AKTUELLE VERÖFFENTLICHUNGEN: POP/ROCK/ELEKTRONIK (1/2019)

Die neuesten Releases der österreichischen Pop-, Rock- und Elektronik-Szene hat Shilla Strelka zusammengefasst. Darunter finden sich neben Veröffentlichungen bereits bekannter heimischer Acts auch sechs Debütalben und ein Tape-Release.

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AT PAVILLON – „Believe Us”
(LAS VEGAS RECORDS)

At Pavillon präsentieren auf ihrem Debütalbum süffigen, energetischen Pop-Rock. „Believe Us” orientiert sich am US-amerikanischen Markt; lebt von enthusiastischen Melodien, überschwänglichen Gitarren und einer Stimme, die aufs Ganze geht. Der Sound der „romantischen Rebellen“ ist fresh und poppig und dabei immer am Punkt. Mit „Believers“ kann man schon jetzt einen internationalen Hit vorweisen. Dabei scheuen sich At Pavillon nicht, gesellschaftspolitische Themen anzusprechen. So werden Xenophobie, Flucht und Selbstermächtigung in den Lyrics mitverhandelt.

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cULK – „S/T”
(SILUH RECORDS)

Verruchter Post-Punk, getragen von einer Stimme, in deren Intonation die samtige Verführung mitschwingt, die schon Courtney Love und Lydia Lunch eigen war. Culk bewegen sich immer nahe am Abgrund. Dabei inszeniert sich Sängerin Sophie Löw als gebrochene Femme Fatale, singt von Liebe und Ohn-/Macht und geht dabei in die Tiefe, also dahin wo es wehtut. Culk leben vom Tanz der Gegensätzlichkeiten: die Leidenschaftslosigkeit der Stimme wird von drängenden Gitarren und aufgebrachten Drums aufgefangen. Die Sehnsucht gibt sich hier abgeklärt, die Willenlosigkeit vehement. Die Songtexte sind explizit und dennoch rätselhaft, unterkühlt, aber gleichzeitig intim. Anmutiger Borderline-Abgesang.

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Destroyed But Not Defeated –„Deluxe Redux“
(WOHNZIMMER RECords)

Der dritte Release des Trios gibt sich als stilsicheres Pop-Rock Album, das stark vom Alternative-Sound der 1990er und frühen 2000ern inspiriert ist. „Deluxe Redux“ ist was es verspricht – ein durchdachtes Album, bei dem jede Nummer schnörkellos und in sich geschlossen ist. Dabei sind die Nummern voll tröstender Töne und selbstironischer Twists. Der ästhetische Abwechslungsreichtum des Albums lässt sich durch die Reihe illustrer Gastmusiker erklären, darunter Eloui und Ex-Sofa Surfer Wolfgang „iWolf“ Schlögl am Akkordeon.

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ERSTES WIENER HEIMORGELORCHESTER –„anderwo“
(OHM RECORDS)

Das Erste Wiener Heimorgelorchester präsentiert mit „anderwo“ ein verqueres Kleinod von akustischer Schrulligkeit und sprachlicher Skurrilität und beweist damit erneut, wieviel Poesie im scheinbar Banalen liegt. Diesmal werden die Gedichte störrischer Wortakrobaten vertont, darunter Artmann, Jandl und Okopenko. Man schreibt dabei Dada nicht nur in Wort, sondern auch in Klang groß. Hier werden augenzwinkernd, aber mit viel Hingabe die trivialen (Preset-)Sounds der Heimorgeln –  batteriebetriebenen Mini-Keyboards von Bontempi, Casio und Yamaha – auf die Bühne gebracht. Wunderbar beschwingte, humorvolle Understatement-Musik, voll sprühender Referenzen.

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LEX AUDREY – ‚No Intention of Changing the World‘
(lasvegas records)

Lex Audrey produzieren nachdenklichen, aber versöhnlichen Elektro-Pop und haben dabei nicht die Bestrebung, die Welt zu ändern wie der Titel ihres Debütalbums vorausschickt. Gesellschaftskritisch sind sie dann aber doch, beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Social Media und digitalen Technologien und dem damit einhergehenden Hedonismus und Narzissmus. Den zeitgeistigen Themen wird ein ebensolcher Sound zur Seite gestellt.  Verspielt und clubbig, dann wieder melancholisch und widerspenstig und beizeiten sogar hymnisch – die oberösterreichische Formation hat für jede Gemütslage den passenden Sound parat. Dabei setzt man mit einer erstaunlich agilen Falsett-Stimme, Gitarre, Synths und Drums auf Hooklines, die man gerne wieder hört.

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MARK PETERS AND THE DARK BAND – „The Sum Of All Parts”
(Audio heart records)

Ein Mann an der Gitarre singt Lieder über die Liebe und das Leben. Der in Wien stationierte, ursprünglich aus London stammende Singer-Songwriter Mark Peters präsentiert mit „The Sum Of All Parts” eine EP vollgepackt mit Sehnsuchts-Melodien und samtpfotigen Zwischentönen. Musik für einsame Wölfe, die gern Country und Americana-Balladen hören, um sich im Kollektiv einsam zu fühlen.

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Nonetheless – „s/t”
(neubau)

Nonetheless nennt sich das neue Duo von Florian Bocksrucker und Felix Bergleiter, letzterer bekannt aus der Hip-Hop Formation Waxolutionists. Auf dem selbstbetitelten Album präsentieren sie dunkel eingefärbte Nachtmusik. Nonetheless setzen mit ihrem eleganten, atmosphärischen Techno auf Stimmungsbilder. Der Drive, den die beiden aufbauen, lässt Landschaften vorbeiziehen; finstere Autobahn-Raststätten, Blitzlichter auf nebeligen Routen. Die fein ausbalancierte Mischung aus dubbigen, abgeschlackten Drummachine Beats, angezerrten Synths – die entfernt an John Carpenter Soundtracks der 1980er erinnern – und elektro-akustischen Sounds faltet filmische Szenerien aus, ohne dabei zu konkret zu werden. Auratischer, abgeklärter erster LP-Release des Wiener Labels Neubau.

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Philipp Quehenberger – „In/Out“
(MINIMALSOUL RECordings)

Nachdem Philipp Quehenberger die letzten Jahre vor allem im Live-Kontext aktiv war, veröffentlicht das Enfant Terrible mit “In/Out” mal wieder einen Solo-Release. Die EP präsentiert sich mit gerade dahin-marschierenden, Geschwindigkeits-gedrosselten Cold-Wave-Beats und finsteren Synths, so schräg und lausbübisch wie gewohnt. Dazu gibt es diesmal sogar Teaser-Vocals. Quehenberger übt sich in Coolness und Nonchalance, wobei sein Sound einfach immer etwas von der Unmittelbarkeit seiner Live-Shows in sich trägt.

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Pippa – „Superland“
(LOTTERLABEL)

Die Schauspielerin und Musikerin Pippa Galli offeriert auf ihrem Debütalbum leicht bekömmliche Lieder, die von der Neuen Deutschen Welle ebenso inspiriert sind, wie von deutschem Diskurs-Pop und der beschwingten Schwermut alter Schlager-Nummern. Pippa thematisiert auf „Superland“ aus dem Leben gegriffene Begebenheiten, Momentaufnahmen und Befindlichkeiten, die sie in lapidare Sätze packt. „Es ist ok, alles ok.“, singt die 33-jährige. „Wir sind nicht erwachsen, wir sind noch nicht groß, wir lieben das Leben, wir treten was los.“ Das Leben kann so einfach sein, wenn man es nur lässt. Lakonie in Bonbon-Farben.

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ScarabeusDream – „Crescendo“
(NOISE APPEAL)

Explosiver Post-Hardcore aus dem Hause Noise Appeal. Der neueste Release von Scarabeusdream strotzt nur so vor synthetischer Energie und lebt dabei von starken Kontrasten und großen Gesten. Die Besetzung des Duos ist ungewohnt, denn die teils rasend getunten, teils empfindsamen Falsetto-Hardcore Vocals verbünden sich mit dramatischen Synths, präzise gesetzten Drums und tiefgründigem Klavier (!). Hannes Moser und Bernd Supper liefern mit „Crescendo“ lärmenden Wohlklang und orchestrale Arrangements.

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Schrecken & Bernhard Bauch – „S/T”
(VENTIL RECORDS)

David Schweighart wird zu Schrecken & Bernhard Bauch. Vielleicht wird er auch nur zu Schrecken und Bernhard Bauch existiert wirklich. So klar ist das nicht. Feststeht, dass uns der Ausnahmemusiker Schweighart, der in zahlreichen Formationen als Schlagzeuger in Erscheinung tritt, auf seinem kurios betitelten Album als Singer-Songwriter herzerweiternde Outsider-Balladen präsentiert.  Schrecken & Bernhard Bauch kanalisiert ein wildes Sammelsurium unterschiedlicher Stile in hingebungsvollen Songs. Manchmal schummeln sich eigenwillige elektro-akustische Elemente ein, ein andermal zärtliche Klavierklänge oder rockige Gitarren-Riffs. Trotz seiner Unmittelbarkeit und den teils knapp gehaltenen Nummern, ist das Album voll balladesker Schönheit – ein ungeschliffener, funkelnder Rohdiamant.

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The Boiler – „Body=Death“
(CUT SURFACE)

Die universal begabte Kristina Pia Hofer hat sich mit The Boiler ein neues musikalisches Alter Ego erschaffen und betreibt mit diesem emotionalen wie politischen Aktivismus. The Boiler schert aus, ist experimenteller, aber auch elektronischer als das Solo-Projekt Ana Threat und die Duos The Happy Kids und Kristy And The Kraks. Neben Stimme, Drummachine, 4-Spur Bandmaschine und Synths spielt hier eine Philicorda-Orgel die heimliche Protagonistin. Der sanfte, atmosphärische Sound letzterer reibt sich an Threats vehementem Ausdruck. Dabei gibt sich jene persönlicher und verletzlicher als je zuvor. Dazwischen finden sich tanzbare, ätzende Post-Wave Nummern, hochgepitcht zu industriellen Techno-Tracks. „BODY=DEATH“ orientiert sich nur mehr lose an Songstrukturen und verschränkt die politische Message mit der tiefschürfenden Weltmelancholie einer ganzen Generation.

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WRONG BODY – “Benzo Edits”
(CUT SURFACE)

Und zuletzt eine weitere Veröffentlichung des Labels Cut Surface: Dino Spiluttini hat sich eine neue musikalische Identität zugeschrieben. Als Wrong Body taucht der Elektroniker zwar in gewohnt melancholische und verhuschte Sphären ab, allerdings tritt Spiluttini diesmal auch als Sänger in Erscheinung. Dass sich das mehr als auszahlt, hat er bereits in der Formation Swan Fangs bewiesen. Als Wrong Body klingt die Stimme des Wieners aber so dunkel, verhallt und abgründig wie selten. Die bleischweren Vocals werden von den todtraurigen Lo-Fi-Synths getragen. „Benzo Edits“ offeriert phlegmatischen, endzeitlichen Cold-Wave-Pop für Leute auf Entzug. Wir fühlen uns haunted.

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Shilla Strelka

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