Corona Notizen #7: Hannes Dufek

Covid-19 lässt den Festivalsommer 2020 versiegen. Der Großteil der Clubs und Konzerträume hat trotz voranschreitenden Lockerungen geschlossen. Konzerte sind derzeit vorwiegend – wenn überhaupt – im digitalen Raum zu finden. Neben den großen Pop- und Jazz-Festivals, wurden zahlreiche internationale Touren und Gigs abgesagt, Release-Termine verschoben. Wie Österreichs Musikschaffende mit der Situation umgehen, was sie beschäftigt und wie sie ihre Zeit verbringen, erfragen wir in der Serie Corona Notizen”.

Wo bist du gerade?

Hannes Dufek: Ich bin zuhause, in Wien.

Wo wärst du gern?

Hannes Dufek: Aus verschiedenen Gründen: genau hier – alles planungsgemäß. Urlaubspläne hege ich erstmal keine, aber das ist auch in Ordnung für mich.

Wie stark bist du von Konzertausfällen betroffen?

Hannes Dufek: Derzeit noch relativ wenig – meine Hoffnung ist, dass es nicht zu einer zweiten Welle, sondern eher zu einer weiteren Normalisierung kommt. Im Herbst sollte es einige auch internationale Auftritte geben, die im Falle eines Wiederanstiegs der Fallzahlen wohl nicht stattfinden könnten.

Wie gehst du mit der Situation um?

Hannes Dufek: Da ich vorrangig als Komponist tätig bin, ist mein Arbeitsablauf von den Ausgangsbeschränkungen und den Maßnahmen im Konzertleben zunächst nicht direkt betroffen. Ich schreibe weiterhin Musik und arbeite an der Fertigstellung von Stücken, zudem gibt es auch sonst immer genug zu tun. In der ersten Zeit haben mir soziale Kontakte gefehlt, aber mit den Anfang Mai erfolgten Lockerungen ist es wieder besser geworden.

Hast du die Zeit bislang genutzt, um Musik zu komponieren?

Hannes Dufek: Ja, sicher. Wie gesagt, als Komponist ist es wahrscheinlich etwas anders als für vorrangig auftretende Künstlerinnen und Künstler. Ich sitze so oder so jeden Tag am Schreibtisch.

Wie gehst du mit der Probensituation um?

Hannes Dufek: Proben finden derzeit keine statt, weder mit Ensembles, für die ich komponiere, noch in anderen Zusammenhängen, noch mit meiner Band KAFRA. Das ist sehr schade und der direkte Kontakt mit dem live entstehenden Klang geht mir – wie sicher vielen anderen – ab. Damit steht klarerweise auch die soziale Komponente, der direkte Austausch und der Fluss der Energien in Verbindung. Hoffentlich geht es spätestens im Herbst weiter.

Wäre eine Veröffentlichung geplant gewesen, die entweder in den letzten Monaten erschienen wäre oder in den nächsten Monaten erscheinen wird? 

Hannes Dufek: Wir arbeiten derzeit am Debütalbum von KAFRA. Nach unserer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne Anfang des Jahres waren wir dann im Februar im Studio und haben das allermeiste aufgenommen. Dann kam der Lockdown und wir mussten unterbrechen, vor kurzem aber haben wir fehlende Gesangsparts und Overdubs aufgenommen und arbeiten jetzt an der Fertigstellung des pre-masters. Das alles geht auch nur in reduzierter Form, mit einer eng beschränkten Anzahl an Menschen im Studio, mit Abstand und Vorsicht, das heißt, die Arbeit ist abgesehen von der Unterbrechung auch von anderer Qualität. Aber ich persönlich bin froh, dass es so weiter gehen konnte und ich denke, das Album wird gut.

Wie bewertest du Live-Streams?

Hannes Dufek: Ich bin zwiegespalten. Einmal finde ich es auf jeden Fall toll, dass es diese Möglichkeiten gibt und dass man somit doch präsent und die Musik verfügbar bleiben kann. Es ist sicher auch für die Kultur insgesamt extrem wichtig, dass nicht einfach völlige Stille eintritt. Andererseits sind Live-Streams für meine Begriffe kein gleichwertiger Ersatz für ein Konzert – es fehlt der direkte Eindruck, der soziale Aspekt, das Gefühl für die Personen auf der Bühne. Ich glaube aber, es wäre gut, die Möglichkeiten von Live-Streams auch nach der Krise weiterhin zu nutzen, um Konzerte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen; das gilt vor allem für kleine Spielstätten, die nicht auf so breiter Basis bekannt sind.

Wie ist deine Perspektive für die Zukunft, individuell und/oder global? 

Hannes Dufek: Individuell ist es sehr spannend. Ich werde bald Vater, und damit wird sich erstmal einiges ändern, aber darauf zielt die Frage vielleicht nicht ab…hinsichtlich der Zukunft meiner künstlerischen Tätigkeit mache ich mir eigentlich keine sehr großen Sorgen, einfach weil ich von meinem Wesen her Optimist bin. Aber natürlich gibt es immer Fragen, auch und eigentlich ständig, ob meine Art, mit Musik und Klang umzugehen wirklich „durchkommt“ und es für Menschen wichtig ist, dass ich das tue. Ich hoffe es, und manche Erfahrungen im Umfeld von Aufführungen legen das nahe, aber es bleibt eine offene Frage. Möglich, dass ich irgendwann zur Entscheidung komme, dass es nicht wichtig ist, und dann mache ich vielleicht etwas anderes. Mal sehen.

Global – wer kann das wissen? Ich halte diese Krise – siehe: Optimist – für eine wirkliche Chance. Man sieht beispielsweise jetzt schon, dass in Spanien eine Art des BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen, Anm. Redaktion) bald, früher als geplant, kommen wird. Zudem geraten populistische, rechtsgerichtete Regierende, die sich in der Krise als (erwartungsgemäß) unfähig erweisen, zunehmend in die Kritik, wie auch die extrem Reichen angesichts ihrer bescheidenen Beteiligung zur Bewältigung der Krise. Viele Leute reagieren auch sehr positiv angesichts des geringeren Fluglärms und der „besseren Luft“. Keine Ahnung, ob das wirklich stimmt, oder man sich das halt vorstellt…vielleicht gelingt es, aus der Krise etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung, etwas mehr Achtsamkeit und Wertschätzung füreinander mitzunehmen, bis hin zur Einsicht, dass wir nicht zu viel haben wollen sollen, dass es umgekehrt mit weniger auch geht. Ich glaube auch, dass viele Leute das wirklich gesehen haben. Die große Frage ist sicher, wie lange dieser Eindruck anhält, sobald die Krise sich immer deutlicher als überwunden abzeichnet.

Was wird sich verändern?

Hannes Dufek: Ich hoffe, dass dieser Moment, diese Unterbrechung in unserer Normalität, wie sie die Krise hervorgebracht hat, für eine grünere und nachhaltigere Politik genutzt wird. Es ist – in der Hoffnung, nicht zynisch zu klingen – sicher ein kostbares Fenster, das sich da geöffnet hat. Ich habe die Befürchtung, dass in der Kulturlandschaft einige Umwälzungen passieren werden, die nicht immer positiv sind. Einerseits werden viele kleine Lokale und Spielstätten in Schwierigkeiten geraten, oder sind es schon. Da gälte es definitiv zu helfen und dafür zu sorgen, dass es überbrückende Maßnahmen gibt. Andererseits aber steht aus meiner Sicht zu befürchten, dass größere Häuser jetzt noch weniger an Neue Musik, experimentelle Musikformen und generell die Herausforderung in der Kunst denken, da sie auf „Sicherheit“ bauen, d.h. eher noch mehr etablierte Künstlerinnen und Künstler und bekannte, vertraute Stücke präsentieren wollen. Das ist schade, denn auch hier halte ich die Krise für eine Chance: es wäre hoch an der Zeit, deutlich mehr Neue Musik und Experimentelles zu bringen und die Konfrontation mit dem Unbekannten gespannt und neugierig anzugehen. Gerade jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für so eine Neuausrichtung, damit in Zukunft die aktive Kunst- und Kulturlandschaft in unserem Land auch auf breiterer Basis rezipiert werden kann. Es kann nicht sein, dass im Musikland Österreich die große Mehrheit aller Konzerte und Ressourcen immer noch auf die Tradition, die Klassiker, den Kanon entfällt: wir haben so viel zu bieten, und meine Hoffnung ist, dass sich da jetzt auch mehr Chancen ergeben.

Wie bewertest du die Rolle von Social Media? Wie gehst du damit um?

Hannes Dufek: Social Media ist, wenn überhaupt, schlicht eine Möglichkeit, präsent zu sein und Kontakt zu halten mit Menschen in anderen Erdteilen. Vielleicht bin ich da naiv, aber ich halte die Bedeutung, die dem immer zugeschrieben wird, letztlich für übertrieben. Natürlich sind solche Medien potenziell grandiose Multiplikatoren, aber sie sind keine magischen Wunderwaffen, sondern fordern letztlich großen Aufwand und Energie, damit sie ihre vervielfachende Wirkung ausüben können. Außerdem halte ich ganz banal das Erlebnis, welches jemand hat, wenn er oder sie auf ein Video, einen Link, etc. klickt, für so geringfügig, so ersetzbar auch in der Flut aller Videos und Links, dass diese „Interaktion“ üblicherweise keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ich verwende das alles natürlich schon, bin aber ein großer Verfechter der direkten Konzerterfahrung, idealerweise mit der Möglichkeit, das Stück oder die Aufführungen auch zu diskutieren.

Was bräuchte es jetzt? Welche konkreten Hilfestellungen wären nötig?

Hannes Dufek: Neben der oben erwähnten Hoffnung auf eine Veränderung der Spielplanstrukturen und einer großherzigen, mutigen Öffnung der Häuser, wäre aus meiner Sicht das einzig Richtige, Modelle für längerfristige Unterstützungen von Kunstschaffenden zu entwickeln. Im derzeitigen Modus ist man immer davon abhängig, sich von Projekt zu Projekt vorzuarbeiten, und an jeder Stelle kann es Probleme geben: Projekte fallen aus, werden nicht gefördert, können nur in kleinerem Ausmaß stattfinden etc. Neben der simplen Tatsache, dass solche Umstände wirklich viel Arbeitszeit und Energie fordern, die nicht der künstlerischen Tätigkeit zugeführt werden können, hat man auch kaum Planungssicherheit, sondern ist immer mit mehr als einem Bein in einer prekären Situation. Es wäre daher besser, drei- oder fünfjährige Arbeitsstipendien für Einzelpersonen zu entwickeln, die dann in dieser Zeit ungestört und konzentriert arbeiten könnten. Damit fällt einerseits die ständige Unsicherheit für eine Zeit weg, man kann auch größere Projekte umsetzen und sich selbst als Künstlerin oder Künstler entwickeln, andererseits aber wäre damit gezeigt, dass Österreich seine Künstlerinnen und Künstler wirklich schätzt: auch solche, die nicht oder noch nicht zu internationalem Ruhm gelangt sind. Es wäre auch in sozial- und pensionsversicherungstechnischer Hinsicht ein großer Gewinn, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen diese Stipendien als sozialversicherungspflichtiges Einkommen anerkennen würden.#

 

Links:
Hannes Dufek (Website)
Kafra (Website)
Kafra (Facebook)