Copa Kagrana statt Copa Cabana – lateinamerikanische MusikerInnen in Wien

Die Szene lateinamerikanischer MusikerInnen in Wien ist so vielfältig wie deren Herkunftskontinent: Von überall her hat es SängerInnen und InstrumentalistInnen nach Wien verschlagen – aus Brasilien und Mexiko genauso wie aus der Dominikanischen Republik und aus Argentinien. Was hat diese MusikerInnen veranlasst, ihre Heimatländer zu verlassen und ihr musikalisches Glück in der Ferne zu suchen? Wieso Copa Kagrana statt Copa Cabana?

Celia Maria, Carla Natascha, The Palomita Show – eine erste Spurensuche beginnt im Internet. Informationssplitter: Rund 7.000 LateinamerikanerInnen leben in Wien, einige als MusikerInnen, viele arbeiten in normalen Berufen im Dienstleistungssektor. In Wien lebt mit dem mexikanischen Tenor Ramón Vargas zurzeit nur ein musikalischer Weltstar und seit Anfang der 1990er Jahre gibt es hier mit Los Mariachis Negros eine echte Mariachi-Gruppe: Sie versammelt Musiker aus Österreich, Lateinamerika und Asien.

„Es ist sehr inspirierend  in der Musikstadt Wien zu leben.“ (Daniel Mesquita)

Lokale wie das Neruda und das Floridita sind Orte, an denen lateinamerikanische Musik zelebriert wird. Plattformen wie Latino TV oder culturalatina.atbeschäftigen sich dezidiert mit lateinamerikanischer Kultur in Wien. „Solche Plattformen sind wichtig, weil sie zeigen, dass Menschen da sind, die etwas umsetzen und bewegen wollen“, sagt der argentinische Elektronikmusiker Gustavo Petek, den ich als Ersten zum Interview treffe. Er lebt seit fünf Jahren hier und findet Wien „spannend“. Nach Wien ist Petek gekommen, weil seine Großeltern einst aus Österreich ausgewandert sind und er mehr über deren Land wissen wollte. Musikalisch bezieht er sich im Rahmen seines Elektronikprojektes Traspié auf den Tango. „Die Latino-Szene in Wien kenne ich nicht gut und Nationalitäten sind für mich egal. Ich spiele im Moment mit MusikerInnen aus Österreich, Polen und Brasilien“, sagt Petek und streicht damit einen Aspekt heraus, der sich als Gemeinsamkeit der interviewten LatinomusikerInnen zeigen wird: Die Internationalität und die Multikulturalität. Im Jahr 2015 möchte er ein Performancestück umsetzen und eine Single mit der österreichischen Sängerin Magdalena Piatti aufnehmen.

Aus der Dominikanischen Republik stammt der Sänger, Bandleader, Songwriter und Perkussionist José Ritmo. Er ist gleichsam ein Weltenbummler, denn bevor er nach Österreich gekommen ist, hat er unter anderem in Frankreich, Spanien, Portugal und Puerto Rico gelebt. Heute spielt er mit MusikerInnen aus der ganzen Welt – aus Lateinamerika genauso wie aus Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika: „Mir gefällt die multikulturelle Mischung in meiner Band, die genauso ist wie die multikulturelle Stadt Wien.“ Seine Karriere hier zu starten, wäre nicht allzu schwierig gewesen, so Ritmo. Das Publikum wäre sehr offen für Musik aus Lateinamerika. Seine ersten Schritte in Richtung Musikerberuf waren hingegen nicht so leicht: „Als ich mit dem Musikmachen begonnen habe, war das kein angesehener Beruf. Meine Eltern wollten nicht, dass ich Musiker werde. Aber Musik zu machen, ist meine Leidenschaft, meine Nahrung. Heute lebe ich in Wien, einem Zentrum für Musik!“



„Lateinamerikanischen MusikerInnen haben immer den Traum in ihre Herkunftsländer zurück zu kehren.“ (José Ritmo)

Aus familiären Gründen wird Ritmo wohl hier bleiben, inzwischen hat er einen österreichischen Reisepass und plant nicht, wieder in die Karibik zu übersiedeln, obwohl er einschränkend meint: „Alle lateinamerikanischen MusikerInnen haben immer den Traum, in ihre Herkunftsländer zurück zu kehren. Die Möglichkeit dazu besteht immer, aber man weiß nicht wann.“
Das bestätigt auch die aus Argentinien stammende Sängerin Paula Barembuem, die einige Tage später mit dem brasilianischen Gitarristen Daniel Mesquita ein Konzert gibt. Zurück nach Südamerika möchte sie vorerst nicht. „Ich habe aber viele Momente erlebt, in denen ich zurückgehen wollte“, so Barembuem, die eigentlich nur sechs Monate lang in Österreich bleiben wollte. Daraus sind 13 Jahre geworden: „Mittlerweile brauche ich beides, mein Leben in Wien und ich brauche auch die zeitgenössische Szene in Argentinien, mit der ich spiele, wenn ich dort bin.“ So findet längst und wie selbstverständlich ein transatlantischer Kulturaustausch statt.

Wie um die gelebte Multikulturalität zu demonstrieren, spielen Mesquita & Barembuem an diesem Abend im Sagya, einem afrikanischen Lokal. Dann verbinden sie auch noch „Estrada de Canindé“ und das österreichische Traditional „In die Berg bin i gern“ zu einem gelungenen Crossover-Stück. Auf der 2014 erschienenen CD „Agua“ mischen die beiden auch Antonio Jobims „Samba do Avião“ und das Wienerlied „Mei Muatterl war a Weanerin“ zu einem Medley. „Mittlerweile finden wir viele Gemeinsamkeiten zwischen Lateinamerika und Europa. Die Ausdrucksformen sind verschieden, aber die Gefühle sind dieselben“, so Paula Barembuem. Melodien aus Lateinamerika werden mit Texten aus Österreich ohne Berührungsängste verknüpft und drücken die eigene, ganz persönliche Diaspora aus.

Auch Barembuems Bandkollege Daniel Mesquita, der aus Nordost-Brasilien stammt, fühlt sich wohl in Wien: „Ich bin sehr dankbar dafür und es ist sehr inspirierend für mich, in der Musikstadt Wien zu leben. Abgesehen von der klassischen Musik wird hier auch sehr viel Popmusik gemacht.“

„Ich gehöre – ich sage: ‚leider’ – zu den coolen AusländerInnen.“ (Paula Barembuem)

Paula Barembuem hat hier Gesang studiert, weil Wien in Übersee noch immer einen guten Ruf als Stadt der Musik besitzt. Sich hier zu etablieren, war für sie relativ leicht: „Ich gehöre – ich sage: ‚leider’ – zu den coolen AusländerInnen.“ Denn LateinamerikanerInnen wären meist sehr beliebt, Diskriminierung hätte sie nie gespürt und ihr Fremdsein am Beginn der Karriere als Vorteil empfunden: „Was ich mache, ist exotisch. Auf der anderen Seite ist man den Klischees zugewiesen. Für mich war es sehr schwierig, vom Tango wegzukommen, weil ich Argentinierin bin.“

Den Klischees nicht zu entsprechen, ist auch für Daniel Mesquita die größte Herausforderung, vor der er als Musiker mit Migrationshintergrund steht. Was das in seinem Fall bedeutet, beschreibt Mesquita so: „Ich kann viele Musikrichtungen spielen. Ich lebe nicht in Wien, um ausschließlich brasilianische Musik zu machen.“
Selbst unter den im Exil lebenden Latinos würde eher die Auffassung bestehen, man müsste Musik aus dem Herkunftsland machen, so Paula Barembuem. Das findet sie allerdings langweilig, interessanter ist für sie, dass in Wien Zusammenarbeiten mit MusikerInnen aus anderen Regionen entstehen, etwa vom Balkan. So spielen Barembuem & Mesquita manchmal mit den aus Bulgarien stammenden Wladigeroff Brothers und ziemlich oft mit dem brasilianischen Perkussionisten Luis Ribeiro, der ebenfalls in Wien lebt und mit der Gruppe Dobrek Bistro bereits große Erfolge gefeiert hat.

Dem guten Ruf der Musikstadt Wien sind auch die Musiker von Garufa! gefolgt. Alejandro (Venezuela) und Nacho (Uruguay) haben beide klassische Musik in Wien studiert. Nachos Instrument ist die Gitarre: „Der Anfang hier war sehr schwierig, vor allem wegen der Sprache und wegen der kulturellen Unterschiede.“ Heute weiß er, dass er nicht als südamerikanischer Musiker angesehen werden möchte – auch wenn er sich wieder hin zu seinen lateinamerikanischen Wurzeln orientiert hat. „In Wien gibt es viele Möglichkeiten als Musiker aber auch sehr viel Konkurrenz. Man muss sich also ständig verbessern“, sagt Nacho. Für Violinist Alejandro ist Wien „die perfekte Stadt für einen freiberuflichen Musiker.“ Obwohl er wegen der klassischen Musik hierhergekommen ist, könne er nun zwischen Jazz, afrikanischer, klassischer und Crossover-Musik wählen. Und da Lateinamerika zwischen Patagonien und der Karibik eine große Bandbreite an Musik bietet – von Tango und Salsa bis Mariachi-Musik und Cumbia –, müsse jeder für sich musikalisch einen Platz finden, so Alejandro. Das haben Garufa! geschafft, indem sie in ihre Auftritte Humor integrieren und klassische Musik mit lateinamerikanischen Einflüssen verbinden. So hat die Band ein unterhaltsames Weihnachtsprogramm mit dem Titel „Nadvidad Mucho Caliente“ entwickelt. Alejandro, dessen Großeltern einst aus Italien nach Südamerika ausgewandert sind, findet, „dass die Lateinamerikaner in Wien schon eher zusammenhalten als in anderen Ländern Europas, etwa in Spanien, wo einfach viel mehr LateinamerikanerInnen leben.“

Ähnlich sieht das Gitarrist Daniel Mesquita – zumindest in Bezug auf sein alte Heimat: „Die brasilianischen MusikerInnen, die ich hier kenne, arbeiten schon miteinander. Das ist keine in sich gespaltene Gruppe.“

Und noch eine Gemeinsamkeit zeigt sich: Die in Wien lebenden MusikerInnen aus Lateinamerika bleiben unterwegs. Vielleicht zeigen sie durch ihre Lebenswege exemplarisch, dass Kultur und Kulturschaffende gleichermaßen in Bewegung sein müssen, um sich weiter zu entwickeln. Celia Mara war zurzeit der Recherche auf Tournee in Vietnam mit Alegre Corrêa, der die Wiener Jazz-Szene für rund 15 Jahre entscheidend mitgeprägt hat und nun wieder in seiner alten Heimat Brasilien lebt – im November 2014 hat ihn die Musik für ein Konzert zurück ins Wiener Porgy & Bess geführt.

So präsentieren sich die in Wien lebenden LateinamerikanerInnen als heterogene aber überaus kreative Szene, in der Nationalitäten keine Rolle mehr spielen und in der internationale Zusammenarbeiten stattfinden. Nur eines gefällt Alejandro von Garufa! in Wien nicht: „Das Wetter! Besonders wenn es im November grau und kalt wird!“ Dies dem Bandkonzept folgend mit Humor – gemischt mit lateinamerikanischer Musik – zu nehmen, könnte helfen. Alles Tango, Salsa, Merengue, Cha-Cha-Cha… oder einfach: Baila!

Jürgen Plank

Foto Celia Mara: Jazz Fest Wien
Fotos: Bandarchive, Jürgen Plank
Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.

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http://www.paulabarembuem.com/wordpress
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