Crossways in Contemporary Music: Choreografie & Tanz II

Im zweiten Teil von „Crossways in Contemporary Music: Choreografie & Tanz“ stoßen wir auf kompositorische Arbeiten von BERNHARD LANG, ARTURO FUENTES, PETER JAKOBER und JOHANNES MARIA STAUD, während der dritte Teil mit Kompositionen von PETER KUTIN, PIA PALME, JORGE SÁNCHEZ-CHIONG, LISSIE RETTENWANDER und JUDITH UNTERPERTINGER auch jüngere Werke miteinschließt und einen Ausblick auf künftige Arbeiten gibt.

„Maschinenhalle #1“

Ein Meilenstein der hiesigen Tanz- und Musikszene war die Uraufführung von „Maschinenhalle #1“. Diese Kollaboration zwischen der Choreografin Christine Gaigg, dem Komponisten Bernhard Lang, dem Musiker und Medienkünstler Winfried Ritsch und Philipp Harnoncourt für Licht eröffnete im September 2010 das Festival steirischer herbst. Zentrale Elemente des Stückes sind zwölf Stationen, die aus je einer Klangplatte und einem Automatenklavier bestehen und von einer Tänzerin oder einem Tänzer bespielt werden – und zwar wörtlich – indem sie tanzen. Die Bewegungen auf der verkabelten Klangplatte werden abgenommen und auf die Tasten des Automatenklavieres transferiert. Die Musik entsteht mittelbar und wird durch die tanzenden Körper generiert. In seiner Einzigartigkeit wurde „Maschinenhalle #1“ auch im Rahmen des weltweiten Wettbewerbs Music Theatre Now vorgestellt.

Wer steuert wen?

Diese gleichberechtigte Zusammenarbeit der beteiligten Künstlerinnen und Künstler stellt einen Glücksfall dar, der bereits eine Zusammenarbeit von Lang und Gaigg für die sogenannte „Trike“-Serie vorausging. Die Methode von Sampling und Looping, die der Musik von Bernhard Lang innewohnt, zeigt sich hier als spielerisches Mit- und Gegeneinander menschlicher und maschineller Wiederholung. Es entsteht eine ständige Zirkulation von Hierarchie, Dominanz und Kontrolle. Es stellt sich die Frage: Wer steuert wen? Die Arbeitsserie bahnte sich ihren Weg durch das Festivalgeschehen und schrieb sich in die Musikgeschichte ein: Eine frühe Version, „V-Trike“, wurde 2008 im Rahmen des musikprotokolls uraufgeführt. Eine spätere Version, „TrikeDoubleThree“, fand als Koproduktion von Tanzquartier Wien und Wien Modern Eingang in die sogenannten „Orchesterminiaturen“ des RSO Wien. Diese Veranstaltung fungierte als wichtige Begegnungszone für die jeweils eigenständig agierenden Szenen von zeitgenössischer Musik und zeitgenössischem Tanz.

Der österreichische Komponist Bernhard Lang ist heute für seine Loop-Technik und das Remixen klassischer Musik- und Opernstoffe international bekannt. Zu seinen vielbeachteten Arbeiten zählen hier etwa „I hate Mozart“ im Mozartjahr 2006, sowie eine Neuinterpretation von Richard Wagners „Parsifal“ unter der Regie des bildenden Künstlers und Enfant terrible Jonathan Meese im Rahmen der Wiener Festwochen 2017.

„Orchesterminiaturen“

Die eben erwähnten „Orchesterminiaturen“ anlässlich des 40. Geburtstags des ORF Radio-Symphonieorchester Wien gipfelten 2011 in den „Pieces of Movement for Orchestra“. Über hundert österreichische Komponistinnen und Komponisten schenkten dem RSO für diesen Anlass teils eigens geschriebene Orchesterminiaturen. Diese wurden von den zu diesem Zeitpunkt international profiliertesten und in Österreich arbeitenden Choreografinnen und Choreografen Claudia Bosse, Christine Gaigg, Chris Haring, Anne Juren und Paul Wenninger in ihren jeweils individuellen choreografischen Handschriften inszeniert. Die Uraufführung fand 2011 im Tanzquartier Wien statt. Bei genauem Hinblicken fällt auf, dass in den darauffolgenden Jahren vermehrt Produktionen zustande kamen, in denen die oben genannten Choreografinnen und Choreografen Kollaborationen mit zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten eingingen, die sie vermutlich im Zuge der Veranstaltung kennen lernten. Diese sollen im weiten Verlauf des Artikels nachgezeichnet werden. Sowohl Wien Modern als auch das Tanzquartier Wien fungieren dabei als wichtige wegbereitende Partner.

„Tableaux Vivants“

Ebenfalls 2011 wagen die Choreografin Anne Juren, der bildende Künstler Roland Rauschmeier und der Komponist Johannes Maria Staud einen wilden Ritt durch die Epochen der Kunstgeschichte. Einander vorgestellt wurden sie durch die damaligen Intendanten Walter Heun (Tanzquartier) und Matthias Lošek (Wien Modern). In „Tableaux Vivants“ wirbeln sie die Epochen wild durcheinander um sie – angefangen bei den Höhlen von Lascaux – neu zusammenzusetzen. Hier tanzen auch die Bilder auf der Bühne: „Die Bilder werden lebendig, bekommen Arme und Beine, werden zu Individuen oder wandeln sich zu Videoscreens. Geheimnisvolle Gestalten, Männer, Frauen werden zu Puppen, zu Skulpturen, zu Tableaux vivants, lebenden Bildern.“ (tanz.at)

„… Werke radikal aufzubrechen, auseinanderzunehmen, neue Querverbindungen zu erstellen und neu zu kombinieren.“ – Johannes Maria Staud

Interpretiert wurden die „Tableaux Vivants“ von Ensemble PHACE. Was den Produktionsprozess betrifft, wurden hier auch die Konventionen aufgebrochen. Der Komponist Johannes Maria Staud beschreibt dies in seinem Statement über die Zusammenarbeit folgendermaßen:

„Mir wurde […] sehr bald klar, dass es nicht darum geht, meine Musik chronologisch ablaufen zu lassen. Es handelt sich dabei ja um keinen Konzertabend, der allein nach musikalischen Kriterien funktionieren muss, sondern um ein durchkomponiertes, spartenübergreifendes Gesamtkunstwerk, in der die Summe der Bausteine wichtiger als deren Einzelteile ist. Und da meine Musik mit den anderen Ausdrucksformen, dem Tanz, der Performance, der bildenden Kunst, dabei in ständiger Wechselwirkung steht, habe ich mich im Sinne einer für Tableaux Vivants ganz spezifischen Dramaturgie dazu entschieden, die verwendeten Werke radikal aufzubrechen, auseinanderzunehmen, neue Querverbindungen zu erstellen und, auch für mich selbst überraschend, neu zusammenzubauen und zu kombinieren.“ (universaledition.com) Vieles sei als Reaktion auf lange Gespräche mit Anne Juren und Roland Rauschmeier entstanden: „Die ‚demokratische‘ Diskussionskultur bei dieser Zusammenarbeit war für einen Komponisten, der doch die häufig streng hierarchisch organisierte Musikwelt gewohnt ist, mehr als wohltuend.“

Bis heute sind beide Seiten sehr glücklich über das Ergebnis.

Neben Olga Neuwirth und Johanna Doderer ist Johannes Maria Staud einer jener zeitgenössischen Komponistinnen bzw. Komponisten, die mit einem Kompositionsauftrag der Wiener Staatsoper („Die Weiden“, 2018) bedacht wurden. Staud bezieht für seine Musik immer wieder Inspiration aus anderen Künsten wie Literatur, Film und bildender Kunst. Auch Reflexionen über philosophische Fragen, gesellschaftliche Prozesse oder politische Ereignisse sind Anlass für seine kompositorische Arbeit. Dabei transformiert er diese Impulse in sinnliche Klangabenteuer voller Energie und scheut auch vor jazzigen Anklängen nicht zurück.

„Grace Note“

Mit „Grace Note“ (2012) treffen der mit dem „Goldenen Löwen“ der Biennale di Venezia ausgezeichnete Choreograf Chris Haring und seine Compagnie Liquid Loft und der aus Mexiko stammende Komponist Arturo Fuentes zusammen. Der bildende Künstler Günter Brus steuerte Text und seine Stimme bei. „Arturo Fuentes’ Musik wird beschrieben als ein sorgfältig organisiertes Kaleidoskop des Chaos, bei dem die Grenzbereiche von Dynamik, Farbe, Struktur und Virtuosität ergründet werden. Nahezu bildhauerisch lässt er den Klang zwischen Vordergrund und Hintergrund changieren und schafft einen Klangraum, der von einer konstanten Erregung erfasst ist.“ (mica-Musikdatenbank)

Als Compagnie entwickelt man eine eigene Bildsprache, baut ein Bewegungsrepertoire auf und erarbeitet Stücke häufig im Kollektiv. Die eigenwillige Bild- und Formensprache, unverkennbare akustischen Bühnensets und die professionelle tänzerische Umsetzung brachten Liquid Loft weitreichende internationale Anerkennung. In diesem Biotop scheint Fuentes gut aufgenommen worden zu sein, denn die Kritik warf anlässlich der Uraufführung von „Grace Note“ folgende Frage auf: „Ist es möglich, komplexe Ideen in einem Tanzstück auf die Bühne zu bringen, an dem viele kreative Köpfe beteiligt waren, ohne dass sich ein einziger als Spiritus rector redlich hervortun darf?“ Die Antwort folgt jedoch sofort: „Grace Note“ „zeigt, dass dies tatsächlich funktioniert und ein rundes und beeindruckendes Ganzes ergibt, welches den verdorbenen Brei, der von vielen Köchen zubereitet wurde, Lügen straft.“ – European Cultural News (Michaela Preiner). 2014 wurde „Grace Note“ im Concertgebouw Brugge gezeigt.

„Dingen“

Peter Jakober und Paul Wenninger begegneten sich ebenfalls erstmals im Rahmen der „Pieces of Movement for Orchestra“. Für diese choreografierte Wenninger gemeinsam mit anderen Choreografinnen und Choreografen Miniaturen für das RSO, darunter eine Miniatur von Peter Jakober. „Ich fand die Umsetzung von ihm toll, er fand das, was ich klanglich geschrieben hatte, toll, so entstand dann unsere erste Zusammenarbeit“, so Jakober, der bis heute mit Paul Wenninger zusammenarbeitet.

Ihre erste Arbeit „S E H N E N“ (TQW, 2011) setzt stark auf den Dialog von Komposition, Raum und Choreografie. „Musiker, Tänzer, Choreografen und Komponisten haben ein sehr ähnliches Wissen in der Koordination von Zeit und Raum. Wir wollten sehen, inwieweit sich diese verschmelzen ließen und bedingen könnten“, beschreibt Paul Wenninger den Antrieb dazu in einem Interview mit skug. Danach folgte „DINGEN“ (Wien Modern, Tanzquartier Wien, 2013), das wir etwas genauer ansehen wollen. Hier ist ein Instrument der Hauptdarsteller, nämlich ein nach vermeintlich historischen Plänen angefertigtes Chordofon, das von zwei Tänzern in Raumanzügen bespielt wird. Zudem wurde das Stück uraufgeführt als Wien Modern das Festivalmotto „Tanz“ ausgerufen hatte. Eine weitere Aufführung fand 2014 beim Sommerfest in der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart statt.

Langweilig wäre für mich die in der Filmmusik verwendete Technik des Mickey-Mousings“ – Peter Jakober

Für Peter Jakober soll die Musik eine neue Perspektive in die Themen des Projekts einbringen. Sie kann aus den Gegebenheiten, wie beispielsweise der Bühnensituation heraus entstehen, oder selbst eine komplett neue Ebene in die Erzählung einbringen. „Langweilig wäre für mich die in der Filmmusik verwendete Technik des Mickey-Mousings, wenn die Geschehnisse im Bild eins zu eins auf die Musik übertragen werden. So waren beispielsweise in ‚Dingen‘ das Objekt, das Instrument sowie die Erzählung von einem historischen Instrument, deren Grundskizzen wir in Eritrea gefunden haben, oder dass die Bühnensituation die eines Labors ist, zentrale Ansätze.

Auch die Herausforderung, dass die Performer – beide keine professionellen Musiker – im Stück meine Komposition spielen. Am Anfang testen die beiden Darsteller das Instrument, in dem sie mit Schlägeln stärker und stärker auf die Saiten schlagen. So als würden sie ertasten, was sie da eigentlich vor sich haben. Dieses Schlagen verursacht, dass montierte E-Gitarrenabnehmer auf dem Instrument zum Schwingen gebracht werden, was dann den akustisch hörbaren Schlagklang auf den Saiten zunehmend synthetisiert. Die Erzählung von einem historischen Instrument, das im 16. Jhdt. entwickelt wurde, und das plötzliche Erklingen von E-Gitarren ähnlichen Klängen, die sich nach und nach in den Gesamtklang ‚schleichen‘, wird so auch akustisch in Frage gestellt.“

Rockmusik, Clubkultur und Film

Peter Jakober interessiert sich für rhythmische Überlagerungen, den sich daraus langsam ergebenden Verschiebungen und mikrotonale Gestaltung. Häufig kommen bei seinen Arbeiten elektronische Zuspielungen hinzu. Einflüsse bezieht Jakober, der bei Georg Friedrich Haas und Gerd Kühr studierte und in den zwanzig Jahren seines kompositorischen Schaffens eine beachtliche Werkliste schuf, durchaus aus der Rockmusik und Clubkultur. Für Paul Wenninger, der auch als Filmregisseur tätig ist, steuerte Jakober kürzlich Musik und Sound zu dessen Animationsfilm „O“ (Sixpackfilm, 2021) bei, der bei den Int. Kurzfilmtagen Oberhausen lief. Für Herbst 2021 ist ein neues Filmprojekt geplant.

Die Theaterregisseurin Claudia Bosse ist bekannt für die Bearbeitung antiker Stoffe, ungewöhnliche Spielorte und den Einsatz von chorischen Elementen als Stilmittel. Musikalisch wird sie bei ihren Inszenierungen mit dem theatercombinat von dem Soundkünstler und combinats-Mitglied Günther Auer unterstützt oder sie fragt externe Komponistinnen und Komponisten an. Für ihre neueste Arbeit „Sacrifice and Oracle in the Woods“ (theatercombinat, 2022) schreibt Peter Jakober die Musik.

Ruth Ranacher

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