatzl hat für uns die Visuals gemacht. Wir ließen zum Teil 15 Fernseher laufen, während wir spielten. Außerdem hab ich Tapes gemacht und im Umfeld hergeschenkt. Irgendwann hat mir der Günter Schachinger von Wahn u Sinn-Schallplattenladen eine Kassette in die Hand gedrückt und gemeint: „Schau, das ist genau das, was du machst!“ Auf der einen Seite war eine Mischung aus Indie-Rock und Pseudo-Punk. Ich hab mir gedacht, was meint der Trottl? Erst als ich die Rückseite gehört hab, wusste ich, was er meinte. Das war mein Sound. Black House und Noise-Musik aus den USA. In dem Booklet des Tapes waren außerdem lauter Adressen vermerkt – und ich hab allen eine Kassette von uns geschickt. Vier Wochen später bekam ich Fanzines mit einem Review. Zu unserer Musik.

Das hat dann dazu geführt …

Fadi Dorninger: Dass ich gecheckt hab, dass es da draußen eine Welt gibt, zu der man dazugehören kann! Und dass man selber bestimmt, ob man Teil davon sein will. Das hat mein Leben schlagartig verändert. Ich hab mich gefühlt wie damals beim Klettern.

Wie lassen sich Kassettenszene und Bergsteigen vergleichen?

Fadi Dorninger: Den Berg kommt man nur rauf, wenn man Motivation aufbringt, sich in Bewegung setzt und Schlüsselerlebnisse transformiert. Man muss in der Lage sein, den Schmerz in Freude umzuwandeln. Mit Kassetten war das genauso. Es war ein Netzwerk, in das man sich einklinken – aber auch etwas beitragen – musste. Wenn man nichts tat, gab es einen dort nicht. Genauso wie bei der Vorbereitung auf eine Route musste man sich auf das Tape-Netzwerk einstellen: Wer sind die Leute, die man kontaktiert? Was machen sie? Wie kann man auf sie zugehen?

Es ging um die Interaktion.

Fadi Dorninger: Ja, es reichte nicht, dass man seine Musik an eine Adresse geschickt hat. Es sollte keine professionelle Aussendung mit kopierten Texten oder ausgedruckten Etiketten sein. Man musste sich vielmehr fragen, warum man diejenige Person kontaktieren wollte. Plötzlich merkte man: Wenn man andere respektiert, respektieren einen die anderen. Das war ein Kreislauf, innerhalb dem ich gelernt hab, dass es um mehr als die Platte, das Tape oder das eigene Künstlerduo geht. Es gab vielmehr etwas, das man teilen konnte. Das war der Gedanke des Netzwerks und der Szene. Lange vor AirBnB habe bei anderen Leuten auf der Couch geschlafen und umgekehrt. Man hat die Leute nicht abgezockt, sondern gemeinsame Projekte initiiert. Dadurch kam etwas in Gang, das die Motivation, sich weiter in diesem Netzwerk zu bewegen, massiv erhöht hat. Zu manchen Leuten aus der Szene habe ich heute noch Kontakt. Wir treffen uns immer wieder. Aber vor allem schicken wir uns nach wie vor Dinge – und schreiben uns wie damals nur Dinge, hinter denen wir stehen.

Was heißt das?

Fadi Dorninger: Keine leeren Phrasen, keine Worthülsen! Der Mumpitz von Höflichkeitsfloskeln, hinter denen nichts steht, hat uns nie beschäftigt. Man muss sich nur den Schriftverkehr von Komponisten wie Bruckner und Wagner anschauen Keine einzige Hülse, im Gegenteil: Sie flanieren im höchsten Detail über ihre Arbeit, weil sie in ihrem Tun oft einsam waren. In meinem Fall war es ähnlich: Ich war mit meinem Sound nie Teil der Popkultur. Deshalb bewegt man sich auf inhaltlichem Niveau mit anderen. Das war ein Lernprozess, von dem ich das mitnehmen konnte, was mich bis heute prägt. Außerdem löte ich in den letzten Jahren wieder viel – ein Zufall, weil ich 2011 eine Lehrveranstaltung namens „Labor Sound“ im Rahmen der Studienrichtung Experimentelles Gestalten halten sollte. Mein Gedanke war: Ich muss etwas aufbrechen. Schließlich wollte ich aus der bildschirmbezogenen Routine in Bezug auf das Musikmachen ausbrechen. Zufällig habe ich das erste DIY-Circuit-Bending-Festival in Dresden entdeckt und direkt die Veranstalter kontaktiert. Danach war klar: Ich muss dort mit den Studierenden hinfahren. Und das hat wunderbar geklappt! Wir waren in unserer Lötblase drinnen. Alle waren inspiriert. Einer der Studierenden, Andreas Haslauer, hat später sogar ein Label gegründet.

Epileptic Media.

Fadi Dorninger: Genau. Andreas hatte damals ein Effektkastl dabei. Ein Bender hat ihm gezeigt, was man daraus machen kann. Plötzlich kamen ganz neue Geräusche raus, das war ein Wahnsinn. Es hat mich an meine erste Band Rhythmic of Industry erinnert. Seither war ich fast jedes Jahr in Dresden, um bei dem Festival mitzumachen. Deshalb kann ich sagen: Die Löthacking-Szene ist wie die Cassette-Culture-Szene. Sie funktioniert, weil alles open source auf open hardware-Basis ist. Der Spirit ist das Kollektiv. Eine einzelne Idee bekommt in der Gruppe neuen Input, sodass sich neue Wege auftun. Diese Inspiration erfüllt mich nach wie vor mit Freude. Man taucht in Denkwelten ein, ohne dass man das Gefühl hätte, Voyeur zu sein. Im Gegenteil: Man soll sich in einbringen. In den letzten Jahren hat sich diese Szene weiterentwickelt – weg vom Bending an sich, hin zum Entwickeln von Geräten. Mit Arduino und Teensy entstehen zusätzlich Hybride, die noch mehr Abwechslung ermöglichen. Die verwende ich live, manchmal passieren da verrückte Dinge!

Dinge, die du auch in anderen Projekten mit Field Recordings provozierst.

Fadi Dorninger: Ja, wie ich der gestalterischen Hegemonie entkommen kann, habe ich mich im Zuge des Projekts text2fieldrecordings gefragt. Die Frage war: Wie komme ich zu weg von den granulierten oder gecrossfadeten Stückerln. Indem ich meine eigenen Möglichkeiten reduzierte, konnte ich dieses Problem angehen. Ansatz war, eine Partitur von außen zu bekommen. Das heißt, ich spiele einen Text, den mir das Publikum gibt. Dafür legte ich unterschiedliche Sound-Container an, die mit Field Recordings gefüllt sind. Über ein Midi-Keyboard kann ich diese Sounds anspielen. Und gleichzeitig den Text in Sound überführen.

Das hört sich nach einem interaktiven Projekt an.

Fadi Dorninger: Ja, ich habe damit Workshops und Performances in unterschiedlichen Städten wie Lissabon, Marseille oder Johannesburg aufgeführt. Mir geht es dabei um die Frage: Wie hört sich die jeweilige Stadt an. Ich bitte die Menschen deshalb, mir einen Text zu schreiben. Als ich das Projekt in der Alten Schmiede aufführen konnte, hat mir Fritz Ostermayer einen schönen Beitrag geschickt: „Wien klingt nach einer Straßenbahn voller verhärmter alter Menschen.“ So etwas spiele ich dann. Und projiziere die Buchstaben an die Wand, damit das Publikum sehen kann, was passiert. Es entsteht eine Form von Poesie.

Gleichzeitig kreierst du ein Reisetagebuch, das auf Sounds basiert.

Fadi Dorninger: Für mich war dieser Ansatz eine Befreiung. Plötzlich konnte ich mit Field Recordings wieder Spaß haben. 2014 habe ich mit „Membrane“ eine durchkomponierte Platte veröffentlicht, bei der man gar nicht mehr das Gefühl hatte, dass es sich bei den Sounds um Field Recordings handelte. Davon wollte ich mich lösen.

Und zur Reduzierung zurückkehren.

Fadi Dorninger: Ja, mir taugt das. Auch, weil ich viele Kastln, mit denen ich Musik mache, selber gelötet habe. Wenn ich live spiele, ist das erweiterte Geschichte – die Tools sind mir so nah, es gibt keine Distanz. Außerdem geht es um die Möglichkeiten der Kreativität und die Frage, wie man die einzelnen Tools miteinander einrichtet. Vor Kurzem hab ich mit Didi [Bruckmayr, zusammen sind sie Wipeout; Anm.] im Chelsea gespielt. Da kommen die Kids und wollen wissen, welche Geräte das sind. Nicht, weil sie so Gear-fixiert sind. Sondern weil sie was gehört haben, das aus dem Format der üblichen Sound ausreißt. Das hängt auch mit der Bauweise der Geräte zusammen. Die kleinen Drehknöpfe, die fehlende Skalierung. Das führt zu Sound, der nicht im Hörkanon verankert ist. Und das fasziniert. Ich merke das auch bei Löt-Workshops, die ich an der Uni halte. Die Teilnehmenden realisieren, dass mit jedem gelöteten Teil immer noch mehr geht, bis man sich ein eigenes kleines Orchester erschafft.

Was wiederum zu einem experimentellen Sound führt. Du komponierst aber auch klassisch, zum Beispiel fürs Theater.

Fadi Dorninger: Ja, fürs Theater verwende ich stereotypisch Ableton Live. Ich habe mir damit früh ein System erarbeitet, wie sich Fades machen lassen. Das hängt mit meiner Meinung zusammen, dass sich ein Schauspieler nicht nach der Musik richten soll. Schließlich gibt es in einem Dialog Dynamiken, die sich abwechseln. Anhand von Cue-Punkten kann ich das über mein System ansteuern. Außerdem kann ich während der Proben rohe Muster zusammenbauen, die dann direkt zur Anwendung kommen. Sobald das steht, setz ich mich in der Nacht in den Saal und misch die Musik auf die Hausanlage raus. Dafür ist Ableton gigantisch.

Unter dem Namen Smiling Buddhas veröffentlichst du auch Techno.

Fadi Doringer: Dafür verwende ich das Programm Renoise, weil es sich so anfühlt, als würde man mit einem gelöteten Gerät arbeiten. Für Soundinstallationen tun sich hingegen andere Fragen auf: Wo findet die Installation statt? Und um was geht es? Ich will die Technik im Moment des Spielens unsichtbar machen. Ich versuche damit auf den Raum einzugehen. Mittlerweile habe ich darin viel Erfahrung. Trotzdem kann ich nie dasselbe Setting zwei Mal verwenden. Jeder Raum ist anders.

Kannst du das ein bisschen ausführen?

Fadi Dorninger: Manchmal geht es immer um das Material. Ein Stiegenhaus besteht aus altem Gemäuer mit Simsen und Verzierungen. Das andere ist von oben bis unten glatt. Schon findet man eine andere Akustik vor – und muss eine andere Geschichte erzählen.

Welche Geschichte erzählst du gerne?

Fadi Dorninger: Es gibt eine, die ich im öffentlichen Raum oft auspacke: „Beyond The Water“. Der Ausgangspunkt ist eine Situation, die meine Arbeit verändert hat. Das Offene Kulturhaus Linz hat 2011 den zweiten „Höhenrausch“ veranstaltet. In diesem Rahmen sollte ich bei der Landesgartenschau in Ansfelden eine Installation konzipieren. Viele meiner Kolleg*innen haben ihre Kunstwerke in Bäumen drapiert – sie brachten die Technik in die Natur. Ich habe nur mit Klang gearbeitet und mich mit dem auseinandergesetzt, was in diesem Wald mit Bächlein, passiert. Mein Ansatz war, Tieraufnahmen in den Wald hineinzuspielen, die es vor Ort nicht gibt. Ich hatte wunderbare Aufnahmen von sibirischen Raben, aber ein Problem: Als ich die Sounds zur Probe abspielte, wurde es im Wald laut. Die Tiere fühlten sich bedroht. Und: Die Installation wäre den ganzen Tag gelaufen. Das wollte ich den Tieren nicht zumuten.

Ich entwickelte also die Idee, die Tiergeräusche im digitalen Prozess zu verändern, um ihnen eine andere Klangfarbe zu geben. Ich habe den sibirischen Raben also neu sounddesignt. Das Ergebnis habe ich wieder in den Wald gespielt. Und tatsächlich: Es blieb still. Die Tiere wussten genau, was echt ist oder von der Maschine kommt – im Gegensatz zu Menschen. Wir sind durch das Sounddesign aus dem Popfeld des Kinos geprägt. Deshalb glauben wir, dass es im Weltraum flippt und fiept – obwohl man schon bei Kubrick hören konnte, dass da draußen nur Stille ist. Ob dieses Hollywood-Sounddesigns glauben die Leute trotzdem, dass das akustische Leben ganz anders klingt. Das interessiert mich. Wie kann man in der Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und dem Popphänomen der Massenmedien ein neues Diskursfeld aufmachen. Für die Installation habe ich deswegen auch Aufnahmen verschiedener Wasserfälle gemacht. Der Ort der Installation war nicht direkt einsehbar. Man konnte zwar den Bach erkennen, durch das abschüssige Gelände aber nur erahnen, wo er entlang fließt. Das führte zu einem schönen Erlebnis: Als ich einmal zufällig bei der Ausstellung war, hörte ich, wie ein Mann mit breitem oberösterreichischen Dialekt zu seinem Kollegen sagt: „Sog, host du gwusst, doss do a Wossserfoi is?“ Die haben begonnen darüber zu diskutieren – in dem Moment bin ich mit einem breiten Grinsen dagestanden, weil meine Persiflage der Landesausstellung tatsächlich funktionierte.

Das ist wunderbar!

Fadi Dorninger: Ja, es geht um die Transformation durch Medien. Dieser Ansatz hat auch zu anderen Projekten geführt, die ich mit „Wind, Water, Waves“, einer anderen „Höhnrausch“-Installation, umsetzen konnte. Die Frage war: Wie nah ist der Weg zwischen einem mechanischen Klangtool aus der Barockzeit hin zu einem Synthesizer? Der Abstand ist gar nicht so weit. Für Regen kann man weißes Rauschen verwenden und kleine rhythmische Fenster einbauen. Das An- und Abschwellen des Winds ist noch einfacher. Deshalb ist die Imitation der Natur mit verschiedenen Tools nicht schwierig. Wie naturalistisch das Ergebnis ausfällt, ist allerdings eine andere Geschichte.

Es geht um die Illusion. Das Spiel zwischen Wahrheit und Fiktion.

Fadi Dorninger: Und hängt vielleicht damit zusammen, dass ich früher so viel psychedelische Musik gehört habe.

Ja?

Fadi Dorninger: Na, bei Quicksilver Messenger Service und deren „Who Do You Love?“ geht Gary Duncan mitten im Song die Batterie beim Wah-Wah-Pedal aus. Deshalb rauscht es nur noch. Die haben das im Mix rausgemischt und im Studio drumherumgspielt. Ich weiß das, weil ich den Gary gefragt hab. Gut, der hat zwar gemeint, dass er sich nicht mehr erinnern könne. Ich hab ihm aber meine Theorie erzählt. Und er hat dann – wohl auch, um mir eine Freude zu machen – gesagt: „Could be like this, yeah!“

Es geht nur um die Illusion.

Fadi Dorninger: Ja, aber stell dir vor: Die Nummer kam 1967 raus. Trotzdem kann ich sie noch immer, weil es keine Reproduktion von Blues Rock ist. Da versuchen Weiße nicht so zu tun, als wären sie Afroamerikaner. Das war wichtig. So was kannte ich davor nur von einem Konzert von Napalm Death in Wels. Ich bin dagestanden und hatte Gänsehaut.

Weil?

Fadi Dorninger: Es war das erste Mal, dass ich Rockmusik gehört habe, die nicht vom Blues abstammte, sondern aus der Industriehalle kam. Bei Nirvana war das ganz anders – die fusionierten alten Blues mit dem Electric Light Orchestra und einer Dosis geiler Verzerrung. Natürlich hat mir das auch getaugt. Bei Napalm Death war das es trotzdem ärger. Das war Metal ohne Blues, ging durch den ganzen Körper, der zu einer Membran wurde. Und hat mich unter Strom gesetzt. Schließlich hat mich nie das Songwriting interessiert, sondern die kulturelle Flurbereinigung durch wesentliche Parameter, die von ganz anderen Phänomenen als der Musik und ihrer Geschichte gesteuert werden. Schau dir Sly and the Family Stone an. Die waren wie Sun Ra von der Psychedelik und dem Outerspace-Denken beeinflusst. Da ging es um den kosmologischen Schwarzen. Bootsy Collins und Parliament haben sich dem auch gewidmet. Jimmy Hendrix sowieso. Und Drexciya haben ebenfalls eine Reise unternommen.

Wenn auch in die andere Richtung und zum Meeresgrund.

Fadi Dorninger: Mit der Zwischenstation Kraftwerk, die interstellar in ihrer eigenen Weise waren. Jedenfalls waren das die Parameter, die mich interessieren. Bei meinen Projekten stelle ich mir deshalb zwangsläufig die Frage: Was ist darin enthalten, das mich so beeindruckt? Oder: Ist es überhaupt enthalten? Gleichzeitig gibt es Fehler im System, die mit einem anderen Teil meiner Geschichte zusammenhängen. In meinen Techno-Stücken hört man viel Melodie. Da kommt meine klassische Geschichte durch, selbst wenn ich das gar nicht will. Aber: Ich kann es nicht anders produzieren. Es ist in mir drinnen. Ich muss damit leben, dass man mir andichtet, Techno mit Mozart zu machen.

Ich könnte mir schlimmere Kombinationen vorstellen.

Fadi Dorninger: Jedenfalls zeigt es, dass man die eigene Faszination und das, was man ist, nur schwer trennen kann. Innerhalb dieser Stränge operiert man. Innerhalb dieser Stränge operiere ich. Und: Wenn ich meine Geschichte anschau, sehe ich, dass ich selten jemanden verloren habe.

Dorninger: Early 80ies Solderpunk (c) Wolfgang Dorninger

Wie meinst du das?

Fadi Dorninger: Ich verlier die Leute nicht – auch wenn Projekte aufhören. Monochrome Bleu mag es in der Form nicht mehr geben, mit Peter Androsch hab ich künstlerisch trotzdem regelmäßig zu tun. Ähnlich geht es mir mit der Cassette Culture. Der Antrieb ging nicht vom Funktionieren aus, sondern vom Inhalt. Wenn man sich mit jemandem hinsetzt, an drei Kastln dreht und einfach spielt, kann man sich auf einer Ebene bewegen, auf der man sich blind versteht. Ob das lässig klingt, ist eine andere Frage. Allein die Tatsache, dass man sich darauf einlässt, sorgt aber dafür, dass man ein inhaltliches Vokabular entwickelt, das sich ohne Zielsetzung formuliert. Deswegen ist es mir wichtig, niemanden zu verlieren, damit der Reichtum erhalten bleibt.

Das hört sich nach einer nachhaltigen Form von Zusammenarbeit an.

Fadi Dorninger: Ich hatte nie den Drive zum Erfolg wie zum Beispiel Falco. Meine Voraussetzung besteht eher in der Freude, mit anderen Leuten etwas zu erleben – egal wie das Business-Konzept aussieht. Das kommt nur ins Spiel, sobald ich Budgets nachrennen muss. Man merkt dann: Andere Kollegen tun sich leichter, weil sie anders strukturiert sind. Bei mir muss es mit den Leuten, dem Stück oder Inszenierung passen, sonst mach ich es nicht. Und zwar nicht, weil ich mir so wichtig bin. Sondern weil ich nicht über eine längere Zeit leiden will.

Das ist ein interessanter Punkt. Wahrscheinlich schafft man es nur so, über 40 Jahre an der Sache dranzubleiben, ohne sich abzunützen oder die eigene Geschichte auszuerzählen. Du bist immer noch frisch.

Fadi Dorninger: Na jo, frisch … da bin ich schon diszipliniert. Ich mach ja einmal im Monat Radio. Apropos: Das war eine der größten Lieben, als wir 1986 das erste Mal mit Monochrome Bleu durch die USA getourt sind. In jeder Stadt sind wir zum College Radio gefahren, das war ein Erlebnis wie in dem „Blues Brothers“-Film mit der Erweckungsgeschichte. 1989 waren wir wieder in den USA, haben noch mehr Shows gespielt. Manchmal sogar live im Radio. Parallel dazu waren Leute von der Stadtwerkstatt in Buffalo und haben Community-Fernsehen erlebt. Deshalb gab es später das Stadtwerkstatt-TV und noch später user-generated Fernsehen mit Dorf TV. Der Drive zum freien Radio ist also aus Oberösterreich angetrieben worden – mit der Unterstützung von ähnlich denkenden Leuten in Wien. Jedenfalls bin ich beim Radio hängen geblieben. Und mach seither bei Radio Fro meine Sendung. Das zwingt mich, dass ich mir neue Musik checke und nicht nur in den alten Sammlungen wühle. Ich will den Leuten was vorspielen, das sie nicht im Antiquariat kaufen müssen, sondern auch auf Spotify finden.

Das heißt, das Radio hält dich frisch.

Fadi Dorninger: Jung und frisch. Außerdem bin ich seit 1997 an der Uni tätig. Jedes Jahr kommen junge Leute rein, was dazu führt, dass ich aktuell bleiben muss. Das ist ein Zwang, der mir guttut. Ich mache selber Workshops, lerne permanent. Ansonsten muss ich gar nicht erst anfangen, den Jüngeren etwas vorzumachen. Denn es interessiert kein Schwein, ob sich jemand in seiner eigenen Welt eingerichtet hat und seitdem nichts mehr Neues macht.

Manche legen es so an.

Fadi Dorninger: Weil man erfolgreicher wird, wenn man seine gut eingerichtete Nussschale vor sich herträgt.

Interessant ist das aber weniger.

Fadi Dorninger: Na, schau dir die Musikjournalisten an, die sich freuen, wenn irgendeine Band im Rockkontext so konservativ wie möglich eine Platte rausbringt! In der elektronischen Musik muss man sich dagegen dauernd schälen, um nicht als Rückschritt bezeichnet zu werden.

Wollen wir wirklich über die Silberrücken in den Redaktionen sprechen?

Fadi Dorninger: Mit elektronischen Acts wird viel kritischer umgegangen, außer es hat eine Form von Glamour oder Sexyness. Wenn Daft Punk den Nile Rodgers an der Gitarre haben, ist das eine andere Geschichte, weil es allen gefällt. Trotzdem: Das sind die Ausreißer. Alles andere muss sich immer neu beweisen – auch wenn das die jungen Leute schon wieder anders sehen.

Wie meinst du das?

Fadi Dorninger: Als Beispiel: Die Produzentin Miss Electric produziert, spielt und verlegt puren Oldschool-Techno. Bei den Veranstaltungen kommen viele junge Leute – und gehen ab! Die Älteren stehen dann rum und sagen: „Das war doch vor 20 Jahren schon so!“ Man muss sich also nicht permanent häuten und schälen. Ich übrigens auch nicht, weil ich unterschiedlichen Feldern arbeite und sich die Sachen automatisch schälen.

Die Felder wetzen sich ab, meinst du?

Fadi Dorninger: Es beeinflusst sich. Den Raumklang von Installationen, die ich im öffentlichen Raum aufführe, möchte ich in Ambient-Produktionen auf meinem Tonträger haben. Ich erlebe immer öfter Aufführungen, bei denen die Leute lauter sind als die Musik. Das ist eine schwierige Situation, die sich in den letzten Jahren zugespitzt hat. Die Vorstellung, dass bei einer Aufführung von Terry Riley im Hintergrund die Leute quatschen, war unmöglich. Und zwar nicht nur, weil ich eine Aufnahme davon besitze, bei der man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ich hatte auch selbst Veranstaltungen, bei denen es so war – allerdings gab es dort keine Gastro im Raum. Das ist mittlerweile eine Seltenheit, weil der wirtschaftliche Druck immer größer wird. Nicht umsonst fahren die meisten Clubs mittlerweile zwei Schienen. Bis halb elf finden Konzerte statt, dann gehen die Türen auf und die Party geht los. Eh gut, wenn sich die Clubs dadurch am Leben halten können. Es ist aber eine Sache, bei der ich mir denk: Haben wir das nicht schon spannender gehabt? Wieso muss alles so Business-orientiert sein?

„SUBKULTUR BRAUCHT KEINE COMMISSION.“

Ich kann nur für die Clubkultur in Wien sprechen, seh das aber ähnlich. Die Vienna Club Commission hat zwei Jahre gut gearbeitet, jetzt geht das Pilotprojekt zu Ende – übrig bleibt die kulturelle Arbeit, in die sich wirtschaftliche Interessen einklinken können – auch weil die Politik merkt, dass es etwas zu holen gibt. Übrig bleiben White-Collar-Clubs, wo sich die Leute mit 12-Euro-Mojitos zuschütten und Drogen ballern, um Trash-Techno zu hören.

Fadi Dorninger: Ja, ein ähnliches Beispiel: Ich seh das öfter bei ehemaligen Schulkollegen von mir, die mittlerweile tolle Jobs als Geschäftsführer haben. Wenn die mitkriegen, dass ich in ihrer Stadt spiele, finden sie es attraktiv, auf der Gästeliste zu landen. Von mir aus kein Problem. Schwierig wird es aber, wenn das einzig zur Projektionsfläche meines Gasts wird. Wenn die Leute also das Gefühl haben, an das anknüpfen zu können, was sie früher gelebt haben – aber ohne, dass etwas retour kommt. Die kaufen keine Tonträger, kein Merch, bleiben nur passive Konsumenten im eigenen Ego. Bis sie später in ihren A8 einsteigen und abhauen, ohne einen Euro liegen gelassen zu haben. Offensichtlich kommt in ihrer Rückprojektion die Armut des Studenten durch. Deshalb nehme ich die Leute nicht mehr auf die Gästeliste, weil mich dieses Verhalten beleidigt. Schließlich schenkst du den Leuten ein Fenster …

In die Jugend.

Fadi Dorninger: In bessere Zeiten.

Oder an die Erinnerung daran.

Fadi Dorninger: Ja. Sie bedanken sich nicht einmal, sondern hauen einfach ab. Hier schlag ich übrigens den Bogen zu dem, was du über die Club Commission in Wien erzählt hast. Man gibt Informationen preis über eine Subkultur, die der Treiber der Bewegung ist. Eine Subkultur lebt davon, dass sie nicht ihren Bauplan offenlegt.

Weil sie sich dadurch trägt.

Fadi Dorninger: In dem Moment, in dem der Bauplan geöffnet wird, verliert man …

Autonomie und Integrität.

Fadi Dorninger: Genau. Plötzlich wissen Leute von außen, wie diese Subkultur vorgeht und was sie macht. Dadurch wissen sie aber auch, wie man sie beschädigen und transformieren kann. Das ist ein Problem. Deswegen sehe ich die Commissions in Berlin oder Wien kritisch. Eine Subkultur braucht keine Commission, sondern Beweglichkeit. In dem Moment, in dem daraus eine touristische Sache wird, verkommt es …

Zu einem Lifestyle.

Fadi Dorninger: Ja, weil das Vorteile für den Mainstream hat: Man kann Mode, Merchandise und solche Sachen machen. Die Frage ist: Wer macht was Neues, wenn alle gestreamlined sind? Ich spiele in meiner Radiosendungen zum Beispiel ganz konservativ alle Stücke aus. Auch aus dem Gedanken, dass Musik nicht zu Moozak verkommen darf. Und weil die Stücke es wert sind. Da kann eine Drum’n’Bass-Nummer nach einem Techno-Track kommen – es geht um den Diskurs, wenn sie nebeneinanderstehen. Natürlich kann man das nur machen, wenn man sich bei einem freien Community-Radio engagiert. Schließlich steht da kein finanzieller Gedanke dahinter. 

Im Formatradio bräuchtest das nicht bringen, ja.

Fadi Dorninger: Die Hörer, die Werbekunden, alle würden schimpfen. Deshalb übernimmt die Maschine die Auswahl. Die Sache ist: Wie kann eine österreichische Band, die nicht durch Zufall einen internationalen Hit gelandet hat, jemals auf Ö3 laufen? Nie! Sogar im Lockdown haben sie die Chance ausgelassen, sich solidarisch zu zeigen. Sie hätten österreichische Musik spielen können, um den Künstlerinnen und Bands über die Tantiemen einen Ausgleich zu schaffen. Wieso haben sie das nicht gemacht? Die Antwort liegt auf der Hand. Die Leute hätten gecheckt, dass es in Österreich viel lässige Musik gibt. Umso schwieriger wäre es gewesen, wieder zum bewährten System zurückzukehren.

Never change a running system aber mit ökonomischem Vorzeichen.

Fadi Dorninger: Ja, das führt zwangsläufig zur Frage: Wie kriegt man als sogenanntes Kulturland eine Kultur zum Laufen? Ich selber habe nie ganz zu einer Szene dazugehört, weil ich in so vielen Szenen unterwegs war. Das hat mir viel Freiraum gegeben. Gleichzeitig haben es die Leute im Ausland immer gut gefunden, dass jemand der neben Klangkunst auch Techno macht. Soundart during the day – techno in the night. In Österreich fand man das obszön! Selbst in Linz, wo alles immer rauer war, hatte man damit immer Probleme. Klar, es gab ein paar Leute, die sich aus dem Fenster gelehnt haben und beides machen. Cherry Sunkist zum Beispiel. Inzwischen macht aber auch sie weniger Musik. Und dann gibt es auch Musiker, die in die Kunst zurückgehen.

Parov Stelar.

Fadi Dorninger: Ja, er hatte gerade eine Ausstellung in Linz, ist ausgebildeter Maler. Und spielte seine erste Show im Time’s Up in Linz. Trotzdem ist er der Einzige, der aus der Populärkultur zurück in die Kunst ging.

Das kann er sich auch leisten.

Fadi Dorninger: Na ja, was heißt leisten?

Wir müssen jetzt nicht die finanzielle Ausgangsbasis von Parov Stelar diskutieren, oder?

Fadi Dorninger: Er kann dadurch automatisch eine Zielgruppe erschließen, die sich etwas leisten kann, das stimmt. Die Videos, die er auf YouTube hat, erreichen aber nicht ohne Grund viele Leute. Da ist vieles richtiggemacht worden. Zur richtigen Zeit, mit den richtigen Codes. Ohne sich anzubiedern. Und ohne Partner oder Producer der sogenannten Industrieprofis. Man muss anerkennen, wenn jemand sein Ding hat, die Sache explodiert und bis heute nicht beschädigt wird. Als Maler ist der Schritt weg von der Popwelt verständlich. Nicht nur weil das Malen ganz neue Synapsen eröffnen kann.

Darüber werden wir ein anderes Mal sprechen. Zum Abschluss möchte ich dir noch eine Frage stellen: In all der Zeit, in der du als Musiker und Künstler aktiv bist, welche Dinge hast du in der Vergangenheit bereut oder gerne anders gemacht?

Fadi Dorninger: Es gibt eine Sache, von der ich mir sicher bin, dass wir uns um viel Spaß gebracht haben. Als es in den Neunzigern mit Wipeout losging, hätten Didi [Bruckmayr, Anm.] und ichfür ein Jahr nach London gehen sollen. Damals gab es noch Musikpresse. Und wir hätten eine Chance gehabt. Tatsächlich hatten wir damals einfach zu viel um die Ohren. Uni, Projekte, Theater. Das hat verhindert, sich in den Zug zu setzen und nach London zu fahren. Rein vom Spaß wäre es aber der richtige Zeitpunkt gewesen. Ob was rausgekommen wäre oder nicht, egal! Wir hätten sicher viel für unser Leben mitgenommen. Oder uns beschädigt, wer weiß!

Du bist zwar nicht nach London gegangen, aber unbeschädigt geblieben.

Fadi Dorninger: Darüber bin ich froh, ja! Ich bin mental und körperlich fit. Viele Freunde, die lässige Gedanken gehabt haben, sind irgendwann mit einer Droge ins Bett gegangen. Manche sind zu sinistren Spinnern geworden, haben sich Hakenkreuzfahnen in ihr Wohnzimmer gehängt. Dass ich mich nie verloren habe, steht also auf der Habenseite. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich mehr riskieren hätte können. Damals, als in Berlin die Rollladen runtergingen, wollte ich hinziehen. Tatsächlich war ich eine Zeitlang dort, bin aber von einem Keller-Rave zum nächsten gezogen – und zwar ohne mich mit Drogen wegzuflashen. Ich habe gemerkt: Wenn ich in Berlin wohne, hört das nie mehr auf. Ich hatte ja schon einen Stress, als ich in Wien studiert hatte – mittwochs gab es den Space Jungle, am Wochenende waren Theaterpremieren und Ausstellungseröffnungen, außerdem war ich an der Angewandten, die Professoren haben uns permanent zu Vernissagen mitgenommen. Kein Wunder, dass das auch die Zeit war, in der ich kaum bis keinen Output hatte. Deshalb hab ich mir Berlin gar nicht erst angetan. Im Nachhinein hätte ich es allerdings tun sollen. Umbruchsituationen provozieren einen kreativen Prozess. Linz war dagegen immer mein Zufluchtsort.

Vielen Dank für deine Gastfreundschaft, die Zeit und das Gespräch!

Christoph Benkeser

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