Aspekte Festival: Konzerte im "Spirit of New York"

Beim 33. Aspekte Festival in Salzburg geht es heuer um den „Spirit of New York“. Die Weltmetropole New York, bei aller Ambivalenz ein Ort der Kunst, der Kreativität und der Phantasie steht heuer im Mittelpunkt.  Das biennal veranstaltete Festival zeitgenössischer Musik präsentiert  von 14. bis 18. Mai 13 Auftragswerke in neun Konzerten. Sieben dieser Uraufführungen stammen von österreichischen, drei von amerikanischen und drei weitere von ganz jungen Komponisten des Projektes „Jugend komponiert“. Die Aspekte Salzburg wurden 1977 mit dem Ziel gegründet, ein Konzertprogramm mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik und auf höchstem interpretatorischem Niveau anzubieten.

In den dreißig Jahren seines Bestehens konnten neben zahlreichen Werken österreichischer Künstler viele international anerkannte Werke bedeutender Komponisten und Komponistinnen des 20. Jahrhunderts in Salzburg aufgeführt werden. Besondere Beachtung fanden die Besuche von John Cage (1991), Mauricio Kagel (1989 und 1998), Iannis Xenakis (1982), Alexander Knaifel (1983), Brian Ferneyhough (1996) und Giya Kancheli (2000). Mit dem Festival 2006, bei dem unter anderem erstmals der Große Salzburger Kompositionspreis des Landes Salzburg im Rahmen eines Festkonzertes an Salvatore Sciarrino verleihen wurde, übergab Klaus Ager die künstlerische Leitung an den Komponisten Ludwig Nussbichler. In den von Nussbichler kuratierten „Traumsequenzen“ von 2008 standen George Crumb und Georg Friedrich Haas im Zentrum, bei „Im Labyrinth meiner Seele“ 2010 Sofia Gubaidulina,  2012, ein wesentlicher Klassiker der Moderne, Anton Webern.

Das Aspekte Festival findet im Zwei-Jahres-Rhythmus und in Abwechslung mit der neuen Biennale Salzburg in den Räumlichkeiten des Mozarteums (Kleines Studio und Solitär), in den Kavernen, dem Republic und einmal auch in der Kollegienkirche statt. Es wurde durch das  wichtige Jugendprogramm „Spielräume“ erweitert. Zum Konzertprogramm zählen Neueste Musik (junge internationale Komponisten oder Gruppen), wichtige, interessante Musik des klassischen 20. Jahrhunderts, die wenig oder nicht gespielt wird (Wolpe, Scelsi, aber auch Webern, Partch etc.), Grenzen überschneidende Musik (Piazzolla, Grenz-Folklore und ähnliches) und außereuropäische klassische Musik (etwa aus Japan, China, Korea, Thailand, Vietnam, Afrika, den arabischen Ländern).

John Zorn, Steve Reich & Co und österreichische Beiträge

Mit dem Experimental-Jazzer John Zorn und dem zwischen „neuer“ und „alter“ Welt pendelnden „Stadtkomponisten“ Robert Moran stehen zwei wesentliche Kapazitäten der zeitgenössischen Musik Amerikas im Zentrum des Festivals. Der Reigen beginnt am 14. Mai, und zwar mit einem Konzert in den Kavernen 1595: Das International Contemporary Ensemble aus New York wird unter der Leitung des österreichischen Dirigenten Oswald Sallaberger Musik des New Yorker Avantgarde-Jazzers John Zorn spielen. Schon die Titel von Zorns Stücken verraten, wie nahe New York am alten, neuen Europa liegt: „The Tempest“ (2012), a masque für Flöte, Klarinette/ Bassklarinette, Schlagwerk; „Canon to Stravinsky in memoriam“ (1972); „Baudelaires“ (2013) – also ein Shakespeare-Sturm und Hommagen an die zwei europäischen Künstler Igor Strawinsky und Charles Baudelaire. Es sind Stücke, die Avantgarde und Jazz auf einzigartige Weise miteinander verbinden.

Diese und andere Musik von US-Komponisten (George Lewis, Sam Pluta) wird Musik aus Österreich gegenübergestellt werden. Denn gleich anschließend versprechen am selben Abend die kreativen Klangkünstler Werner Raditschnig und Gerhard Laber in ihrer „brow beaten“ genannten Konzertinstallation einen „Guide to American culture“. In  fünf „Visual Landscapes“ sind im Republic neben Raditschinig (Komposition, diverse Saiteninstrumente, Elektronik) und Laber (Komposition, perkussives Instrumentarium, Elektronik) noch Eric Arn mit Stimme und Gitarre, Heike Schäfer mit „visuals“, sowie ein Chorensemble  aus acht Männerstimmen, das Martin Fuchsberger einstudiert hat, zugange.

Tags darauf, am 15.  Mai, spielt im Republic das Frank Stadler Project: Eines der führenden Streichquartette für Neue Musik um den Primgeiger des Mozarteumorchesters wird komplettiert durch den Oboisten James Austin Smith, der mit einem Tamtam-Spieler bei einem Stück von Du Yun in Dialog treten wird, und durch den ägyptischen Oud-Virtuosen  Hossam Mahmoud, dessen Komposition „Licht um Licht“ für Oboe, Violine und Oud uraufgeführt wird. Vom stadler quartett kommt zu Beginn das 1958 entstandene Quartetto No. 2 zur Aufführung, das ist das zweite Streichquartett des mittlerweile achtzigjährigen argentinischen Komponisten Mario Davidovsky, der lange Jahre  Professor für Komposition an der Manhattan School of Music und einer der Direktoren des Columbia-Princeton Electronic Music Center in New York City war. Am Ende spielt das Quartett seine Version von „Triple Quartet“ vom Pionier der Minimal Music, Steve Reich, einst aus der Zusammenarbeit des Komponisten mit dem Kronos Quartet entstanden: das sind eigentlich drei Streichquartette, nämlich zwei vorher auf Band aufgenommene und ein dazu live gespieltes.

Danach wird das Gast-Ensemble aus New York, wieder unter Oswald Sallabergers Leitung, lauter in letzter Zeit entstandene Ensemble- und Kammermusik interpretieren: Von der seit vielen Jahre in New York lebenden Bulgarin Maria Stankova, von Rick Burkhardt, der in Brooklyn arbeitet, dem Modern Jazz-Musiker und -komponisten Nathan Davis und, nicht zu vergessen, von dem aus Brasilien stammenden Felipe Lara, dessen Werke vom Arditti- und vom Mivos-Quartett gespielt wurden und der für nächstes Jahr vom Ensemble intercontemporain zu einem neuen Ensemblewerk für 20 Musiker beauftragt wurde. Von der legendären Pauline Oliveros, die bereits in den sechziger Jahren mit Steve Reich und Terry Riley in San Francicso zusammengearbeitet hatte, kommt ein Ensemblestück aus dem Jahr 1986. Nicht genug damit: Das International Contemporary Ensemble New York wird sich auch der Uraufführung eines neuen Oktetts der vielfach ausgezeichneten österreichischen Komponistin und Pianistin russisch-bulgarischer Abstammung Alexandra Karastoyanova-Hermentin widmen.

Rupert Huber tritt mit Robert Moran auf den Plan, Seda Röder mit „Cross-Atlantic“…  

Robert Moran ist eine weitere US-Komponistenlegende, der breiter Raum gewidmet wird. Nachdem der 1937 in Denver Geborene in Wien bei Hans Erich Apostel, später bei Luciano Berio und Darius Milhaud studiert, in den sechziger Jahren das „San Francisco New Music Ensemble“ gegründet und zwischendurch zehn Jahre in Westberlin gelebt hat, gilt er als „musikalischer Weltenbummler“. Sein Stück „Buddha goes to Bayreuth“ wird mit Spannung erwartet und am 16. Mai in der Kollegienkirche von Countertenor Stefan Görgner, dem KammerChor KlangsCala Salzburg und dem Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung Rupert Hubers aufgeführt. Der Titel des 2011 für die Ruhrtriennale komponierten Stücks bezieht sich auf Richard Wagners etwas groteske Idee, die Wurzeln des Christentums weniger im Judentum als vielmehr im Buddhismus orten zu wollen. Das Stück verwendet einige Akkorde aus „Parsifal“ und ist für Doppelchor und Streichorchester geschrieben.

Huber, ein Schamane unter den österreichischen Komponisten, Chorleiter, Dirigent und Performancekünstler, hat für seine Zusammenarbeit mit den Stuttgartern einen Kompositionsauftrag des Stuttgarter Kammerorchesters erhalten, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung. Dieses Projekt wird er am 17. Mai in den Kavernen vorstellen. Mit im Programm ist eine weitere Komposition von Robert Moran, dessen Werk „Eclipse“ in österreichischer Erstaufführung vorgestellt wird. Rupert Huber selbst wird sein neues Werk für Streichorchester („Die Linien des Lebens“) vorstellen, nicht minder spannend ist auch die von ihm stammende Installation „Nordlicht über Manhattan“, die Werke von James Tenney, Christian Wolff und Jean Sibelius einbeziehen soll.

Seda Röder, wiederum zurück von einer Tournee in den USA, macht vorher am 17. Mai im Mozarteum mit „Cross-Atlantic Soundscapes“ ein Programm der umgekehrten Quote. Unterstützt von Flöte (Irmgard Messin) und Violine (Chiara Sannicandro) spielt sie fünf Komponistinnen, vier aus Österreich, eine aus den USA (Johanna Doderer, Katharina Klement, Alexandra Karastoyanova-Hermentin, Manuela Kerer, Amy Williams), und konfrontiert diese mit dem jungen Salzburger Komponisten Jakob Gruchmann („Unsichtbare Städte“ (UA) für Flöte und Klavier) und einem Klassiker der Moderne: Henry Cowell (Hommage to Iran für Violine und Klavier).

… und die reihe mit Elliott Carter und Neuem aus Österreich

Im Solitär gibt es am 18. Mai das Schlusskonzert mit dem Wiener Ensemble „die reihe“. Johannes Kalitzke wurde als Dirigent ein weiterer wichtiger amerikanischer Komponist des gesamten 20. Jahrhunderts, wie man sagen kann, anvertraut. Immerhin 104-jährig verstarb im November 2102 der bis zum Ende unermüdlich immer Neues komponierende Elliott Carter in seinem Geburtstort New York City. „In Sleep, in Thunder“ heißt das Werk, das von ihm zu hören sein wird. Ihm zur Seite gestellt wird mit Sean Shepherd ein Komponist der neuen in New York lebenden Generation. Neben den Amerikaner gibt es ganz im Geist dieses Festivals auch zwei Uraufführungen. Von dem 1984 geborenen Salzburger Marco Döttlinger, der bei Christian Ofenbauer, aber auch bei Georg Friedrich Haas in Basel studierte, stammt das Oktett „Wie Milch auf Straßenbahnschienen“, von Herbert Grassl, dem Südtiroler in Salzburg, der übrigens öfter mit dem Komponisten und Oud-Spieler Hossam Mahmoud zusammenarbeitete, dessen neue „Suite tyrolienne“ für Ensemble.

aspekteSpielräume 2014 und Sonderpreis Jugend komponiert

Die „Spielräume“ als Bestandteil der Salzburger Aspekte widmen sich am Nachmittag des 17. Mai im Mozarteum Komponistinnen und Komponisten der jungen Generation, deren Namen und Bios man dem Programm entnehmen kann. Diverse Solisten an Klavier, Violine, Gitarre und die Ensembles „Strings, beats and music“ und „Salzburger Piano Circus“ (Sonderpreis Interpreten) spielen auch Arvo Pärts „Für Alina“ und Steve Reichs „Six Pianos“.

Heinz Rögl

Rubert Huber © sumnima.arts

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