Bild Nermina Mumic
Nermina Mumic (c) Legitary

„Da ist dein Schatz, fang an zu graben!” – NERMINA MUMIC (LEGITARY) im mica-Interview

Das Wiener Startup LEGITARY deckt mittels angewandter Mathematik Unregelmäßigen in der Datenverarbeitung von Streaming-Diensten auf. Ein Algorithmus spürt falsche Zahlen auf und ermöglicht den Rechteinhabern, ihre Abrechnungen zu kontrollieren und die Tantiemen aufzubessern. CEO NERMINA MUMIC fordert mehr Transparenz und Fairness statt bedingungslosem Vertrauen. Ein Gespräch über innere Werte und mathematische Wahrheit.

Streaming ist der Hoffnungsschimmer der Musikindustrie. Bei den Künstlerinnen und Künstlern kommt am Ende des Tages aber oft zu wenig Geld an. Ihr Unternehmen Legitary hat einen Algorithmus zur Erkennung von Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen von Streaming-Diensten entwickelt. Wie funktioniert Legitary in einigen wenigen Sätzen für den Laien erklärt? Und steckt immer Betrug bzw. böse Absicht dahinter oder gibt es auch andere Ursachen für etwaige Unregelmäßigkeiten? 

Nermina Mumic: Im Wesentlichen läuft es so: Künstlerinnen und Künstler haben ihre Musik auf Spotify, Deezer, Youtube etc., und am Monatsende kommt eine Abrechnung, die besagt, dass der Song XY genau 1.483.000-mal gestreamt wurde. In dem Moment muss die jeweilige Künstlerin/der jeweilige Künstler darauf vertrauen, dass diese Angaben richtig sind. Die Tantiemen fließen für diese Anzahl an Streams. Es lässt sich aus Sicht der Künstlerin/des Künstlers aber nicht verifizieren, ob es nicht doch vielleicht zwei oder drei Millionen Streams waren. Das ist das Problem, das die Industrie hat. Dass man den Zahlen, die von den Plattformen kommen, bedingungslos vertrauen muss. Mit Legitary haben Rechteinhaberinnen und -inhaber nun ein Tool in der Hand, um diese Zahlen, die berichtet werden, zu verifizieren. Und das hat nicht unbedingt nur mit Betrug, sondern Anomalien aller Art zu tun. Unser Tool erkennt Unregelmäßigkeiten und Anomalien. Diese können aufgrund vieler Faktoren passieren. Es sind unheimlich große Datenmengen, die da verarbeitet werden. Allein in den USA werden pro Tag drei Milliarden Titel gestreamt. Das ist ein riesiges Datenvolumen. Nun sind Musiklabels gut im Marketing, aber keine Technologie-Player. Mit diesen riesigen Datenmengen akkurat umzugehen, ist herausfordernd. Da gibt es zunächst einmal Matching-Probleme. Ein Report kann liegen geblieben sein. Es gibt technische Probleme. Die ganze Bandbreite. Zusätzlich dazu gibt es das Potenzial für Betrug. Legitary entdeckt Anomalien jeglicher Art. Die berichtete Zahl passt nicht zur mathematischen Wahrheit dahinter. Dann kann man dem Ganzen auf den Grund gehen.

In Zahlen ausgedrückt: Wie viel Geld kann Legitary Rechteinhaberinnen und -inhabern an zu wenig abgerechneten Tantiemen einbringen?    

Nermina Mumic: Statistisch gesehen haben wir basierend auf unseren Analysen mit einer Unterbezahlung von durchschnittlich 7% zu tun. Wenn man das nun auf den Streaming-Markt hochrechnet, sind das jährlich etwa 900 Millionen Dollar, die nicht korrekt bezahlt werden. Das kann man sich also wie eine riesige Schatzinsel vorstellen. Man weiß, es gibt einen Schatz, aber man weiß nicht, wo man zu graben beginnen soll. Bei Künstler A, bei Künstler B, oder doch bei Song C? Wo beginne ich zu kontrollieren? Legitary kann durch den Algorithmus automatisiert die Daten screenen und der Rechteinhaberin/dem Rechteinhaber das Kreuz auf die Karte zeichnen. „Da ist dein Schatz, da musst du zu graben beginnen!”

Wie viel kostet es, auf Legitary zurückzugreifen und wie viel muss ich umsetzen, damit es sich überhaupt auszahlt, d.h. damit der Gewinn aus Legitary die Kosten von Legitary übersteigt? 

Nermina Mumic: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Auditing eines Albums braucht circa dreihundert Stunden. Wenn man sich jetzt eine Beraterstunde mal dreihundert rechnet, weiß man, dass das ziemlich kostspielig werden kann. Das überlegt man sich als Rechteinhaberin und -inhaber drei Mal, bevor man das tut. Das Verdachtsmoment muss hinreichend groß sein. Der Vergleich zu Legitary: Die drei Milliarden Streams, die es in den USA pro Tag gibt, sind eine Datenmenge, die wir in einer Zeitspanne von unter fünf Minuten behandeln. Das ist ein riesiger Effizienzsprung und viel weniger aufwendig als herkömmliche Methoden.

Wie viel kostet es mich, wenn ich als Label auf die Dienste von Legitary setzen möchte?

Nermina Mumic: Im Moment verrechnen wir nach analysierten Datenvolumen. Pro Million Streams, die wir entbündeln, zahlt man circa 20 Dollar.

Daten erfassen und nach statistisch signifikanten Abweichungen untersuchen, klingt eigentlich plausibel und einfach. Ist es tatsächlich so einfach? Und wie habt ihr euch abgesichert, damit nicht ein anderer mit ähnlicher Methode euer Geschäftsmodell adaptiert? 

Nermina Mumic: Der große Unterschied zwischen Legitary zu anderen Produkten, die es auf dem Musikmarkt gibt, ist, dass unser Geschäftsmodel auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Ich habe den Algorithmus im Zuge meiner Dissertation an der TU Wien entwickelt. Mitentwickelt hat Professor Filzmoser, der eine Koryphäe im Bereich Robuste Statistik ist. Da stecken dreißig Jahre akademische Expertise dahinter. Das aufzuholen, ist erst mal nicht so leicht. Unser Paper wurde peer-reviewed, d.h. das ist wissenschaftlich internationaler Gold-Status. Aber natürlich muss man sich als Technologiefirma entsprechend absichern. Das ist der Grund, weshalb wir ein entsprechendes Patent angemeldet haben, das in der Zwischenzeit auch bewilligt wurde.

Ein internationales Patent, nehme ich an. 

Nermina Mumic: Genau, ein internationales.

Wer sind die Kunden von Legitary? An wen richtet sich der Dienst?

Nermina Mumic: Was das B2B-Geschäft anbelangt, auf das wir fokussieren, sind es Labels, Musikvertriebe und Verwertungsgesellschaften sowie Auditing-Firmen. Im B2C-Geschäft sind es auch Artists, was es herausfordernder macht, denn als Artist bekommst du u.U. Abrechnungen von zehn verschiedenen Labels in ebenso viel verschiedenen Formaten. Das ist schwer zu behandeln. Im B2B-geschäft sind die Datenformate und -strukturen da schon einheitlicher. Das macht das ganze Procedere umgänglicher.

„Wenn man sich den Markt anschaut, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man das braucht, was wir bieten.”

Business-Ziel ist, dass Legitary der Business-Standard bei Tantiemen-Abrechnung wird. Wie weit ist man davon entfernt?

Nermina Mumic: Wenn man sich den Markt ansieht, merkt man: Er wächst rasant. Die IFPI-Präsidentin Frances Moore hat erst neulich mehr Transparenz auf dem Markt eingefordert und auch in Großbritannien ist eine große Diskussion darüber losgebrochen, dass es mehr Kontrolle in diesem Bereich braucht.
Es gibt also sehr starke Stimmen, die mehr Transparenz fordern. Wenn man sich den Markt anschaut, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man das braucht, was wir bieten. Ein Markt, der auf Vertrauen basiert, braucht eine Kontrollinstanz. Legitary hat sich gut positioniert. Ein großes Label hat uns versichert, dass es Vergleichbares auf dem Markt nicht gibt. Auch unser Sieg bei der MIDEM hat für eine entsprechende Positionierung gesorgt.

Sie meinen die Midemlab, den internationalen Wettbewerb für Startups in der Musikbranche, der jedes Jahr in Cannes im Rahmen der Midem, einem der größten Branchenevents, stattfindet. 

Nermina Mumic: Genau. Man muss sich vorstellen: Wir haben erst zwei Monate, bevor wir dort den Preis gewannen, gegründet. Dass ein junges, österreichisches Unternehmen nicht nur ins Finale kommt, sondern auch gewinnt, war schon ungewöhnlich. Insgesamt wurden dort 177 Geschäftsideen aus 45 Ländern eingereicht. Alleine das hat gezeigt, wie große das Bewusstsein seitens der Branche ist, dass es so etwas braucht.

Haben sich im Anschluss daran ganz konkrete Anfragen ergeben? Oder anders gefragt: Welche Partner braucht es überhaupt, um dem Schritt, technologischer Standard zu werden, entscheidend näherzukommen? 

Nermina Mumic: Es sind viele auf uns zugekommen, große Labels, große Digitalvertriebe, Majors, Auditing-Firmen, und es gab entsprechende Gespräche. Mit einigen dieser interessierten Firmen haben wir bereits erste Pilotprojekte abgewickelt. Unser Sieg bei der Midemlab war ein extremer Beschleuniger. Am Ende des Tages aber wird entscheidend sein, ob die Mehrheit Legitary benutzt.

Wer benutzt es schon? 

Nermina Mumic: Noch schaut man sich gegenseitig auf die Finger. Jedes Label würde am liebsten jedes andere dazu verdonnern, auch Legitary zu benutzen. Ein großes Problem sind ja die Fake-Plays. Die Fake-Plays des einen Labels blasen die Zahlen auf und das Label bekommt dadurch unverdientermaßen mehr aus dem Topf der aufzuteilenden Tantiemen. Vor allem Majors spüren diese Fake-Plays, weil dadurch der Revenue-Fluss entscheidend verzerrt wird, und zwar in die Richtung, wo die Fake-Plays liegen. Jedes Major hätte daher gerne, dass das andere besser kontrolliert wird, weil dadurch sichergestellt wäre, dass es beim anderen keine Fake-Plays gibt. Eine Kontrollinstanz wird begrüßt und entsprechend unterstützt. 

Zusammenfassend: Es geht in die richtige Richtung, aber zu sagen, wie lange es noch dauert ist schwer?

Nermina Mumic: Ein bisschen ist es wie ein Domino-Effekt. Es braucht den einen, dann fallen die anderen.

Ich habe Sie auf einer Veranstaltung an der Musikuniversität erlebt. Nach der Präsentation Ihres Unternehmens mussten Sie sich da den Vorwurf gefallen lassen, alles schön und gut, aber Legitary sei doch nur ein Baustein. In der heutigen Musikindustrie gäbe es jedoch eine Fülle von Baustellen. Ich fand diesen Kritikpunkt unfair. Legitary ist ja nicht angetreten, um die Branche gesamthaft zu retten, sondern eben ein Problem zu entschärfen. Und es ist doch immer noch besser, ein Problem behandeln als gar keines. Die Kritikerinnen und Kritiker mögen sich um die restlichen Punkte kümmern, finde ich. Wie sehen Sie das? 

Nermina Mumic: Absolut richtig. Natürlich ist die Problemlage, wieso es überhaupt zur Intransparenz auf dem Markt kommt, eine vielschichtige. Wir mit Legitary haben uns, wie Sie richtig sagen, einen Punkt herausgepickt. Der ist, dass man die Revenue-Reports derzeit, so wie sie geliefert werden, nicht kontrollieren kann und dass mittels unserer Technologie der Zugang zu Kontroll-Tools demokratisiert wird. Sicher gibt es auch andere Herausforderungen. Die Patentlösung für alles aber, die eierlegende Wollmilchsau wird es nicht geben, sondern sinnvolle Lösungen der einzelnen Probleme.

Die Medien sind voll von den Berichten, wie wenig den Künstlerinnen und Künstlern übrigbleibt. Wie schwer ist es da für Sie, gegen eine gewisse Wurstigkeit anzukommen, wonach es eh schon egal ist, weil sowieso wenig bis nichts übrigbleibt?

Nermina Mumic: Das ist weniger das Problem. Entscheidend ist: Wir arbeiten mit Daten, den Innereien der Labels und der Vertriebe. Da braucht es ein besonderes Vertrauensverhältnis, das einem die entgegengebracht werden muss. Und das Zweite: Das Streaming wächst zweistellig.
Wenn du aber jedes Jahr 20% mehr rausbekommst, dann ist es manchen egal, wenn sie vielleicht 27% mehr bekommen hätten, weil die Zuwachsraten ohnedies gut sind. Das Problem an der Sache ist aber: Die Wachstumsrate wird nicht ewig so bleiben. Jedes Wachstum dämpft sich irgendwann ab, weil eine Marktsättigung eintritt. Der Luxus wird also abklingen, und wenn er abklingt, wird man vermehrt auf uns setzen, um mehr rauszuholen.

Inwiefern hat Corona euer Geschäft beeinflusst? 

Nermina Mumic: An sich hat der Streaming-Markt durch Corona noch einmal einen Push bekommen. Schon vorher betrugen die Zuwachszahlen für Streaming zwischen 20 und 30%. Indem das Livegeschäft weggebrochen ist, ist noch mehr zum Streaming rüber gewandert. Forbes hat unlängst geschrieben, dass Streaming durch Corona noch einmal 12% zusätzlich zugelegt hat. Marktmäßig ist das gut, aber was das Business Development betrifft, ist es schwieriger geworden. Der Kernmarkt für uns sind die USA und Großbritannien, und da wurden nun einmal alle Konferenzen abgesagt.

D.h. die Möglichkeiten, sich zu präsentieren und zu akquirieren, wurden massiv geschmälert. Sind die Kundinnen und Kunden krisenbedingt nicht auch ängstlicher geworden, d.h. scheuen nicht viele das Investment in eine neue Technologie und warten lieber erst mal an, bis die Krise vorbei ist? 

Nermina Mumic: Weniger, weil der Leidensdruck immer größer wird. Wenn die Zahlen steigen, das Volumen größer wird, wird auch die Intransparenz noch mehr zum Thema. Das ist der eine Punkt. Je mehr sich zum Streaming hinbewegt, desto wichtiger wird es, dass ich Kontroll-Tools habe. Der zweite Punkt ist: Den Künstlerinnen und Künstlern ist das ganze Live-Geschäft weggebrochen. Das ist ein riesiger Anteil dessen, was sie generieren. Da ist Legitary eine gute Möglichkeit, um aus dem verbleibenden Geschäft mehr rauszuholen.

Wird der Algorithmus weiterentwickelt oder geht es hauptsächlich darum, ein fix fertiges Produkt an die Partner zu bringen? 

Nermina Mumic: Auf der einen Seite haben wir eine fertige Lösung, die patentiert ist und mit der wir arbeiten. Auf der anderen Seite arbeiten wir auch in andere Richtungen. Es wird langfristig nicht bei dem einen Produkt bleiben.

In welche Richtung wird das gehen? 

Nermina Mumic: Dazu darf ich noch nichts Genaues sagen. Wir haben uns im vergangenen Jahr stark der technologischen Weiterentwicklung gewidmet. Davon lebt man schließlich als Technologiefirma. Anfänglich haben wir bei Legitary auch stark auf die Unterbezahlung fokussiert, weil wir uns dachten, das sei für die Rechteinhaberinnen und -inhaber interessant, wenn sie etwa von Youtube zu wenig ausbezahlt bekommen. Durch die Zusammenarbeit mit den Labels aber haben wir gesehen, dass auch das Thema “Fake Plays” interessant ist. Und natürlich gibt es auch andere Themen. Man muss schauen, wo der Schuh drückt. Wir sind eine Streaming Analytics Company.

Abschließend noch zu den Fake Plays. Müssten da nicht alle daran interessiert sein, das möglichst rasch abzustellen? Wenn es Hitparaden gibt, in denen ein Artist mit acht verschiedenen Songs in den Top Ten ist, wird doch das ganze System ad absurdum geführt. 

Nermina Mumic: Sicher. Aber es braucht die Datenlage, damit wir analysieren können. Und die Frage ist, ob die Kundin/der Kunde die Datenlage hat. Es gibt Verwertungsgesellschaften und Publisher, die immer noch glauben, mit Quartals-Reports oder sogar Halbjahres-Reports auszukommen. Allein dadurch gehen irrsinnig viele Daten verloren. Viele glauben, sie würden sich so etwas sparen. In Wahrheit geht so viel Information verloren, mit der man arbeite könnte. Da befinden wir uns in einem starken Bewusstwerdungsprozess. Wenn die Leute monatliche Reports anfordern und ihre Systeme so umstellen, dass sie zumindest monatliche Information bekommen, verändert das die Informationsqualität ganz entscheidend. Da werden ganz andere Dinge möglich.

Indem man Anomalien viel früher entdecken kann? 

Nermina Mumic: Richtig.

Inwiefern wirkt sich, denken Sie, allein die Tatsache, dass es jetzt so etwas wie Legitary auf dem Markt gibt, positiv auf die Moral aus? Die Gefahr, beim absichtlichen Zahlensturz erwischt zu werden, ist doch deutlich gestiegen? 

Nermina Mumic: Stimmt. Ein bisschen ist es wie ein Radar. So lange es den gibt, fahren alle brav. Wenn es den nicht mehr gäbe, würde man sich auch weniger an die Geschwindigkeitsbeschränkungen halten.

Das heißt, es geht auch um Awareness. 

Nermina Mumic: Absolut. Unsere Message ist mehr Transparenz und Fairness, weil die Transparenz ein Riesenproblem ist. Man muss sich nur die Law Suits anschauen. Da wird teilweise in die hunderte Millionen geklagt, weil es Unsicherheiten bezüglich der Metadaten gibt und die Kontroll-Tools fehlen.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Markus Deisenberger

 

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