Blasmusik & Rockstar-Feeling – THOMAS GANSCH im mica-Interview

Der in Melk aufgewachsene Trompeter THOMAS GANSCH fühlt sich überall zuhause. Blasmusik, Jazz, Klassik, Pop oder Crossover – seine Projekte Mnozil Brass, Gansch & Roses oder Gansch & Breinschmid sind international bekannt und beliebt. Er stand mit vielen namhaften Musikern und Gruppen wie Patti Smith, Konstantin Wecker oder dem Vienna Art Orchestra auf der Bühne. Im mica-Interview mit Petra Ortner erzählt der sympathische Musiker über seinen Werdegang und in welchem Land man sich am ehesten wie ein Rockstar fühlt.

Sie kommen aus einer Musiker-Familie und sind quasi mit der Trompete an den Lippen groß geworden. Haben Sie neben der Trompete noch andere Instrumente erlernt?

Thomas Gansch: Ich habe alle möglichen musikalischen Sachen probiert. Aber meiner Familie war schon immer klar, dass ich einmal Trompeter werde. Da konnte ich nicht viel mitreden bei der Entscheidungsfindung.

Hat die Familie zuhause auch gemeinsam musiziert?

Thomas Gansch: Nicht im Sinne von Hausmusik. Mein Vater war Kapellmeister und so war die Kapelle oft im Haus. Zwei Mal in der Woche wurde geprobt. Aber es gab „Üben unter verschärften Bedinungen“. Beim Vater Unterricht zu haben, ist das Schlimmste, das es gibt. Ich gebe das gerade an meinen eigenen Sohn weiter (lachen). Der muss mit mir Klavier üben.

Jörg Haider ist an der Gründung von Mnozil Brass nicht unschuldig.

Sie haben mit 17 Mnozil Brass mitgegründet. War ab dem Zeitpunkt klar, dass Sie Musik zum Beruf machen?

Thomas Gansch: Ich war 16 bei der Gründung. Nein, es war nicht so, dass ich Musik zum Beruf machen wollte. Mnozil Brass war eine reine Wirtshaus-Gaudi-Partie. Es gab einmal im Monat, in meiner Studienzeit, einen Musikanten-Stammtisch im Gasthaus Josef Mnozil. Es war im Prinzip wie eine Jamsession, nur dass alle Blechbläser vom Land kamen und alle durch ihr Mitwirken bei Blaskapellen dasselbe Repertoire draufhatten. Jeder konnte aus dem Stand zehn Märsche, zehn Polkas und fünf Walzer spielen. Einmal im Monat hat man sich zum Spielen getroffen und es war immer ein heilloses Durcheinander. Irgendwann brachte niemand mehr was raus, doch alle schrien vor lauter Freude. Das waren unglaublich orgiastische Erlebnisse.
Im Jänner 1993 war das Lichtermeer gegen das Ausländervolksbegehren von Jörg Haider und wir wurden gefragt, ob wir dort spielen könnten. Kurz vor dem Auftritt sollten wir noch unseren Namen durchgeben. Ich meinte darauf Mnozil Brass – das Nächstliegende. Im Wirtshaus haben wir gelernt uns die Leute zu holen. Ich finde auch nichts dabei, z. B. bei einer Firmenfeier zu spielen, obwohl es dort immer heißt „Die Musik soll sich im Hintergrund halten“. Begleitmusik machen und schön ruhig und brav sein, hat mir nie besonders gefallen. Darum endeten solche Feiern immer so, dass eine Traube von glücklichen Betrunkenen um uns herum gestanden ist und sich ein Lied nach dem anderen gewünscht hat. Wir haben dementsprechend viel mitgetrunken. Das Geschäftsmodell von Mnozil Brass war „Wenn ich die Leute gut unterhalte, bekomme ich viel zu trinken und zu essen.“

Und wie lange kann man trinken und spielen?

Thomas Gansch: Ich habe zu diesem Thema verschiedene Studien durchgeführt. Bisher ging es immer, irgendwie. Ab dem Zeitpunkt, wo Hirn und Hände unabhängig voneinander versuchen zu funktionieren, geht es nicht mehr. Heute ist es anders. Da wird erst nach dem Spielen ein Glas getrunken.

„Üben wird vorausgesetzt. Aber das eigentlich Spannende ist das Zusammen-auf-Tour-Sein.“

Sie haben bereits mit sehr vielen großartigen Musikern wie Patti Smith, Konstantin Wecker oder den Wiener Symphonikern gespielt. Was waren die musikalisch größten Herausforderungen?

Thomas Gansch:
Alles was musikalisch herausfordernd ist, gefällt mir, weil ich großes Interesse daran habe, Dinge zu können, beziehungsweise zu verstehen. Es ist ein wenig wie im Film Matrix, wo Neo am Ende den Code lesen kann. Diese Situation gibt es auch beim Spielen. Es sind alle Begegnungen spannend. Die geilste Zeit überhaupt war für mich beim Vienna Art Orchestra. Es gibt nichts Schöneres als mit einem Apparat von zwanzig Wahnsinnigen unterwegs zu sein. Dort habe ich sehr viel gelernt, es war mein eigentliches Studium. Das gemeinsam auf Tour sein, zusammen abhängen, miteinander reden und spielen, das ist unbezahlbar. Man kann Musik nicht einfach erlernen. Das ist etwas, was man machen muss. Speziell improvisierte Musik. Da muss man sich einfach zusammenspüren und zusammentun. Natürlich muss man auch üben, das wird vorausgesetzt. Aber das eigentlich Spannende, bei dem man lernt, ist das Zusammen-auf-Tour-Sein.

Blasmusik, Jazz, Worldmusic, Pop, Rock. Gibt es für Sie musikalische Grenzen?

Thomas Gansch: Nein, es gibt überhaupt keine Grenzen.

Muss man als Profi viel üben oder tut man das sowieso ständig durch die vielen Auftritte?

Thomas Gansch: Erst kommt es darauf an, wie man Profisein definiert. Manche müssen weniger üben und manche viel spielen. Ich gehöre eher zur zweiten Spezies. Wobei das Üben auch eine Form der Selbstdisziplinierung darstellt. Trompete spielen ist wie Gewichte heben. Du musst deine Muskeln erhalten und wenn du zwei Tage nichts machst, bist du im „Oasch daham“. Das darfst du schon so schreiben, oder?

„Wenn du zwei Tage nichts machst, bist du im Oasch daham“.

Ich denke schon. Wie viele Trompeten besitzen Sie?

Thomas Gansch:
Nicht so viele und ich spiele auch immer nur auf einer. Die anderen Instrumente sind in Koffern in einem Kasten. Ich habe nicht den Platz, alle rauszugeben und aufzuhängen. Ich werde dir diese Frage dann in ein paar Jahren beantworten. Ich habe fünf bis zehn Trompeten. Einige davon sind verliehen, denn es wäre schade, wenn sie nicht gespielt würden.

Wie entstehen Ihre neuen Kompositionen?

Thomas Gansch: Am einfachsten ist es, wenn ich schon einen Titel habe. Dann kommt der Song quasi von selbst. Manchmal beginne ich mit Wortspielen und wenn die lustig sind, verarbeite ich sie zu einem Song. So geht es ganz einfach, weil die Stimmung schon klar ist. Am allerliebsten nehme ich mir am Abend Zeit, wenn schon alle schlafen. Dann setze ich mich ans Klavier, spiele, was mir einfällt, und die guten Ideen werden in einem kleinen Skizzenbuch notiert.
Auch mit Georg Breinschmied [Anm. Bassist] komponiere ich immer wieder Lieder. So geht es schneller, da einem die eigene Unsicherheit nicht im Weg ist. Ich habe zwar gerne alles unter Kontrolle und selbst in der Hand, aber so ist man auch der eigenen Unsicherheit ausgeliefert. Jede Art von Zusammenarbeit ist ein Kompromiss, eine Toleranz-Übung, die einen im besten Fall weiter bringt.

Arbeiten Sie also lieber mit anderen zusammen als alleine?

Thomas Gansch: Es kommt auf das Ergebnis an. Den Arbeitsprozess finde ich nie angenehm. Mit Mnozil Brass machen wir derzeit eine neue Show, die im Februar 2015 ihre Premiere hat und mir graut schon lange vor der Probenphase. Auf diese ausgedehnte Arbeitsphase freu ich mich nicht wirklich.

Dachdecker oder Zeichner: Das waren die Alternativen.

Sie sind sehr viel im In- und Ausland unterwegs. Wo lässt sich das Publikum am schnellsten begeistern und mitreißen?

Thomas Gansch: Das ist schwer zu sagen, da es ein subjektives Empfinden ist. Die Amerikaner machen gerne Standing Ovations. Man geht nur auf die Bühne und die stehen schon. In anderen Ländern bekommt man am Ende Standing Ovations, als Zeichen dafür, dass man etwas wirklich Tolles geschafft hat. In manchen Ländern klatschen die Leute aber auch gar nicht. In Teilen von Asien, wie Japan oder Taiwan, war es ganz besonders schlimm. Da klatschen die Leute zwischen den Songs kaum und lassen ihre Begeisterung erst am Ende raus. Und dann sehr kontrolliert. Ausflippen tun die Leute dort höchstens mal in Tokio oder Osaka. Man denkt, der Abend war wohl nicht besonders, doch nach dem Konzert muss man dann ne Stunde lang Autogramme geben. Am Lautesten war das Publikum bei einem Mnozil-Auftritt in Portugal. Da gab es ohrenbetäubendes Gepfeife und Geschrei, schon als wir die Bühne betraten. Das ist natürlich geil, dann hat man ein wenig dieses Rockstar-Feeling. In Ländern, in denen es eine große Brass-Band-Kultur gibt – also wie Großbritannien, Niederlande und Schweiz – ist die Begeisterung auch speziell.

Wenn Sie nicht Musiker geworden wären, welchen Beruf hätten Sie gewählt?

Thomas Gansch:
Zeichnen, Comics, ich weiß nicht. Diese Frage hat sich nie gestellt. In der Pubertät gab es eine Zeit, in der ich lieber Dachdecker als Musiker geworden wäre. Davon hat man mich aber, Gott sei Dank, schnell wieder abgebracht. Mein einziges Talent bzw. das, was mich noch interessiert hätte, wäre im zeichnerischen Bereich gewesen. Gemeinsam mit meinem Sitznachbarn habe ich in der Schule die ganze Zeit nur Blödsinn gemacht und gezeichnet. Er war irrsinnig gut im Comics zeichnen. Ich war der Meister der Raumschiffe.

Petra Ortner
Fotos Thomas Gansch: Daniela Matejschek

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