Bild Sophie Abraham
Sophie Abraham (c) Julia Wesely

„Da fing etwas in mir zu brennen an” – SOPHIE ABRAHAM im mica-Interview

SOPHIE ABRAHAM hat eigens für ihren Auftritt beim KICK JAZZ-Festival im PORGY ein Stück komponiert. „Brothers” heißt es und handelt vom Sinn des Lebens nach einem schmerzlichen Verlust. Mit Markus Deisenberger sprach die Cellistin und Komponistin über den Tanz auf des Messers Schneide, Improvisationen im leeren Konzertsaal und die Faszination eiskalten Wassers.

Als 14-jährige bist du mit deiner Familie aus Holland ins Ennstal übersiedelt. Wie war das damals? Kulturschock pur oder weniger schlimm als es sich anhört? 

Sophie Abraham: Es war schlimmer, als ich mir gedacht hatte. Wir kamen aus Groningen, das in etwa die Größe von Graz hat, einer recht urbanen Stadt mit vielen Studenten. Dort wohnten wir am Stadtrand. Das Ennstal kannten wir zwar sehr gut, weil unsere Familie dort ein Haus hatte und wir jeden Urlaub dort verbrachten, trotzdem war es ein Schock. Urlaub ist schön und gut. Aber wenn man dann plötzlich dort wohnt, kommt man schnell drauf, dass man die Nachbarn einfach nicht versteht.

Wie kam es zu dem Entschluss nach Österreich zu gehen? 

Sophie Abraham: Meine Eltern sind Österreicher. Mein Vater ist Germanist und hatte eine Professur in Groningen an der Uni angeboten bekommen. Ihm war das Parteiensystem in Österreich zuwider, und so beschloss er, mit der Familie in ein nüchterneres Land zu emigrieren. Im Herzen aber blieben meine Eltern Österreicher und wollten die Pension in Österreich verbringen. Bis dahin hat die ganze Familie dreißig Jahre lang in Holland gewohnt. Ich wurde dort geboren.

Inwiefern hat dich das etwas “nüchterne” Land geprägt? Die erste musikalische Sozialisation hat schließlich in Holland stattgefunden, oder? 

Sophie Abraham: Auf jeden Fall. In Groningen gab es eine phantastische Universität, das Haydn-Konservatorium. Es gab sehr gute Jugendorchester dort. Das hat mich sehr geprägt, und ich habe dieses Flair aus sehr guter Qualität und hoher Motivation im Ennstal anfangs sehr vermisst.

War es immer klar, dass du eine musikalische Laufbahn einschlagen wirst, oder hat sich das eher so ergeben? 

Sophie Abraham: Es war mir immer klar, dass ich es nicht machen würde. Ich habe mir immer vorgesagt: „Nein. Sicher nicht.” Üben war schwierig für mich. Ich war als Kind lieber draußen, bin mit Freunden über die Felder gelaufen und hab Blödsinn gemacht. Erst mit siebzehn Jahren habe ich mich dazu entschlossen, es zu probieren. Ich weiß, das ist jetzt ein bisschen verwirrend. Im Endeffekt war es so: Bis ich vierzehn Jahre alt war und in Holland lebte, konnte ich mir das schon vorstellen. Durch die Übersiedlung ins Ennstal rückte das mit der Musik als Karriereoption aber in weite Ferne. Die Motivation war im Keller.

Weshalb? 

Sophie Abraham: Weil ich keine Freunde hatte, die das ebenso ernsthaft betrieben wie ich und die es schön und cool fanden zu üben. Ich erntete immer nur Kommentare wie: „Was tust du denn die ganze Zeit da drinnen?” Mit Siebzehn wechselte ich dann an die Uni Graz zu Andrea Molnar. Die hat mir wieder Spannung und den Enthusiasmus fürs Üben und Musizieren beigebracht.

„Die anderen Genres haben mich, als ich sie kennenlernte, wieder zur Klassik hingeführt.“

Kann man sagen, dass du dich in deiner Karriere zunächst zur Klassik hin und dann wieder weg von ihr bewegt hast? 

Sophie Abraham: In den Niederlanden habe ich mich sehr für die Klassik begeistert – vor allem auch durch das Jugendorchester. Als ich nach Österreich kam, flaute das ab, bis ich einen Kurs belegte, bei dem Folksmilch Referenten waren. Da wurde die echte, phantastische, urige, aber auch hippe Volksmusik aus Österreich und der ganzen Welt unterrichtet. Das war damals ein echtes Aha-Erlebnis, weil ich zum ersten Mal merkte, dass man das ja alles auch auf dem Cello spielen kann. Das gefiel mir. Da fing etwas in mir zu brennen an. Die anderen Genres haben mich, als ich sie kennenlernte, wieder zur Klassik hingeführt. Das heißt, seit ich ungefähr sechzehn, siebzehn Jahre alt bin, spiele ich auch andere Genres.

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Sophie Abraham (c) Julia Wesely

Das heißt, die Erweiterung des Horizonts hat zugleich zu einer Fokussierung geführt? 

Sophie Abraham: Genau, ja.

Du hast für den Auftritt beim Kick Jazz-Festival im Porgy eigens ein Stück komponiert? 

Sophie Abraham: Ja, es ist ein eigenes Programm, aber nicht mein erstes. Ich habe schon einmal ein Solo-Programm komponiert. Das hieß damals „Sophie geht den Bach runter”. Als ich gefragt wurde, ob ich beim Kick Jazz teilnehmen möchte, habe ich mich sehr gefreut, und wollte dort einfach etwas Neues präsentieren. 

In dem von dir angesprochenen ersten Solo-Programm hast du Solo-Suiten von Bach mit Eigenkompositionen kombiniert. Jetzt, beim aktuellen Programm, wird es auch Klassik, gemischt mit Eigenkompositionen sein, wie es in der Veranstaltungsankündigung heißt. Inwiefern unterscheidet sich das aktuelle vom ersten Solo-Programm?

Sophie Abraham: Der Anteil eigener Kompositionen ist viel höher. Ich würde sagen, er liegt bei 90 Prozent, vielleicht sogar noch höher. Das neue Programm heißt „Brothers” und ist ein sehr persönliches. Ich werde musikalisch Fragen über den Sinn des Lebens stellen, wenn einem der Tod ganz nahegekommen ist. Insofern ist der Tenor dieses Programmes ein komplett anderer als bei „Sophie geht den Bach runter”. Damals ging es um die Fröhlichkeit und Nüchternheit eines Baches. Lustig und leicht war das. „Brothers” hat zwar auch leichte Passagen, aber die Perspektive ist doch eine gänzlich andere.

War es ein persönliches Erlebnis, das dich dazu veranlasst, dich mit dem Tod auseinanderzusetzen? 

Sophie Abraham: Ja, ein sehr persönliches. Ich habe meine beiden Brüder verloren, als ich sechs Jahre alt war. Das hat unser aller Leben, das meiner Familie, aber auch das von Freunden und Bekannten, für immer verändert. Es geht aber weniger um mein persönliches Erleben als vielmehr um die Emotionen und die Stimmungen dahinter. Darin kann sich jeder wiederfinden, der schon einmal Verlust erlebt hat.

Wie schwer ist es, genau dieses Thema auf die Bühne zu bringen?

Sophie Abraham: Das ist auf Messers Schneide. Ich muss mich mental gut darauf vorbereiten und immer auch an die musikalische Professionalität denken, um mich nicht forttragen zu lassen. Es wird schwierig, aber es wird mir gelingen.

Ein Video auf deiner Homepage hat sich mir eingeprägt. Es zeigt, wie du einen Raum, bevor du ihn zu bespielen beginnst, regelrecht in Besitz nimmst. Welche Rolle spielt der Raum bei einem Solo-Stück? Inwieweit muss man die Beschaffenheit des Raumes beim Komponieren mitdenken?

Sophie Abraham: Räume inspirieren. Ich bin viel mit dem radio.string.quartet unterwegs. Das sind alles genüssliche Raucher. Nach dem Konzert wird im Backstage-Bereich getrunken und geraucht. Im Moment bin ich aber Nichtraucherin und halte es dann dort nicht so gut aus. Da kann es passieren, dass ich mich mit dem Cello noch einmal davonschleiche und mich in den leeren Saal setze, um ein wenig zu improvisieren. Dort, in diesen Situationen nach den Konzerten, allein auf der Bühne, sind einige der Stücke des Programms entstanden.

Der Raum hat einen sehr großen Einfluss auf Ideen. Im Porgy zu spielen, ist besonders. Dort zu spielen, ist ein angenehmes, warmes Gefühl. Darauf freue ich mich sehr. Akustisch ist es so, dass ich bei diesem Programm auch eine neue Technik mitbringe, bei der ich pro Stück verschiedene Hall-Effekte eingestellt habe, die ich selber steuere. Insofern kann ich überall spielen, wie ich mir das vorstelle. Und vielleicht werde ich mich nach dem Konzert im Porgy auch wieder hinsetzen und allein improvisieren, um mich von der Intensität des Konzertes zu erholen. 

Was ist an einem leeren Konzertsaal besonders inspirierend für dich? Ist es die Anspannung, die von einem abfällt, gepaart mit der Leere des Raumes? 

Sophie Abraham: Man kann die Energie des Abends und die der Leute noch spüren, aber man befindet sich in der totalen Stille. Das ist besonders.

Wie viel am Programm „Brothers” ist geplant bzw. auskomponiert, wie viel Improvisation? 

Sophie Abraham: Es ist zu 70, 80 Prozent ausgedacht, aber es gibt immer wieder Platz und Raum für Interaktion mit dem Raum und dem Publikum.

„Ich bin ein Gefühlsmensch und eine Gefühlskomponistin.“

Was ist das Komponieren für dich? Eine Reise, bei der man nicht genau weiß, wo es letztlich hingeht? 

Sophie Abraham: Ja. Der Ankunftsort ist komplett ungewiss. Ich bin ein Gefühlsmensch und eine Gefühlskomponistin. Ich spiele so lange und wiederhole dabei einen Part so oft, bis ich weiß, wo es hingeht. Ich beschäftige mich mit einer bestimmten Idee so lange, bis ich das Gefühl habe, dass es rund ist.

Wie unterscheidet sich die Arbeit im Quartett von der als Solo-Artist?  Ist es allein schwieriger, was das Erzeugen und die Aufrechterhalten von Spannung anbelangt? Immerhin musst du das Publikum allein an der Stange halten. 

Sophie Abraham: Es ist sehr unterschiedlich. Allein auf der Bühne zu sein, bedeutet auch, allein hinter der Bühne zu sein. Das ist schon einsam. Wenn ich technische Fragen habe, habe ich im Quartett immer einen Ansprechpartner. Schon im Duo – ich habe auch sehr lange Duo mit Angela Tröndle gespielt – ist das ganz anders. Allein auf der Bühne zu sein, ist eine der größten Herausforderungen als Musikerin, finde ich.

Hat es dadurch auch einen besonderen Reiz? 

Sophie Abraham: Auf jeden Fall. Man lernt wahnsinnig viel dabei, auch über sich selbst.

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Sophie Abraham (c) Julia Wesely

Das radio.string.quartet beeinflusst mich sehr, […]“

Im EPK zur letzten Platte vom radio.string.quartet ist sehr viel programmatisch davon die Rede, dass ihr euch weg von der Virtuosität und hin zur Einfachheit entwickelt wollt. Spielt genau das auch solo eine Rolle? Diese Entschlackung? Die Konzentration auf das Wesentliche durch Weglassung unwesentlichen Beiwerks? 

Sophie Abraham: Beim Thema „Brothers” ist sowieso eine gewisse Echtheit gefragt. Wenn man da viel herumdudelt, lenkt man nur vom eigentlichen Thema ab. Das was passiert, ist ernst gemeint und keine Spotlight-Suche. Das radio.string.quartet beeinflusst mich sehr, auch die Art und Weise wie wir komponieren und die Art und Weise, wie meine Kollegen über die Einfachheit und das Echte nachdenken, nehme ich in andere Projekte mit.

Was inspiriert dich sonst noch? 

Sophie Abraham: Kaltes Wasser. Ich praktiziere die Wim Hof-Methode und bade regelmäßig in eiskaltem Wasser.

Wie bist du dazu gekommen? 

Sophie Abraham: Wir freiberufliche Musikerinnen und Musiker sind sehr aufs Gesundsein angewiesen. Wenn man krank proben oder Konzerte spielen muss und sich nicht in Ruhe auskurieren kann, laboriert man länger als notwendig an einer Krankheit herum. Also suchte ich nach etwas, das die Abwehrkräfte stärkt, ohne viel Geld dafür ausgeben zu müssen. Und so kam ich zum Kältetraining und habe mit einem Musikerkollegen dieses Training absolviert. Der fing aus dem gleichem Grund wie ich damit an.

Welchen Effekt hat es? 

Sophie Abraham: Es ist stimmungsaufhellend und gesund, weil es gut gegen Entzündungen ist. Wenn man ins eiskalte Wasser steigt, ist das erste, was man lernt, sich zu beruhigen und nicht zu hyperventilieren. Man lernt, sich gut zu fokussieren. Einerseits gewinnt man eine mentale Kraft, die fürs Leben gut, aber auch das Gefühl nachher ist prickelnd. Eine Art High.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Markus Deisenberger

 

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