Bild (c) Ulrich Drechsler
Bild (c) Ulrich Drechsler

Corona Notizen #4: Ulrich Drechsler

Covid-19 lässt den Festivalsommer 2020 versiegen. Der Großteil der Clubs und Konzerträume hat trotz voranschreitenden Lockerungen geschlossen. Konzerte sind derzeit vorwiegend – wenn überhaupt – im digitalen Raum zu finden. Neben den großen Pop- und Jazz-Festivals, wurden zahlreiche internationale Touren und Gigs abgesagt, Release-Termine verschoben. Wie Österreichs Musikschaffende mit der Situation umgehen, was sie beschäftigt und wie sie ihre Zeit verbringen, erfragen wir in der Serie Corona Notizen”

Wie stark bist du von Konzertausfällen betroffen?

Ulrich Drechsler: Nachdem ich mein Einkommen und meine Umsätze zum weitaus größten Teil aus Live Konzerten generiere, bin ich natürlich massiv betroffen. Der gewonnene Nutzen daraus ist die Erkenntnis, dass ich mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden sollte, meine Fähigkeiten vielfältig zu nutzen, um nicht komplett vom Konzertbetrieb abhängig zu sein.

Wie gehst du mit der Situation um?

Ulrich Drechsler: Sehr pragmatisch. Das Wichtigste ist für mich die tägliche Struktur aufrechtzuerhalten, die einem in solch einer Situation schnell mal entgleiten kann. Da darf ich mich auch bewusst etwas mehr disziplinieren als sonst. Das heißt, ich arbeite gerade nach sehr klaren zeitlichen Vorgaben, treibe viel Sport und verbringe sehr viel Zeit mit meiner Familie.

Hast du die Zeit bislang genutzt, um Musik zu machen?

Ulrich Drechsler: Ich mache täglich Musik, einige Stunden üben, einige Stunden komponieren und an Projekten arbeiten, die ich bereits vor der „Auszeit“ begonnen habe bzw. die für die Zeit danach geplant sind. Von dem her ist es eine sehr produktive Zeit.

Hattest du einen Release geplant, der entweder in den letzten Monaten erschienen wäre oder in den nächsten Monaten erscheinen wird? Falls ja, wie gehst Du damit um?

Ulrich Drechsler: Ja, mit Ende März erschien (wie geplant) “CARAMEL”, das erste Album meines Großprojektes LIMINAL ZONE, welches ich seit etwa vier Jahren vorbereite. Die Konzerte mussten zwar verschoben/abgesagt werden, was natürlich schade ist, aber dafür war die Aufmerksamkeit vor allem in den sozialen und Print-Medien größer, da das Publikum – zumindest in den ersten Wochen der Krise – mehr Zeit und Muße hatte, überproportional viel zu konsumieren, zu lesen und Musik zu hören, was der Promotion des Albums zugute kam. Im Juni wird eine mit “CARAMEL”-Remix-EP erscheinen. Auch das war terminlich ursprünglich so geplant und auch hier habe ich beschlossen, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und meine Veröffentlichungspläne, die ich immer schon mindestens ein bis zwei Jahre im Voraus fixiere, nicht abzuändern. Ich hoffe, dass ich mich irre, aber ich befürchte, dass sich die Menge an Veröffentlichungen, die aufgrund der aktuellen Situation zeitlich verschoben wurden und dann geballt erscheinen werden, Gefahr laufen, sich vor allem medial gegenseitig etwas auszublenden.

Wie bewertest du Live Streams?

Ulrich Drechsler: Eine der meist gestellten Fragen der vergangenen Wochen. Kann ein Stream ein Live Konzert ersetzten? Für jemanden wie mich, der noch weitestgehend analog aufgewachsen ist, auf alle Fälle nicht. Ein Stream ist ein zusätzlicher Service für den/die Endkonsument*in und kann sehr wohl als „Appetizer“ für Live-Konzerte fungieren. Ich habe natürlich auch alles mögliche digital konsumiert und dabei viel Neues entdeckt, das ich mir gerne live ansehen/-hören möchte, wenn es wieder möglich ist. Darin sehe ich einen absoluten Nutzen. Als zusätzliche Einnahmequelle sehe ich Streams als ein zweischneidiges Schwert. Natürlich kann man damit kurzfristig ein paar Einnahmen generieren, aber die Gefahr, dass man sich dabei weit unter Wert verkauft und das Ganze eine kontraproduktive Eigendynamik entwickelt – wenn man es zu oft macht –, ist sicherlich gegeben. Ein Vorteil kann wiederum sein, dass man mit dem Medium Streaming neues Publikum in anderen Ländern auf recht einfache Art und Weise erreichen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Streaming in Zusammenhang mit den Fortschritten in der Technologie – wie u.a. Virtual Reality in den nächsten Jahren – massiv an Bedeutung gewinnen wird, d.h. wenn die Technik es uns erlaubt, Konzerte von zuhause aus vor dem Bildschirm oder mit VR-Brille, also nicht nur visuell und auditiv, sondern auch kinästhetisch mitzuerleben. Vermutlich ist das die Zukunft.

Hast du Lust ein Online-Konzert zu spielen? Unter welchen Voraussetzungen?

Ulrich Drechsler: Ja, das möchte ich auf alle Fälle mal ausprobieren, weil ich auch selber erleben möchte, wie es sich anfühlt, ohne reales Publikum zu spielen. Allerdings nur unter optimalen visuellen und akustischen Voraussetzungen. Das bin ich meinen eigenen Qualitätsansprüchen und dem Publikum schuldig.

Ulrich Drechsler (c) Daniel Shaked
Ulrich Drechsler (c) Daniel Shaked

Welche Musik hörst du zurzeit?

Ulrich Drechsler: Aktuell höre ich sehr wenig. Wenn dann höre ich nur ganz gezielt Musik, die ich als Inspiration für die Arbeit an aktuellen Projekten wahrnehme. Ich empfinde die momentane Situation als so spannend, dass ich mich eigentlich nicht mit Musik ablenken möchte.

Wie ist deine Perspektive für die Zukunft?  

Ulrich Drechsler: Für mich ist die Zeit der Idealisten und Entdecker gekommen. Keine einfache Zeit, aber eine sehr Kreative. Für uns alle heißt das, raus aus der Komfortzone. Es ist unangenehm, beschwerlich, unsicher, es gibt aber auch die Möglichkeit, neue Perspektiven und Zugänge zu entwickeln. Niemand kann genau sagen, was auf unsere Systeme und Gesellschaften zukommt. Als umso wichtiger erachte ich es jetzt, sich sehr intensiv mit der augenblicklich herrschenden Situation und wie sie unser Leben und Denken verändert, auseinanderzusetzen. In meiner subjektiven Wahrnehmung empfinde ich es als sehr traurig, wie stark die Unsicherheit, das Misstrauen und die Angst in der Gesellschaft grassieren. Das ist für mich persönlich der größte entstandene Schaden. Und genau darin sehe ich für mich als kreativ tätigen Menschen, einen Auftrag. Ich bin Musiker, um Menschen zu vereinen, sie miteinander zu verbinden, ihnen etwas Freude und Entspannung zu schenken. Gelingt mir das, werde ich auch weiterhin eine Zukunft in meiner Branche haben. Ich stecke all meine Energie und meinen Idealismus hinein, um dieses Ziel zu verfolgen. Die Krise hat gezeigt, dass Kunst & Kultur nur sehr bedingt auf globaler Ebene funktionieren. Drücken wir es etwas übertrieben aus: wie alle Service- und Dienstleistungsbranchen, zu denen weite Teile des Kunst & Kultursektors zählen, sind viele von uns einfach vom direkten Kontakt mit dem Publikum und Endkonsumenten abhängig. Fällt diese Möglichkeit weg, wie das momentan der Fall ist, zeigt sich die Anfälligkeit und Fragilität des Systems Kunst. Der Import und Export von Kunst & Kultur wird sicherlich auf längere Zeit eingeschränkt sein. Das Bewusstsein für die Kunst & Kultur im eigenen Land wurde über Jahrzehnte vernachlässigt und nicht gefördert. Das ist ein riesiges Thema, das den Rahmen dieses Interviews bei weitem sprengen würde.

Was wird sich verändern?

Ulrich Drechsler: Alles? Nichts? Wer kann das schon sagen. Nicht nur die Kunst, wir alle haben einen „Geschmack“ davon bekommen, wie anfällig wir sind. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn daraus in vielen von uns ein neues Bewusstsein bezüglich unserer tatsächlichen Bedürfnisse, unseres sozialen Umgangs, unserer Fähigkeiten u.v.m. entstehen würde. Aber wir leben nunmal in einer komplett leistungsbestimmten Werte-Gesellschaft. Das heißt, in Situationen wie der jetzigen, reagieren wir in der Regel noch leistungsbezogener als wir es ohnehin schon tun. So funktioniert unser System. So funktioniert auch der Kunstbetrieb.
Aber seien wir optimistisch, vielleicht irre ich mich.

Ist es dir wichtig, mit deinem Publikum in dieser Zeit verbunden zu bleiben?

Ulrich Drechsler: Ich habe, soweit es mir möglich war, in den vergangenen Monaten einfach mal „die Klappe gehalten“. Die (sozialen) Medien, auf die unser sozialer Umgang ja weitestgehend begrenzt war, wurden mit Inhalten, Meinungen, Hypothesen, Theorien überschwemmt. Mir und meiner Familie wurde das ziemlich schnell zu viel, ebenso ging es vielen unserer Freunde. Aus diesem Grund habe ich mich rein auf die Weitergabe von schlichten Neuigkeiten (Rezensionen zum neuen Album, ein paar Fotos aus dem Studio etc.) reduziert. Ich möchte niemandem etwas aufzwingen, habe mich aber immer sehr gefreut, wenn sich Menschen mit mir in Kontakt gesetzt haben und wir ins Plaudern gekommen sind.

Wie bewertest du die Rolle von Social Media? Wie gehst du damit um?

Ulrich Drechsler: Natürlich nutze ich Facebook, Instagram und Co. und zwar ausschließlich um die Sichtbarkeit meiner Musik zu erweitern. Eine Welt ohne Digitalisierung gibt es natürlich schon lange nicht mehr und dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren rasant fortsetzen. Ob die sozialen Medien jemals den tatsächlichen, direkten sozialen Umgang auch nur ansatzweise ersetzen werden können, wage ich momentan noch zu bezweifeln. Interessant ist der Verlauf der Entwicklung. Vor 25 Jahren gab es noch keine sozialen Medien, trotzdem hat alles ganz gut funktioniert. Seitdem haben wir uns mehr und mehr dem digitalen Fortschritt unterworfen und versuchen mit ihm Schritt zu halten, was man schon daran beobachten kann, wie oft wir täglich ohne Notwendigkeit unsere Smartphones zur Hand nehmen. Das Ziel wäre es, die digitalen Medien (weil als sozial erachte ich sie nicht wirklich) so weit zu entwickeln, dass sie unser reales Leben tatsächlich in rein unterstützender Funktion erweitern. Sprich, die Technik dient dem Menschen und seiner Bewusstseinsentwicklung, nicht umgekehrt, wie wir das z.B. gerade an der komplett polemisierten, manipulativen Berichterstattung in den (sozialen) Medien erleben können und was das mit uns macht. Das diesjährige Forward Festival, das im April in Wien hätte stattfinden sollen, hätte genau diese Thematik zum Inhalt gehabt. Schade, das hätte ich mir sehr gerne angehört.

Was bräuchte es jetzt? Welche konkreten Hilfestellungen wären nötig?

Ulrich Drechsler: Ich wäre gerne Romantiker, was die Beantwortung dieser Frage angeht, aber bleiben wir bei der Realität.
Auf kurze Sicht: Wir leben in einer rein leistungsorientierten Konsumgesellschaft. Daran wird sich auch nichts ändern. Und genau davon profitieren auch auf wirtschaftlicher Ebene Kunst & Kultur. Haben die Leute Geld, konsumieren sie auch Musik, Theater, Literatur, Tanz, Bildende Künste etc. etc. Von dem her muss natürlich erstmal wieder die Kaufkraft der Konsument*innen hergestellt werden. Da kommen, neben anderen Modellen, natürlich automatisch auch Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen etc. auf’s Tableau. Schau’n wir mal, ob unsere Regierung sich nach der Krise als besserer Manager positioniert als zu Beginn und während des Verlaufs, wo sämtliche Ressourcen zur Gänze einem einzigen Handlungsstrang (dem Umgang mit einem neutralen Virus) untergeordnet wurden und alles andere komplett vernachlässigt wurde, was uns jetzt gehörig um die Ohren fliegt.

Auf lange Sicht: Da gäbe es eine reale Möglichkeit, die aber vermutlich nur Wunschdenken bleibt. Die nachhaltige (Rück-)Entwicklung des Bewusstseins innerhalb der Bevölkerung für den Wert der Kultur im eigenen Lande. Angefangen bei der heiß debattierten Schul- und Bildungsreform, dem vernachlässigten Bildungsauftrag der Medien, der Förderung des vereinfachten Zugangs zu Kunst & Kultur für die gesamte Bevölkerung u.v.m. – alles Langzeitprojekte und deswegen für jede Regierung im Amt komplett uninteressant.

Das Schöne ist – und das sollten wir nie vergessen – : Kunst & Kultur sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie haben jede Krise, jeden Krieg, jede Epidemie überstanden und haben immer einen Weg gefunden, sich an die Anforderungen der Zeit anzupassen und sich permanent weiterzuentwickeln. Sie glauben doch nicht, dass ein neutrales Virus Kunst & Kultur auslöschen wird können? Ich nicht und dafür kämpfe ich.

 

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