Bilder im Kopf (c) Meyers großes Konversations-Lexikon 1905

Bilanz und Abschlussbericht WIEN MODERN 2017

Sechs junge Studierende und Absolventen der MDW UNIVERSITÄT FÜR MUSIK UND DARSTELLENDE KUNST WIEN haben sich in neuen Orchesterwerken auf eine Spurensuche nach möglichen „Bildern im Kopf“ begeben. In einer moderierten Generalprobe, einem Vorgespräch  und dann dem letzten Konzert des Festivals am Freitag, den 1.12. im Großen Sendesaal des RADIOKULTURHAUSES, in dem sich ein Blick in die Werkstatt der jüngsten Komponistengeneration werfen lässt, reitet WIEN MODERN nach Ausflügen in „Imaginary Landscapes“ am Mittwoch mit dem ENSEMBLE XX. JAHRHUNDERT und in TRISTAN MURAILS „13 Farben der Abendsonne“ mit PETER KEUSCHNIGS ENSEMBLE KONTRAPUNKTE in die Zielgerade. Das Festival war so gut besucht wie kaum zuvor und man darf dem Team um BERNHARD GÜNTHER, dass es auch in den anbrechenden harten Zeiten für Kulturveranstaltungen für Kommendes unter der „neuen“ Regierung sicher im Sattel bleibt.

Bleibt zuvor noch, wie versprochen über die  letzten 10 Tage im Festivalgeschehen kurz zu berichten. Beginnen wir mit im Gedächtnis haften bleibenden großen Ereignissen: Ein solches war natürlich das  aufführungstechnische Großprojekt von „Le Encantadas“ von Olga Neuwirth durch das Ensemble intercontemporain samt bahnbrechender Lautsprechertechnik im Museumsquartier. Seit 2008 arbeitete Neuwirth mit dem Pariser Institut IRCAM des Centre Pompidou und dem Klangregisseur Gilbert Nouno an einer „musikalisch-informativen Realisierung“ für sechs im Raum verteilte Ensemble-Gruppen, Samples und Live-Elektronik (vgl. dazu auch das mica-Interview mit Peter Böhm). 2015 war die Uraufführung anlässlich der Donaueschinger Musiktage. Bei Wien Modern war nun die österreichische Erstaufführung. Als Zuhörer wird man 70 Minuten lang durch ein Labyrinth von realen und fiktiven Außen- wie Innenräumen durch verschiedene Klang-Insel-Welten mitgenommen, so als säße man in einem Sakralraum, in den manchmal mannigfaltige Außengeräusche hineindringen.

Olga Neuwirth (c) Markus Sepperer 300

Karl Masek schrieb dazu als unvoreingenommener und aufmerksamer Hörer im Online-Merker: „Ganz naturalistisch das Klatschen des Wassers in der Lagune, Stimmengewirr, Kirchenglocken, Nebelhörner, momenteweise ein ‚Flageolett-Teppich‘, wie ein zeitlich weit entfernter Nachhall zu Mahlers Beginn der 1. Symphonie (‚Wie ein Naturlaut‘). Geräusche von Motorbooten, nach etwa einer halben Stunde die ersten vokalen Einsprengsel, chinesisch anmutende tonale Inseln, verzerrte gesprochene Sequenzen. Außenaufnahmen in der Lagune wurden für das Ensemble transkribiert und die Musiker müssen, so die Komponistin, unisono zu den Aufnahmen die Obertonspektren vortragen. „Nur wenn alles ganz genau zusammen sei, ergäbe sich die spezielle Klangfärbung.“ Das tat sie an diesem Abend. In den Schluss-Sequenzen erfährt das Geschehen manchmal auch Wendungen ins Melancholisch-Jazzige hinein. Wie in einer Bar. Die vielfältig geforderten Bläser und die grandiosen Schlagzeuger des Ensembles hätten einen Extravorhang verdient. Olga Neuwirth nahm den Applaus für alle entgegen,  sichtlich auch den Musikern, den Technikern und dem Dirigenten Matthias Pintscher dankend.

Das zweite „wahre“ große Ereignis war das Konzert eines der größten Geigers des letzten und dieses Jahrhunderts. Allein wie Gidon Kremer am 28. November im vollbesetzten Mozart-Saal im Konzerthaus zu Beginn Johann Sebastian Bachs „Chaconne“ aus der d-moll-Partita ohne jedes auftrumpfend-virtuose Gehabe mit einer Stimmigkeit, Logik und – ja – Schönheit zu Gehör brachte und durch sein Spiel auf ein nicht minder großartiges Stück von Luigi Nono vorbereitete, wird jenen, die das hören konnten, wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Nicht zuletzt, weil Gidon Kremer eigentlich als „Mitkomponist“ von Nonos Werk „La lontananza nostalgica utopica futura. Madrigale per più ‚caminantes‘ con Gidon Kremer“ von 1988-1989 gelten muss.

Ich selbst und mein Suchen nach den Tönen waren zu seinem Instrument geworden“, schrieb Gidon Kremer im Booklet zur CD von Nonos „La lontanza“. Und es war wirklich so: Aus Kremers Geigenspiel, das  – ohne Noten improvisierend stundenlang, viele Tage lang im Freiburger Experimentalstudio der Strobel-Stiftung 1988 aufgenommen wurde –  formte Nono die Raumelektronik in einem seiner letzten Stücke. Auch der von den Freuden „Gigi“ genannte Nono schrieb darüber: „Die nostalgisch-utopische Ferne ist mir Freundin und Verzweifelnde in fortwährender Unruhe… Tonbänder gesellen sich, den Stimmen der Madrigale gleich, zu Solovioline und Live-Elektronik“.

Das Stück bildet eine Skulptur, die Kremer spielend durchschreitet, wobei das Filigrane dominiert. „Manche Töne hängen zauberhaft am seidenen Faden der Fast-Stille“ schrieb Ljubisa Tosic in Der Standard dazu.

PREISTRÄGER HANNES KERSCHBAUMER

Hannes Kerschbaumer © rol.art-images

Das Erste Bank Preisträgerkonzert am 22.11. mit dem Klangforum Wien im Konzerthaus war in seinem ersten Teil dem Südtiroler Komponisten Hannes Kerschbaumer gewidmet, zunächst mit einem spröden Stück für Violine solo: „schurf I“, gespielt von Sophie Schafleitner, nutzte gleichsam haptisch alle erdenklichen virtuosen Hervorbringungsmöglichkeiten der Geige bis zum verzerrten, kratzenden Geräusch und wirkte für viele verstörender als die folgende österreichische Erstaufführung eines weiteren Solowerkes von Beat Furrer („Kaleidoscopic Memories“ für Kontrabass und Elektronik), das von Uli Fussenegger dargeboten wurde und das, wenn man so will, die Hörenden mehr, weil unmittelbarer fesseln konnte.

Hannes Kerschbaumers Solostück machte klar, dass der Komponist in seiner Behandlung der  Instrumente diese „nicht als das nimmt, was sie sind. Er arbeitet exzessiv mit Präparierungen, setzt die spezifischen klanglichen Charaktere jedes Instruments dort an, wo das Instrument nicht bereits zuhause ist“ (Jim Igor Kallenberg zur Musik Kerschbaumers im Essayband von Wien Modern). Hannes Kerschbaumer erklärt seine “schurf“-Stücke-Serie so: Sie „weisen eine grundlegende Idee auf, nämlich die klangliche Erforschung einer einfachen auf- oder absteigenden Linie. Schurf I ist das erste Stück dieser Serie und entwickelt Basismodelle für eine neue Ästhetik der Körperlichkeit von Klang, welche auf Klangkontinua zwischen Geräusch und Ton (teilweise durch Präparierung des Instruments) sowie dem ständigen Fluktuieren von Tonhöhen (Glissandi) basiert. Das Werk spiegelt besonders in seiner Verbindung von menschlicher Stimme und Streichinstrument die Zusammenarbeit mit der Geigerin Sophie Schafleitner wider: ihre außergewöhnliche Fähigkeit, die Singstimme mit der Geige in dermaßen hohem Grad zu verschmelzen, dass daraus eine vollkommen individuelle Klangmöglichkeit entsteht (Verwendung von Mikrotonalität, Geräuschklängen, Kombination von Singen und Pfeifen).“

In dem mit dem Auftrag der Erste Bank entstandenen Ensemblestück „schraffur“ steht das von Krassimir Sterev gespielte Viertelton-Akkordeon im Zentrum. Hier erwies sich ein spannendes Geschehen als durchaus kompositionspreiswürdig. Auch hier wieder geht es Hannes Kerschbaumer um die Entstehung „musikalischer Gesten aus differenzierter Anordnung von Linien – ausschließlich Linien“. Aber diese oft glissandierenden Linien der vielen Instrumentalstimmen im Ensemble, samt Soloakkordeon im klanglichen Mittelpunkt, dessen  Öffnen und Schließen des Balges das An- und Abschwellen des Tones ermöglichen, bilden ein gleichsam flirrendes Klangbild. Unter Verwendung von Parametern wie Bogen-, Luft- und Lippendruck, die in Kerschbaumers „Verzerrungsnotation“ festgehalten sind, werden die Instrumentalklänge soweit „bearbeitet“, das ihre „tradierte klangliche Identität nicht mehr wahrnehmbar ist“ (Partitur).

Ein „Ereignis“ erster Güte bot freilich der zweite Teil des Klangforum Wien-Konzerts unter Emilio Pomárico mit der Sopransolistin Katrien Baerts. Gérard Griseys „Quatre chants pour franchir le seuil“ mit ihren diversen bis ins alte Ägypten zurückreichenden Texten hinterließen nachhaltigen Eindruck. Wien Modern erfüllte damit nach der Aufführung von „Les Espaces acoustiques“ von Gérard Gisey ein weiteres Mal seinen Anspruch, immer wieder auch stilbildende Meisterwerke des 20. Jahrhunderts exemplarisch aufzuführen.

NEUES WERK VON CLEMENS GADENSTÄTTER

Clemens Gadenstaetter (c) Stephan Fuhrer

Noch einmal Kopfkino:  Das letzte Festivalwochenende stand mit „The Acousmatic Project” ganz im Zeichen der Elektronik: Zwei Tage lang wurde das Dach der TU am Karlsplatz mit dem Wiener Akusmonium (Surround-Lautsprecherorchester) unter der Leitung von Thomas Gorbach zum dreidimensionalen Hörraum für mehrere Generationen elektronischer Musik. Am Samstag, 25.11. waren  mit der Filmmusik von Pierre Henry zu Dziga Vertovs Stummfilm-Klassiker „Der Mann mit der Kamera” (in der Late Night ab 21.30 Uhr)  und Anestis Logothetis aus Wien zwei Elektronik-Klassiker zu entdecken. Dazu kamen jede Menge jüngerer und jüngster Komponistinnen und Komponisten mit 13 Uraufführungen und vielen weiteren Werken. Das waren Elisabeth Schimana („1001 Nadelstiche“), Thomas Gorbach („Inside-Out. Lines and Curves“), Bruno Strobl („Gesellopf“), Andrea Sodomka („Pansen Suite #1“), Martina Claussen („[connected] 1.2.“), sowie am Sonntag, 26.11. Katharina Klement mit „peripheries“ 1-5. Der Künstler Götz Bury sorgte für Kostproben aus der experimentellen Elektro-Küche. Abgehört und klanglich modifiziert wurde  sein beim Kochen unwillkürlich entstehender Geräuschteppich von Studierenden des Fachs Electroacoustic Music und Music Interface Design der TU Wien. Das IMA Institut für Medienarchäologie präsentierte die argentinisch-französische Elektronik-Pionierin Beatriz Ferreyra mit einem Porträtkonzert und einer DVD-Produktion.

Die Uraufführung eines kollektiven Experiments zwischen Film (Anna Henckel-Donnersmarck), Literatur (Lisa Spalt) und Komposition (Clemens Gadenstätter) im Museumsquartier bestritten am Sonntag, 26. November das  norwegische Ensemble asamisimasa und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, für die aufwendige Live-Elektronik zum Abschluss des elektronischen Wochenendes sorgte das renommierte SWR Experimentalstudio. „Daily Transformations“ bezieht die Musik auf Video-Bilder eines Parks oder Trickbilder und Collagen von Vergnügungs- und Versorgungsinstitutionen und auf Texte über Alltag, Nahrungsaufnahmen usw. Somit werden Sprechen, Sehen und Hören als „transformative Auslöser“ von Wahrnehmung thematisiert. Etwa Laufen im Park, eine Achterbahnfahrt, Menschenbeobachtungen … „Diese drei Tableaus bilden ein „Kaleidoskop, an denen Menschen, Gesellschaft, Wahrnehmen und vor allem die Möglichkeit zur Veränderung, zum Anderssein durchexerziert werden … Die Wirklichkeitsanteile durchziehen als Samples sowohl in der Musik als auch im Bild die gesamte Komposition und werden je nach Kontext live transformatiert. Sie werden elektronisch verstärkt, zerhackt, collagiert und manipuliert, aus dem Zusammenhang gerissen und in neue Kontexte gestellt“  (Gadenstätter/Henckel-Donnersmark). Das kann mitunter kurzweilig sein, manchmal dauert es etwas lang. Siegerpose wechselt im Text, reflektiert auch in der Musik, mit Gefahr, Wahnsinn, Täuschung und Wunsch nach Unauffälligkeit. Wie im Alltag auch.

Abschlusskonzerte im Radiokulturhaus: Das Konzert des ensemble xx. jahrhundert brachte am 29. 11.Arnold Schönbergs „Filmmusik ohne Film“ von 1929/1930, John Cages „Imaginary Landscape“ für 12 Radioapparate und 24 Spieler von 1951 und Claude Viviers Sextett „Samarkand“ von 1981, aber auch auf sehr gute Musik von Alexander Stankovski („Spiegel-Maske-Gesicht“) und Uraufführungen von Axel Seidelmann („Skulptur V“) sowie von Julia Purgina („From Bacon. From Muybridge. The Human Figure in Motion“). Beim Finale  (1.12.) am selben Ort kommt wieder das  mdw Orchester Wien Modern unter dem Dirigenten Jean-Bernard Matter mit Andreas Lindenbaum als Solist am Violoncello zum Zug, um die beim Kompositionswettbewerb „Bilder im Kopf“ der mdw nominierten Stücke aufzuführen. Gespielt wird „An Orchestra Piece for 43 Missing Students“ von Victor Báez, „The Idealist, the Jester and the Troll“ von Constant Goddard, „Sonnenfinsternis“ von Elias Spricht, „Nebula“ von Marko Markuš, „Silver Linings“ von Mathias Johannes Schmidhammer und „Landschaftsmalerei“ von Shin Kim.

Heinz Rögl

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