Bild Rainer Krisper
Bild (c) Bernhard Krisper

BERNHARD KRISPER – „Junger Mann“

Der gelernte Jazzpianist BERNHARD KRISPER hat viel zu sagen. In einer Art Ein-Mann-Varieté, wie dies gern genannt wird, singt er sozialkritische und teilweise elegante skurrile Botschaften und Nicht-Botschaften. Er begleitet sich dabei mit der Königin der Tasteninstrumente, mit dem Klavier, what else?

„Ich wünsch‘ mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“

… war gestern. Heute sehnt man sich – besonders als „Junger Mann“ nach manch zeitverschwendetem Gymnasiumslebensabschnitt hinter Stowasser u. Ä. – nach der Matura nach einer Autotür. Schon gewinnt man ein Bild davon, wohin und woher dieser musikalische Wind weht. Alltagsgeschichten werden verpackt in gern ausschweifende Intros, ähnlich früheren Musicals, zum Kern des Stückes geht es dann in eingängigen Melodien und Reimen. Aber bei zweierbeziehungstechnisch besungenem Opel Rekord D Caravan bleibt es nicht, denn wer in Wien D sagt, muss auch D-Wagen sagen. Dessen kontextuell vertonte Stimmungen der Haltestellen bilden den Stilmix des ersten Tracks dieses Albums

„Müdigkeit ist ein Kulturphänomen“

In einem Vergleich zu naturgemäß schlafbedürftigen Nagern erklärt der Sänger, was persönliche Artgerechtigkeit wirklich bedeutet. Andererseits thematisiert er Lampenfieber und erkennt, dass sich Tortenecken als verlässlichstes Beruhigungsmittel zu erweisen drohen, um dann herzhaft zu philosophieren über die Zeile „Wer A sagt, muss auch B sagen“

„Egal was, ich werd’s probieren“

Cover Junger Mann
Cover “Junger Mann”

Mit dieser juvenilen Weisheit bringt der Liedermacher auf den Punkt, was sich manche von einer Entscheidung zu Recht überforderten MaturantInnen übers Studieren denken, nach ausgiebig durchgefeiertem Sommer oder länger, versteht sich. Dabei sieht sich Krisper mit Augenzwinkern reich, berühmt, mit vielen Kindern und Autos ohne Ende, zumindest wenn er angesichts der Diagnose „nicht belastbar“ das Nötige dafür tut (also einen Lottoschein ausfüllt). Über dieses und andere Glücksszenarien, wie z. B. die Schönheit des 19. Mai, singt er frei von der Leber weg, immer verspielt und unangreifbar mit Klavier und Humor bewaffnet.

Das, was Krisper auf der Bühne tut, gehört zu Wien wie Sacher Torte und Staus auf Ring und Gürtel: kritisches Liedermachertum, gekonnt begleitet, mit viel Text, ein bisschen schräg, ein bisschen verstörend, frech, ausführlich, sympathisch und ohne Hemmungen. Bernhard Krisper hält eine alte Tradition auf ungezwungene Weise am Leben, nämlich musikalisch und textlich die Grundessenz der Stadt Wien zu zeichnen und gleichsam das Paradoxon der Hass-Liebe erneut zu manifestieren, hart, aber ehrlich.

Alexandra Leitner

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Bernhard Krisper
ATS Records