Musiktheatertage Wien © Martin Wenk
Musiktheatertage Wien © Martin Wenk

Austrian Music Export & Musiktheatertage Wien 2018

Erstmals veranstalten die Musiktheatertage Wien und Austrian Music Export ein Producers’ Meeting. Mittels einer Ausschreibung wurden zehn Produktionen ausgewählt, die einem internationalen Fachpublikum vorgestellt werden. Was ist Musiktheater? In welcher Beziehung steht Musik zur Sprache und zu anderen Medien? Ist Sprache überhaupt notwendig – wenn nicht, handelt es sich dabei dennoch um Musiktheater?

Jene Fragen stellt das aktuelle Musiktheaterschaffen auf unterschiedlichste Weise.  Das beweisen auch jene zehn heimischen Produktionen, die bei einem Producers Meeting am 16. Juni 2018 im Rahmen der Musiktheatertage Wien im Werk X vorgestellt werden.

Siavosh Banihashemi: „Vogelgespräche“

Die Sage „Vogelgespräche“ nach der Erzählung von Farid Nischapuri (Attar), handelt von einer gefährlichen und schweren Reise der Vögel. Sie ziehen durch sieben Täler hindurch zu ihrem wahren König Simurgh (dt. „dreißig Vögel“), in dem sie letztendlich ihre eigene Identität erkennen. Zwei Solisten, Vokalensemble und sieben Instrumentalisten spielen auf mehrere Räume verteilt. Das Publikum wandert und verweilt in den unterschiedlichen Teilen des Stückes an verschiedenen Orten. Ein Sprecher erzählt anhand vorgetragener Texte die Geschichte zur Musik, die neben der für den Komponisten typischen Klangfarben-Musiksprache auch Bezüge zur barocken Ästhetik hat, um den philosophisch-religiösen Aspekt der Geschichte, der den Menschen als Wanderer auf dem eigenen Weg in unterschiedlichen Ebenen beschreibt, darzustellen.

Siavosh Banihashemi (Komposition), Bernadette Schiefer (Libretto, nach Erzählung von Farid Nischapuri)
Links: Siavosh Banihashemi

Cao Thanh Lan and Gregor Siedl: „ Die fünfte Himmelsrichtung “

Die fünfte Himmelsrichtung ist in alten asiatischen, indianischen und indoeuropäischen Kulturen zu finden und repräsentiert das Zentrum, das Hier und Jetzt, das Innere. Basierend auf diesem Wissen, ist diese Komposition eine introspektive Reise zum inneren Selbst und seinen Transformationen zu Lebzeiten: Geburt, Reife, Liebe, Arbeit und Schöpfung, (Selbst-)Zerstörung und Wiedergeburt.
Die beiden KomponistInnen haben sich von Symbolismus, Ritualen und Musik der ethnischen Minderheiten Nordvietnams inspirieren lassen und erweitern ihre künstlerische Sprache mit den Ausdrucksmitteln der Gegenwart. Daß der Gesang großteils auf einer Fantasiesprache basiert, trägt der Intention Rechnung, dass der Zuhörer sich auf die Musikalität und die Ausdruckskraft der Sprache konzentrieren kann, anstatt sich auf die Bedeutung des Textes zu fokussieren.

Komposition: Cao Thanh Lan, Gregor Siedl | Besetzung: Nguyễn Kim Oanh (Stimme), Gregor Siedl (Klarinette, Tăm Lay, Electronics), Cao Thanh Lan (Synthesizer, Daxophone, Live Electronics), Lữ Mạnh Cường (Percussion, Pí t)
Link: Duo Siedl/Cao

Christian Diendorfer: „DIE WAND“

Die außerordentliche Situation, die die oberösterreichische Autorin Marlen Haushofer in ihrem Roman Die Wand aus dem Jahr 1963 entwirft, ist das große Faszinosum, das ihrem bis heute erfolgreichsten Werk anhaftet: Eine Frau wird, als diese sich in den Bergen aufhält, völlig unvorbereitet durch eine unsichtbare Wand von der restlichen Welt abgeschnitten. Ihr Umgang mit dieser Situation entwirft eine subtile Robinsonade, die im Sinne des fantastischen Realismus intelligent über sich hinausweist und über die innere Emigration einer Autorin erzählt, die ihr eigentliches Leben in der Literatur lebte.
Im Auftrag des Landestheaters Linz hat der 1957 geborene, in Wien lebende Komponist Christian Diendorfer Die Wand nun im Rahmen seiner ersten Musiktheater-Komposition als Kammeroper und mit einer Besetzung vertont, in welcher die Protagonistin in eine Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin aufgeteilt wird.

Komposition: Christian Diendorfer | Libretto: Hermann Schneider – nach dem Roman „Die Wand“ von Marlene Haushofer | Musikalische Leitung: Jinie Ka | Inszenierung: Eva-Maria Melbye | Dramaturgie: Magdalena Hoisbauer|  Bruckner Orchester Linz
Premiere 16. September 2018 (UA) | BlackBox Musiktheater
Links: Christian Diendorfer, Landestheater Linz

Patrick Dunst: „L‘énfant qui grandissait démesurément“

“La Strada” bringt in Kooperation mit den Künstlerinnen und Künstlern von aXe Graz und jungen Flüchtlingen die Oper auf die Straße. “L’énfant qui grandissait démesurément” spielt mitten im Herz einer Wohnsiedlung. Das Libretto stammt vom kongolesischen Autor Fiston Mwanza Mujila und erzählt von einer Gesellschaft, die sich immer mehr entfremdet. Sie ist vom Konsum übersättigt.
Für das Musiktheaterstück setzt der 1983 geborene Komponist Patrick Dunst, zwei Opernstimmen in den Kontext von Umgebungsgeräuschen und akustisch kammermusikalischen Ensembleklang. „L‘énfant qui grandissait démesurément“ ist ein interaktives Straßenkunstwerk, das das Publikum in mehr als nur in einer Hinsicht zu bewegen vermag.

Künstlerische Leitung/Komposition: Patrick Dunst | Libretto:
 Fiston Mwanza: Schriftsteller | Regie: Verena Kiegerl | Bühnenbild
: Lisa Horvath | Produktionsleitung: Peter Ulrich
Links: Patrick Dunst, La Strada 

La Strada, axe Graz 2018 © Lisa Horvath
La Strada, axe Graz 2018 © Lisa Horvath

Peter Jakober/Paul Wenninger: „Dingen“

In DINGEN folgen der Choreograph Paul Wenninger und der Komponist Peter Jakober den Spuren eines historischen Fundes: eines Chordophons, eines riesigen Saiteninstruments, das 1835 in Aksum, im heutigen Äthiopien, während Ausgrabungen entdeckt wurde. Wenige Skizzen und überlieferte Geschichten beschreiben Form und Anwendung des Musikinstruments, das ausschließlich von zwei Männern gespielt wurde und dem nachgesagt wird, dass es göttliche Liebe und Reinheit überbringe.
Für DINGEN haben die beiden Künstler das Instrument mit heutigen Mitteln nachgebaut, um es in einer Situation zwischen Konzert und Performance, in verschiedenen Gefügen und aus dem Blick unterschiedlicher künstlerischer Positionen zu inszenieren. Die eigens für das Instrument geschriebenen Komposition, Performance, Raumakustik und Choreographie beeinflussen, generieren und bedingen einander dabei gegenseitig in einer Arbeit mit archäologischem Gespür, die sich mit und durch den Körper entfaltet.

Komposition: Peter Jakober | Choreografie: Paul Wenninger |Performer: Raul Maia, Raphaël Michon | Instrumentenbau: Jakober / Krenmayr / Wenninger
Links: Peter Jakober, Kabinett ad Co 

DINGEN from Paul Wenninger on Vimeo.

Oscar Jockel: „Lob des Schattens“

Die Oper in japanischer Sprache ist ein Versuch, die menschliche Einsamkeit durch die Begegnung mit dem Schatten abzubilden: Wir können die existentielle Einsamkeit nicht überwinden, sondern nur akzeptieren. Inspiriert durch den gleichnamigen Essay von Jun‘ichirō Tanizaki.
Die Handlung: Über einem sich stetig verändernden Grundklang erheben sich die archetypischen Einsamkeiten zunächst solistisch und unabhängig voneinander, um sich im weiteren Verlauf immer mehr zu überlagern, aneinander anzunähern und eine vermeintliche Gemeinschaft zu bilden, in der sie versuchen, ihre ungewollte Einsamkeit zu überwinden. Ein Prozess, der mit dem Auftauchen des weißen „Schattens“ zu einem plötzlichen Stillstand kommt und zur Auflösung der Gemeinschaft führt.
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Oscar Jockel: Komposition
Links: Oscar Jockel

Emre Sihan Kaleli: „A Sensorium“

Anstatt eine Geschichte darzustellen, liegt die zentrale Idee von „A Sensorium“ darin, ein abstraktes musiktheatralisches Werk hervorzubringen, in dem Klang, Licht und die physikalischen Gesten der Musiker und Musikerinnen als Hauptelemente eingesetzt werden. Die körperlichen Bewegungen, die normalerweise lediglich den Zweck der Klangproduktion erfüllen, werden etwa durch unterschiedliche Beleuchtung in einen neuen Kontext gesetzt und so erneut definiert.
Elemente, die ursprünglich nicht theatralisch sind, werden so zu theatralischen Elementen umgewandelt. Weitere Mittel wie Videoprojektionen und Gerüche werden eingesetzt. Das Werk stellt auch klare Verbindungen zwischen Licht und Klang sowie zwischen deren Gegenspielern – Dunkelheit und Stille – her. So soll der Klang durch das Licht „sichtbar“ und das Licht durch den Klang „hörbar“ gemacht werden. Das kontinuierliche Wechselspiel zwischen diesen Elementen schafft einen dramatischen, gar einen rituellen Effekt.

Komposition: Emre Sihan Kaleli | Regie: Luz Lassizuk | multi-sensorische Kunst: Yolanda Uriz Elizalde | Ensemble Modelo62
Links: Emre Sihan Kaleli

Klaus Lang/Sabine Maier: „The Beautiful Square“

In “the beautiful square.” stellen sich der Komponist Klaus Lang und die Medienkünstlerin Sabine Maier dem Versuch einer Mikroskopie von Musiktheater: In einer Raum-Klang-Komposition wird man immer eines Sinnesorganes beraubt, um ein anderes zu vertiefen und zu schärfen. Mit verhüllten Augen hört man Klänge und nimmt schemenhaft Lichtveränderungen wahr; wenn man mit freiem Auge den Raum und die lautlos spielenden Musiker sieht, gibt es nichts zu hören außer durch die Spielbewegung verursachte Zufallsgeräusche und Mikrofragmente von Klang. Aspekte zeitgenössischer Musik, Komposition und bildender Kunst treten in einen Dialog, ohne jedoch die Interpretationen und gedanklichen Hintergründe des einzelnen zu überlagern.

Komposition: Klaus Lang, Visuelle Komposition: Sabine Maier, Besetzung: Ivana Pristasová (Violine), Petra Ackermann (Viola), Karolina Öhman (Cello), Tamriko Kordzaia (Harmonium, Klavier), Sabine Maier (Visual Staging)
Links: Klaus Lang: http://www.klang.mur.at/; Sabine Maier: http://www.machfeld.net

Reinhold Schinwald: MUNDTOT

„Zahlreich ist das Ungeheure. Doch nichts Ungeheurer als der Mensch.“ (Sophokles, Antigone)

Eine Frau erinnert sich. In einem unablässigen Schwall brechen Geschichten hervor, die von Gewalt, Lieblosigkeit und Zensur erzählen. “MUNDTOT” basiert auf einem Prosafragment, in dem ein nicht enden wollender Katalog mit Fällen von Kindstötung litaneihaft ausgebreitet wird.
Formen von Sprachlosigkeit sind auf die körperlichen Aspekte des Sprechens übertragen : In einem Prozess des Suchens und Auflesens, des Erinnerns und Benennens von Körperfragmenten soll Lähmung überwunden und Handlung ermöglicht werden. Die prinzipielle Fragestellung warum, wie und wann gesungen oder gesprochen wird, bestimmt das Verhältnis zwischen Sprache, Stimme und Körper entsprechend den Textinhalten und berührt auch die Konzeption der instrumentalen Anteile von “MUNDTOT”. Die Sprache wird zum rein körperlichen und klanglichen Zeichen. Die Präsenz der Stimme wird zum eigentlichen Protagonisten des Musikdramas.

Komposition: Reinhold Schinwald | Kammeroper nach Texten von Sophie Reyer, Gina Mattiello und Hélène Cixous.
Auftragswerk: dramagraz
Links: Reinhold Schinwald

Maxim Anatoljewitsch Seloujanov: „Rynok“

Das Werk „Rynok“ wurde 2017 im Auftrag des Max Brand Ensembles komponiert und stellt eine Komposition dar, die sich zwischen Improvisation, einem Videofilm, einem inhaltlichen Kontext und ihrer Präsentation entfaltet. Die Partitur wurde in der Tradition der grafischen Notation erstellt, wobei an Stelle einer Grafik bewegte Bilder auftreten. Das Bewegungsmuster und bestimmte Sujets sind die Spielanweisungen, anhand welcher das Werk ausschließlich improvisiert wird.
Der Werkinhalt setzt sich aus zwei Zitaten zusammen, die zu einem übergeordneten Inhalt inspirieren: „A day will come when the only fields of battle will be markets” (V. Hugo) and “Europe is not a market” (E. Gonzalez, EU-Parliament). Dieser Inhalt entfaltet sich durch seine Präsentation auf visuellen Werkebenen und wird gleichzeitig durch die Musiker und Solisten reflektiert.

Komposition: Maxim Seloujanov
Links: Maxim Anatoljewitsch Seloujanov

Links:
Musiktheatertage Wien 2018
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