„[…] als ob es ein Stück Handwerkskunst wäre” – AMELIE TOBIEN im mica-Interview

AMELIE TOBIEN spielt schönen, reduzierten Folk in der Tradition großer Singer/Songwriter wie JONI MITCHELL oder BOB DYLAN. Mit Markus Deisenberger sprach sie über ihr erstes Album, ein Lehrjahr in Irland und den emotionalen Neustart, den sie jetzt braucht. 

Dein erstes Album “We aimed for the stars” ist vergangenen Herbst erschienen. Was ist es für Dich? Momentaufnahme, Leistungsschau, Visitenkarte? 

Amelie Tobien: Alles das, was du gerade gesagt hast. Ich wollte unbedingt einmal etwas in der Hand haben, um es herzeigen zu können, für andere, aber auch für mich persönlich.  Eine Dokumentation meiner Entwicklung, auf die man zurückgreifen kann, wann immer man will.
Ein bisschen wie ein Tagebuch. Die Songs auf dem Album sind ja jetzt schon älter als zwei Jahre. Der Prozess, bis das Album vorlag, war dann doch ein langer. Irgendwie ist es schön, auf das zurückzuschauen, und von dem ausgehend wieder Neues anzugehen, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Wieso hat es lange gedauert? Wie intensiv war der Prozess? 

Amelie Tobien: Ein Werk rauszubringen, vor allem beim ersten Mal, ist ein unglaublicher Lernprozess. Bei diesem Projekt habe ich zum ersten Mal im Studio aufgenommen. Allein das fordert. Aber auch das Songschreiben ist natürlich intensiv, ja und auch die Zusammenarbeit mit anderen Leuten ist eine Challenge, aber natürlich auch ungemein bereichernd.

Wer hat es aufgenommen? 

Amelie Tobien: Christoph Filip, ein alter Freund. Wir kennen uns aus unseren Beisl-Jahren. Er arbeitet in einem Studio in Salzburg.

Beisl ist ein gutes Stichwort: Hast du so angefangen? In Bars und Spelunken spielen, um sich vor kleinem Publikum auszuprobieren? 

Amelie Tobien: Ja, auf jeden Fall. Ich habe schon als Teenager eine Band gehabt. Da haben wir zwar nicht so viel live gespielt, aber doch immer wieder. Dann hat sich die Band aufgelöst und ich wollte unbedingt weitermachen. Die Frage war: Was gibt’s da für Möglichkeiten? Da habe ich natürlich klein angefangen, bei Open Mic, und dann hat sich das alles entwickelt.

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Wenn sich die Band auflöst, wäre der logische Schritt doch gewesen, sich eine neue Band zu suchen. Wieso hast du den Entschluss gefasst, es von nun an allein zu probieren? 

Amelie Tobien: Ich war eine Zeit lang nicht zu Hause, nicht in Österreich, und war auf mich allein gestellt. Irgendwie war es da für mich logisch: Wenn ich jetzt allein da steh, dann muss ich es auch allein machen. Es war gar nicht so eine bewusste Entscheidung, es hat sich einfach so entwickelt. Beim Album haben wir uns gedacht: Machen wir es einfach Bob Dylan-mäßig. Ich spiele meine Songs in ein paar Tagen genauso runter, wie ich sie live auch auf der Mariahilfer Straße spielen würde.

Ein schöner Gedanke. Aber hat es dann auch wirklich so funktioniert? 

Amelie Tobien: Bei vielen Nummern war es wirklich so, ja. Bei „Rivers”, der Single-Auskoppelung, haben wir noch einen Gitarristen eingeladen, Georg Gruber, ein guter Freund von mir, und einen Sound- Designer, der zu dieser Zeit gerade im Studio arbeitete, und der Produzent spielte Bass. Aber davon abgesehen war es eine ziemliche Solo-Geschichte.

„Ich mag es gerne, live zu spielen, bin eine Rampensau.“

Wie schwer war es, von einem Moment auf den anderen allein loszustarten? Eine Band ist doch auch wie eine Familie, die das Auftreten erleichtert. Mutterseelenallein auf die Bühne zu gehen, ist schon noch einmal etwas anderes. Ich habe auf YouTube ein paar Live-Auftritte von dir gesehen. Du wirkst sehr unbefangen, kaum nervös. Wie hast Du Dir diese Gelassenheit so schnell arbeitet? Oder trügt der Schein und du bist eigentlich unheimlich nervös, kannst es nur gut verbergen? 

Amelie Tobien: [lacht] Das kommt ganz drauf an. Manchmal bin ich so nervös, dass ich am liebsten weglaufen würde. Ich lasse mir das aber natürlich nicht anmerken. Aber alles in allem ich fühle mich wahnsinnig wohl auf der Bühne. Mir taugt das einfach so. Irgendwann, meistens nach dem zweiten Song, ist die allergrößte Nervosität eh weg. Ich mag es gerne, live zu spielen, bin eine Rampensau. Aber klar. Es wäre schon eine Erleichterung, ab und zu mehr Leute zu involvieren. Bei meiner Release-Show im Fluc hatte ich Unterstützung von Freundinnen, meiner Schwester, meiner Cousine. Die waren dabei und haben mir bei Auf- und Abbau und beim Merch-Tisch geholfen. Da war ich sehr froh drüber. Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich weitermachen und mit anderen Leuten kooperieren will. Musik schaffen erschöpft sich ja nicht im Komponieren, es kommt noch so viel anderes dazu. Da ist es viel entspannter, wenn man ein Team hat. Wenn man nur auf sich allein gestellt ist, ist das Packerl, das zu tragen ist, schon ein riesiges. Man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird.

Bild Amelie Tobien
Amelie Tobien (c) Lisa Schmid

Du hast vorher angesprochen, dass du eine Zeit im Ausland warst. Ist damit Irland gemeint, wo du eine Weile gelebt hast? 

Amelie Tobien: Ja, genau. Das war auch der Aufhänger für das Album, weil dort die meisten Songs entstanden. Dort bin ich zum ersten Mal allein aufgetreten, mit meinen eigenen, neuen Songs. Da ging es los.

Wieso gingst du überhaupt nach Irland? 

Amelie Tobien: Ich war mit dem Studium fertig, hatte Englisch und Französisch auf Lehramt studiert. Mir war aber sofort klar, dass ich vorerst nicht im Beruf unterkommen möchte. Das Momentum habe ich genutzt, um ins Ausland zu gehen. Ich hatte dort zwar einen Job, aber dadurch, dass ich keine Familie und wenige Freunde hatte, hatte ich viel Zeit, um zu schreiben und Musik zu machen und die super Musikszene dort auszuchecken. Insgesamt war ich ein Jahr dort und habe das alles, so gut es ging, aufgesaugt.

Wie leicht oder schwer ist es, dort zu Auftritten zu kommen? Ist das eher protektionistisch oder sind Leute, die von außen kommen wie du, willkommen? 

Amelie Tobien: Es ist schon sehr offen. Es gibt einfach viel Angebot, weil Musik und vor allem Folk einen hohen Stellenwert haben. Auch Straßenmusik ist eine gern gesehene Sache, wird nicht als Betteln abgetan, sondern als zur Kultur dazugehörig akzeptiert. Wenn man ein Mensch ist, der wie ich gern mit Leuten abhängt und neue Bekanntschaften knüpft, kommt man schnell in ein Netzwerk rein. Es gibt wahnsinnig viel Open Mics. Man könnte eigentlich jeden Abend in eine andere Bar, einen anderen Club gehen und spielen.

Aber man verdient natürlich wenig bis nichts dabei, oder? 

Amelie Tobien: Naja, Straßenmusik geht gut. Hutsachen gibt es schon, fixe Gagen nur wenige.

Wir reagieren die Leute, wenn da jemand aus Salzburg/Österreich kommt, und sich ihrer Tradition bedient? Finden die das strange, dass eine Österreicherin Folk spielt oder sind sie angetan?  

Bild Amelie Tobien
Amelie Tobien (c) Lisa Schmid

Amelie Tobien: Naja, Irish Folk in dem Sinn mache ich ja nicht, aber ich habe nie den Vorwurf an den Kopf geworfen bekommen, dass ich Cultural Appropriation betreiben würde. Die Leute, die ich traf, waren durchwegs interessiert an der anderen Kultur, an dem anderen Kulturkreis, aus dem ich komme, und hatten großen Respekt dafür, dass jemand, der von woanders kommt, ihre Musik wertschätzt und sie woanders hinträgt. Da habe ich nur positive Erfahrungen gemacht.

Wie bist du überhaupt zur Folk Music gekommen? Du bist, wenn ich richtig informiert bin, mit US-Folk aufgewachsen. Das ist jetzt nicht unbedingt die Musik, die im zeitgenössischen Mainstream Radio läuft. Neil Young, Simon and Garfunkel, Joni Mitchell – das ist generationsmäßig eher die Musik deiner Eltern. Wie kamst Du mit dieser Musik in Kontakt? Bis du über deren Plattensammlung drauf gestoßen? 

Amelie Tobien: Genau so war es. Wir haben zu Hause immer viel Musik gehört, auch gemeinsam gesungen. Wenn wir unterwegs waren, lief immer gute Musik. Kein Radio.

„Wenn man als Kind spürt, wie spannend und schön das sein kann, dann wird man da mitgezogen.“

Normalerweise finden Kinder die Musik der Eltern doch eher peinlich und distanzieren sich von deren Geschmack erst einmal instinktiv. 

Amelie Tobien: Das war bei mir anders. Ich hatte und habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Wir sind auf Augenhöhe, haben viel Spaß miteinander. Meine Eltern sind sehr entspannt. Meine Mutter kaufte mir meine erste Gitarre. Wir waren gemeinsam auf Konzerten. Wenn man als Kind spürt, wie spannend und schön das sein kann, dann wird man da mitgezogen. Für mich ging diese Musik voll ins Herz. Die Beatles und die Stones – wie kann man das nicht mögen?

Deine CD-Präsentation fand vergangenen Herbst im Wiener Fluc statt. Da stellt man sich ein rauschendes Fest vor. Das war dieses Mal Corona-bedingt wahrscheinlich anders. Wie war´s? 

Amelie Tobien: Das war noch, bevor wieder alles zugemacht wurde. Publikum war erlaubt, der Gig fand als Sitzkonzert mit Maske und Abstand statt. Aber am Tisch sitzend konnte man die Maske abnehmen und konsumieren. Was soll ich sagen: Trotz der Restriktionen, mit denen wir derzeit zu leben haben, wurde es ein langer Abend. Das Konzert war ausverkauft, was mich sehr gefreut hat. Ein durch und durch cooler Abend. Davon zehre ich immer noch.

Welche Erfahrungen hast du mit Straßenmusik in Österreich gemacht? Ich habe auf Youtube ein Video von dir gesehen, das auf der Mariahilfer Straße aufgenommen wurde. Das hat mich eher bedrückt, weil da jemand sein Herzblut gibt und die Leute nicht wirklich interessiert daran scheinen. Da gibt jemand alles, und die Leute gehen desinteressiert vorbei.  Ist einem das egal? Man lebt doch – wie auf der Bühne auch – davon, dass etwas vom Publikum zurückkommt? 

Amelie Tobien: Der Auftritt war gestaged, d.h. der Sound ging nur in das Mikro der Kamera. Man hörte kaum etwas. Aber das ist das Problem mit den meisten Orten in Wien, an denen man spielen darf: Man darf nicht verstärkt spielen. Deshalb hört man die Darbietungen auch kaum. Bei den „U-Bahn-Stars” hingegen darf man verstärkt spielen, und da erreicht man dann auch mehr Leute. Aber egal wie die Umstände sind, man kriegt schon die Anerkennung. Manchmal schaue ich nach einer Stunde Spielens in den Gitarrenkoffer und da liegen Briefchen mit Botschaften drin und dergleichen. Aber teilweise ist es auch wirklich harte Arbeit: Man steht im Regen und alle gehen vorbei. Aber selbst im schlechtesten Fall hat man halt eineinhalb Stunden geübt. Schadet auch nicht.

Gehen wir noch mal zum Album. Der Titel klingt wehmütig, fast resignativ. Nach dem Motto: Wir haben nach den Sternen gegriffen, aber irgendwie hat es doch nicht gereicht. Wolltest Du das so verstanden wissen oder war es ganz anders gemeint?

Amelie Tobien: Doch schon. Im Titelsong geht es ja genau um das: Dass viele Kunstschaffende ihr ganzes Leben lang kreativ sind und etwas Hochqualitatives schaffen, das in vielen Fällen aber leider nicht gehört wird. Aber es ist schon mit einem zwinkernden Auge gemeint. Wir sind die, die es probieren. Wir machen unser Ding. Es kann sein, dass wir nicht erfolgreich sind. Na und? Dann haben wir aber zumindest unsere Community.

Ich kann mich an einen Singer-Songwriter erinnern, der in einem sozialen Medium das Ende seiner musikalischen Karriere verkündete. Als Grund führte er das mangelnde Interesse des Publikums an. D.h. er schmiss wegen anhaltenden Desinteresses hin. Einerseits versteht man die Enttäuschung. Aber ist das in gewissem Maße nicht auch ein Missverständnis? In erster Linie geht es bei guter Kunst doch darum, das zu tun, was man tun muss. Publikum findet man immer. Kommt halt nur darauf an, wie groß es ist. Wie siehst du das? 

Amelie Tobien: Ähnlich. Es zwingt mich keiner dazu, Musik zu machen. Es ist ein Haufen Arbeit, ja. Aber ich arbeite Teilzeit, habe einen Tag frei, an dem ich chillen könnte. Aber ich verwende ihn dazu, zu komponieren. Es ist ein Drang, und ich bin froh, diesen Drang zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, ihn nicht zu haben.

Amelie Tobien live
Amelie Tobien live (c) Andreas Graf

Aber dieser Drang lässt sich auch nicht wie eine ungeliebte Jacke ablegen, oder? 

Amelie Tobien: Kaum, aber ich spreche da aus einer privilegierten Haltung heraus, wenn ich sage, dass es mir wurscht ist, ob ich Geld mache oder nicht. Ich habe meinen Brotjob, auch während der Pandemie, mit dem ich meine Miete zahlen kann. Ein Anliegen ist es aber natürlich schon, dass meine Musik Erfolg hat, gehört wird, und ich freue mich auch, wenn sie gehört wird.

Erfolg ist aber doch relativ. So lange du ein Publikum findest, wie klein es auch sein mag, hast du Erfolg. 

Amelie Tobien: Das stimmt.

„Wenn man mal einen anderen Weg einschlägt, raus aus der Komfortzone geht, entstehen auch andere, unerwartete Dinge.“

Gehen wir noch einmal nach Irland und der dortigen Szene: Gab es da irgendwie Dinge, die man die man sich vom Zugang her, der Poesie oder der Professionalität abschauen kann? 

Amelie Tobien: Auf jeden Fall. Vor allem habe ich gelernt, an Songs gemeinsam zu schreiben. Co-Writing mit anderen Leuten, das kannte ich so noch nicht, außer vielleicht im Band-Kontext. Dabei merkt man, wie unterschiedlich die Wege sind, Songs zu schreiben. Ich arbeite immer gleichzeitig an Musik und Text, aber es gibt Leute, die setzten sich erst mal mit Bleistift und Papier hin, bevor sie das Instrument in die Hand nehmen. Andere wieder nehmen zuerst nur die Gitarre. Aber auch, dass man sich einen Song wie einen Artikel noch einmal vornimmt, obwohl er schon fertig zu sein scheint, an ihm weiter feilt, als ob es ein Stück Handwerkskunst wäre, das man richtig schleift und formt. Da habe ich schon viel dazu gelernt. Künstlerisch und vom Ausdruck. Wenn man mal einen anderen Weg einschlägt, raus aus der Komfortzone geht, entstehen auch andere, unerwartete Dinge. Das war schon sehr inspirierend.

Wie ist das Verhältnis von Text und Musik bei dir? Was entsteht zuerst? Ist die Musik wichtiger als der Text oder umgekehrt? Sind sie eine untrennbare Einheit? 

Amelie Tobien: Eines habe ich gelernt: Je schneller es aus mir raussprudelt, desto besser ist der Song. Je einfacher und unüberdachter, desto mehr Flow. Wenn ich zu sehr tüftle und zu viele Dinge verändere, wird es plump. Dann kommt der Flow abhanden.

Du bist Teil des Vienna Songwriting Circles. Wie bist du dazu gekommen, und ist das nicht auch eine Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen? Wie in Irland?

Amelie Tobien: Das Projekt ist natürlich krisenbedingt ein wenig eingeschlafen. Einer, den ich dort kennen gelernt habe, ist Dylan Goff. Mit ihm habe ich gemeinsam Musik gemacht, auf seiner Platte mitgemacht. Den Organisator des Circles habe ich in Irland kennengelernt. Eine glückliche Fügung, denn das waren die ersten Leute, die ich hier in Wien kennenlernte und durch die ich zu meinen ersten Gigs in Wien kam.

Was ist der nächste logische Schritt? 

Amelie Tobien: Ich habe viel geschrieben in der Zeit, in der ich nicht spielen konnte. Gerade gestern habe ich mich mit Produzenten getroffen, mit denen ich zusammenarbeiten möchte. Das werden wir im März angehen. Das Album ist bereits im September rausgekommen, ich bin also von den Songs schon wieder ein Stück weg. Ich performe sie zwar gerne, bin aber mit dem Kopf schon wieder woanders. Emotional brauche ich einen Neustart.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Markus Deisenberger

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