Crossways in Contemporary Music: Natur

Die Natur ist auf vielfältige Weise in der Musik präsent. Komponistinnen und Komponisten lassen sich von ihr inspirieren, nutzen Naturklänge in ihren Kompositionen oder stellen abstrakte Verbindungen zur Natur her. Die Klänge der Natur stellen ein spannendes Forschungsfeld dar, dem sich der US-amerikanische Musiker Bernie Krause ausgiebig gewidmet hat. Im Rahmen des Projekts „Crossways in Contemporary Music“ begab sich Michael Franz Woels auf die Suche nach österreichischen bzw. in Österreich lebenden Komponistinnen und Komponisten, die einen individuellen Zugang zur Natur in ihrer Musik herstellen. In einer Einleitung werden die grundlegenden Begriffe und Ideen zum Thema Musik und bzw. in der Natur erklärt, bevor die einzelnen Komponistinnen und Komponisten bzw. deren Projekte in einer Reihe von Artikeln vorgestellt werden.

Einleitung: Neue Musik & Natur

Crossways Natur Wald

Die bioakustische Analyse von Klanglandschaften als Disziplin ist rund vierzig Jahre alt. Als einer ihrer Pioniere gilt der Musiker und Naturforscher Bernie Krause. Auf seinen Forschungsreisen rund um die Welt hat er 15 000 Arten und über 4 000 Stunden verschiedener Soundscapes von unterschiedlichsten Habitaten dokumentiert. Erschreckend: Die Hälfte dieser Klang-Habitate existiert heute nicht mehr. Dem Ursprung der Musik in der Natur versucht Bernie Krause in seinem Buch „Das große Orchester der Tiere“, das 2012 unter dem Titel „The Great Animal Orchestra“ erstmals in den USA veröffentlicht wurde, auf die Spur zu kommen. Dabei findet er Kategorien, wie wir die uns umgebenden Klänge und Geräusche einordnen können. „Die Geräusche der Geophonie waren die ersten Laute auf unserem Planeten – das Element der Klanglandschaft, vor dessen Hintergrund sich alle Tierstimmen und sogar bedeutende Aspekte der Klangkultur des Menschen bildeten.“

Am Anfang war das Wasser

Qualle
(c) Itta Francesca

„Als Leben entstand und sich über Millionen von Jahren einfache Organismen zu komplexeren und stimmfähigen Geschöpfen entwickelten, veränderten sich die Klanglandschaften. Da das Leben im Wasser entstand, muss der durch dieses Instrument erzeugte Klang der erste gewesen sein, den jeder sich bildende reaktionsfähige Organismus vernahm.“

Geophonien, die natürlichen Geräusche von nichtbiologischen Elementen wie Wind, Wasser oder Erdbewegungen wurden so kontinuierlich durch Biophonien, die Laute von lebenden Organismen erweitert. Dabei ist Bernie Krause auf seinen Reisen in etliche Wildnisgebiete auf ein interessantes Phänomen gestoßen. Seit den 1980er Jahren bezeichnet er dieses Phänomen als sogenannte Nischen-Hypothese. „Wenn sich Tiere verschiedener Arten über einen langen Zeitraum gemeinsam entwickelt haben, wird jede akustische Frequenz und jede Zeitnische durch eine bestimmte Art geprägt. In vielen Habitaten haben sich die Tierstimmen so entwickelt, dass sie die akustische Domäne anderer nicht stören.“

Die verlorenen Klänge

(c) Itta Francesca

Als Anthropophonien bezeichnet der Bio-Akustiker der ersten Stunde schließlich alle menschengemachten Klänge und Geräusche. Ihm fällt im Zuge seiner Beschäftigung mit den Klängen und Geräuschen in der Wildnis auf: „Untersuchungen über Naturgeräusche und ihr Zusammenhang mit menschlichen Ausdrucksformen in der Musik haben jedoch nach wie vor Seltenheitswert.“ Und was er am Ende seines Buches dann nochmal zutiefst bedauert, sollte uns mehr als nur zu denken geben. „Da wir den natürlichen Klanglandschaften bis vor gar nicht langer Zeit keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, sind uns aufschlussreiche biophonische Daten entgangen, die für den Umgang mit unseren Ressourcen hätten nützlich sein können, uns umfassendere Kenntnisse über die komplexe Rolle jeder einzelnen Stimme im gesamten akustischen Mix verschafft hätten, über die bioakustischen Folgen der Erderwärmung für die Artenvielfalt und -dichte und darüber, wie Klanglandschaften unsere Psyche, Physis und Kultur prägen.“

Natur in der Neuen Musik

(c) Itta Francesca

Vor etwa 16 000 Jahren, gegen Ende der letzten Kaltzeit, hatte die Erde die größte (natürliche) Klang- und Geräuschdiversität. Nun werden diese Geo- und Biophonien sukzessive von Anthropophonien abgelöst: die natürlichen Klänge müssen den von menschlicher Hand erzeugten weichen. Und obwohl angeblich manche Menschen sogar die Erdrotation wahrnehmen und hören können, werden doch die meisten Menschen auf der Suche nach außergewöhnlichen Hörerlebnissen vor allem bei Kompositionen im Bereich der sogenannten Neuen Musik fündig. Ein musikästhetischer Terminus, der als konstitutiver Reflexionsbegriff für zeitgenössische, gegenwärtige, posttonale und aktuellste Musik angewendet werden kann. Um das aktuelle Verhältnis von Neuer Musik zum Thema Natur ansatzweise zu ergründen, wurden österreichische oder in Österreich lebende Komponistinnen und Komponisten gebeten, in ihren eigenen Worten ihre Praxis und ihren Bezug zu Natur zu erläutern.

In den kommenden Wochen werden Komponistinnen und Komponisten und ihr individueller Zugang zur Natur im Rahmen der Artikelserie „Crossways in Contemporary Music“ an dieser Stelle vorgestellt und präsentiert.

Teil 1: Natalia Domínguez Rangel

„Ich denke es ist wichtig, dass wir uns unserer eigenen akustischen Umgebung bewusst sind. Sie spricht ständig zu uns. Wir verkörpern sie. Wir sollten zuhören“, so die eindringlichen Worte der in Wien lebenden Klangkünstlerin und Komponistin Natalia Domínguez Rangel.

Im Juni diesen Jahres präsentierte sie im Rahmen der Reihe SWEET SPOT ihre Klangintervention „Anamnesis“. Das Thema der diesjährigen Ausschreibung von SWEET SPOT war BIOTOP. Unter allen Einreichungen wählte das Studio für Elektroakustische Musik (SEM) an der Universität Mozarteum Salzburg fünf Klangkünstlerinnen und -künstler für ortspezifische Arbeiten aus. „Anamnesis“ wurde in der Gartenarchitektur der Orangerie im Mirabellgarten in Salzburg präsentiert.

Anamnesis Deconstructed (c) Itta Francesca

Exotische Fruchtbarkeit

Diese Klangcollage besteht aus Feldaufnahmen im Orangerie-Garten bei Sonnenaufgang, Sonnenuntergang und bei Nacht, die mit Field Recordings aus ihrem Archiv, mit Sounds aus dem Amazonasgebiet – sie repräsentieren die Exotik der Orangerie des Schlosses Mirabell – verwoben wurden. Die schwebende Papagena-Sopranstimme, die Texte aus der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart anstimmt, nimmt Bezug auf das Herzstück des Gartens, den Papagenabrunnen mit seiner Fruchtbarkeitssymbolik. Der Titel „Anamnesis“ wurde von Natalia Domínguez Rangel gewählt, da der Begriff Anamnesis vom Centre for Research on Sonic Spaces and Urban Environment (CRESSON) für die evokative Kraft von Klängen steht, die plötzlich Erinnerungen wieder wachrufen kann.

Klangresonanzen

Dieses Jahr arbeitet Natalia Domínguez Rangel anlassbezogen am Projekt „Connecting Acoustic Spaces“: „Ich gehe darauf ein, wie Klang einen Körper physiologisch und psychologisch beeinflusst und mit ihm in Resonanz tritt, und wie kritisches Zuhören Verbindungen zu anderen akustischen Ökologien, nicht nur zur Anthropophonie [alle menschengemachten Klänge und Geräusche, Anm.] vertiefen, erweitern und herstellen kann. Ich beschäftige mich mit der Art und Weise, wie wir zuhören und unsere Umgebung interpretieren, besonders in dieser Zeit, in der wir eine globale Pandemie, partielle Lockdowns mit unterschiedlichen Zeiträumen, Intensitäten und Ergebnissen erleben. Während des ersten Lockdowns hatte sich unser urbanes, akustisches Umfeld radikal verändert. Ich habe in dieser Zeit Leute eingeladen, mir Audioaufnahmen ihrer akustischen Umgebungen zu schicken. Der Aufruf für die entstehende Klangskulptur „Connecting Acoustic Spaces“ geht aufgrund der anhaltenden Pandemie noch bis Ende des Jahres.“

 

Michael Franz Woels

Links:
Natalia Domínguez Rangel
Natalia Domínguez Rangel im mica-Interview
Natalia Domínguez Rangel (music austria Datenbank)