Buntspecht (c) Mona Steinmetzer

„Bei uns finden die unterschiedlichsten Richtungen und Lebensrealitäten zusammen.“ – LUKAS KLEIN und FLORENTIN SCHEICHER (BUNTSPECHT) im mica-Interview

LUKAS KLEIN und FLORENTIN SCHEICHER sind die beiden Texter und autochthonen Wiener der sechsköpfigen Formation BUNTSPECHT. Sie nahmen ihre Instrumente zum Interview mit Michael Franz Woels mit, denn danach ging es gleich weiter ins Tonstudio von MARTIN SIEWERT. Er hat mit ihnen ihr aktuelles Album „Draußen im Kopf“ (Phat Penguin Records) aufgenommen. Und bei diesen Aufnahmen ist so viel Material entstanden, dass sie schon einmal in Ruhe an einer EP weiterbasteln. Es wird noch klavierlastiger, so viel sei schon einmal verraten.

Nach ihrem viel versprechenden Debüt „Großteils Kleinigkeiten“ (Phat Penguin Records), das sie im Vorjahr in nur wenigen Tagen gemeinsam mit KLAUS TSCHABITZER (DER SCHWIMMER) in einem Hütteldorfer Gartenhaus live eingespielt haben, konnten sie nun über mehrere Monate die Songs im Tonstudio entwickeln. Darf man das Ergebnis ein fabelhaft beschwingtes Indie-Pop-Album nennen? Von den Live-Qualitäten von BUNTSPECHT, zu denen auch noch LUKAS CHYTKA am Cello, JAKOB LANG am Kontrabass, ROMAN GESSLER am Saxofon und FLORIAN RÖTHEL am Schlagzeug gehören, kann man sich jedenfalls am 6. Juli 2019 am Festival ROCK IM DORF ein Bild machen.

 

Eines eurer Lieder heißt „Der Mann von nebenan“. Es gibt auch vom deutschen Chansonier Franz Josef Degenhardt auf dem Album „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ aus dem Jahr 1965 ein Lied mit demselben Titel. Ist das eine versteckte Referenz? Kennt ihr die Musik von Franz Josef Degenhardt? 

Lukas Klein: Nein. Du meinst, wir würden den mögen?

„Die Bühne ist ein Ort, wo jeglicher Zweifel für einen kurzen Moment abgelegt wird.“

Ja, ich denke schon. Ich nutze den eher bundesdeutschen Begriff „Schmuddelkinder“, um zur nächsten Frage überzuleiten: Wie wichtig ist für euch eigentlich das Bühnen-Outfit – auch, um so etwas wie eine sogenannte Bühnenfigur zu kreieren?

Lukas Klein: Anfangs stand ich nicht gerne auf der Bühne, und es fühlt sich immer noch komisch an. Auch als Gitarrist war ich anfangs ein Purist und wollte keine Effekte verwenden, nur „organische Sounds“ spielen. Aber wenn du zum Beispiel neun Stunden im Auto zu einem Auftritt nach Basel in die Schweiz fährst, um dann dort eine Stunde auf der Bühne zu stehen, dann will man jede performative Ebene ausnutzen, die man zur Verfügung hat. Dieses Verkleiden hat etwas Verschobenes, man fühlt sich anders.

Buntspecht (c) Mona Steinmetzer

Florentin Scheicher: Dieses Ritual des Umkleidens macht schon etwas Signifikantes aus. Es gibt das sehr punkig-noisige Nebenprojekt merd saplo, bei dem wir uns während unserer sehr seltenen Gigs Strümpfe über den Kopf ziehen und diese an die Decke nageln. Du bist verkleidet eine andere Person, niemand erkennt dich. Ich habe da eine gewisse Freiheit entdeckt.

Lukas Klein: Zur Trennung zwischen Bühnenfigur und Privatperson: Man findet einen anderen, freieren Zugang zur Welt. Das extrahierte Ich spürt die Verbindung zum Magischen und zum Augenblick. Es geht nur um die kleine Utopie eines Songs, alles andere ist dann nebensächlich.

Florentin Scheicher: Ich bin ein Mensch, der sehr viel zweifelt. Aber die Bühne ist ein Ort, wo jeglicher Zweifel für einen kurzen Moment abgelegt wird.

Wie sehr ist das Schreiben von Texten für Buntspecht ein gemeinsamer Prozess?

Lukas Klein: Siebzig Prozent der Texte schreibe ich, den Rest mit Florentin in Interaktion. Assoziatives Schreiben finde ich spannend, wenn es „hinter deiner Stirn flüstert“. Ich ertüftle zu Hause die Grundkompositionen, das Arrangement wird dann gemeinsam „erjammt“.

Florentin Scheicher: Den letzten Song, „Nabelschnur“, haben wir gemeinsam am Klavier entwickelt. Zuerst gab es einen Text von Lukas, dann ist das Lied aus verschiedenen Teilen schließlich zusammengewachsen. Ich hab dann diesen Rap am Anfang ausprobiert. Eine Reise durch satirische Landschaften.

Lukas Klein: Auch bei der Single „Unter den Masken“ war es so, dass zuerst Florentin einen Text hatte, den ich dann wieder zerlegt habe.

Florentin Scheicher: Wir haben da keinen klaren Weg, wie wir an das Songwriting herangehen.

Lukas Klein: Ich finde es spannend, dass ich nicht genau weiß, wie ich funktioniere.

„So hatten wir einen großen Spielraum, um uns Gedanken über Sounds zu machen.“

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Martin Siewert?

Florentin Scheicher: Über unser Management. Uns wurden drei Produzenten vorgeschlagen, die wir alle getroffen haben. Mit Martin Siewert haben wir uns am wohlsten gefühlt. Wir haben uns dann auch dafür entschieden, das Album nicht wie unser Debüt „Großteils Kleinigkeiten“ live aufzunehmen. So hatten wir einen großen Spielraum, um uns Gedanken über Sounds zu machen. Der Prozess des Aufnehmens der Songs hat dann auch viel länger gedauert.

Lukas Klein: Wir hatten überhaupt keine Ahnung von den vielen Möglichkeiten, die sich uns in einem Studio bieten. Im September letzten Jahres haben wir das erste Mal Probeaufnahmen gemacht, im Februar war „Draußen im Kopf“ dann fertig. Im Unterschied zu Martin Siewert haben wir Klaus Tschabitzer, der unser erstes Album aufgenommen hatte, schon gekannt. Er ist der Stiefvater von Florentin. Das war angenehm, denn es entsteht ja ein komisches, intimes Verhältnis, wenn jemand Außenstehender wie ein Produzent plötzlich in die Gruppe, die Musik macht, hineinkommt.

Florentin, du steckst ja auch hinter den Videos. Wie kam denn der Videodreh zur hymnischen Single „Hinter den Masken“ zustande? Stimmt es, dass ihr vor allem kurz nach Live-Auftritten die Videos dreht, um diese Energie, diese Fülle oder auch Leere, die sich danach einstellt, einzufangen?

Florentin Scheicher: Der Großteil des Videos von „Hinter den Masken“ wurde nach einem Auftritt in der Schweiz gefilmt. Nach dem Konzert haben wir uns in einem Industriegebiet mit speziellen Lichtverhältnissen herumgetrieben.

Lukas Klein: Also, ich hab den Videodreh verschlafen …

Florentin Scheicher: Ein weiteres Beispiel für einen spontanen Videodreh nach einem Gig in Halle ist der experimentelle Kurzfilm „Der Mieter“ unter dem Side-Project-Namen merd saplo.

Auffällig ist auch eure verspielte, sehr indexikalische Homepage von Buntspecht.

Florentin Scheicher: Die Website hat unser Drummer Florian Röthel geplant. Wir wollten eine herausfordernde, nervige, verwirrende Website. Wir haben auch das visuelle Konzept des Albums „Draußen im Kopf“ zu zweit gemacht. Ich bin eher der illustrative Typ, Florian hat das dann in einen Rahmen gefasst beziehungsweise auch Details wie die Schriftarten ausgewählt.

Lukas Klein: Ich finde auf der Website nie etwas auf die Schnelle …

Buntspecht (c) Mona Steinmetzer

Ihr ergänzt euch nicht nur musikalisch, als Kollektiv. Was sind so die unterschiedlichen Charaktereigenschaften und Vorlieben?

Lukas Klein: Ich höre gerne romantische und impressionistische Klaviermusik von toten Komponisten. Eine lebende Musikerin, die ich zurzeit gerne höre, ist die Neuseeländerin Aldous Harding, auch wegen ihrer Lyrics.

Ich bin ein komplett unruhiger Geist und sehr schnell gestresst. Unser Bassist Jakob Lang ist das genaue Gegenteil, die Ruhe in Person, auch wenn er zu spät kommt. Jakob Lang hört viel Rock, sein Vater ist Jazzgitarrist.

Florentin Scheicher: Nach meiner Minimal-Techno- und Drum-‘n‘-Bass-Phase habe ich begonnen, mit Lukas Musik zu machen und auf der Melodica zu spielen. Ich beschäftige mich somit am kürzesten mit den Instrumenten, die ich spiele. Im Moment ist es die Trompete.
Roman Gessler, unser Saxofonist, kommt vom Bodensee, ist sehr Hip-Hop-affin und hat ein irrsinnig breites Musikwissen. Er ist auch derjenige, der Veranstalterinnen, Veranstalter und Booker kennt und da Bescheid weiß.
Lukas Chytka hat in den USA Cello studiert, ist dann viel in Europa getrampt und hat Straßenmusik gemacht. So haben wir ihn auch kennengelernt.

Lukas Klein: Es gibt diesen legendären Satz, mit dem Florentin einmal sein Musizieren zu Beginn beschrieben hat: „Wie ein 13-Jähriger, der das erste Mal masturbiert.“ Unseren Schlagzeuger Florian Röthel kenne ich schon länger, anfangs haben wir mit englischen Texten und Beatboxen gejammt, da wusste ich noch gar nicht, dass er ein Drummer ist.  Bei uns finden die unterschiedlichsten Richtungen und Lebensrealitäten zusammen.

Florentin Scheicher: Trotzdem können wir uns bei längeren Autoreisen auf sogenannte Themenfahrten einigen. Zurzeit hören wir italienische Musik aus den 1970er- und 1980er-Jahren von zum Beispiel Umberto Tozzi oder Paolo Conte.

Ihr integriert sehr viele Stile in eure Musik. Dieses Eklektische ist ja auch ein Kennzeichen von Popmusik generell, sie basiert meist auf sehr vielen Einflüssen.

Lukas Klein: Ein gesundes „Dieben“ gehört dazu. Gute Gedanken nehme ich gerne auf und baue daraus einen Text. Ich finde das auch legitim. Wie hat der Schriftsteller Egon Friedell so schön gesagt: „Die ganze Literatur- und Kunstgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen.“ Und wenn sich eine Denkerin oder ein Denker einmal nicht durchsetzen konnte, dann lag das daran, dass sie oder er zu wenig Diebe gefunden hat.

Florentin Scheicher: Das nächste Album kündigt sich schon langsam an, der Sound entwickelt sich einfach ständig weiter. Mehr Klavier zeichnet sich ab.

Lukas Klein: Wir spielen ja erst seit drei Jahren miteinander. Beim ersten Album wollte einfach jeder immer spielen. Jetzt beginnen wir, bei der Instrumentierung langsam auch zu reduzieren, Instrumente auch mal wegzulassen. Es braucht auch manchmal das Diskutieren und Auseinandernehmen von Songs, dann aber wieder auch Tage, wo einfach nur gezockt wird, damit die Spiellust nicht verloren geht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

 

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Termine:
6. Juli 2019: Klaus (AT), Rock im Dorf
19. Juli 2019: Linz (AT), Pflasterspektakel
20. Juli 2019: St. Georgen/Gusen (AT), Tribüne-Sommerfest
27. Juli 2019: Rosenheim (DE), Vetternwirtschaft-Jahresfest
28. Juli 2019: Nürnberg (DE), Bardentreff
27. November 2019: Wien (AT), Arena