„DANN GAB ES KEIN ZURÜCK MEHR“ – ANNA ANDERLUH IM MICA-INTERVIEW

Die in Klagenfurt geborene Sängerin, Komponistin, Performerin und Musikerin ANNA ANDERLUH bewegt sich gekonnt zwischen Jazz und Literatur, Musiktheater und Performance, experimenteller und Neuer Musik. Ein großer Teil spielt sich im improvisierten Bereich ab, auch das Unvollendete wird miteinbezogen. Als Performerin ist sie am gesungenen und gesprochenen Wort interessiert. In ihren Projekten geht sie gerne Verbindungen mit anderen Musikerinnen und Musikern ein. Bereits während des Studiums gründete sie zusammen mit der Flötistin HELGARD SAMINGER das Dada-Musiktheater HANS. 2017 erhielt sie das Jahresstipendium des Landes Kärnten für Musik und Darstellende Kunst welches ihr ermöglichte, sich nach dem Studium neben der Musik auch intensiver mit der Schauspielerei auseinanderzusetzen. Sie wirkte in einigen interdisziplinären Projekten und Theaterprojekten mit, unter anderem als Chormitglied im BURGTHEATER bei der Produktion „Antigone“, als Schauspielerin bei “Das Schloss – nach Franz Kafka” und als Sängerin und Schauspielerin bei den VAGINAS IM DIRNDL.  

Aktuell ist sie ist Mitglied des Ensembles Einfache Einfahrt, des 13-köpfigen Bandkollektivs Little Rosies Kindergarten, der Porgy & Bess Stage Band 2021/22. Sie spielt in verschiedenen Konstellationen mit dem Blues-Gitarristen und Liedermacher Alex Miksch, im Duo mit der Pianistin Verena Zeiner, im Quartett Squamata mit Judith Schwarz, Lisa Hofmaninger und Matteo Haitzmann. Die Gründerin des Vokalensembles Hals – freefall a-capella ist auch Sängerin bei Christoph Cechs Jazz Orchestra und kollaboriert regelmäßig mit dem Akkordeonisten Stefan Sterzinger. Seit 2019 ist sie zusammen mit Verena Zeiner, Sara Zlanabitnig und Milly Groz im Leitungsteam des Vereins Fraufeld – zur Sichtbarmachung von Musikerinnen in den Feldern progressiver Komposition und Improvisation. 2020 erhielt sie für ihr musikalisches Schaffen das Startstipendium des BMUKK. 2021 veröffentlicht sie nun ihr erstes Solo-Album „Leave me Something Stupid“. Es verbindet performative und poetische Momente mit gesellschaftskritischen Inhalten. Michael Franz Woels stellte Fragen zu den schönen, kleinen Dingen, zu Songs im Zwischenstadium und möglichen Sehnsuchtsorten. 

Warum hast du die auf „Leave me something stupid“ versammelten Lieder unter deinem Namen veröffentlicht und sie nicht in deine unzähligen Kollaborationsprojekte einfließen lassen?

Anna Anderluh: Ich habe mich lange nicht darüber getraut Solo aufzutreten. Für mich hat Musik sehr viel mit Kommunikation zu tun. Beim Musikmachen nur für mich habe ich eines Tages realisiert, dass ich mit der Musik selbst spiele, als wäre sie jemand anderer und dass die Instrumente ihren eigenen Willen haben und mir auch antworten. So sind einige Songs entstanden, von denen ich aber nie gedacht hätte, dass sie das Wohnzimmer verlassen werden. Schlussendlich war es dann der Kollege Sterzinger, der mich eines Tages ungefähr mit den Worten: „Du brauchst a Solo. Konzerttermin ist im April 2019 in der Sargfabrik“ angerufen hat. Dann gab es kein Zurück mehr.

Dein „Signature Sound“, mit dem du dich häufig begleitest, kommt von einer selbst modifizierten Autoharp, einer Amerikanischen Kastenzither. Wie bist du zu diesem Instrument gekommen?

Anna Anderluh: Das erste Mal habe ich von der Autoharp durch eine Freundin erfahren, die ein großer PJ Harvey Fan ist. Sie war begeistert und ich dachte mir damals nur: „Was für ein idiotisches Instrument. Das ist etwas für Leute die sich die Akkorde nicht selbst zusammensuchen können“.  Einige Jahre später ist mir die Autoharp in einer Probe mit Alex Miksch wieder begegnet. Er hat sie aus einer verstaubten Ecke geholt und mir zum Experimentieren geborgt. Da habe ich mich in den Klang verliebt. Ihre harmonische Begrenztheit wollte ich dafür dennoch nicht in Kauf nehmen. Also habe ich mich auf die Suche nach Modellen, die die Akkordmöglichkeiten auf der Autoharp erweitern gemacht.
Das übliche System bei der Autoharp: Pro Akkord einen Knopf drücken, welcher über Filze die Saiten dämpft. Man hat maximal 21 Akkorde zur Verfügung. Bei Erweiterungen kombiniert man zwei oder mehrere Knöpfe und hat dadurch mehr Möglichkeiten. Die meisten Autoharpisten sind ziemliche Puristen und strikt gegen jegliche Modifizierung des Instruments: „You are taking away the „auto“ of the Autoharp“. Schließlich habe ich mich für ein System entschieden, welches sich „Prizim Zither“ nennt und habe mir die Filze entsprechend zugeschnitten. Ich bin aber schon wieder auf der Suche nach etwas Neuem.

Manche der Stücke tragen noch den selbsterklärenden Titel „Improvisation“. Auch alle anderen Songs sind ja aus privaten Improvisationen entstanden. Du versuchst sie gerne in einem Zwischenstadium, wie du es nennst, zu bewahren. Was schätzt du an dem Skizzenhaften deiner Liedentwürfe?

Anna Anderluh: Ich möchte nie das Gefühl bekommen, jetzt ist ein Song fertig. Das führt zur Erstarrung der Lieder. Die Songs, egal wie alt sie sind, sollen sich immer so anfühlen, als würde in diesem Moment etwas entstehen. Während ich mich auf die Aufnahmen im Studio vorbereitet habe, habe ich oft die Handyaufnahmen herausgesucht und mir die allererste Version der Songs angehört. In diesem Stadium sind sie noch zwischen Improvisation und Komposition, oft nur mit Fantasiesprache. Da geht es um eine ganz bestimmte Energie in der alles noch offen ist. Diese Offenheit möchte ich bewahren. Es geht aber auch nicht darum, diese Songs in diesem Zwischenstadium zu halten – das wäre auch wieder eine Erstarrung. Sie können und müssen sich strukturell weiterentwickeln. Selbstverständlich ist eine Aufnahme immer eine Konservierung, aber es macht einen Unterschied, ob sie lebendig eingespielt wurde oder nicht. 

Du bezeichnest deine Stücke als „Pop mit Riss“. Wenn ich an Pop denke, denke ich an knallige, beatlastige und damit tanzbare Emotionsverdichtungen …

Anna Anderluh: Vielleicht ist es auch eher Riss mit Pop. (lacht) Ich denke das ist eine Seite von Popmusik. Die Beatles sind auch Pop und passen nicht zu dieser Beschreibung.

Bild Anna Anderluh
Anna Anderluh (c) Maria Frodl

„BEIM ERSTEN LOCKDOWN HABE ICH GEHOFFT, DASS DER STILLSTAND DER KULTURBRANCHE AUCH ZUM ANHALTEN DER SELBSTVERMARKTUNGSHÖLLE IN MEINER BUBBLE FÜHRT.“

In deinem Video „Let go“ exekutierst du eine radikale Form von Digital Detox. Zuerst versuppst du dein Handy mit einer Erdbrühe, final wird der kleine, zeitfressende Allzweckpeiniger dann rustikal zerhackt. Wie behältst du sonst die Kontrolle über deine Bildschirmzeit abseits dieser delikate Zerstörungsvariante, wie entkommst du dem sozialen Zwang des Digitals?

Anna Anderluh: Gar nicht (lacht). Auch wenn ich für mich selbst Regeln habe, wie zB Handyverbot im Schlafzimmer oder Tage, an denen ich das Ding in einer Schublade verstecke und nicht herausholen darf. Ich lebe noch immer in einer Zeit, die von Smartphones und den sozialen Medien geprägt ist und erfahre ihre Auswirkungen. Mich beschäftigt nicht nur mein eigener Umgang damit, sondern vielmehr, was der Missbrauch dieser Technik mit unserer Gesellschaft macht. Ich sage auch bewusst „Missbrauch dieser Technik“, weil ich generell eine Befürworterin von technischem Fortschritt bin und mein Problem damit eher ist, dass aus einem per se nützlichem Gerät ein süchtigmachender, krankmachender Miniglückspielautomat gemacht wurde, nur damit dadurch noch mehr unnötiger Müll verkauft wird.

Im Fall von „Let Go“ hatte das Handyzerhacken aber auch noch einen anderen Hintergrund. Es beschäftigt mich schon lange, dass ich einer Marktlogik, die ich in meiner Musik kritisiere, folgen muss, damit meine Musik überhaupt in irgendeiner Form hörbar werden kann. Das ist für mich ein innerer Konflikt. Beim ersten Lockdown habe ich gehofft, dass der Stillstand der Kulturbranche auch zum Anhalten der Selbstvermarktungshölle in meiner Bubble führt und dadurch ein Umdenken in Gang gesetzt werden kann. Stattdessen ist dieser Druck in den sozialen Medien nur noch stärker geworden. Niemand wollte nach der Pandemie weg vom Fenster sein, oder zurückbleiben und da schließe ich mich nicht aus. Meine Frustration darüber habe ich mit diesem Video neoliberal vermarktet (lacht). 

Dich reizt das physiologische Arbeiten mit der Stimme, auch abseits von ästhetischen Überlegungen. Welche Aspekte sind für dich bei der Vokalexperimentation gerade spannend?

Anna Anderluh: Dazu muss ich sagen: das, was sich physiologisch gut anfühlt, ist meistens auch sehr ästhetisch, wenn auch nicht an einem äußeren ästhetischen Ideal orientiert. Ich habe eine Ausbildung in Deutschland am Lichtenberger Institut für angewandte Stimmphysiologie gemacht. Das war sehr faszinierend und prägend für mich und hat mir eine neue Welt eröffnet. Ich habe mehrere Anatomieatlanten zuhause, unter anderem einen fotografischen. Es interessiert mich einfach, wie das alles funktioniert und wie der Körper unter unterschiedlichen Bedingungen klingt und sich verhält. Über das Singen nehme ich Kontakt dazu auf. Spannend dabei ist, Fragen an das Gewebe oder das Organ selbst zu stellen und nie zu glauben, man wisse die Antwort schon. Der Klang und der Körper müssen selbst die Tunnel zueinander graben.

In der Kognitionswissenschaft spricht man von der Embodied Cognition – der Theorie von einer mentalen Repräsentation der Wechselwirkung von Motorik, Sensorik und Kognition. Neben Autoharp und Piano spielst du auf deinem Soloalbum auch mit „schönen kleinen Dingen“. Welche hast du dafür ausgewählt, welche Bedeutung haben sie in Bezug auf Denk- und Improvisationsprozesse?

Anna Anderluh: Die kleinen Dinge wähle ich in erster Linie nach der Klangqualität aus. Kennst du ASMR? Da nehmen Leute stundenlang Videos von Geräuschen auf. Zum Beispiel kratzen sie auf einem Schwamm oder reiben die Finger aneinander, oder sie flüstern. Wenn man es hört, hat man das Gefühl, der Sound kriecht einem ins Ohr rein bzw. man spürt es am ganzen Körper. Geräusche haben das Potential sensorisch wahrgenommen zu werden, zum einen, weil bestimmte Frequenzen körperliche Zustände auslösen, und zum anderen, weil sie oft nicht der Musik zugeordnet werden – was natürlich Schwachsinn, aber gleichzeitig auch die große Chance ist. Dadurch sind sie noch mehr von Wertungen und Einordnung befreit. Sobald die Gegenstände auf der Bühne sichtbar sind, kommen zu einem Plastiksackerl natürlich ganz andere Assoziationen hoch wie zu Tannenzapfen oder einer Kaffeekanne. Damit spiele ich auch bewusst. 

Bild Anna Anderluh
Anna Anderluh (c) Maria Frodl

Auf dem Cover bist du von Blättern umkränzt, es gibt auch Fotos, auf denen du eine Wurzel mit einem Erdballen schützend vor dich hältst beziehungsweise sogar deine Mundhöhle erdest und die Wurzeln wie manifestierte Wortverästelungen herausragen. Welche emotionale oder spirituelle Beziehung hast du zu Pflanzen, zum Geist und Wesen, zum heilenden Wissen, zum „Plant spirit“ …?

Anna Anderluh: Meine Beziehung zur Natur hat nichts mit Spiritualität zu tun. Religiöse, von Menschen kreierte, Interpretationen über die Natur stellen sie oft entweder unter den Menschen – nach dem Motto „macht euch die Erde zu untertan“ oder in Form von Göttern oder einem Geist über den Menschen. Beides erweckt den Anschein, als wären wir von der Natur getrennt. Das macht für mich keinen Sinn, sondern viel mehr die Tatsache, dass wir Menschen auch nur biologische Lebewesen sind, die sich in der kritischen Zone zurechtfinden und arrangieren müssen. 

„VIELE VORURTEILE ODER UNGERECHTIGKEITEN HABE ICH DAVOR GAR NICHT ALS SOLCHE WAHRGENOMMEN.“

Seit 2019 bist du auch im Leitungsteam des Vereins Fraufeld, gemeinsam mit Verena Zeiner, Sara Zlanabitnig und Milly Groz. Was steht gerade an? 

Anna Anderluh: Diese Woche laufen gerade die Aufnahmetage für die 3. Compilation „Fraufeld Vol.3.“ Bei „Vol. 2.“ war ich auch schon Teil von Fraufeld und ich frage mich jedes Mal: „Warum kannte ich diese Musikerinnen bisher nicht“. Und es gibt noch so viele, die mehr Sichtbarkeit verdienen. Dazu möchten wir unseren Teil beitragen. Auch die Diskussionen im Team untereinander sind wichtig. Ich habe gemerkt, was das in mir verändert. Viele Vorurteile oder Ungerechtigkeiten habe ich davor gar nicht als solche wahrgenommen, weil sie für mich so normal waren. Ich denke, so geht es nicht nur mir, auch wenn die Aufmerksamkeit für diese Thematik deutlich zugenommen hat. 

Du coverst als Abschusslied des Albums Neil Young. Ein romantisches Liebeslied beschließt die Songsammlung. Welche anderen Songs coverst du im Moment gerne? 

Anna Anderluh: Eigentlich ist das mehr eine Zugabe als der Abschluss meiner Songsammlung. Es hat sich bei Konzerten so entwickelt, dass ich diesen Song immer wieder gespielt habe. Es scheint, man kann damit die Zeit anhalten. So war es auch für mich klar, dass er am Album Platz findet.  Abgesehen davon covere ich selten Songs. 

„WIE KÖNNTEN WIR UNSER LEBEN NACHHALTIGER GESTALTEN UND DAVON PROFITIEREN?“

Der Song „124 1827“ beschreibt ironisch urlaubskonsumistisches Verhalten. In welches Land würdest du gerade gerne verreisen? Gibt es so etwas wie einen Sehnsuchtsort?

Anna Anderluh: Das ist eine total lustige Frage zu diesem Song und so verständlich wie auch paradox man schaut „we feed the world“ und denkt sich danach „ma jetzt hab ich Lust auf Mc Donalds“.  Genauso bekommen wir Informationen über den Klimawandel gepaart mit Katastrophenszenarios und der erste Impuls ist „Jetzt schnell noch die Reise nach Bali, weil bald geht das nicht mehr.“ Wenn auf der einen Seite „die Welt geht unter“ und auf der anderen „Sehnsuchtsort“ steht, dann habe ich natürlich mehr Lust auf einen Sehnsuchtsort. Ich reise sehr gerne und freue mich auch darauf, wenn das wieder möglich ist. Aber ich habe auch Sehnsucht nach positiven Visionen für die Zukunft, wo es nicht darum geht, worauf wir alles verzichten müssten. Wenn wir das nicht tun, dann erwartet uns Schreckliches. Wie könnten wir unser Leben nachhaltiger gestalten und davon profitieren?

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Franz Woels

„Leave me Something Stupid“ erscheint am 7. Mai 2021 auf Session Work Records.

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Termine:
21.05. 2021 Album Release ORF Radiokulturhaus, Wien

25.06. 2021 Rockhouse Salzburg
15.07. 2021 Donnerszenen Klagenfurt
15.08. 2021 Theaterfestival Litschau

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Link:
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Anna Anderluh (Facebook)
Session Work Records