100 Jahre ÖKB: Vorschau auf die Jubiläumswoche mit Konzerten und Symposion

Vom 10. bis 17. Juni begeht der Österreichische Komponistenbund, die offizielle Interessenvertretung in Österreich lebender und wirkender Komponistinnen und Komponisten aller musikalischer Stilrichtungen und Genres, sein 100-jähriges Bestehen. Im Radiokulturhaus, im Konzerthaus, im Porgy & Bess, der Jesuitenkirche, ja sogar im Inneren Burghof der Hofburg ist der Austragungsort von vielfältigen, auf diese acht Tage zusammengeballten Konzerten und Veranstaltungen, bei denen wichtige Ensembles der Neue Musik-Szene mitwirken.

Das Eröffnungskonzert des Jubiläumsfestivals erfolgt am 10. Juni an prominentem Ort, dem Großen Sendesaal im Radiokulturhaus. In Kooperation mit den fünf österreichischen Musikuniversitäten ist es dem musikalischen Nachwuchs gewidmet, jede Universität präsentiert ein Werk eines herausragenden Kompositionsstudierenden. Mit Fug wird jedoch der 14. Juni als eigentlicher 100-jähriger Gründungstag mit einem Konzert des European Contempary Composers Orchestra im Mozart-Saal des Konzerthauses begangen.

Über die Programmzusammenstellung soll hier die Bedeutung des Jubiläums und die geplanten Ereignisse beim Jubiläum detaillierter vorgestellt werden. Hauptgewicht dieses Beitrags soll zunächst ein Blick in die Vergangenheit sein.

Zur Geschichte des ÖKB

Die konstituierende Versammlung des „Österreichischen Komponisten-Clubs” am 14. Juni 1913 bezweckte durchaus kämpferische Aktionen zur Durchsetzung ureigenster Anliegen des Komponistenstandes. Denn die bereits Ende 1897 gegründete AKM – Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger –, die bis heute unter anderem die finanzielle Abwicklung von Urheberrechten besorgt, war den Komponisten zu wenig spezifisch. Die seit 1899 in loser Folge erscheinenden „Mittheilungen” der AKM konnte zu künstlerischen Kontakten wenig beitragen, was schon 1905 den Komponisten Johann Peter Gotthard (Pázdirek) veranlasste, die Gründung eines Klubs zu beantragen, in dem die Mitglieder aller Kurien, also auch die Komponisten, Ideen austauschen, ihre Werke vortragen oder durch mitgebrachte Gäste vortragen lassen zu können. So könnte man Begabungen erkennen und auch Kontakte zu den Musikverlegern erleichtern. Die Direktion der AKM bat alle Mitglieder, sich zu dieser Anregung zu äußern, doch war der Widerhall trotz der Bekanntheit von Gotthard zu gering.

1913 wurde die Idee nur für die Komponisten wieder aufgegriffen. Kapellmeister Wilhelm August Jurek (1870–1934) stellte bei einer Versammlung der AKM-Komponistenkurie den Antrag auf Gründung eines Komponistenvereins, was nun auf große Zustimmung stieß. Schon am 14. Juni fand in der Wohnung von Philipp Silber in Wien IX die konstituierende Versammlung des „Oesterreichischen Komponisten-Clubs” statt. In den Vorstand wurde viel Prominenz gewählt: Als Präsident Eduard Kremser (1838–1914, AKM-Vizepräsident und Chormeister des Wiener Männergesangvereines), einer der Vizepräsidenten wurde der Hofballmusikdirektor Carl Michael Ziehrer (Vorstandsmitglied der AKM). In der 4. Generalversammlung (1916) wurde auch Franz Lehár Vizepräsident, in den Vorstand kam zum Beispiel auch der Komponist Edmund Eysler.

Kurz darauf kam es zur Umbenennung in „Österreichischer Komponistenbund“ und wenige Jahre später zur Aufteilung in die beiden „Arbeitskreise“ E- und U-Musik – eine Struktur, die bis heute existiert, deren Aufhebung (oder Aufweichung) in Zeiten von Cross-Over, Modern Jazz oder verschiedenen Formen Angewandter Musik diskutiert und teilweise bereits praktiziert wird. Bei der engen Bindung zur AKM ist es bis heute geblieben.

Wie auch Hartmut Krones in einer Festschrift zum 80-jährigen Bestehen einräumen musste, liegt manches zur Geschichte des ÖKB in der Zwischenkriegszeit im Dunkeln. Erwähnt werden kann, dass österreichische Komponisten wie Webern Gál, Grosz, Hauer, Weigl und Wellesz in internationalen Austauschkonzerten etwa in Berlin aufgeführt wurden, die eigenen Konzerte (etwa unter Franz Lehár) wurden auch von der RAVAG gesendet. Das „I. große Orchesterkonzert des ÖKB”, das am 30. März 1930 im Großen Konzerthaussaal stattfand und vom Rundfunk übertragen wurde, zeigte eine Palette bedeutender Namen: Es gelangten Werke von Paumgartner, Wellesz, Toch, Hauer, Franz Schmidt und Kienzl zu Gehör und bis 1934 gab es eine große Dichte von Konzerten mit stilistischer Bandbreite. Im Ständestaat versuchte sich Joseph Marx als in den Vorstand aufgenommenes Mitglied erfolgreich, sich um den ÖKB verdient zu machen. Eine auf Egon Wellesz zurückgehende Resolution, die dann auch verabschiedet wurde, suchte eine Aufnahme zeitgenössischer österreichischer Kompositionen in die Salzburger Festspiele zu erreichen, die mehr als „museal“ sein sollten. 1937/38 tauchten Namen wie Apostel, Jokl, Schollum, Spinner, Sprongl und Uhl auf, die einen Generationswechsel ankündigten, „wobei insbesondere Komponisten der ‚Wiener Schule’ und deren Schüler hervortraten“ (Krones).

Aber, so Hartmut Krones weiter über die Zeit zwischen 1938 und 1945: Der Österreichische Komponistenbund „stand von Anfang an auf der schwarzen Liste der nationalsozialistischen neuen Machthaber, im speziellen auf der des Landeskulturleiters der NSDAP in Wien, Hermann Stuppäck. Der ÖKB wurde am 12. Oktober 1938 explizit aufgelöst, und zwar, weil sie „weitgehend unter jüdischer Führung gestanden habe”. An ihre Stelle trat nun ein „Bund deutscher Komponisten aus Österreich”, welchem als Leiter der Musikkritiker des „Völkischen Beobachters” Friedrich Bayer „zugewiesen” wurde.

1947 konstituierte sich die Vereinigung neu, die Vereinsführung war zu einem großen Teil dieselbe wie vor 1938: Obmann der Sektion „Ernste Musik” war wieder Joseph Marx, Obmann der Sektion „Unterhaltungsmusik” Rudolf Sieczynski, zu den weiteren Vorstandsmitgliedern zählten Friedrich Wildgans, Hans Erich Apostel, Viktor Keldorfer, Frank Fox und Hans Lang. In ein „Komitee zur Förderung österreichischer Musik” wurden Franz Hasenöhrl, Marcel Rubin und Gustav Zelibor entsandt wurden, weiters gehörten dem Gremium die Verleger-Vertreter Alfred Schlee, Karl Sitka und Josef Kratochwil sowie ein Vertreter der „Gesellschaft zur Hebung und Förderung der Wiener Volkskunst” an. Kämpferisch auch weitere Aktivitäten: Zielscheibe von Protesten, dass der Anteil der zeitgenössischen Musik, insbesondere der österreichischen, immer geringer wurden, waren auch das Konzerthaus und der Österreichische Rundfunk. 1966 meldeten sich erste Erfolge, etwa eine Aufnahmeserie des Rundfunks mit Liedern von Einem, Heiller, Jelinek, Kont, Korda, Kratochwil, Krenek, Kubizek, Leukauf, Rubin, Schollum, Uray und Wellesz. Es gab auch pädagogische und publizistische Bemühungen, die langsam von Erfolg gekrönt wurden. Artikel erschienen in Mitteilungen, Fachblättern, es gab eine ständige Seite in der „Österreichischen Musikzeitschrift“.

Als somit erste und älteste Komponisten-Interessenvertretung Österreichs traten im Laufe der Jahrzehnte Gesellschaft andere Komponisten-Verbände neben den ÖKB, etwa die IGNM (1923) oder die ÖGZM (1949). Da diese Verbände zunächst gleiche Agenden hatten, nämlich Konzerte mit zeitgenössischer Musik zu veranstalten, wurde diese Koexistenz immer wieder auch als Konkurrenzsituation empfunden. Robert Schollum mahnte, mehr an einem Strang zu ziehen: „Es könnte viel, viel mehr geschehen, wenn etwa Komponistenbund, ÖGZM, IGNM, ,reihe’ statt getrennt gemeinsam planen würden: was ergäbe das für eine Macht!“. In den 70-er Jahren gab es Schallplattenproduktionen (bis 1984 „Österreichische Musik der Gegenwart”) und Dokumentationen. Über die Präsidentschaften von Robert Schollum, Kurt Rapf und Thomas Christian David, über Kammermusikwettbewerbe, an deren Organisation auch Roman Haubenstock-Ramati beteiligt war, über Musiktage und pädagogische Aktivitäten bis in die neunziger Jahre, die Einbeziehung der „Musikalischen Jugend Österreichs“, erfährt man in der Krones-Festschrift sehr vieles, ebenso über die Bemühungen und Initiativen zur sozialen Absicherung der Komponisten. Gerhard Track, Heinrich Gattermeyer, Dieter Kaufmann, und seit 2004 Klaus Ager, waren die hier zu nennenden weiteren Vorstände des ÖKB in der jüngeren Zeit. Derzeit setzt er sich aus Klaus Ager als Präsident, Hannes Heher und Alexander Kukelka als Vizepräsidenten sowie Johannes Kretz, Lothar Scherpe, Harald Hanisch und Erich Urbanner zusammen.

Im November 2001 erfolgte schließlich die Gründung des „Hauses der Komponisten“ in einem Trakt des AKM-Gebäudes. Hier sind (neben einem gemeinsamen Sitzungs- und Veranstaltungssaal) die Sekretariate von ÖKB, IGNM, ÖGZM sowie INÖK (als regionale Gesellschaft) einerseits unter einem Dach vereint, andererseits wurde eine klare Aufteilung der Kompetenzen erarbeitet. Hier das Verständnis des ÖKB von dieser Aufteilung: „Die ÖGZM fungiert als reine Aufführungsgesellschaft, die IGNM ist das Fenster zur internationalen Musikszene, der ÖKB ist die Standesvertretung der österreichischen Komponisten, kümmert sich also – einer Kammer ähnlich – vorzugsweise um die rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Musikschaffenden. Durch die geographische Nähe sind aber auch beste Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit in der gemeinsamen Zielsetzung, der Förderung in Österreich lebender Komponisten, gegeben.“

Präsident des ÖKB ist seit April 2004 der Salzburger Komponist Klaus Ager. Er hat sich zum Ziel gesetzt, den ÖKB verstärkt auf Europa auszurichten und die internationalen Kontakte vor allem zu Schwestergesellschaften anderer Länder zu intensivieren. Der vom ÖKB ausgerichtete Kongress „Komponieren im Europa des 21. Jahrhunderts“ (2.-5. Februar 2006, Musikverein) war ganz auf den Europa-Gedanken ausgerichtet und führte zum „Letter of Intent“, einer Absichtserklärung zur Gründung eines europäischen Dachverbandes der nationalen Komponistenverbände – der European Composer and Songwriter Alliance (ECSA). Das European Contemporary Composers Orchestra bildet auch einen wichtigen Bestandteil des 100-Jahr-Jubliäumsprorgramms.

Zwar relativiert die heutige Angewandte Musik mit neuen Musikformen wie Crossover oder die Verbindung Komposition-Improvisation, wie sie an der Musikuniversität in einem eigenen Studienzweig, betreut von Burkhard Stangl, Gunter Schneider und Manon Liu Winter  auch von Studenten der Jazz- und U-Musik-Abteilungen besucht wird, diese Trennung, sie wird im ÖKB jedoch aus praktischen Gründen noch beibehalten.

Der ÖKB hat derzeit rund 500 Mitglieder, etwa gleich viele aus der E- und U-Musik. Vier der neun österreichischen Bundesländer haben regionale Sektionen des Komponistenbundes eingerichtet. Ordentliche Mitglieder können alle österreichischen oder in Österreich lebenden Komponisten, Musiker, Musikpädagogen oder Musikwissenschafter werden, die sich um die zeitgenössische Musik bemühen, unabhängig von Musikrichtung oder Stilistik.

Die Konzerte der Jubiläumswoche

Im Eröffnungskonzert des Festivals am 10. Juni im Radiokulturhaus sollen, durchaus programmatisch, in Kooperation mit den fünf österreichischen Musikuniversitäten Werke von herausragenden Kompositions-Studierenden vorgestellt werden. Zu hören sind: „Interferenzen“ von Alexander Kaiser (Konservatorium Wien Privatuniversität), „Veins III“ von Daniel Hochreiter (Anton Bruckner Privatuniversität), „Celloacoustic“ von Onur Dülger (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien), „Späte Faust / Material für einen Scelsi-Kommentar“ von Hendrik Rungelrath (Universität Mozarteum Salzburg) und „< >“ von SukJu Na (Universität für Musik und darstellende Kunst Graz).

Im Schubertsaal des Konzerthauses wird sich tags darauf (11. Juni) das ensemble xx. jahrhundert (exxj) unter der Leitung von Peter Burwik im ersten Teil Werken von der 1962 in Taipeh geborenen Ming Wang (sie wurde bereits bei Wien Modern, beim steirischen Herbst und beim Carinthischen Sommer vorgestellt) und von Alexandra Karastoyanova-Hermentin widmen. Im zweiten Teil folgt einer der Doyens der Neuen Musik: Erich Urbanner mit einem Klaviertrio aus dem Jahr 1977: „Takes“ und eine neuere Komposition von Johannes Maria Staud : „Par ici!“ (2012) für Ensemble. Schon am nächsten Abend gastiert an selbem Ort das oenm (Österreichisches Ensemble für Neue Musik), das in einem Gedenkkonzert – gewidmet den Opfern des Nationalsozialismus –  stellvertretend für die vielen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verfolgten und vertriebenen Komponisten Werke von Walter Arlen, Joseph Horovitz, Roman Haubenstock-Ramati, Ernst Krenek, Marcel Rubin und Egon Wellesz zur Aufführung bringt. Schön auch, dass der Komponist Walter Arlen darunter ist, aufgeführt wird von ihm die Komposition „Die letzte Blaue“, gemeint ist damit die nächtliche letzte Straßenbahn in Wien, die blau markiert war. Der 1920 geborene Arlen, dessen Vater vor seinen Augen von der SA verhaftet und ins Gefängnis Karajangasse überführt und anschließend nach Dachau und Buchenwald verschleppt und ermordet wurde, konnte aus Österreich flüchten, ging nach Amerika, studierte weiter Komposition und war ab 1952 Musikkritiker bei der Los Angeles Times, erst nach der Pensionierung komponierte er weiter, vorwiegend in der „kleinen Form“. 2011 noch wurde der wichtige Musiker, der seinen Vorlass der Stadt übergeben hatte, mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Stadt Wien geehrt.

Bei freiem Eintritt gibt es am 13. Juni in der Jesuitenkirche schon um 18 Uhr ein sehr spannendes Konzert mit Wolfgang Kogert (Orgel) und der bekannten Sängerin und „Dudlerin“ Agnes Palmisano. Diese wird drei Gesänge nach H. C. Artmann für Mezzosopran und Orgel (2012) von Lukas Haselböck zur Aufführung bringen. Die Titel: „aum eaxtn is s ma r one dia“, “windradal”, “hosd as ned kead”. Außerdem hört man mit Agnes Palmisano eine Komposition von Manuela Kerer, die „Zweite Futurmodulation bei Sonnenaufgang für Sopran und Orgel“ (2010). Kogert bietet die Nummer 1-4 aus den 9 Präludien von Friedrich Cerha, Kompsotionen von Ernst Wally, Thomas Daniel Schlee und Wolfram Wagner und als Uraufführung „the ugly house I“ (2012) von Klaus Lang. Ebenfalls freien Eintritt gibt es am 14. Juni um 16 Uhr in der Alten Schmiede. Dort wird Pianist Harald Ossberger einen tönenden Abriss der Vereinsgeschichte des Komponistenbundes ab Neugründung 1947 bieten. Zu hören sind Werke der jeweiligen Präsidenten, beginnend mit Joseph Marx, sodann Robert Schollum, Kurt Rapf, Rainer Bischof, Thomas Christian David, Gerhard Track, Heinrich Gattermeyer, Dieter Kaufmann und Klaus Ager.

Am 14. Juni, dem eigentlichen 100-jährigen Jubiläumstag der ÖKB-Gründung gibt es am Abend im Mozartsaal des Konzerthauses ein Konzert mit dem European Contemporary Composers’ Orchestra. Auf diese Weise soll der Zusammenarbeit und Vernetzung mit Partnern in Europa besonders Rechnung getragen werden. Federführend engagierte sich der in den europäischen Komponist(innen)en-Dachverbänden ECSA, ECF sowie FFACE und APCOE. Schon auf der Startseite des European Comperosers Forum (EFC) ist zu lesen: „When the European Composers Forum was founded in 2006, we soon found out that throughout Europe orchestras seldom perform European composers that still do live. We are happy, that ECCO emerged as the ‚symphonic mouthpiece’ for contemporary symphonic composed today and in the future“. Der Kommentator ist niemand anderer als Klaus Ager, der auch der Präsident des Europäischen Forums ist. Das European Contemporary Composers Orchestra ECCO spielt an diesem Abend Werke von Komponist(inn)en der Partnerländer und aus Österreich, nämlich von Benjamin Lang, Gunnar Berg, Roman Berger, Ulpiu Vlad, Dusan Bavdek und Dieter Kaufmann: „Elena en face“ (2012) für Solovioline und Kammerorchester trägt im Titel den Vornamen der Violinsolistin Elena Denisova.

Natürlich darf auch das ensemble reconsil, selbstverständlich im Arnold Schönberg Center, bei diesem Jubiläumsfestival nicht fehlen. In einer Matinee am 16. Juni wird es vor allem Werke lebender Mitglieder des Österreichischen Komponistenbundes präsentieren: Julia Purgina, Herbert Grassl, Gerd Kühr, Bruno Strobl; Norbert Sterk, Christoph Cech und Arnold Schönberg in Bearbeitung von Alexander Wagendristel.

Composers’ Lounges

Der ÖKB ist beim Festival auch bemüht, die verschiedenen anderen Genres abseits der Neuen Musik zu Konzerten einzuladen. Die erste Composers’ Lounge im Porgy & Bess am 11. Juni ist eine Audio/Visual & DJ Night. David Hebenstreit alias Sir Tralala spielt mit klassischen Kompositionsformen und elektronischer Avantgarde und verbindet diese mit musikalischen Ausprägungen moderner Pop- und Clubkultur. Von Franz Reisecker wird ein Ausschnitt seiner Vertonung des Stummfilms PO ZAKONU präsentiert. Auch Gerd Schullers Backgound ist Filmmusik, in der Lounge tritt er mit dem Keytrio auf. DJ wird niemand anderer als (der Professor an der Musikuni) Rupert Huber sein, der verspricht, sein Set mit Aufnahmen von Werken zu gestalten, die in den letzten hundert Jahren in der österreichischen Region entstanden sind, und sein Musizieren allen Musikschaffenden, die die Musik der Gewalt, dem Hass und der Ideologie vorgezogen haben, zu widmen. Eine zweite Composers’ Lounge im Konzerthaus (15. Juni im Berio-Saal) gilt dem „Crossover“. Mit der Vienna Clarinet Connection wird man etwa in die Bukowina reisen, die Neuen Wiener Concert Schrammeln spannen einen Bogen von wienerischer Musik bis hin zu neuen experimentellen Schrammel-Kompositionen, auch Die Strottern bieten frische Wienerlied-Sounds, mit der Formation Living Transit präsentieren Pavel Shalman und Raphaela Buschenreiter zusammen mit ihren Bands innovative World Music mit Elementen aus Soul, Funk, Swing, Pop & Jazz. Und Wilfer & Wilfer aka Rudi und Felix Wilfer präsentieren schließlich Jazz.

Nicht genug damit, wird am 13. Juni auch ein Gala-Abend der österreichischen Pop-Musik im Konzerthaus stattfinden: Als Sängerinnen werden Maria Bill, Eva K. Anderson und Valerie Sajdik eigene Songs, sowie Lieder aus der Feder von Christian Kolonovits, Clemens Wenger, Harald Hanisch u. a. vortragen.

Bleibt noch das Festivalfinale: In Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik (ÖGZM) wird ein Bläserquintett der Wiener Symphoniker am 17. Juni um 16 Uhr im OESTIG-Saal in der Wipplingerstraße Werke von Heinrich Gattermeyer, Fridolin Dallinger, Heinz Kratochwil, Ferdinand Weiss und Robert Schollum zur Aufführung bringen. Und zum Finale gibt es um 19 Uhr im Inneren Burghof der Hofburg bei freiem Eintritt einen Auftritt der Gardemusik des Österreichischen Bundesheeres. Unter Gardekapellmeister Bernhard Heher werden Werke der Symphonischen Blasmusik von ÖKB-Mitgliedern von Vereinsgründung bis jetzt gespielt.

Symposion „Wien modern?“

Zentrale Tätigkeiten des ÖKB sind Information und Beratung für Mitglieder (z. B. KünstlerInnen-Sozialversicherungsgesetz, (Urheber-)Recht, Steuerfragen, Verlagsverträge, Honorarrichtsätze für Auftragskompositionen, KomponistInnen-Datenbank, Workshops zur Weiterbildung), Standesvertretung in kulturellen und politischen Gremien, nationale und internationale Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit sowie Organisation und Durchführung zahlreicher Projekte wie Konzerte, Kompositionswettbewerbe, Musikvermittlungsprojekte, nachhaltige Nachwuchsförderung und Workshops. Da darf zum Jubiläum natürlich auch ein Symposion nicht fehlen: Am 15. und 16. Juni findet das Symposion „Wien modern? – Reflexionen zur aktuellen Musik“ im Schönberg-Saal des Konzerthauses statt, das der Österreichische Komponistenbund in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften/Institut für kunst-und musikhistorische Forschungen veranstaltet.
Das Symposium „Neue Musik – heute?“ ist Teil der Reihe Musik.Neu – 3 Symposien, veranstaltet von mica – music austria (Oktober 2012), ÖKB (Mai 2013) und IGNM (November 2013) und Kooperationspartnern. Anschließend an die Buchpräsentation von dem von Hartmut Krones herausgegebenem Band „100 Jahre Österreichischer Komponistenbund 1913-2013“ wird über die unterschiedlichen Aspekte des Neuen diskutiert: Während Wolfgang Welsch stellt die ästhetische Situation der Gegenwart dar, wird auch die historische und historisch werdende Komponente des Neuen behandelt, so etwa in den Vorträgen von Angelika Silberbauer zur „Huldigung des „Neu-Gewesenen“ – über Werkbegriff und Selbstreproduktion“, Gerhard R. Koch über „Die Toten und die Lebenden. Das neue Altern der neuen Musik – Zur Nekrophilie im Fortschritt“ oder Wolfgang Andreas Schultz  über „Avantgarde – zur Archäologie eines historischen Phänomens“. Dass Neue Musik je nach Sozialisation auch als unangenehm empfunden wird, behandelt Christoph Reuter auf psychoakustischer Ebene in seinem Vortrag „Nasty Noises – Eigenschaften und Wirkungen unangenehmer Klänge“. Während ungewohnte Klänge zur Zeiten der Entstehung des ÖKB noch veritable Skandale ausgelöst haben, scheint von der Macht der Masse in Konzerten inzwischen keine widerstrebende Kraft mehr auszugehen. Nach dem „Skandal heute?“ geht Dieter Torkewitz auf die Suche. Ob Neue Musik überhaupt erwünscht ist, dieser provokativen Fragestellung widmet sich ein erster Round Table. Von Geschichte und Gegenwart der Musik (etwa auch der Filmmusik, wie Rainer Fabich zu berichten weiß) ausgehend stellt sich aber auch die Frage nach der Zukunft: Wie diese für das Musiktheater bestellt sein könnte, behandelt Reinhard Karger. Nachdem Melanie Unseld Einblicke in die spezifische Rolle von weiblichen Vertretern gibt, widmen sich zwei Diskussionsrunden den lebenspraktischen Aspekten des KomponistInnendaseins unter dem Titel „Werk – Wert – Verwertung“.
Heinz Rögl

Bilder:
Klaus Ager: www.komponistenbund.at
ensemble xx. jahrhundert: Fodor
Die Strottern

http://www.komponistenbund.at