“Buschenschank-Melancholie” – HIDDEN BY THE GRAPES im mica-Interview

Die steirische Band HIDDEN BY THE GRAPES hat Anfang des Sommers mit ihr vierten Album „graben“ (Wohnzimmer Records) ein beeindruckendes Werk der Gitarrenmusik veröffentlicht, welchem wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Im Gespräch mit Sebastian J. Götzendorfer beim Release-Konzert Mitte Juli im Wiener FLEX wurden mit dem Post-Punk-Trio unter anderem die Themen Buschenschank-Melancholie, Austro-Noise, Inspirationen à la Will Smith und das kurzzeitige Dasein als Terroristen in den USA ergründet.

Sie haben soeben Ihr neues Album „graben“ veröffentlicht und heute ist die Release-Show hier im Wiener Flex. Was können Sie mir über den Herstellungsprozess des Albums erzählen?

Richard Kahlbacher: Das Fundament des Albums wurde gelegt, als wir uns in die Süd-Steiermark zurückgezogen haben. Eigentlich wollten wir auf eine Hütte gehen, aber es wurde dann eine Buschenschank, die im Auflassen begriffen war. Dort haben wir in einem Hochzeitssaal rund um die Uhr Musik gemacht und Wein getrunken. So sind die meisten Songs entstanden.

Bernhard Jammerbund: Buschenschank-Melancholie sozusagen.

Christian Steiner: Ungefähr die Hälfte der Songs ist dort entstanden, die andere Hälfte in der gewohnten Umgebung.

Es handelt sich nun um das erste Album auf dem Wiener Label „Wohnzimmer Records“. Wie kam es zu diesem Label-Wechsel und was war die Intention dahinter?

Bernhard Jammerbund: Wir haben es eigentlich bei den letzten Alben schon immer so gemacht, dass wir einige österreichische Labels kontaktiert haben. In diesem Fall war es wirklich so, dass wir was hingeschickt haben und zusammengefunden haben. Sehr romantisch also.

Richard Kahlbacher: Die letzten beiden Alben waren auf „Pumpkin Records“ aus der Steiermark. Da gibt es auch kein böses Blut, sondern alles ist einvernehmlich verlaufen. „Wohnzimmer Records“ ist einfach etwas größer und wir wollten auch in Wien einen Fuß in der Tür haben.

„Wir haben in einem Hochzeitssaal rund um die Uhr Musik gemacht und Wein getrunken.“

Eine beeindruckende Facette des Albums ist, dass trotz Besetzung als Trio ein unglaublich dichter Sound geschaffen wird. Wie funktioniert das so gut, wenn man lediglich zu dritt in der Band ist?

Christian Steiner: Im Live-Setting ist das genau der Grund, weshalb wir öfters zwei Gast-Musikerinnen haben. Bei diesem und beim zweiten Album können wir es zu dritt nicht ganz stemmen, weil wir einfach nicht genug Hände und Füße haben, um die Songs so zu spielen wie sie am Album sind. Auf der Aufnahme selbst ist dafür wohl eher Bernd Heinrauch, der die Aufnahme geleitet hat, verantwortlich.

Bernhard Jammerbund: Nach zehn Jahren in der Band können wir wohl auch einfach gut zusammenspielen.

Richard Kahlbacher: Wenn man weiß wie der andere tickt, schreiben sich die Songs teilweise einfach von selbst.

Christian Steiner: Die Gitarren machen bei uns oft Flächen und Noise, während der Bass oft Melodien beisteuert. Bei uns hat der Bass eine tragendere Rolle als bei vielen anderen Bands. Dadurch wirken die Kompositionen oft dichter, denke ich.

Da wir gerade beim Sound sind: Besonders gut hat mir der sehr organische Rock-Sound von „graben“ gefallen. Man hört bei Ihnen noch richtig raus wie jemand über einen Verstärker E-Gitarre spielt. Man hört quasi die Röhren brennen.

Christian Steiner: Einerseits leistet ganz einfach der Verstärker selbst schon sehr gute Arbeit, da solche Fender-Modelle eben sehr organisch klingen. Andererseits ist das genau das Spezialgebiet von Produzent Bernd Heinrauch: einen erdigen Sound, der nicht zu höhen-lastig wird. Es soll kein Indie-Sound sein, sondern schon andrücken. Es hängt sicherlich auch mit dem Raum vor Ort zusammen. Das war eben im Keller eines alten Bauernhauses. Da klingt automatisch alles erdig.

Richard Kahlbacher: Die Grundtracks der Songs, also Bass, Schlagzeug und Gitarre, wurden außerdem live eingespielt, was natürlich auch einen Unterschied ausmacht: Einerseits von der Dynamik und vom Feeling her, andererseits waren wir und die Verstärker in unterschiedlichen Räumen, was den Sound noch kompakter macht.

Christian Steiner: Generell hilft es auch einfach laut aufzudrehen [lacht]. Viele Bands machen das ja nicht mehr so, sondern nehmen alle Spuren einzeln und möglichst sauber auf. Bernd Heinrauch sieht das ganz anders: Man soll voll aufreißen und es klingt so wie es klingt! Da wird nicht viel nachbearbeitet. Wir stellen eher vorher den Verstärker lange ein, damit er gut klingt.

Richard Kahlbacher: Da fällt mir sogar eine Anekdote ein. Einmal war der Bass-Verstärker so laut, dass die Glasscheiben zu klirren begonnen haben. Andere Produzenten würden sofort leiser drehen. Was hat er gemacht? Er hat augenblicklich zwei Mikrofone zur Scheibe gestellt! Das drückt die Herangehensweise ganz gut aus.

Eine andere Sache, die auffällig ist: Sie verwenden oft simple Textzeilen, die sich dann oft wie im Mantra wiederholen. War das eine bewusste Überlegung oder passiert so etwas einfach? Bei vielen Bands wird der Text so zur Plattitüde, bei Ihnen wird er dadurch noch eindringlicher.

Christian Steiner: Tatsächlich ist das einfach passiert. Ich plane das nicht. Es läuft fast immer so ab, dass zuerst der Song in der Struktur steht. Dann singe ich irgendetwas beliebiges dazu um eine Melodie zu entwickeln. Der Text an sich entsteht immer erst danach. Aber sobald eine Songstruktur steht, hat man natürlich den Vorteil, dass man probieren kann ob es sich etwa gut anhört eine Textzeile zu wiederholen oder eben nicht. Letztlich mach ich das nach meinem Gefühl.

Gewissermaßen werden auch durch solche Stilmittel oft Assoziationen zu Genres wie ‚Shoegaze’ oder ‚Post-Punk’ geweckt. Wenn man sich Texte über Ihre Band durchliest, werden auch viel hochkarätige Künstler genannt wie etwa Steve Albini oder Sonic Youth. Schmeichelt einem das oder ist das zu viel der Ehre?

Bernhard Jammerbund: Meinerseits gibt es kein Problem mit einem Sonic Youth-Vergleich [lacht]. Auch wenn ich persönlich nicht finde, dass wir uns danach anhören. Das kommt vielleicht von den anderen Gitarren-Stimmungen, die auch wir teilweise verwenden.

Christian Steiner: Das Lustige für mich ist, ich höre diese genannten Bands privat eigentlich kaum. Ich schätze sie zwar, aber sie können für mich kein direkter Einfluss sein, weil ich mich nicht viel damit auseinandersetze.

„Post-Everything oder auch Austro-Noise.“

Was sind dann die direkten Einflüsse?

Bernhard Jammerbund: Wir haben eine große Spannweite an Bands, die wir alle drei mögen. Zusätzlich mag jeder seine eigenen Sachen. Christian mag eher Blues, ich höre viel Metal und Richard steht total auf Will Smith.

Richard Kahlbacher: Getting jiggly with it! [lacht]

Christian Steiner: Ich habe bei den Aufnahmen zu dem Album zum Beispiel fast ausschließlich Singer-Songwriter gehört, etwa Laura Marling. Und natürlich Leonard Cohen und Bob Dylan. Die Klassiker halt. Worin sich das wiederschlägt weiß ich aber nicht. 

Richard Kahlbacher: Bei mir waren es die Beach Boys! Die habe ich viel gehört.

Eine andere ungeliebte Frage, da sich Musiker und Musikerinnen immer ungern selbst etikettieren: In welchem Genre würden Sie sich verorten?

Bernhard Jammerbund: Am ehesten wohl Post-Punk. Aber eigentlich haben wir es schon aufgegeben, das ernsthaft zu beantworten. Eigentlich nämlich Indie-Noise-Punk-Post… Post-Everything oder auch Austro-Noise.  Wir sehen das aber nicht so ernst. Punkige Herangehensweise mit Einflüssen aus Post-Rock und Noise Rock.

Christian Steiner: Oder auch Grunge. 

hidden by the grapes (c) Clemens Franke

Also im Endeffekt eh alles.

Richard Kahlbacher: Alles und noch viel mehr!

Mit diesem Stilmix haben Sie selbst in den USA schon zwei Touren gespielt. Wie ist es dazu gekommen und was ist das beste was Ihnen dort passiert ist?

Richard Kahlbacher: Da sind sehr viele gute Sachen passiert [lacht].

Dann mit der Bitte um eine knackige Antwort.

Christian Steiner: Einige gute Freunde von mir leben in den USA. Die haben uns beim ersten Mal viel geholfen. Wir sind da mehr oder weniger privat hingefahren und haben dann bei einem Konzert ein kleines Label getroffen, das mit uns kooperieren wollte. Die haben uns dann wiederum bei der zweiten Tour sehr viel weitergeholfen.
Eine der erinnerungswürdigsten Geschichten ist eigentlich, dass wir anfangs beinahe nicht einreisen durften. Richard und ich sind in eine ‚secondary inspection’ gekommen. Das ist die Stelle bei der Terrorverdächtige abgegriffen werden. Und halt wir zwei. Da gab es einen Raum wo sie A*-Kontrollen machen. Da stecken sie einem halt den Finger in gewisse Körperöffnungen, suchen Drogen und dann muss man wieder heimfliegen.

„[…]wo Terrorverdächtige abgegriffen werden. Und halt wir zwei.“

Richard Kahlbacher: Sehr gut erklärt [lacht]. Man muss aber auch erwähnen, dass man als Band auf diese Art und Weise eigentlich nicht touren darf. Man bräuchte dafür nämlich ‚artist visa’. Die sind aber beinahe unmöglich zu bekommen, insbesondere auf dem Niveau, auf dem wir unterwegs waren: Wir haben vordergründig in irgendwelchen Kleinstädten im Keller gespielt. Das sind aber die wahren Highlights, da irgendwo im Hinterland der USA vor einer nicht vorhersehbar aktiven Indie-Szene aufzutreten und nicht die großen Städte. Dann geht man nach dem Konzert natürlich bis zur Sperrstunde fort!

Von der großen Skala zurück zur kleineren: Was verbindet Sie mit Ihrer Heimat der Steiermark? Im Intro des Albums kommt etwa auch ein Akkordeon vor.

Alle: Wein! (lachen)

Christian Steiner: Akkordeon habe ich aber tatsächlich gelernt, das kommt also von mir. Und das mit dem Wein war eigentlich auch kein Spaß, wir haben das Album ja tatsächlich in den Weinbergen aufgenommen und uns natürlich inspirieren lassen.

Bernhard Jammerbund: Wo wir wieder bei der Buschenschank-Melancholie wären. Das beschreibt das Album eigentlich perfekt.

In meiner Rezension zu „graben“ habe ich von einem „großen Album der österreichischen Gitarrenmusik geschrieben“.  Was müsste sich in der Musikbranche ändern, damit das nicht nur ich als Einzelner so wahrnehme, sondern das mehrere so sehen oder zumindest sehen könnten?

Bernhard Jammerbund: Wir erhoffen uns natürlich von „Wohnzimmer Records“ schon, dass sie Konzerte für uns an Land ziehen und wir öfter im Radio auf fm4 gespielt werden. Der Verbreiterungsgrad müsste ein bisschen höher werden. Es wäre natürlich wunderschön, wenn das mehr Leute so empfinden würden.

Christian Steiner: Ein Aspekt ist sicherlich auch die Sprache. Aktuell ist der Hype auf Deutsch zu singen und wir singen halt auf Englisch. Ich persönlich finde es auch super, wenn Leute auf Deutsch singen und das gefördert wird. Aber ich sehe uns nicht nur in Österreich und deswegen stellt sich die Frage bei uns nicht.

Richard Kahlbacher: Was sich ändern müsste, wäre das mehr Leute auf Konzerte von Bands gehen und weniger auf Elektro-Partys.

Christian Steiner: Das ist natürlich immer eine gute Sache!

Ich denke dieses Dogma ist ein guter Abschluss. Danke für das Gespräch und in diesem Sinne viel Erfolg beim Konzert!

Sebastian J. Götzendorfer

Hidden By The Grapes live:
30. August 2017: Acoustic Summer, Rockhouse, Salzburg

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