5KHD (c) Astrid Knie

„Wir könnten das aufblasen, aber machen wir lieber was Schönes“ – 5K HD im mica-Interview

Die Aufregung ist riesig. Totales Highlight am POPFEST, Meisterwerk, Supergroup. Kaum ein Album wird derzeit so hochgejubelt wie das von 5K HD. MIRA LU KOVACS und KOMPOST 3 haben sich zusammengetan, die Erwartungen sind hoch. Seit Freitag kann man sich von dem Album überzeugen, das avantgardistischen Pop, Jazz mit Song und elektronische Sounds zusammenbringt. 5K HD sind zu dritt zum Interview mit Stefan Niederwieser gekommen.

Das Album war letzten Herbst schon fast fertig, oder?

Manuel Mayr: Einige Nummern gab es schon, aber fast alle sind jetzt in neuem Gewand, teilweise mit ganz anderer Instrumentierung.

Mira Lu Kovacs: Wenn man das Album mit der EP vergleicht, klingen die Nummern komplett anders – bis auf eine. Wir alle waren dabei sehr gleichwertige Produzenten.

Manuel Mayr: Die zehn Nummern auf dem Album sind auch jede für sich anders und eröffnen verschiedene Klangwelten. Alles ist live spielbar, nur „Gimme“ ist in einer Art Overdub-Verfahren entstanden. Die Sounds kommen von uns, es gibt keinen Laptop, jedes einzelne Instrument und jede Stimme kann seine bzw. ihre Rolle wechseln.

Woran denken Sie beim Namen „5K HD“?

Lukas König: Wir haben ewig nach einem Namen gesucht, wollten beides [Kompost 3 und Schmieds Puls; Anm.] fusionieren, aber dadurch nichts eliminieren.

Mira Lu Kovacs: Es klingt wie ein Produktname, etwas voll Kaltes, ohne Emotionen, wie 187 B, wie ein Mensch, der eine Nummer bekommt. Für mich war das eine stille Kritik an dieser Branche, die immer nach Produkten sucht und One-Hit-Wonders. Ich hatte zu 5K HD sehr viele Assoziationen, erstens das K: Kompost, Kovacs, König heißt der Lukas auch noch. Und HD war dieses Futuristische, aber auch Dystopische. Wenn man heute von einem HD-Fernseher redet, ist das das schlechteste Bild ever, das ist schon wieder etwas Vergangenes. Mit diesen Begriffen spielen wir.

„Der Songwriting- und Kompositionsprozess war extrem natürlich und angenehm.“

Und wie fing es an? Sie machen ja alle viel Musik, warum hat gerade diese Konstellation funktioniert?

Mira Lu Kovacs: Der erste Funke ist bei der ersten Single „Anthem“ übergesprungen. Das war ein Versuch, und für mich war es extrem easy, ganz intuitiv etwas hinzuzufügen. Das hat so Sinn gemacht – ein wenig hat es schon gedauert, aber es hat sich gleich super angefühlt. Der Songwriting- und Kompositionsprozess war extrem natürlich und angenehm.

Manuel Mayr: Nach der Präsentation der Single im Brut wurden wir vom Fleck weg für das Konzerthaus engagiert. Da dachten wir: „Machen wir halt noch eine CD fertig – zum Herzeigen.“ Und innerhalb von ein paar Wochen ist die EP fertig geworden.

Warum standen auf dem Konzerthaus-Programm einzelne Namen als Urheber der Songs dabei?

Cover “And To In A”

Mira Lu Kovacs: Diese Person hat die Grundidee mitgebracht, aber im Grunde genommen ist es kollaboratives Songwriting, und das macht die Band sehr, sehr stark aus – was ich mir früher nie hätte vorstellen können. Normalerweise schreibe ich alles selbst und halte es nicht so leicht aus, wenn mir jemand dreinredet. Aber hier war von Anfang an ein anderer Ton. Ich bin zwar die Sängerin, aber es gibt keinen Frontmann bzw. keine Frontfrau.

Spielt der Song „What If I“ denn mit den Ideen Whistleblowing, Überwachungsstaat und biometrischer Erfassung?

Mira Lu Kovacs: Wollen wir das nicht einfach so stehen lassen, das klingt wunderbar. Texte zu schreiben ist für mich generell eine schizophrene Angelegenheit, Monolog und Dialog können schnell wechseln. Oft ist ein Text in einem größeren Kontext zu sehen, und plötzlich merkst du mit einer einzigen Zeile, dass es eigentlich sehr persönlich gemeint ist.

5K HD ist keine plakative Band, die Texte erzählen keine Geschichten. Wenn dann das Video kurz verpixelt oder ganz langsam an eine Person heranzoomt oder das Wort government aufblitzt …

Mira Lu Kovacs: Ich halte mich vage, deshalb bekommt man vielleicht keine Information wie in einer Zeitung, sondern diese Blasen, in denen wir leben, mit denen wir uns tagtäglich befassen müssen. Die Rollen, die uns zugeteilt werden, ob wir wollen oder nicht, mit denen müssen wir uns befassen und dieses Gefühl, diese Farbe versuche ich in Texten zu verarbeiten. Und mit „the government sold you to comfort and shame” ist dieses Betäuben der Bürgerinnen und Bürger mit Information gemeint. Man glaubt, man hat noch Macht über sein eigenes Leben, aber I don’t think so.

Manuel Mayr: Und außerdem sind wir überzeugt, dass wir die besseren Gefühle haben.

In der österreichischen Literatur ist der symbolische Vatermord ein häufiger Topos. Ist „Mute“ Mira Lu Kovacs’ Muttermord?

Mira Lu Kovacs [längere Pause]: Es hat, glaube ich, noch nie jemand so gut auf meine Texte geachtet. Scheiße, jetzt muss ich zum ersten Mal rechtfertigen, was ich da schreibe, mmh … nein, umgekehrt, Mutterrettung eigentlich. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Weist das Ende von „Mute“ schon auf den nächsten Song „Ice Bird“ hin, der so nach der Eisvogelstraße im 6. Wiener Gemeindebezirk heißt?

Manuel Mayr: Es gab diesen Teil, der eigentlich zu „Ice Bird“ gehörte, ich wollte aber, dass die Nummer mit dem Schlagzeug-Fill anfängt. Und wollte den Teil nicht weglassen, da haben wir ihn einfach an „Mute“ drangehängt.

Bei „Gimme“ wirken die Synths sehr frei, wieso fallen diese nicht aus dem rhythmischen Gerüst?

Manuel Mayr: Teilweise wirken Sachen sehr frei, aber sie sind eigentlich sehr komplex, sehr genau und rhythmisch miteinander verwoben. Es gibt nur zwei freie Vögelchen an Stimmen, das Keyboard und eine Effekt-Bassspur, die sich sozusagen frei darüber bewegen. Alles andere verbirgt sich hinter komplexen rhythmischen Strukturen, die ein Wischiwaschi nur vorgaukeln.

Mira Lu Kovacs: Im Verlauf des Komponierens haben wir gezielt Dinge weggenommen. Dadurch wird es viel spannender. Ich liebe Minimalismus in allem, was ich mache, und auch hier ist das sehr stark. Wir hören da mehr raus, als im Endeffekt übrig geblieben ist.

Lukas König: Es gab dann aber noch eine Schicht, die dazugekommen ist, und zwar diese Kitschstreicher. Das war das i-Tüpfelchen, das noch gefehlt hat. Streicher, die alles so schön weich machen.

Manuel Mayr: Wir sind zu dritt – Schlagzeug, Keyboard und Bass – beim Jammen innerhalb von zwei Stunden bei extrem cheesigem Lounge-Techno angekommen, das war komplett die falsche Richtung. Aber ein Element ist übrig geblieben, ein bestimmtes Delay auf den Keyboards, wir haben alles andere weggeschmissen und nur damit weitergearbeitet, bis wir die Nummer am Ende auf den Punkt gebracht haben.

Lukas König: Es gab davor kurz den Gedanken: „Wenn wir wirklich wollten, könnten wir mit so einem Schas sehr viel Geld machen.“ Und dann dachten wir uns: Machen wir lieber was Schönes.“

Mira Lu Kovacs: Ich habe diesen Lounge-Techno geliebt und ich wollte unbedingt diese Nummer aufblasen wie Rihannas „Only Girl“, wollte das derb und deppert, weil mir so etwas auch Spaß macht, aber dann ist es natürlich viel schöner geworden.

Lukas König: Ich muss lachen, wenn ich an diesen Moment denke, in dem man Angst vor richtig viel Geld hat oder sich dagegen entscheidet.

„Wir wollen vielschichtige Sachen erzeugen […]“

Wie kommt man bitte auf die rhythmischen Brechungen und Tempiwechsel wie etwa bei „Ice Bird“?

Lukas König: Was in der Band super geht: Man kann rhythmische Sachen stretchen, spielt sich, agiert und die anderen sind ziemlich schnell dabei. Es ist wie gemeinsames Denken auf der rhythmischen Ebene. Als Schlagzeuger kann man egoistischerweise schnell entscheiden, ob man den nächsten Takt oder diese Viertel ein wenig langsamer oder schneller hätte, damit nicht alles so geradlinig ist.

Manuel Mayr: Das ist ein starkes Merkmal unserer Ästhetik, sowohl flexible Zeitstrukturen als auch flexible Tonhöhenstrukturen, wir arbeiten viel mit Mikrotonalität und sind uns sehr bewusst darüber, wie wir diese Dinge intonieren wollen. Mein Sager dazu ist immer: „Es ist so unendlich und es gibt kein Richtig oder Falsch.“ Wir wollen vielschichtige Sachen erzeugen, nicht einfach nur zwölf Töne in verschiedenen Oktaven, sechzehn Sechzehntel in einem Vier-Viertel-Takt, sondern wir lassen uns da alles offen.

Sie haben zu Jazz kein nicht ganz einfaches Verhältnis.

Manuel Mayr: Wenn man sich auf eine bestimmte Art und Weise ausdrücken will, dann ist Jazz dafür – zumindest eine Zeit lang – genau das richtige Format. Aber von Jazz im klassischen Sinn bewege ich mich seit Jahren weg und mache mehr zeitgenössische, klassische Musik oder improvisierte elektronische Musik. Vom Jazz ist da nur noch die Geisteshaltung übrig geblieben.

Mira Lu Kovacs: Ja, eine gewisse Freiheit, eine Neugier, was könnte ich mit einer Idee noch alles machen.

Lukas König: Uns ist es sehr wichtig, dass etwas weitergeht, dass man neue Musik macht, neue Zugänge findet und nicht konservativ irgendwas Altes nachspielt, was es schon tausend Mal gibt.

Inwieweit hilft eine Jazzausbildung dabei, die eigene Stimme zu finden?

Mira Lu Kovacs: Jazz oder Kunst zu studieren ist ein Fehler. Das ist meine ganz private Meinung, die niemand mit mir teilen muss, das ist für mich ein Irrtum. Es gibt tolle Netzwerke, egal auf welche Uni man geht. Aber der schulische approach hat mich sehr gelähmt. Ich tue mir schwer, das Institutionelle mit der Kunst allgemein zu vereinbaren. Das geht sich 2017 einfach nicht mehr aus.

Manuel Mayr: Jazz, wie er passiert, wie er gelebt wird, mit den ganzen Strukturen von Veranstaltern, Label, Management hat ja mit dem, was auf der Uni gelehrt wird, überhaupt nichts zu tun. Es gibt Unis in Österreich, die fördern dieses Finden der eigenen Stimme – und die Linzer Anton Bruckner Privatuniversität gehört da einfach erwähnt. Und die anderen Unis weniger, die lehren einen Beruf, den es eigentlich nicht gibt, und einen Stil, der seit 70 Jahren tot ist.

Lukas König: Und darum ist es schön, Leuten zu zeigen, dass es eben auch andere Arten von Jazz gibt. Man spielt am Popfest oder am Jazzfest Saalfelden und überall sind Leute, die nicht wissen, wie sie das einordnen sollen. Man kann den Begriff „Jazz“ auch formen und ausprägen.

Wie stehen Sie dann zum Film „Whiplash“, in dem Jazz geradezu militärisch exerziert und unterrichtet wird, auch mittels physischer und psychischer Gewalt.

Manuel Mayr: Ich habe Ausschnitte gesehen und musste wieder aufhören, weil es so schrecklich war.

Lukas König: Natürlich ist der Film extrem schlecht. Aber es gibt dann doch genau solche Studentinnen und Studenten und es gibt dann genau solche Lehrerinnen und Lehrer. Es gibt auf Jazz-Instituten so extrem übermotivierte Vollkoffer, die so etwas machen, machen müssen, oder Studentinnen und Studenten, die sagen, dass sie so etwas machen müssen. Deswegen finde ich es nicht so weit hergeholt. Es gibt im Jazz und in der Klassik diesen Virtuositätsdrang, diesen Schneller-lauter-höher-Drang. So etwas passiert in Jazz-Institutionen. Wirklich. Natürlich nicht so übertrieben, aber in einer gewissen Art.

Mira Lu Kovacs: Ich finde den Film schlecht, aber das Thema ist interessant.

Auf dem letzten Album von Schmieds Puls ging es viel um Apathie. Aber nach dem Jahr 2016 – ist das immer noch ein bestimmendes Gefühl?

Mira Lu Kovacs: Das Gefühl gibt es schon noch stark, aber es stimmt vollkommen, es hat sich etwas verändert. 2016 und 2017 haben eine neue Ära eingeleitet, das habe ich auch beim Schreiben für Schmieds Puls gemerkt. Bei „Add In To In A“ [der Titel des Albums von 5K HD; Anm.] geht es um eine subtile Auseinandersetzung damit, gleichzeitig gibt es auch wütende Zustände. Und das wird sicher noch ausgeformt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Niederwieser

5K HD live
06.10. WUK, Wien
07.10. Milla, München DE
09.10. Kantine am Berghain, Berlin DE
10.10. Lichtung, Köln DE
11.10. Häkken, Hamburg DE
12.10. Orpheum, Graz
18.10. Treibhaus, Innsbruck
19.10. Spielboden, Dornbirn
21.10. ittle Big Beat Studio Live Session, Eschen LI
25.10. Container 25, Wolfsberg
26.10. Stadtwerkstatt, Linz

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