ALMA (c) Daliah Spiegel

„Es gibt einen Weg, den wir gehen“ – ALMA im mica-Interview

Seit Herbst 2011 besteht die Gruppe ALMA, die mittlerweile zu einer der erfolgreichsten Weltmusik-Bands in Österreich geworden ist. Im Sommer veröffentlichte der Fünfer sein neues Album „Oeo“ (col legno). Im Interview mit Jürgen Plank erzählten JULIA LACHERSTORFER und MATTEO HAITZMANN über traditionelle Volksmusik und eigene Kompositionen und davon, wie Jodeln weltweit die Herzen öffnet.

Sie sind von Anfang an bei Alma dabei: Wie kam es zur Gründung der Band?

Matteo Haitzmann: Damals war ich sehr jung, ich war 21 Jahre alt. Davor war ich viel am Reisen. Nachdem ich nach Wien zurückgekommen war, hat mich Julia gefragt, ob ich Lust hätte, mitzuspielen. Da wir uns schon länger kannten und ich schon damals gewusst habe – oder wahrscheinlich habe ich es gespürt –, dass wir einen ähnlichen Zugang haben, war es für mich sehr schnell klar, dass ich dabei sein möchte.

Eine Band zu starten, ist ein besonderer Moment, wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Matteo Haitzmann: Ja, das war interessant, weil die anderen schon viel mehr Banderfahrung hatten und schon viel mehr miteinander gespielt haben. Ich und wir alle sind eigentlich in diese Formation hineingeschlittert. Wir haben einander zwar schon gekannt, aber der Kontakt war zuvor nicht so intensiv. Ich weiß noch: Ich war aufgeregt, ich war sehr nervös.

Sind Sie jetzt noch immer aufgeregt?

Matteo Haitzmann: Nein, jetzt nicht mehr. Ich glaube, dass ist das Erste, das wir einander gelehrt haben, und das ist auch das Wichtigste in einem Ensemble: dass man einander künstlerisch und persönlich vertraut.

„Der Eindruck, den ich vom aktuellen Album habe, hat sich seit dem Erscheinen sicher schon fünfmal verändert.“

Die meisten Bands sagen, dass ihre aktuelle CD die beste ist. Wie sehen Sie Ihre neue CD „Oeo“?

Julia Lacherstorfer: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube, es geht auch vielen Künstlerinnen und Künstlern so, dass sie die eigene Platte ab dem Zeitpunkt des Erscheinens, nie wieder anhören. Bei uns ist es so, dass sich die Stücke sehr rasch weiterentwickeln. Man nimmt sie schon ein halbes oder ein ganzes Jahr vor dem Erscheinen auf. Da sind die Stücke recht neu und dann spielt man sie regelmäßig bei Konzerten und dadurch werden sie viel besser. Der Eindruck, den ich vom aktuellen Album habe, hat sich seit dem Erscheinen sicher schon fünfmal verändert.

Können Sie bitte trotzdem eine Einschätzung versuchen?

Julia Lacherstorfer: Was die Musikauswahl und unsere Kompositionen betrifft, denke ich auf jeden Fall, dass das Album eine kontinuierliche Weiterentwicklung ist. Also ist vielleicht das dritte das beste Album. Wobei ich sagen muss, dass alle Alben ihre Qualitäten haben. Das erste war weniger auf Präzision ausgerichtet, dafür haben wir nach wie vor das Gefühl, dass es frisch ist, Energie hat und experimentell ist.

In den Liner Notes schreibt die Autorin Valerie Fritsch in Bezug auf Ihre Musik von einem „Ohrenkino“. Wie gut hat sie das getroffen?

Matteo Haitzmann: Das hat sie wirklich sehr gut getroffen. Es ist wirklich verwunderlich. Wir haben sie bei einer Ö1-Veranstaltung, bei einer Literaturveranstaltung, kennengelernt. Da hat sie uns schon spielen gehört, aber bei einem regulären Konzert geben wir immer ein Ohrenkino oder Kopfkino. Wir versuchen, Anweisungen zu geben, wie die Musik zu hören ist, und bitten das Publikum, sich etwas dazu vorzustellen.

Warum machen Sie das bei Konzerten?

Matteo Haitzmann: Erstens ist die Musik bei schwierigeren Passagen leichter aufzufassen. Zweitens geht es mir oftmals bei Konzerten ab, auch bei klassischen Konzerten: Ich wünsche mir, dass ich mehr Informationen zu den Stücken bekomme, etwa bei bereits verstorbenen Komponistinnen und Komponisten, in welcher Periode ihres Lebens sie ein Stück geschrieben haben. So machen wir das eigentlich immer. Wir geben Bilder und erzählen, was wir uns bei den Stücken gedacht haben. Valerie Fritsch hat das, ohne es jemals so erlebt zu haben, in ihrem Text über uns geschrieben, und das ist echt super.

Außerdem steht im Booklet auf Seite 1: „[…] irgendwo zwischen Heimaterde und einem dunklen All.“ Wie finden Sie das?

Julia Lacherstorfer: Ich finde es bezeichnend und es ist ein Zufall, dass sie diese schöne, poetische Zeile geschrieben hat, weil ich finde, dass unser Album von Sehnsuchtsorten handelt. Es gibt am Ende ein schönes Stück von Matteo, in dem es um einen fiktiven Erholungsort und ein bisschen um das Weltall geht. Das wusste Valerie Fritsch aber nicht, sie hat das offenbar herausgespürt.

Sie haben das angesprochene Stück „Unknown Peace“ komponiert: Wie ist Ihnen diese Szenerie einer Frau eingefallen, die zu den Sternen hochschaut?

Matteo Haitzmann: Ich hatte das Bedürfnis, etwas „Selbstheilendes“ zu schreiben, das mir hilft. Um Momente, in denen Verzweiflung aufkommt, zu verarbeiten. Die Frau mit dem Weinglas, das ist ein Heimatbild für mich. Ich kenne das gut aus meiner Familie, wir sitzen am Balkon oder im Garten, trinken am Abend Wein und schauen in den Himmel. Diese Frau mit dem Weinglas am Balkon, das ist sehr viel Heimatgefühl für mich.

Auf „Oeo“ sind eigene Stücke und Traditionals, die Sie neu arrangiert haben, enthalten. Wie sind Sie bei der Auswahl der Stücke vorgegangen?

Julia Lacherstorfer: Wir haben letztes Jahr im Sommer zehn Tage beim DAVOS FESTIVAL in der Schweiz verbracht und haben an diesen Tagen unser Material gesichtet. Jeder hat Stücke mitgebracht, eigene Kompositionen und Traditionals. Diese Kombination ist uns immer wichtig, um den Anschluss an die Wurzeln nicht zu verlieren. Bei den traditionellen Stücken hat sich ein Landler-Schwerpunkt herauskristallisiert.

Sie haben bereits in Skandinavien gespielt, wie sind denn dort die Reaktionen auf eine österreichische alpinverwurzelte Band?

Julia Lacherstorfer: Das funktioniert immer herrlich, gerade in anderen Ländern könnten wir einen ganzen Abend lang nur Traditionals spielen und die Leute wären komplett happy. Die Begeisterung ist immer riesig, weil unsere Volksmusik sehr gut die Stimmung aufheizen kann. Und Jodeln ist eine Sprache, die ohne jegliche Barrieren funktioniert.

Auch in Südamerika?

Julia Lacherstorfer: Ja, auch in Südamerika, klar. Ich habe wirklich das Gefühl, dass uns unsere Jodeltradition einen direkten Zugang in die Herzen alle Bevölkerungsschichten ermöglicht. Und im Ausland noch mehr als in Österreich selbst, weil bei uns auch viel Ablehnung vorzufinden ist.

„Für mich ist es vollkommen logisch, mich künstlerisch damit auseinanderzusetzen, wo man herkommt.“

Worin besteht für Sie der Reiz, ein traditionelles Volksmusikstück neu zu arrangieren und zu interpretieren?

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Matteo Haitzmann: Egal womit man arbeitet, je tiefer etwas verwurzelt ist und je länger etwas schon besteht: Es ergibt sich eine eigene Intensität, wenn man mit alten Stücken arbeitet. Ein altes Stück gibt sehr viel vor und man ist damit aufgewachsen, nicht nur mit der Melodie, sondern auch mit dem Feeling, mit dem Land. Das alles spielt mit hinein. Somit hat man eine relativ klare Idee, was man machen könnte. Man muss nicht so lange suchen wie bei einem Jazz-Standard. Für mich ist es vollkommen logisch, mich künstlerisch damit auseinanderzusetzen, wo man herkommt. Auch wenn ich darüber nachdenke, woanders hinzuziehen, denke ich mir gleichzeitig: „Dort sind wahrscheinlich keine Leute, mit denen ich spielen kann.“ So wie Menschen sich vielleicht über eine Barriere wie Sprache Gedanken machen, denke ich ganz oft: „Da spielt mit mir niemand einen Walzer, wie ich das gewohnt bin.“

Könnten Sie nicht die Musik mitnehmen und anderswo etablieren?

Matteo Haitzmann: Das schon, aber es geht um das Zusammensitzen und die Erinnerungen und die Gefühle, die man mit der Musik verbindet. Das ist so eine aufrichtige Freude. Jeder freut sich und will spielen. Das geht anderswo natürlich auch und ich glaube, dass jeder das Timing lernen kann, nur müsste man zuerst mal eine Geige und einen Kontrabass finden und ich glaube, das ist nicht so einfach.

Julia Lacherstorfer: Es geht auch um das Spüren der eigenen traditionellen Musik, über das man nicht reden muss, wenn man mit Leuten zusammensitzt, die den gleichen Hintergrund haben. Das ist ein nonverbales Einverständnis, wie man etwas spielt.

Sie sind sehr erfolgreich unterwegs, es gab internationale Tourneen und Auszeichnungen. Wie gehen Sie mit dem Erfolg um? Erzeugt der Erfolg auch Druck?

Matteo Haitzmann: Ich spüre gar keinen Druck. Jegliches künstlerisches Erschaffen ist bisher in einem natürlichen Prozess entstanden. Wir mussten nicht über künstlerische Ideen und Kompositionen streiten. Es ist alles so nonverbal passiert, dass es mir so viel Vertrauen gibt und ich nicht nach außen denke. Innerhalb der Band ist es künstlerisch sehr stimmig und das gibt mir für die Öffentlichkeit draußen so viel Halt, dass ich noch nie darüber nachgedacht habe, ob unser nächstes Programm gut wird. Oder in welche Richtung wir uns entwickeln. Es gibt einen Weg, den wir gehen. Und da der Weg so klar ist, kann man sich nicht in Abzweigungen verirren.

„Wir können es uns nicht erlauben, ein Konzert zu spielen, über das wir uns nicht viele Gedanken gemacht haben.“

Wie geht es Ihnen in Bezug auf den Erfolg der Band?

Julia Lacherstorfer: Beim Komponieren, beim Arrangieren und beim Proben geht es mir so wie Matteo. Das ist einfach so, wie es ist. Ich stelle nicht meine eigene Kreativität infrage, sondern ich weiß einfach: Ich will, dass es so klingt, und weiß auch, warum. Wenn die Musik aufgenommen, gemastert und veröffentlicht wurde und etwas Intimes der Öffentlichkeit auch zur Bewertung freigegeben wurde, dann ist das ein verletzlicher Moment, weil es mich einfach trifft, wenn Leute etwas Negatives sagen. Das steht natürlich jedem total frei und ich kann auch aus jeder schlechten Kritik etwas mitnehmen und hinterfragen, ob das stimmt. Da spüre ich schon einen gewissen Druck und auch die Erwartungen des Publikums steigen einfach, kommt mir vor. Das ist vielleicht nur meine Empfindung: Wir können es uns nicht erlauben, ein Konzert zu spielen, über das wir uns nicht viele Gedanken gemacht haben.

Matteo Haitzmann: Die Erwartungen steigen, aber ein gewisser Teil unseres Publikums wünscht sich, dass wir stillstehen.

Inwiefern? Weil man am liebsten das hört, was man bereits kennt?

Matteo Haitzmann: Ja, oder manche sagen: „Es wird immer anspruchsvoller.“ Oder: „Das war jetzt beim Zuhören schon ziemlich herausfordernd.“ Manche wünschen sich eine Volksmusik-Unterhaltungsband, die einen Twist hat. Das ist auch vollkommen okay, das ist aber nicht unsere aktuelle künstlerische Position.

Julia Lacherstorfer: Und war es auch nie.

Matteo Haitzmann: Eigentlich ist das verrückt, aber da geht es um Stillstand.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Alma live:
25.10.2017: Festssaal, Waldzell

28.10.2017: Musiverein Wien, mit Tonkünstler Orchester Niederösterreich
29.10.2017: Festspielhaus St. Pölten, mit Tonkünstler Orchester Niederösterreich

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