„Amateure sind die Profis unter den nicht Nichtprofis.“- HEIDI FIAL im mica-Interview

Möchte man eine bemerkenswerte Eigenschaft der Wiener Musikerin HEIDI FIAL hervorheben, so ist es sicherlich ihre Eigenwilligkeit. Bei der Verwirklichung ihrer eigenen musikalischen Visionen geht sie, wie man bereits in ihrem Bandprojekt KONTRAPUNK sehen konnte, keinerlei Kompromisse ein. Sie verfolgt konsequent ihren etwas anderen Weg, was sich auch auf ihrem Solodebüt „Amateur” (Hiss & Groove Records) zeigt, auf dem die ausgebildete Kontrabassistin zur Stromgitarre, ihrem Jugendinstrument, wechselt. Die von ihr dargebotenen Stücke entstehen aus ihren eigenen Regeln, die eher von ihrer Intuition als von festgelegten Herangehensweisen bestimmt werden. Ihre instrumentale Musik ist von minimalistischer Natur, jedoch entwickelt sie gerade aus diesem Aspekt eine enorme Atmosphäre und lädt dazu ein, die Augen zu schließen und sich in einen persönlichen inneren Film hineinzuträumen. Im Gespräch mit Michael Ternai erzählt HEIDI FIAL, wie sie zurück zur Gitarre fand, über ihre Art Musik zu schreiben und die große Bewunderung, die sie für Amateure empfindet.

„Amateur“ ist dein erstes Soloalbum. Und solo bedeutet bei diesem Album tatsächlich solo. Alles was man zu hören bekommt, ist der Sound deiner Gitarre und sonst nichts. Und das, obwohl du eigentlich mehr als Kontrabassistin bekannt bist. Erfüllst du dir mit diesem Album einen Traum?

Heidi Fial: Die Gitarre war mein erstes Instrument und von Anfang an rein intuitiv für mich. Dadurch, glaube ich, hat sich – aus dem Mangel an theoretischem Wissen und richtiger Technik – schon recht früh eine eigene Sprache entwickelt. Ich habe in meinen Vagabundenjahren immer eine Gitarre mitgehabt und Straßenmusik gemacht. Ich hatte nie irgendeinen kommerziellen Hintergedanken und ich verspürte auch keinen Geltungsdruck. Das ist aber schon dreißig Jahre her. [lacht] Dass ich einmal eine professionelle Musikerin werde, habe ich mir damals nicht gedacht. Wobei, den Gedanken, eine Platte rauszubringen, habe ich schon damals reizvoll gefunden. Dass ich nun den Mut finde nur das eine Instrument ohne Schnickschnack und Overdubs auf einem Album sprechen zu lassen, ist für mich schon etwas Großes.

Ich würde dennoch nicht so weit gehen und sagen, dass die Gitarre den Kontrabass in seiner Bedeutung für mich abgelöst hat. Es sind einfach zwei unterschiedliche Ausdrucksformen. Aber dadurch, dass ich Gitarre nie studiert habe, habe ich einen freieren Zugang und ein ganz eigenes Vokabular. Ich muss mir eingestehen, dass ich das am Kontrabass, den ich ja sehrwohl studiert habe, noch nicht ganz für mich gefunden habe.

Was hat dich konkret bewogen, dich wieder an der Gitarre zu versuchen.

Heidi Fial: Ich habe die Gitarre als Instrument eigentlich erst während der Arbeit mit meiner Band Kontrapunk wiederentdeckt. Die Band war ja ursprünglich mit zwei Kontrabässen besetzt, bis ich bemerkt habe, ich könnte ja gerade hier auch einmal E-Gitarre spielen, da es schon einen Bassisten gibt. So habe ich damit im Bandkontext begonnen. Sonst habe ich die Gitarre bis dahin als Kompositionsinstrument und für Stummfilmvertonungen eingesetzt. Dass ich aber ein Soloprojekt starte, ist eigentlich aus Versehen passiert.

Wir sollten einmal mit Kontrapunk ein Freiluftkonzert spielen. Ein paar Stunden vor diesem hieß es, dass es regnen würde und es daher abgesagt wird. Meine beiden Kollegen sind daraufhin heimgefahren. Ich dagegen blieb, und zur Überraschung aller hellte das Wetter ein wenig auf. Ich hatte wirklich Lust zu spielen und entschied das Ding einfach alleine durchzuziehen. Ich setzte mich vor den wenigen Leuten, die trotz trübem Wetter da waren, auf die Bühne, schloss meine Augen, dachte an einen Stummfilm und spielte los. Und da ich es gewohnt bin, eineinhalb Stunden zu einem Film zu spielen, war das auch kein großes Problem für mich. Irgendwann nach einer dreiviertel Stunde öffnete ich dann meine Augen und sah, dass sich da nicht wenige Leute vor der Bühne versammelt hatten, um dem Konzert zu lauschen. In dem Moment ist mir klar geworden, dass ich Konzerte durchaus alleine spielen kann. Mir kam der Gedanke, dass es eigentlich schön wäre, eine Platte rauszubringen, auf der tatsächlich nur die elektrische Gitarre zu hören ist.

Weil du das Wort intuitiv verwendet hast. Ich finde, das hört man dem Album an. Die Stücke wirken nicht wie auf einem Reißbrett entworfen. Sie folgen keiner klaren Strukturen und bilden eigene Formen. Es wirkt alles sehr gefühlsgeleitet.

Heidi Fial: Die Lieder sind – wie schon davor sehr oft – bei Stummfilmvertonungen entstanden. Wenn ich zu einem Stummfilm spiele, entwickle ich gleichzeitig bestimmte Themen und Motive, die sich stimmig mit den Szenen, den Protagonist:innen und dramaturgischen Momenten verbinden. Das ist der Zugang, der sich bei mir im Laufe der letzten Jahre etabliert hat. Ich werde stark von visuellen Reizen oder Handlungen, die erzählt werden, inspiriert. Für mich stellt sich das wie eine Partitur dar, die mich auffordert sie zu lesen, zu interpretieren und zu spielen.

Während dem Spielen entwickeln sich dann neue Themen heraus, die ich irgendwie »lecker« empfinde, wie etwas Gutes zum Essen. Und dann ist es einfach eine Entscheidung, welcher Idee ich mich mehr widmen will, um sie für sich erstrahlen zu lassen. Ich mag dieses horizontale Denken in der Musik, dass sich die Dinge nicht den vorgegebenen Strukturen entlang entwickeln müssen. In dem Sinne ist es schon so, dass die Stücke sehr intuitiv sind. Ich habe aber im Laufe der Zeit auch viel an ihnen gearbeitet um sie zu eigenständigen Wesen zu machen.

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Gibt es neben dem Visuellen auch noch andere Inspirationsquellen?

Heidi Fial: Um wirklich einen guten Take zu machen muss für mich die Stimmung während der Aufnahme passen. Da geht es aber um Gefühle, die man nicht herzaubern kann. Daher versuche ich, die Momente zu nutzen, in denen sie mir vom Leben serviert werden. Bei diesem Album war ich ein einer solchen Grenzsituation, in der ich mich entscheiden konnte, ob ich jetzt aufgebe und zusammenbreche oder diese einzigartige Emotion nutze und sie kreativ verarbeite. Ich tat zweiteres, obwohl es mich einiges an Überwindung kostete. Ich rief meinen Mann an und bat ihn das ganze analoge Studioequipement zu mir nach Hause zu schaffen und zu installieren und dann einfach wieder zu verschwinden. [lacht] Es war für mich wichtig, genau das Gefühl, das ich in diesem Augenblick hatte, in Musik zu verwandeln, und zwar ohne andere Menschen im Raum. Leider sind aus technischen Gründen nicht alle Aufnahmen von diesem Tag verwendbar gewesen. Aber es waren genau diese Takes – und das hat mir mein Tonmeister bestätigt – die wirklich in sich geruht haben. Ein paar Stücke haben wir dann im Studio neu aufgenommen, aber ebenfalls auf Band, das beeinflusst auch stark die Stimmung und die Konzentration.

Ich kenne dich ja mittlerweile doch schon einige Zeit und weiß auch in welchem Bereich du arbeitest, und dass du ein großes Faible für Film und Stummfilme hast. Aber ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass jemand, der dich und deinen Backround nicht kennt, zustimmen würde, dass deine Musik etwas sehr Cinematisches an sich hat. Es scheint so, dass würden sich bei dir Vorlieben und Tätigkeiten gegenseitig stark bedingen. Kannst du dem was abgewinnen?

Cover Amateur
Cover “Amateur”

Heidi Fial: Das ist auf jeden Fall so. Ich kann meine Tätigkeitsbereiche nicht voneinander trennen. Das würde meinem Wesen nicht entsprechen. Bei mir beeinflusst sich alles gegenseitig. Und was die Musik betrifft: Ich höre und mache einfach gerne Instrumentalmusik, das geht wahrscheinlich schnell mal ins Filmische. Die nicht instrumentale Musik, die ich höre, wähle ich mir schon bewusst aus. Das muss einfach passen. Wenn sie stimmig ist, liebe ich sie sehr, wenn sie nicht ehrlich ist, pack ich sie nicht.

Daher ist dir wahrscheinlich auch nie in den Sinn zu kommen, zu deiner Musik zu singen.

Heidi Fial: Das mache ich nur selten und unangekündigt, quasi als Mutprobe bei meinen Konzerten. Ich finde, jeder Mensch kann singen, nur muss es nicht jeder auf der Bühne tun. Wenn jemand eine innere Dringlichkeit verspürt, etwas zu sagen hat und es auch mit der Stimme vermitteln kann, dann ist das wahnsinnig schön. Da ist es auch nicht entscheidend, ob die Person technisch perfekt ist. Meine Singstimme ist aber – leider – nicht mein Sprachrohr, und ich möchte auch meine Gedanken niemandem aufdrängen. Ich mache eben Instrumentalmusik, zu der die Leute ihre eigenen Gedanken fließen lassen können und irgendwann einmal plötzlich draufkommen, dass sie sich gerade ein Konzert anhören. Deshalb liebe ich auch die Stummfilmmusik so. Da musiziert man im Dunklen und keiner schaut einem auf die Lippen oder die Finger.

Wie ist es zu dem Titel des Albums „Amateur“ gekommen?

Heidi Fial: Der Titel „Amateur“ ist im ersten Moment nicht wirklich der strahlendste. Der Begriff wird heutzutage ja oft mit einer gewissen Geringschätzigkeit verbunden. Ich beschäftige mich seit ein paar Jahren bei meiner Arbeit im Filmarchiv mit Amateurfilm und dessen Geschichte und Technik. Was ich aus meiner Tätigkeit mitnehme, ist: Amateure sind diejenigen, die mit Freude, aber auch wirklicher Ernsthaftigkeit einer Arbeit oder Technik nachgehen, obwohl sie davon keinen kommerziellen Nutzen haben. Amateure sind die Profis unter den nicht Nichtprofis. Sie vervollständigen die Geschichtsschreibung, die sonst nur von kulturellen Highlights erzählt. Ihre Werke sind aus individuellen Perspektiven gemacht, nicht von Auftraggebern oder politischen Bewegungen erzwungen.

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Ich bin als Gitarristin mit Freude und Hingabe Amateur, ich hatte keine professionelle Ausbildung, erforsche aber das Instrument mit großem Interesse und finde immer mehr Ausdrucksmöglichkeiten darauf. Auch die analoge Photographie verfolge ich als Amateur, und ich arbeite – hier allerdings professionell – mit Amateurfilm. Daher widme ich ihnen und dem Dasein als Amateur ein eigenes Werk und stelle sie ein wenig ins Rampenlicht.

Du machst in diesem Projekt ja alles selbst. Neben der Musik, hast du auch das Cover für die Vinyl entworfen, die Fotos gemacht und bearbeitet usw. Begreifst du dein Soloprojekt als ein Gesamtkunstwerk?

Heidi Fial: Sehr stark. Ich finde, dass eine Platte da etwas sehr Sinnvolles ist, wo ich all meine Interessen und Tätigkeiten vereinen kann. Und auch wenn ich auf der Bühne nicht viel zu sagen habe, gibt es doch vieles, das ich gerne teilen möchte. Ich habe für diese Platte ein achtseitiges Booklet entworfen, wo ich sehr viel geschrieben habe. Letztendlich habe ich das meiste aber wieder gestrichen, da es mir irgendwie plötzlich für dieses Album komplett irrelevant erschien. Jetzt ist nur noch das Wesentlichste zu lesen. Aber das ist es wert geteilt zu werden. Die ganze visuelle Gestaltung, das Graphische, die Videos und Projektionen, meine Arbeit mit Film und Geschichte, die Technik, das alles verstehe ich gemeinsam mit meiner Musik als Gesamtkunstwerk.

Du präsentierst „Amateur“ in der Strengen Kammer im Porgy

Heidi Fial: Der Konzerttermin im Porgy war für mich quasi die Deadline für das Projekt. Ich wollte ihn unbedingt für das Albumrelease nutzen, deswegen habe ich mir dann auch noch den Zeitdruck für die Fertigstellung gegeben. Es ist wirklich eine tolle Location, die sich für so eine Art von Musik, wie ich sie mache super eignet. Und es wird auch eine Projektion geben.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Heidi Fial live – Amateur Album Release Show
23.10.2023
Porgy & Bess /Strenge Kammer
19 Uhr

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Links:
Heidi Fial
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