Ankathie Koi (c) Johannes Jelinek
Ankathie Koi (c) Johannes Jelinek

„Auf den Rausch die Reduktion“ – ANKATHIE KOI im mica-Interview

KATHRIN ISABELLA WINKLBAUER aka ANKATHIE KOI ist eine bayrische Wahl-Wienerin, die seit 2015 mit ihrem Soloprojekt 80er-Jahre-Flair und Vokuhila hochleben lässt. Auffällig und doch unscheinbar, elegant und trotzdem plump wie der namensgebende Fisch sei sie – so die Sängerin selbst. Ambivalent ist auch die Musik von ANKATHIE KOI, nämlich ruhig und akustisch ebenso wie wild und rockig. Das stellte sie nicht nur im Juli bei einer „FM4 Acoustic Session“ und ihrem diesjährigen fünften POPFEST-Gig, sondern auch auf ihrem neuen Album unter Beweis. „Prominent Libido“ erschien am 13. August 2019 beim Schweizer Label „Radicals“, das Cover wurde bereits auf einigen Social-Media-Plattformen zensiert. Im Interview mit Julia Philomena Baschiera sprach die Künstlerin von Energie und Exzess, der zeitweise notwendigen Stille und dem Bedürfnis, über wichtige Frauenfiguren zu schreiben.

„Ich verstöre lieber Menschen, als dass ich ihnen egal bin“, meintest du vor zwei Jahren in einem Interview mit der Presse. Trifft die Aussage heute noch zu?

Ankathie Koi: Das ist definitiv noch ein Leitmotiv. Ich glaube, am schönsten ist es aber, wenn Musik positive Emotionen weckt. Müsste ich mich trotzdem entscheiden zwischen egal sein und verstören, dann ganz klar lieber verstören. Ich glaube, die schlimmste Strafe für eine Künstlerin oder einen Künstler ist es, nicht relevant genug zu sein, um irgendeine Form von Emotion hervorzurufen. Ich möchte nicht, dass mich Leute wegzappen.

„Man kann gerne seine eigene Meinung äußern, sie aber nicht zur allgemeingültigen erheben.“

Ein Leitmotiv, das nicht nur für dich, sondern auch für andere Musikerinnen und Musiker gilt? Du hast 2016 gemeinsam mit Gerhard Stöger das Wiener Popfest kuratiert. Welche Kriterien waren bei der Band-Auswahl essenziell?

Ankathie Koi: Es gibt natürlich viele Bands, die nicht meinem Geschmack entsprechen, aber trotzdem etwas in mir auslösen. Auf YouTube gibt es so schreckliche Kommentare, in denen sich Menschen anmaßen zu urteilen, dass ein Song grauenhaft ist. Ich hasse das. Man kann gerne seine eigene Meinung äußern, sie aber nicht zur allgemeingültigen erheben. Ich finde selbst auch nicht alles super, natürlich nicht. Aber ich versuche als Hörerin zu differenzieren und zu reflektieren. Manchmal ist vielleicht Neid im Spiel oder Angst oder überhaupt alles. Da sind wir wieder bei negativen Emotionen. Hass, Wut, Aggression können mich ja zu etwas anderem führen, weg von der eigentlichen Musik zu einer inneren Reise, die mich in einen kreativen Prozess hineinkatapultiert. Dafür braucht es schon einen starken Auslöser, einen äußeren Reiz. Den coolsten Song der Welt schreibt man nicht, wenn man wochenlang auf der Couch gesessen ist und auf die weiße Wand gestarrt hat. Aber man schreibt ihn vielleicht, nachdem man Musik gehört hat, die man richtig schrecklich fand.

„Wenn wir auftreten, wird verlangt, dass die Bühne niedergerissen wird.“

Das Album „Prominent Libido“ ist stilistisch sehr vielfältig, trotzdem hat es einen Sog, vielleicht also einen emotionalen roten Faden?

Ankathie Koi: Das Wort „Sog“ beschreibt meinen Prozess ganz gut. Für ein neues Album schreibe ich die Songs eigentlich sehr schnell. Mir gehen Texte und Musik dann leicht von der Hand, weil die Gedanken dazu schon ewig im Kopf herumschwirren. Ich wollte schon länger über Liebesbeziehungen, den sexuellen Aspekt in meinem Leben schreiben beziehungsweise in meinem Themen-Pool ergänzen. Und der ist sehr groß. Jede Nummer ist anders, erzählt eine eigene Geschichte, weil ich nicht nur als Musikerin, sondern auch als Mensch sehr facettenreich bin. Ich bin sehr umtriebig, nervös, lustig und anstrengend. Ich verlaufe mich ständig. Mein Wesen ist luftig wie ein Grashüpfer. Diese Energie, dieses Tempo, dieser Wahnsinn passen ja auch ganz gut zur Band. Wenn wir auftreten, wird verlangt, dass die Bühne niedergerissen wird. Ich habe das einmal vorgegeben und jetzt wird das konsequent von uns durchgezogen. Sehr schön, aber sehr intensiv.

Auf dem Album ist uns trotz meiner Liebe für Vielfalt ein roter Faden gelungen, wahrscheinlich ein emotionaler, ja.  Es geht hauptsächlich um Frauenfiguren in meinem Leben. Das sind Frauen, die mich in letzter Zeit begleitet haben, die es wirklich gibt, die ich aber auch selbst bin oder sein will. Bei „Viktoria“ geht es zum Beispiel um Eigenschaften, die ich sehr gerne hätte. Sie ist mutig, sie ist verrückt, schaut am See Flamingos zu. Wenn man sich auf sie einlässt, wird alles gut. Sie ist sehr stark, lässt ihr Gegenüber aber nicht klein werden, weil man von ihrer Stärke profitieren kann. Eine andere Figur, in der Nummer „Shanghai Maze“, ist dagegen wahnsinnig ängstlich, lässt sich von ihrem Umfeld beeinflussen, lässt sich vom Drama mitreißen, ohne es zu wollen.

All solche Eigenschaften stehen mir gleichzeitig sehr nah und sehr fern, interessieren und fesseln mich. Aber mich haben nicht nur Eigenschaften beeinflusst. Schanghai als Ort selbst hat mich total fasziniert. Zum Beispiel ist es dort üblich, dass sich die Leute morgens bei Ikea anstellen, um in die Schlafzimmer-Abteilungen zu gehen und sich dort für einige Stunden ins Bett zu legen, Ruhe zu haben und zu schlafen. Die Wohnungen sind dort nämlich so klein und überfüllt, dass man ständig mit der gesamten Familie in einem Raum sitzt, sich also auch ständig mit der Familie konfrontieren muss. Und darum geht es in dem Song, dass man sich nicht von seinem Umfeld, von anderen Meinungen distanzieren kann.

Es wird auf dem Album auch noch von zwei Annas erzählt …

Ankathie Koi: Die eine Anna steht im Kontext von Liebe, die andere Anna ist eine Kindheitsfreundin, die ich vor zwei Jahren bei einem Unfall verloren habe. Beide Frauen sind sehr frei, aber auf ganz andere Art und Weise. Mein Bedürfnis, über diese Frauen zu schreiben, über ihre Eigenheiten, Welten und Gefühle, das ist definitiv der rote Faden geworden. Weil es mich heute auch viel mehr beschäftigt, mir ein viel größeres Anliegen ist als früher, über Frauen zu schreiben.

„Ich denke, man spürt und sieht, dass ich ein sehr feministisches und emanzipiertes Leben führe.“

Wenn du als Frau über Frauen schreibst, geht es dabei um eine bewusste Entscheidung? Stichwort Feminismus oder Empowerment?

Ankathie Koi, Cover "Prominent Libido"
Ankathie Koi, Cover “Prominent Libido”

Ankathie Koi: Unbewusst wahrscheinlich. Ich weiß, dass ich ein gewisses Empowerment liefere, aber ich glaube, je unbewusster ich das tue, desto stärker kommt es an. Würde ich es forcieren, wäre es vielleicht viel schwächer. Es fühlt sich schön an, wenn universelle Aussagen plötzlich zu einer Hymne werden, meine Fans mitsingen und auf Konzerten ein Energieaustausch stattfinden kann. Ich denke, man spürt und sieht, dass ich ein sehr feministisches und emanzipiertes Leben führe. Ich glaube nicht, dass ich das durchgehend an die große Glocke hängen muss. Abgesehen davon ist es für mich ohnehin das Schönste und Stärkste, wenn man sich wortlos versteht, sich wortlos einig ist.

Auf dem Albumcover liegst du – ganz in Gold bemalt – inmitten anderer nackter Menschen. Vielleicht auch eine cineastische Anspielung auf den James-Bond-Klassiker „Goldfinger“?    

Ankathie Koi [lacht]: Nein, überhaupt nicht, lustigerweise! Ich war eher inspiriert von Hieronymus-Bosch-Gemälden. Sonst war mir einfach wichtig, Nacktheit zu zeigen und etwas zu machen, was vielleicht ein bisschen aufregender ist, als sich mit der Band auf eine Wiese zu stellen.

„Ich habe großen Respekt vor anderen Künstlerinnen und Künstlern, wahrscheinlich arbeite ich deswegen gerne mit vielen zusammen.“

Ankathie Koi: Ich bin tatsächlich sehr cineastisch veranlagt, deswegen mache ich Musikvideos auch unglaublich gerne. Auf Basis meiner Texte gibt’s natürlich inhaltlich immer ein paar Vorgaben von mir, aber ich bin keine Regisseurin. Ich gebe den Filmemacherinnen und Filmemachern gerne Ideen oder Gedanken für Farben, Orte und Stimmungen weiter, aber sonst stehe ich guten Filmschaffenden schon sehr demütig gegenüber. Ich habe großen Respekt vor anderen Künstlern und Künstlerinnen, wahrscheinlich arbeite ich deswegen gerne mit vielen zusammen.

„Ich will, dass sich mein Publikum auf dem Konzert genauso verausgaben kann wie ich auf der Bühne.“

Du hast 2011 auf der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Judith Filimónova kennengelernt und mit ihr das Bandprojekt Fijuka gegründet, das sich mittlerweile aufgelöst hat. Welchen Zugang hattest du damals zur Musik beziehungsweise inwiefern hat sich dieser entwickelt? 

Wie arbeitest du bei deinen Musikvideos? Wer hat das letzte Wort?

Ankathie Koi: Für mich war immer klar, dass ich gerne Songs schreibe. Ich schreibe gerne ein Lied, das jemand auf der Gitarre nachspielen kann. Unsere Nummern hatten zwar schon damals elektronische Elemente, aber es gab trotzdem immer eine klassische Songstruktur. Was sich erst mit der Zeit herauskristallisiert hat, ist meine Liebe für Tempo. Deswegen hat sich Fijuka vielleicht auch aufgelöst, weil ich so viel überschüssige Energie in mir hatte und etwas Tanzbareres ausprobieren wollte. Oder musste. Ich will, dass sich mein Publikum auf dem Konzert genauso verausgaben kann wie ich auf der Bühne. Dass beide Seiten schweißgebadet nach Hause torkeln.

„Ich bin heute Disco-Queen genauso wie Klavier-Kitsch.“

Im Juli 2019 hast du für FM4 eine intime „Acoustic Session“ gespielt. Musik, Outfit und Performance waren sehr reduziert, ebenfalls bei deinem diesjährigen Popfest-Auftritt.

Ankathie Koi: Auf den Rausch die Reduktion. Ich habe mich in den letzten Jahren so ausgetobt, eigentlich sehr verausgabt, dass plötzlich das Bedürfnis nach dem Reduzierten besonders groß geworden ist. Vielleicht auch, weil ich jetzt überhaupt erst den Fokus auf nur Stimme oder nur Gitarre legen kann. Das konnte ich vor ein paar Jahren gar nicht. Mich hat das so genervt, dass Leute auf Konzerten bewegungslos dagesessen sind. So brav sind. Heute schaffe ich das irgendwie, beide Tendenzen, beide Seiten zu verbinden. Irgendwie gehen sich die ruhige und die wilde Koi nebeneinander aus. Ich bin heute Disco-Queen genauso wie Klavier-Kitsch.


Du hast Musik studiert. Inwiefern hat dich ein professioneller Zugang geprägt?

Ankathie Koi: Am stärksten geprägt hat mich meine Jazzphase vor meinem Jazzstudium. Ich komme zwar aus einer konservativen bayrischen Kleinstadt, aber in der wird der Jazz sehr gefördert.  Demnach habe ich mein Handwerk schon vor der Uni erforscht und begriffen, schon gewusst, wohin ich möchte. Heute kenne ich meine Stimme, meinen Körper so gut, dass ich eigentlich immer einsatzfähig bin.

Würdest du der neuen Generation ein Musik-Studium empfehlen? Oder plädierst du für eine DIY-Kultur?

Ankathie Koi: Ich stehe auf jeden Fall auf Leute, die ihr Handwerk beherrschen. Es gibt kein Erfolgsrezept, aber schaden kann ein Musik-Studium nicht, denke ich. Vor allem dann nicht, wenn man bereits einen Plan hat, wenn man weiß, was man möchte. Wenn man seine Stärken und Schwächen schon kennt, vom Unterricht das Wesentliche für sich verwenden kann.

Musik einfach nur cool zu finden, sich in einem Studium erst mal treiben zu lassen, das bringt in der Kunst glaube ich wenig. Umgekehrt muss man auf Kunstschulen aufpassen, dass ein gewisser Perfektionismus nicht krankhaft wird. Dass man nicht zu streng mit sich selbst wird, zu kritisch, zu ängstlich. Das passiert Menschen mit einem natürlicheren Zugang wahrscheinlich seltener.

„Meine Musik braucht Einsamkeit. Absolute Einsamkeit.“

Unabhängig von einem Bildungskontext: Woher beziehst du deinen künstlerischen Nährstoff? 

Ankathie Koi: Der wichtigste Nährstoff für meine Kreativität ist tatsächlich Ruhe geworden. Wenn es laut, hektisch, chaotisch ist, dann verliere ich sofort meine Konzentration. Dann bin ich abgelenkt und kann nicht arbeiten. Chaos ist inspirierend, aber nicht wenn ich arbeiten will. Ich muss dafür ganz allein sein, eine absolute Rarität im Musikgeschäft, darf niemanden sehen und nichts hören. Meine Musik braucht Einsamkeit. Absolute Einsamkeit.

Auf einer einsamen Insel?

Ankathie Koi: Ich fahre gerne einmal im Jahr allein nach Kreta und vegetiere dann dort ein bisschen vor mich hin. Viel öfter lässt es leider die Zeit nicht zu, obwohl ich schon gerne reise. Wobei ich unterwegs nicht unbedingt gut arbeiten, gut schreiben kann. In Mexiko zum Beispiel habe ich tagelang nach einem ruhigen Ort gesucht. Gefunden habe ich die absolute Stille dann erst auf einem Boot. Wenn ich sie dann aber gefunden habe, sprudelt es aus mir heraus. Das geht dann sehr schnell.

„Menschen wissen gerne, womit sie es zu tun haben, und bei mir weiß man es nicht so genau.“

Auf der anderen Seite sind Menschen, Geschichten, Trubel wichtige Inspirationsquellen für dich. Wie lässt sich das vereinen? Funktioniert das ähnlich wie mit deiner Vorliebe für unterschiedliche Musikgenres?

Ankathie Koi: Ich habe mehrere Seelen in meiner Brust, die sich eigentlich, nicht nur auf der Bühne oder musikalisch, gut vereinen lassen. Aber wahrscheinlich bin ich schon gefährdet, in die absolute Verwirrung abzudriften, beziehungsweise finden mich ja jetzt schon sehr viele Menschen sehr konfus. Menschen wissen gerne, womit sie es zu tun haben, und bei mir weiß man es nicht so genau. Das ist ganz schwierig für viele. Und für mich selbst ja auch. Ich hinterfrage meine Entscheidungen oft, bin mir unsicher. Wieso nimmt man die schwierige Abzweigung und nicht die leichte? Wieso links und nicht rechts? Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht aus meiner Haut heraus. Ich kann mich nicht verbiegen. Und die Wahrheit ist oft anstrengend – aber doch eigentlich sehr gut.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena Baschiera

Termine:

26. September 2019: Graz, Postgarage
4. Oktober 2019: St. Pölten, Cinema Paradiso
15. November 2019: Krems, Kino Im Kesselhaus
22. November 2019: Dornbirn, Spielboden
23. November 2019: Linz, Stadtwerkstatt
29. November 2019: Salzburg, ARGEkultur
7. Dezember 2019: Wien, Porgy & Bess


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