„Alles ist möglich, solange wir es nur tun“ – SIMON ÖGGL und LUDWIG ASCHER (DRAHTHAUS) im mica-Interview

DRAHTHAUS performen elektronische Musik live, mit mehr als zwanzig akustischen und digitalen Instrumenten, Alltagsgegenständen und Effektgeräten. DRAHTHAUS verstehen sich aber als mehr als nur eine Band: als Organisation, die das Miteinander verdrahten will. Gemeint ist: die Fähigkeiten, Interessen, Ideen und Herangehensweisen ihrer Mitglieder, Follower, Sympathisantinnen und Sympathisanten. Verfolgt wird ein neuer, radikaler, strikt partizipativer Ansatz. Wann, wenn nicht jetzt, in Zeiten der Krise, ist der richtige Zeitpunkt, um über derart Grundsätzliches, über Utopien nachzudenken? SIMON ÖGGL und LUDWIG ASCHER erklärten Markus Deisenberger, wie man ein Publikum am kreativen Schaffensprozess teilnehmen lässt und wie mehr Demokratie zwar langsamer, aber auch sicherer macht.

Corona ist die derzeit typische Eröffnung jedes Gesprächs. Ich nehme an, die Seuche hat auch euch ein wenig runtergestoppt. Das soeben erschienene neue Album will schließlich beworben und betourt werden, oder? 

Simon Öggl: Wir wären jetzt in Rumänien, Ungarn und Südtirol. Alle Konzerte sind ausgefallen. So spüren wir das wie alle anderen Acts auch, die jetzt spielen würden. 

Ludwig Ascher: Eine Tour war geplant, aber zumindest für einen Teil der Konzerte haben wir Ausweichtermine oder sind zumindest im Gespräch darüber, um entsprechende Termine zu finden. Aber schade ist das natürlich. Wir wollten raus und spielen.

Ich bin ja normalerweise kein Freund von Promo-Texten, zu viel Selbstlob, zu viele Worthülsen, aber in eurem Fall lohnt es sich durchaus, das zu lesen. Ich zitiere: „Drahthaus ist zuallererst ein Kollektiv, ein Zusammenschluss diverser in Wien lebender Kreativer (Musiker*innen, Künstler*innen, Designer*innen, Filmemacher*innen, Techniker*innen, Programmierer*innen, Handwerker*innen, Veranstalter*innen).” Wie ist dieses Kollektiv entstanden, wie gewachsen? Wie lose oder fest seid ihr alle miteinander verbunden? 

Simon Öggl: Entstanden ist es recht früh. Am Anfang hatte es auch noch nicht den Namen, den es jetzt hat, aber es hat sich im Freundeskreis relativ bald eine Gruppe an Leuten herauskristallisiert, die bereit waren, mit ihren Fähigkeiten und ihrer Zeit mitzumachen. Daraus entstanden das Kollektiv und die Idee eines Skill-Pools. Die Leute sind mit ihren verschiedenen Fähigkeiten dabei. Wer eine Idee hat und etwas anreißen will, kann auf die Ideen und die Mithilfe der anderen zurückgreifen. Dann bilden sich innerhalb des Kollektivs Gruppen, die an der Umsetzung einzelner Ideen arbeiten.

Beim Musikvideo zu „Rite“ etwa hat sich eine Gruppe von vier Leuten gebildet hat, die sich ums Drehbuch gekümmert hat. Andere schauten auf die Produktion. Valentin [Martins; Anm.] aus der Band führte Regie, Fabian [Wallnöfer; Anm.] stand hinter der Kamera. So schaut die Zusammenarbeit aus. Für jedes Projekt wird die Expertise aus der Gruppe zusammengesucht.

Aber das Herzstück ist die Band, oder? 

Ludwig Ascher: Genau. Der Grund, weshalb sich rund um die Band so viele gesammelt haben, war, dass wir als Band von Anfang an viel am Projekt arbeiten wollten. Wir konnten nicht viel zahlen, haben deshalb auf Freundschaften zurückgegriffen. Leute, die wir kennen und schätzen. Alle schätzen sich gegenseitig. Aber für uns war und ist es die Band, die das alles motiviert hat.

Ihr sprecht in dem angesprochenen Text auch von der Vision, „alte Strukturen in Frage zu stellen und Raum für Neues zu schaffen”. Welche Vision und welche alten Strukturen sind damit gemeint? 

Simon Öggl: Für uns sind die ganzen Strukturen rund um die Kunst wichtig, Musik zu schaffen und zu verwerten und welchen Wert das Ganze in der Gesellschaft hat, wie man das Ganze bewertet und verwertet. Da sind wir geschlossen der Meinung, dass Kultur viel wert ist und dass wir in einer Zeit leben, in der wir zwar alles in Hülle und Fülle haben, Anerkennung und Förderung sich aber woanders abspielen. Deshalb sind wir dafür, Kunst mit einem kollektiveren Gedanken anzugehen und neue Wege zu schaffen, wie man Kunst verwerten kann. Wir sind auch alle Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens. Wir sind mit der Situation, wie Arbeit bewertet wird und wo Kultur in der Bewertung steht, nicht ganz zufrieden und versuchen zu denken, ein Auge bzw. Ohr offen zu halten und bestenfalls am Diskurs zu partizipieren.

„Jede Meinung wird gehört und geschätzt.”

Kann es so etwas wie völlige Gleichberechtigung im Schaffensprozess überhaupt geben? Jeder Schaffensprozess ist in gewisser Weise doch auch asozial, oder nicht? 

Ludwig Ascher: Selbstverständlich haben wir zwangsweise innerhalb der Band eine Aufteilung der Arbeitsbereiche, um effizienter sein zu können, wobei die Meinung eines jeden gehört wird. Jede Meinung wird gehört und geschätzt. Das ist ein wichtiger Grundsatz.

Simon Öggl: Wir sind, glaube ich, auffallend demokratisch, was den Prozess zwar insgesamt deutlich verlangsamt, wenn man alles bespricht. Andererseits gibt es uns eine große Sicherheit. Wir haben alle einen unterschiedlichen Geschmack und denken in unterschiedliche Richtungen. Wenn wir etwas finden, wo wir alle übereinstimmen, dann sind wir uns auch besonders sicher.

Welche Rahmenbedingungen braucht es aus eurer Sicht, um Raum für Neues entstehen zu lassen? 

Ludwig Ascher: Das hängt stark mit der Kommunikation zusammen. Dass man auf einfachstem und bestem Wege miteinander in Kontakt treten kann und dass dann ein Netzwerk entsteht, an dem mehrere partizipieren können, in dem sich Leute auf neue Weise miteinander verbinden.

Glaubt ihr, dass die Krise etwas ins Positive bewirkt? Dass sich mehr Leute ähnliche Gedanken machen wie ihr?

Albumcover Drahthaus
Albumcover “Drahthaus”

Simon Öggl: Schwer zu sagen, was der allgemeine Gedankendiskurs ist, weil man ja immer in einer Blase drin ist, aber mir kommt schon vor, dass plötzlich mehr Awareness für die Systemrelevanz mancher Jobs und die Bewertung mancher Berufe da ist und für die Beschäftigung mit der Frage, ob nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen viel zum Positiven bewirken würde. Das wäre doch ein guter Schritt, um wachsen zu können. Der permanente Zwang, sich beweisen zu müssen, der Zwang, sich schon mit zwölf darüber Gedanken zu machen, welches Berufsbild es denn einmal sein soll, und das in einer Zeit, in der es darum gehen sollte, eine Faszination zu entwickeln und nicht vorzeitig Entscheidungen zu einem Zeitpunkt treffen zu müssen, zu dem ich nicht fähig bin, wirklich nachhaltig entscheiden zu können. Das würde wegfallen. Motivierte und selbstgetriebene Arbeit ist die beste. Unser Bezahlsystem entwertet. Mit den Belohnungssystemen, die wir anwenden, zerstören wir schon bei Kindern die intrinsische Motivation. Abgesehen davon merkt man in der Krise schon, dass die Leute im Ernstfall solidarisch sein können.

Ihr würdet aus unterschiedlichen Richtungen kommen, habt ihr gesagt. Welche sind das? 

Ludwig Ascher: Einmal die klassische Musik, sowohl die alte als auch die zeitgenössische, Jazz. Auch die elektronische Musik, insbesondere Drum & Bass und Minimal Techno spielen eine Rolle. Außerdem gibt es viel Popmusik, die wir hören, aus verschiedensten Jahrzehnten. 

Simon Öggl: Hip-Hop nicht zu vergessen.

„Die Art, wie wir das formen und mit kleinen Ideen umgehen und daraus große Formen stricken, zählt.”

Wie einigt man sich aus diesen vielen unterschiedlichen Einflüssen auf einen gemeinsamen Weg? Das Album wirkt ja nicht inhomogen und disparat, sondern das Gegenteil ist der Fall. Es wirkt wie aus einem Guss. 

Simon Öggl: Ein bisschen ist es die Art des Umgangs mit einer Idee, die gleich bleibt und den Stil macht. Es ist weniger wichtig, ob die einzelne Idee mehr nach Klassik oder Rap oder Rock klingt. Die Art, wie wir das formen und mit kleinen Ideen umgehen und daraus große Formen stricken, zählt. Und das ist es auch, was dem Ganzen insgesamt den roten Faden gibt, trotz der Ausbrüche in ganz verschiedene Genres.

Ludwig Ascher: Natürlich haben auch das Programm, der Computer einen starken Einfluss darauf, wie wir Musik schreiben, da dadurch die Möglichkeiten vorgegeben sind bzw. eingeschränkt werden. Es geht darum, interessante und gute Wege zu finden, wie wir mit diesen Programmen arbeiten können.

Simon Öggl: Da wir getimte Effekte und Loopings haben, brauchen wir einen Klick, damit wir diese Informationen gedeihend im Computer starten und laufen lassen können. Das ist eine Einschränkung. Deshalb versuchen wir, mehr mit Metrik zu spielen und mit Verschiebungen innerhalb eines Temporasters diese Unterschiede und Spielereien zu erzeugen, die bei einem anderen Klangkörper auf anderen Ebenen passieren.

„Wir wollen auf jeden Fall Grenzen aufbrechen.”

„Intuitiv und verkopft zugleich“ soll eure Musik sein. Man könnte auch sagen: Abstrakte Ideen kreisen um konkrete Beats und umgekehrt. Die Musik ist komplex, dann aber doch nicht zu komplex, um dazu noch tanzen zu können. Ist es auch ein Ziel der Musik, sich an mehreren unterschiedlichen Orten, im Club, auf dem Sofa und im Konzertsaal breitzumachen?

Ludwig Ascher: Wir wollen auf jeden Fall Grenzen aufbrechen, dem einen Publikum das jeweils andere auch zugänglich machen. Es gibt nicht nur eines. Ich finde es absurd, dass man verschiedene Richtungen bevorzugt und die anderen ablehnt. Mir gefällt alles, ich will keinen Unterschied machen.

Auf YouTube findet sich eine Garden Session neben dem Video zu „Cles“, das im Club aufgenommen wurde. Ist es das Ziel, mit ein und derselben Musik sehr unterschiedliche Orte zu bespielen und dadurch auch sehr unterschiedliche Menschen zu erreichen? 

Simon Öggl: Auf jeden Fall, auf Vimeo gibt es auch ein Video von uns, wo wir auf dem Transart spielen, einem zeitgenössischen Musikfestival in Südtirol. Das war eine Show für sitzendes Publikum, zeitgenössische Musik, aber nach den Prinzipien gemacht, nach denen wir Musik machen. Für jedes Stück hatten wir ein besonderes Material, einmal Metall, einmal Holz. Da haben wir die Musik für diesen Moment gemacht und uns ganz klar positioniert. Und dieser Moment war kein Club- oder Feiermoment.

Das heißt, ihr geht auch absichtlich in unterschiedliche Richtungen, wenn ein Publikum besonders gepolt ist. Ihr geht auf das Publikum zu? 

Simon Öggl: Genau. Wir wollen den jeweils gebotenen Raum so gut wie möglich ausfüllen.

Auf dem Album finden sich viele verschiedene Instrumente: Akkordeon, Saxofon, Trompete etc. Sind die der musikalischen Herkunft geschuldet?

Ludwig Ascher: Das sind die Instrumente, die wir irgendwann mal gespielt haben oder spielen wollten. Wir sammeln alles, was uns in die Finger kommen. Dann überlegen wir, ob und wie wir das verwenden können. Das ist intuitiv …

Simon Öggl: … und am Wachsen. Das ist nicht beschränkt. Wenn wir etwas ausgraben, kann das beim nächsten Mal eine Rolle spielen.

Elektronische Musik live entstehen zu lassen, ist nicht neu. Elektro Guzzi haben das schon getan. Oder auch Brandt Brauer Frick in Deutschland. Waren die eine Inspirationsquelle für euch? 

Simon Öggl: Auf jeden Fall eine große, besonders Brandt Brauer Frick.

Ludwig Ascher: Elektro Guzzi spielen rein analog. Da ist uns BBF von der Art, wie sie spielen, wesentlich ähnlicher. Was die technische Herangehensweise betrifft, ist uns Bing Beats, ein Belgier, am ähnlichsten. Der benutzt auch Ableton Live.

Bild Drahthaus
Drahthaus (c) Mateusz Wiglinzki

Ihr würdet einen „neuen, radikalen, strikt partizipativen Ansatz” ins Spiel bringen wollen, sagt ihr. „Es geht darum, den Prozess der Entstehung von Musik zu thematisieren. Denn üblicherweise bleibt genau dieser ausgespart – präsentiert wird ein ‚fertiges‘ Substrat auf der Bühne.” Wie genau geht ihr jetzt dagegen an? Wie kann ich als Normalbürger an eurem kreativen Schaffensprozess partizipieren?

Ludwig Ascher: Die Produktion, wie man ein Album aufnimmt, diesen Prozess, was da genau passiert, was am Computer dafür zu tun ist, das bringen wir auf die Bühne. Da kann man sehen, wie solch eine Produktion mit den heute möglichen Mitteln funktioniert. Natürlich kann man nicht alles sehen, was auf jedem einzelnen Computer passiert. Es gibt auch Automatismen, aber im Allgemeinen sieht man mehr, als wenn man einem Frontmann zusieht, der eine Stimmung darstellt.

Simon Öggl: Im elektronischen Bereich ist es ja meistens so, dass der klassische DJ nichts von der Entstehung der Musik preisgibt.

Manche Artists – etwa Neil Finn oder die Einstürzenden Neubauten – lassen ihre Fans ab einem bestimmten Stadium am Aufnahmeprozess teilhaben. Wäre das etwas, die Leute an einer Recording Session partizipieren zu lassen?

Simon Öggl: Ja, es gibt exklusiven Content. Wir machen zum Beispiel Rohschnitte von Videos zugänglich. Wenn Leute spenden, können sie bei einer Probe vorbeikommen.

Die Produktion ist atemberaubend. Wer ist dafür verantwortlich? Ihr alle gemeinsam?

Ludwig Ascher: Unser Produktionsleiter ist Simon. Der hat das letzte Wort, was den Sound angeht.

Simon Öggl: Alle künstlerischen Fragen, Effekte, Delays etc. bestimmen wir alle gemeinsam. Das Recording und den Sound im Blick zu behalten, ist aber meine Aufgabe.

Die Musik ist komplex, auch der demokratische Prozess ist es. Die Produktion nimmt auch viel Zeit in Anspruch. Wie lange dauerte es, bis die Platte so vorlag, wie sie jetzt vorliegt?

Ludwig Ascher: Ich weiß es nicht mehr genau. Zwei Jahre. Aber wir haben immer wieder andere Projekte eingeschoben. Das heißt, die Arbeit war nicht kontinuierlich. Videos, Konzerte, Touren, es hätte kürzer sein können, wenn wir nicht so viel zu tun hätten.

Simon Öggl: Das Album ist unser Debüt. Das muss schon passen. Man soll so lange an etwas arbeiten, bis man wirklich zufrieden ist. Und das sind wir jetzt. Alles ist möglich, solange wir es nur tun.

Ihr wollt Grenzen überwinden. Nur Genre-Grenzen oder auch andere?

Ludwig Ascher: Die Computer so miteinander zu verbinden, dass man in Echtzeit miteinander musizieren kann und Effektierungen in Echtzeit hört – das waren Grenzen, mit denen wir eine Zeit lang ernsthaft gekämpft haben, die wir mittlerweile aber überwunden haben. Das hat eine Weile gedauert. 

Simon Öggl: Was wir generell infrage stellen wollen, ist auch, dass ein Album das Produkt schlechthin ist, das es zu bewerben gilt. Wir überlegen ständig, was wir sonst noch tun können, sind für alles offen. Filmmusik live zu spielen etwa, einen Film zu produzieren. Ein Album als Film zu präsentieren.

Ludwig Ascher: Aus dem Kollektiv hat sich auch „Aus dem Häuschen“ entwickelt, das rein auf Veranstaltungen geht, momentan noch vorwiegend im Techno-Bereich, aber das kann auch ausweiten. Auch diese Grenzen wollen wir überschreiten.

Ihr wollt „den anarchischen Freiraum der Kunst mit systematisch analytischen Fragestellungen vermessen”. Meint ihr das ernst? 

Simon Öggl: Ja. Es ist ja keine Magie, was wir machen, sondern es sind nachvollziehbare Prozesse. Natürlich hat es für uns eine Magie, aber wie man das Ganze angeht und strukturiert, ist eine organisatorische und analytische Frage. Um mit der Freiheit leben zu können, braucht es einen gut genug strukturierten Apparat.

Was sind eure nächsten Schritte? 

Ludwig Ascher: Sobald wie möglich auf Tour gehen, hoffentlich noch in diesem Jahr. Einige Musikvideos werden kommen. Außerdem kann man sich auf weitere Produktionen freuen, die in den Startlöchern stehen. Neue Tunes.

Simon Öggl: Und wir arbeiten gerade an einem Remix für Ulrich Drechslers neues Album.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Markus Deisenberger

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