Berthold Seliger (c) Matthias Reichelt

„Aufstand der Bildungswilligen“ – BERTHOLD SELIGER im mica-Interview (Teil 1)

In seinem Buch „Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle“ prangert der Konzertagent, Buchautor und Musikstratege BERTHOLD SELIGER die Bequemlichkeit und Deformiertheit des Musikbetriebs und die Orientierungslosigkeit der Bildungspolitik an. Mit Markus Deisenberger sprach er darüber, wieso Musik zum aufrechten Gang einlädt, weshalb eine Neudefinierung von Bildung notwendig ist und warum wir gar keine Alternative haben.

Ihr Buch liest sich streckenweise wie ein flammendes Plädoyer für zeitgenössische Musik. Woher kommt Ihr Faible für ein derartiges Minderheitenprogramm, wo sich doch mit Pop wesentlich mehr Geld verdienen lässt als mit dem Ernsten, mit dem Zeitgenössischen?

Berthold Seliger: Zunächst: Es geht ja nicht bei allem, was wir tun, ob aktiv oder passiv, ums Geldverdienen. Und ich sehe auch nicht unbedingt einen Gegensatz zwischen Popkultur und zeitgenössischer Musik. Ich verwende den Begriff der „zeitgenössischen Musik“ ja in einem durchaus weiteren Sinne. Popmusik ist natürlich zeitgenössische Musik. Hip-Hop ist zeitgenössische Musik. Das will ich nicht gegeneinander ausspielen. Letztendlich ist es doch einigermaßen logisch: Der Begriff „Musik“ hat bis 1830 immer automatisch zeitgenössische und jüngstvergangene Musik gemeint. Bis 1830 war, wenn man über Musik redete, immer die gerade entstehende gemeint. Erst danach entstand ein neuer Begriff von Musik, der mehr mit vergangener Musik zu tun hat. Daraus ist dann der sogenannte Kanon entstanden.

„Das Publikum eines klassischen Konzerts oder einer Oper bildet nicht annähernd die Gesellschaft ab, die diese Veranstaltungen finanziert.

Wenn man davon ausgeht, dass die Musik gesellschaftliche Verhältnisse darstellt, dann ist es doch folgerichtig, dass die zeitgenössische Musik diejenige ist, die unsere Zeit, unsere Rolle, unser Dasein reflektiert und deshalb im Zentrum der musikalischen Bemühungen stehen sollte.

Der Titel Ihres Buches – „Klassikkampf“ – ist vielleicht ein wenig reißerisch. Aber die Auseinandersetzung zwischen den traditionellen Hörerinnen und Hörern, die das Alte bevorzugen und die Einhaltung der sozusagen goldenen Kompositionsregeln erwarten und überwachen, und den modernen Hörerinnen und Hörern, die sich an Grenzüberschreitungen, an Verletzungen des Regelwerks und an kompositorischen Neuerungen geradezu begeistern, ist oft tatsächlich ein Kampf. Wenn man das weniger martialisch als Waage begreifen will, in welche Richtung hängt die Waage derzeit?

Berthold Seliger: Zuungunsten der Grenzüberschreiterinnen und Grenzüberschreiter, fürchte ich. Das muss man zur Kenntnis nehmen, aber wie jede Waage neigt sich auch diese mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wir leben nun mal in restaurativen Zeiten, in einem Neo-Biedermeier.

Die in Ihrem Buch veröffentlichen Zahlen sind erschreckend. Ein Beispiel: 1991 gingen in Deutschland 7,5 Millionen Menschen in die Musiktheater. 2013 waren es nur noch 3,9 Millionen. Das ist ein Rückgang von fast 50 Prozent. 94 Prozent der unter 25-Jährigen haben im letzten Jahr weder Opernaufführungen noch Sinfoniekonzerte besucht. Ähnlich wie in der Tourismusbranche werden allerdings Jahr für Jahr positive Zahlen, Zahlen, die Anlass zu Optimismus geben sollen, präsentiert. Man pickt sich Teilaspekte heraus, die man sozusagen in schönes Papier verpackt präsentiert. Könnte man sagen: Die Art, wie man mit den Zahlen umgeht, ist noch erschreckender, als die Zahlen selbst es sind?

Berthold Seliger: Sie kennen den Spruch, dass man nur Statistiken glauben soll, die man auch selbst gefälscht hat. Und Sie kennen auch das: Wenn Politikerinnen und Politiker eine Wahl verloren haben – das dürfte in Österreich nicht anders sein als in Deutschland –, wird immer noch irgendein Argument gefunden, wieso sie eigentlich doch Wahlsiegerinnen und Wahlsieger sind, weil vielleicht vor vierzig Jahren einmal ein Ergebnis noch schlechter als das aktuelle ausgefallen ist.

Ich verwende die Zahlen nur, um das Thema zu illustrieren, denn es ist eine Tatsache – und das hat nichts mit Statistik zu tun, sondern da müssen Sie nur einmal ein Klassikkonzert besuchen – , dass man dort den sogenannten Silbersee um sich hat. Dort finden Sie wesentlich mehr ältere Menschen und sehr wenige junge. Und sie finden hauptsächlich eine soziale Schicht, nämlich das Bildungsbürgertum, die obere Mittelschicht und die Oberschicht. Sie finden dort keine Arbeiterinnen und Arbeiter, keine Verkäuferinnen und Verkäufer, keine Friseurinnen und Friseure und auch keine Bäuerinnen und Bauern. Anders gesagt: Das Publikum eines klassischen Konzerts oder einer Oper bildet nicht annähernd die Gesellschaft ab, die diese Veranstaltungen finanziert.

Es besteht also ein soziales und ein altersbedingtes Missverhältnis. Man darf jetzt aber nicht den Fehler machen, das Bildungsbürgertum oder die älteren Menschen zu kritisieren. Es ist ja ihr gutes Recht und sehr schön, wenn sie in Konzerte gehen. Das Problem ist nur, dass da Leute fehlen, die ebenfalls zur Gesellschaft gehören, und zwar mehrheitlich. Unser Augenmerk muss daher der Frage gelten, wie wir junge Menschen motivieren, in diese Konzerte zu gehen. Und: Wie können wir die sogenannten bildungsfernen Schichten in Opernhäuser und Konzertsäle bringen? Das ist übrigens auch eine Aufgabe der Popkultur. Ich arbeite seit dreißig Jahren als Agent im Bereich der Pop- und Rockmusik. Da ist es nicht viel anders. Da haben sie in den Konzerten auch praktisch ausschließlich Wohlhabende und Gebildete. 80 Prozent des Publikums von House-Konzerten und über 70 Prozent der Leute bei einem R.E.M.-Konzert haben die Hochschulreife – das ist übrigens dieselbe formalschulische Bildungsstruktur wie beim Publikum einer Wagner-Oper. Es scheint mir, dass die Konzertkultur sehr einseitig ist und dass die Möglichkeiten, die gerade in der ernsten Musik für die Individuen bestehen, viel zu wenig wahrgenommen werden: nicht so sehr Selbstverwirklichung, sondern Selbstermöglichung. Musik ist ein Ermöglichungsraum mit großem Potenzial und dieser Raum steht offenbar jenen, die ihn am nötigsten brauchen, am allerwenigsten zur Verfügung.

„Musik ist ein Ermöglichungsraum mit großem PotenziAL”

Die 50 meistaufgeführten Opern an deutschen Opernhäusern stammen von toten Komponisten. Der Anteil zeitgenössischer Opern in Deutschland, der Schweiz und Österreich liegt derzeit bei 7,59 Prozent. Die Zahlen sind erschütternd und zeigen, wie wenig man mit zeitgenössischen Produktionen am Hut haben will. Mehr Varese und Nono wird es aber auch nicht richten und, ich fürchte, Cage und Stockhausen auch nicht. Wie also geht man die notwendige Verjüngung und Verbreiterung des Publikums an?

Berthold Seliger: Die Kernantwort ist: Bildung, Bildung, Bildung. Wir müssen eine neue Bildungspolitik umsetzen. Wir müssen dafür sorgen, dass musische Bildung selbstverständlich wird und allen Schichten zur Verfügung steht. Dass sie substanziell an allen Stationen der Bildungskarriere von Kindern und Jugendlichen stattfindet.

Dazu gehört jedoch auch eine Neudefinierung des Bildungsbegriffs. Die Frage ist doch, was für uns Bildung heute überhaupt bedeutet, wozu sie da ist. Ich würde sagen, dass Bildung immer auch etwas mit Befreiung zu tun hat. Ich kann mich als Individuum kennenlernen, erlerne den aufrechten Gang, kann eine Art Echo erleben. In der Musik können wir ein Echo auf unsere Empfindungen finden.

In Deutschland ist es so, dass wir extrem geringe Bildungsausgaben tätigen. Deutschland ist nicht einmal unter den 100 Staaten mit dem höchsten Bildungsanteil am Bruttosozialprodukt zu finden, wir krebsen irgendwo zwischen den Fidschi-Inseln, Ecuador und Laos herum. Und ganz besonders niedrig im Weltmaßstab sind die Bildungsausgaben in den ersten Bildungsjahren, während wir für die höchsten Bildungsjahre, Abiturientinnen und Abiturienten und Studierende also, besonders viel ausgeben. Da müssen wir dafür sorgen, dass sich das umkehrt. Dort, wo Bildung allen Kindern zugutekommt, wo noch nicht über ihre Bildungskarriere entschieden ist, also in Kindertagesstätten und Grundschulen, dort gilt es zu investieren.

Alle einschlägigen Versuche der Arbeit mit Kindern in frühen Jahren beweisen auch, dass das gigantische Erfolgsaussichten verspricht. Kinder sind offen, neugierig und interessiert. Nehmen Sie das Klavier-Festival Ruhr, wo entsprechende Projekte auch in Stadtteilen mit sehr hoher Arbeitslosigkeit stattfinden und die Kinder begeistert sind. Musik lädt zur Emanzipation ein und ist ein wesentlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Genau deshalb müssen wir diese Form der Bildung extrem fördern.

„Musik lädt zur Emanzipation ein und ist ein wesentlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung.”

Wie stehen sie zur sogenannten Kompetenzorientierung, die seit geraumer Zeit Lehrpläne diktiert und wonach – polemisch formuliert – mehr Wert darauf gelegt wird, dass Jugendliche lernen, wie man eine Steuererklärung ausfüllt, als dass sie einen bestimmten Kanon an Literatur oder Musik kennenlernen?

Berthold Seliger: Das ist die neoliberale Entwicklung, wonach Bildung nur noch Wissensvermehrung ist und dazu dienen soll, die Menschen möglichst schnell und erfolgreich ins Arbeitsleben eintreten zu lassen, um Teil der neoliberalen Verwertungskette zu werden. Das ist natürlich grauenvoll. Es beschreibt aber auch, wie wir unsere Bildungspolitik umsetzen und leben. Man hat manchmal das Gefühl, dass gar kein Interesse daran besteht, dass Menschen aller Schichten in den Genuss von Bildung kommen. „I love the uneducated!“, hat Trump im Wahlkampf mehrfach ausgerufen. Und was hat er damit gemeint? Er meinte, dass Lesen, Schreiben, Rechnen und Denken die Ausbeutung nur stören. Ungebildete lassen sich leichter manipulieren.

Ähnlich ist es mit den Künsten. Man hat den Eindruck, dass es Kreise gibt, die daran arbeiten, dass sie nur den Eliten zur Verfügung stehen sollen. Man sollte vermutlich wieder und neu über Klassenfragen nachdenken. Deshalb heißt mein Buch ja auch „Klassikkampf“, was eine gewisse Assoziation herstellen soll. Ich entwerfe darin ein Modell der Rückbesinnung auf die „Humanities“ – was nicht mit dem „Humanismus“ zu verwechseln ist – als Kern der Bildung. Es darf nicht darum gehen, die Menschen nach Kriterien der Effizienz, der Verwertbarkeit, also ihrer „Nützlichkeit“ zu beurteilen, also darum, wie die Menschen zu erfolgreichen Egomaschinen werden können. Der Kapitalismus bemisst Bildung unter rein funktionalen Gesichtspunkten. Wir müssen das Gegenteil tun: die Künste, die Philosophie, aber auch das soziale Lernen wieder in den Mittelpunkt stellen. Bildung bedeutete für Hegel absolutes Wissen, Freiheit und Selbstbewusstsein. Das zu entwickeln und zu fördern, darauf kommt es an. Und ich glaube, die Gesellschaft, die wir so aufbauen könnten, wäre eine sehr interessante.

„Mir schwebt vor, dass die Vielfalt in der Musik, (…) allen Menschen zur Verfügung stehen muss”

Die größte Bildung schließt aber doch nicht aus, dass der in Ihrem Sinne humanistisch Gebildete das Angebot an toller ernster Musik auch nicht wahrnimmt – aus welchen Gründen auch immer.

Berthold Seliger: Damit müssen wir immer leben, ja. Bildung ist kein Allheilmittel, aber sie ermöglicht es, andere Wege gehen zu können. Wir benötigen Wegweiser, wir benötigen das Bewusstsein, dass es unterschiedliche Wege gibt, dass wir unterschiedliche Wege gehen können, dass es immer Alternativen gibt. Wenn ich gewissermaßen blind bin wie in Platons Höhlengleichnis, habe ich diese Möglichkeit nicht und denke, alles sei schon richtig und unveränderlich, wie ich es in meiner Höhle, die von anderen bespielt wird, erlebe. Sedierung ist aber eher kein schöner Zustand.

Mir schwebt vor, dass die Vielfalt in der Musik, die ja auch eine Frage der kulturellen Vielfalt in einer Gesellschaft ist, allen Menschen zur Verfügung stehen muss. Und das erlebe ich heute nicht. Im Fernsehen gibt es eine Helene-Fischer-Show, eine Andrea-Berg-Show und eine Volksmusik-Show nach der anderen …

In Ihrer Aufzählung haben Sie Gabalier vergessen …

Berthold Seliger: Richtig, das ist noch schlimmer als die vorher Genannten, weil es obendrein reaktionär ist. Aber: Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, dass Frau Fischer oder Frau Berg stattfinden. Ich hätte nur gerne, dass am Wochenende darauf zu ähnlich guter Sendezeit eine gut gemachte Klassiksendung, die Woche darauf eine gut gemachte Hip-Hop-Sendung stattfindet und so weiter und so fort. Dass also die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die gesamte Vielfalt der Musik unserer Zeit attraktiv darstellen. Dann können sich die Menschen aussuchen, was ihnen wirklich am besten gefällt. Klar: Dem einen wird dann immer noch Helene Fischer am besten gefallen und einige werden auch Gabalier weiterhin hinterherrennen, aber ich habe begründete Hoffnung, dass sich dann mehr Menschen als bisher der klassischen und der zeitgenössischen Musik öffnen, die sie vorher gar nicht kannten.

In Wien gab es 1905 bis 1934 die Arbeiter-Symphoniekonzerte. Die sozialdemokratischen Kulturfunktionäre, die das Programm entwickelt hatten, machten damals die interessante Erfahrung, dass Arbeiter mehr mit der „Verklärten Nacht“ von Schönberg oder einem Violinkonzert von Prokofieff anfangen konnten als mit einer Brahms-Symphonie oder einem Violinkonzert von Bach. Das sei eigentlich auch ganz logisch, sagten sie.

Wieso?

Berthold Seliger: Weil es die Musik der eigenen Zeit war, zu der sie einen direkten Kontakt hatten. Alte Musik ist etwas, was man nur richtig verstehen kann, wenn man die entsprechende musikalische Formenlehre kennt. Wenn man weiß, was eine Sonatenform ist, wie eine Fuge funktioniert und wie das alles komponiert wurde. Erst dann kann man sich wirklich an alter Musik erfreuen, sonst ist sie ja nur Hintergrundgedudel. Und genau dieser Apparat zur Erfassung der alten Musik steht den Menschen von heute immer weniger zur Verfügung, während eine dissonante und atonale Musik, die unsere Zeit darstellt, sehr direkt bei den Menschen ist, wenn sie diese Musik denn hören dürfen.

Aber wiederholt sich das nicht, wenn ich versuche, das, was früher einmal als modern galt, nämlich die von Ihnen erwähnten Schönbergs und Prokofieffs –, als das heute zeitgenössisch Gültige zu verkaufen? Klarerweise müssen die Leute das doch auch als veraltet und nur mit Zusatzbildung verständlich empfinden, oder?

Berthold Seliger: Völlig richtig. Derartige Musik ist ja längst nicht mehr zeitgenössisch, sondern eine „klassische“, bis zu hundert Jahre alte Musik. Dass wir die Diskussion führen, als wäre die Musik seit 1920 stehen geblieben, ist geradezu absurd. Heute gilt Schönberg immer noch als modern und schräg, während es für gewiefte Musikerinnen und Musiker natürlich eine klassische Musik ist, die lange zurückliegt und eigentlich genauso zu betrachten ist wie Beethoven oder dergleichen, während die Musik unserer Zeit kaum stattfindet und man auch gar nicht die Möglichkeit erhält, sich mit ihr auseinanderzusetzen, weil man sie gar nicht zu hören bekommt. Es sei denn, man geht in einschlägige Konzertreihen, wo sie noch in einer Nische stattfindet. Deshalb fordere ich auch einen fixen Anteil zeitgenössischer aktueller Musik an allen subventionierten Häusern in der Höhe von 25 Prozent, denn nur dann können wir überhaupt anfangen, uns mit der Musik unserer Zeit auseinanderzusetzen. Wir haben die verrückte Situation, dass wir Musik häufig so erleben wie zu Beethovens Zeiten – so, als ob es kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio und keine technische Reproduktion gäbe.

Ich habe neulich die Rezension eines neuen Stücks gelesen, das sich mit Migration auseinandersetzt und euphorisch besprochen wurde: „Migrants“ von Georges Aperghis. Ich fand das Geschriebene interessant und versuchte, die Komposition irgendwie aufzutreiben, konnte sie allerdings nirgends finden. Ich nahm mit dem Ensemble Resonanz Kontakt auf, das das Stück uraufgeführt hat und noch ein paar wenige Aufführungen vorbereitet hat, in Hamburg, Wien und Amsterdam. Aber eine Aufnahme sei nicht geplant. Das heißt: Wir haben hier ein absolut interessantes Stück zeitgenössischer Musik, das die meisten Menschen, wenn sie nicht gerade in Berlin, Hamburg oder Wien leben, gar nicht zu hören bekommen. Keine Chance. So wie damals bei Beethoven. Nur haben wir heute Radio, Fernsehen, das Internet, YouTube, Spotify und Co. Das ist doch völlig absurd.

Da müssen wir einschreiten und uns als Akteurinnen und Akteure an die eigene Nase fassen. Die Frage ist nämlich: Was tun wir eigentlich, damit diese Musik der Gesellschaft zur Verfügung gestellt wird? Und: Ist das ausreichend, was wir tun? Ich würde behaupten: Diese Musik muss zunächst einmal gestreamt werden. Die muss per Radio und YouTube und auf allen anderen Kanälen verfügbar sein. Das wird dennoch nicht die Massen anziehen, aber es bedeutet zumindest, dass die Leute, die ein Interesse an dieser Musik haben, auch die Möglichkeit haben, sie zu hören. Sonst geht es den Interessierten wie denjenigen, die zu Lebzeiten Beethovens in einer anderen Stadt saßen, in der Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ von einer Uraufführung lasen und nie die Chance hatten, diese Musik auch tatsächlich zu hören. Im 21. Jahrhundert!

In Ihrem Buch fordern sie auch Figuren, die neuen Wind in die Branche reinbringen. Typen wie Gulda, der den Salzburger Festspielen einmal ausrichten ließ, er halte Ibiza für künstlerisch wertvoller als Salzburg, oder Teodor Currentzis, der sich, wie von ihnen dargelegt, in der Industriestadt Pern als eine Art Partisan inszeniert. Gerade Letzterer fällt aber, wenngleich seine künstlerische Qualität außer Streit steht, auch nicht durch eine besonders zeitgenössische Aufführungspraxis auf, oder?

Berthold Seliger: Da haben Sie, wenn Sie die künstlerische Qualität außer Streit stellen, die „Frankfurter Allgemeine“ nicht gelesen. Da hat Currentzis einen großen Feind, der auch dessen Beethoven-Aufführungen bei den Festspielen niedermachte.

Aber um auf die Frage zu kommen: Es ist doch überhaupt nichts dagegen zu sagen, Mozart oder Beethoven aufzuführen. Das ist nicht mein Problem. Es geht um die Pflege aller Formen guter Musik. Ich bin fest davon überzeugt, dass Beethoven den modernen Menschen sehr viel zu sagen hat. Und übrigens führt Currentzis demnächst mit seiner musicAeterna in der Berliner Philharmonie „Tristia“ von Philippe Hersant auf, ein faszinierendes und auf allen Ebenen sehr aktuelles Werk.

Ich fand interessant, dass in der „FAZ“-Kritik an Currentzis Salzburger Beethoven-Aufführung genau das kritisiert wurde, was ich in meinem Buch „Klassikkampf“ auch beschreibe oder fordere, dass nämlich die Musik eine ganz andere wird, wenn man Beethovens Vorschriften ernst nimmt. Dass die „Eroica“ relativ schnell zu spielen ist, was natürlich auch mit den Orchestern der damaligen Zeit zu tun hatte, die kleiner waren. Auch die Konzertsäle waren viel kleiner als die großen Philharmonien unserer Tage. Nichtsdestotrotz ist es eine andere Musik, wenn man diese Musik schnell spielt. Da sind die Sforzati in einem ohnehin schon fortissimo festgeschriebenen Grundklang. Die versetzen uns ganz andere Stiche, wenn das Ganze entsprechend schnell und drängend interpretiert wird. Die Synkopen bekommen eine andere Bedeutung und so weiter. Dass man derlei Werke immer wieder von Meistern, die dem etwas abverlangen können, neu interpretiert erlebt, ist gut und wichtig und eine Bereicherung unserer Existenz.

Was mich zu der erfolgreichen „Recomposed“-Reihe der „Deutschen Grammophon“ bringt, wo zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten verschiedener Richtungen Werke klassischer Komponistinnen und Komponisten bearbeiteten: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist das aus Ihrer Perspektive das Tonträger gewordene Eingeständnis der gescheiterten Musikvermittlung. Nach dem Motto: Man sieht ein, dass man ein Original in seiner Komplexität nicht bzw. nicht mehr vermitteln kann, und greift deshalb zur Simplifizierung?

Berthold Seliger: Genau. Babyklassik.

Ich war letzte Woche beim Berliner Festival Pop-Kultur, die hatten auch einige Werke in Auftrag gegeben, unter anderem hatten sie einen renommierten Elektronik-Künstler gebeten, mit einem Streichquartett die „interessantesten“ Stellen der Streichquartettliteratur zusammenzustellen und zu bearbeiten. Was ich im Ergebnis erleben durfte, war zum Davonlaufen. Das waren lauter harmonische, akkordische Stellen aus einschlägigen Werken von Pärt, Glass, Schubert, Schostakowitsch usw. Immer, wenn die Musik ein bisschen pathetischer wurde, wurde Elektronik hinzugebastelt. Da gab es dann Bässe. Es war schrecklich. Langweilig und gehemmt. Der Elektroniker hatte natürlich Angst, dass er sich an den falschen Stellen zuschaltet und so weiter. Es war auf allen Ebenen ein Fiasko. Das Interessante war, dass viele der dort anwesenden jungen Gäste aufmerksam zuhörten und es am Ende toll fanden. Ich ging raus und dachte mir: „Okay, die Leute, die so was toll finden, haben diese Werke beziehungsweise Stellen daraus sicherlich zum ersten Mal gehört und sind erst mal begeistert davon, dass es diese Werke gibt bzw. die Stellen daraus.“ Eigentlich geht es aber nicht um die Stellen, sondern zur Musik gehört ja besonders die Entwicklung, wie man zu den schönen Stellen gelangt. Aber warum hat man nicht etwa ein komplettes Schostakowitsch-Streichquartett aufgeführt und vorher fünf Minuten erzählt, warum man das jetzt spielt? Ich gehe jede Wette ein, dass es ankommen würde, wenn man es denn gut verkaufen würde. Dann hätten sie ein wirklich spannendes Werk kennengelernt.

Diese Angst vor der Überforderung, die bei der Klassikvermittlung immer wieder im Hintergrund steht, weil man die Leute ja wo abholen müsse, wie es immer wieder so schön heißt, ist natürlich totaler Quatsch. Man muss die Menschen ernst nehmen, man muss sie fordern. Man kann sie auch mal überfordern, weil einen große Werke immer überfordern. Ich kenne niemanden, der zum ersten Mal eine Bach-Kantate oder die Johannespassion oder eine Mahler-Symphonie hörte und das sofort verstanden hätte. Genau das ist ja auch das Spannende an der ernsten Musik, dass man sie immer wieder hören kann und dass sie sich einem erst im Laufe der Zeit erschließt. Wenn man das gut macht, hätte man gute Chancen, etliche junge Menschen für diese Art von Musik zu begeistern. Aber die Pop-Klassik, die Babyklassik führt direkt in die Sackgasse.

Umgekehrt muss man sich dann doch auch fragen, ob eine „Recomposed“-Reihe oder eine Crossover-Veranstaltung, wie Sie sie gerade eben beschrieben haben, tatsächlich die Leute zum Original führt, wie es offenbar intendiert ist.

Berthold Seliger: Eher nicht. Das kann ich beweisen. Wir hatten in Berlin diese gar nicht so schlechte Reihe der „Deutschen Grammophon“ mit dem Titel „Yellow Lounge“. Im Grunde ging es darum, dass Vertragskünstlerinnen und -künstler der „Deutschen Grammophon“, zum Beispiel Sängerinnen und Sänger, Pianistinnen und Pianisten, an besonderen Orten ihre Interpretationen vorstellen, im Berghain etwa. Das wurde durchaus angenommen. Als Publikum hatten Sie dort die Mittelschicht, die sich in schicke Kleidung warf und das toll fand, mal klassische Werke in schicken Locations zu erleben. Die Veranstaltungen waren teilweise wirklich gut. Hinterher gab es DJs und Club-Sounds. Aber keiner dieser Menschen hat danach den Weg in Klassikkonzerte gefunden. Und die zuständigen Produktmanager berichten, dass sich dadurch die Verkaufszahlen keinesfalls in die gewünschte Richtung bewegt haben. Das sind also Konzepte, die nicht funktionieren, weil sie zu kurzfristig gedacht sind und nur das unterhaltende Element der Eventkultur befriedigen, aber nicht die Auseinandersetzung der Menschen mit Musik im Hauptfokus haben.

 

Das Gespräch führte Markus Deisenberger. Teil 2 folgt kommende Woche. 

Links:
Berthold Seliger (Website)
Klassikkampf (Matthes & Seitz Berlin)