„Wir haben immer versucht, uns an irgendetwas zu orientieren“ – MARY BROADCAST im mica-Interview

MARY BROADCAST alias Mary Lamaro lässt es mit ihrer Band auf dem neuen Album „Dizzy Venus“ musikalisch ganz bewusst nicht ausufern. Die Liedermacherin besinnt sich vielmehr auf das Wesentliche und verzichtet hörbar auf allen unnötigen Ballast. Die gebürtige Oberösterreicherin über den bewusst gesetzten Richtungswechsel, ihre Unzufriedenheit mit Vergangenem und ihre Zeit in Finnland. Das Interview führte Michael Ternai.

Im Vergleich zum Vorgängeralbum ist „Dizzy Venus“ musikalisch doch wesentlich reduzierter ausgefallen. Inwieweit war es der Plan, sich ein wenig, sagen wir einmal, vom Bombastischen wegzubewegen? Mehr hin in eine reduziertere und direktere Richtung.

Mary Lamaro: Die Entscheidung, in diese Richtung zu gehen, haben wir natürlich schon bewusst getroffen. Wir haben zwar am Anfang nicht wirklich erahnen können, ob wir diesen musikalischen Wechsel auch soundtechnisch tatsächlich hinbekommen würden, aber dass meine Stimme wieder mehr Platz bekommen sollte, darin waren wir uns schnell einig. Ich hatte ja schon vorher das Gefühl, dass es mit den Chören, die ja einen Hauptbestandteil unserer Musik ausmachten, doch etwas zu viel geworden war. Das sollte dieses Mal nicht so sein. Die Songs sollten wieder einfacher werden und ein wenig mehr in die Poprichtung gehen.

Obwohl im Sound reduziert, fährt die Band aber dennoch eine stilistisch sehr vielfältige Linie.

Mary Lamaro: (lacht) Wir haben es ganz einfach wieder nicht geschafft, uns auf einen Stil zu einigen. Aber dennoch finde ich, dass die neuen Lieder in sich viel klarer geworden sind.

War der Songwriting-Prozess mit dieser kleineren Besetzung eigentlich schwieriger oder einfacher als zuvor?

Mary Lamaro: Ich habe das Songwriting dieses Mal etwas schwieriger empfunden. Früher ist doch auch viel aus dem Jammen heraus entstanden. Diesmal habe ich schon im Vorhinein versucht, einen richtig guten Song zu schreiben, einen, der eben die verschiedensten Dinge schon beinhaltet, die Melodien, Akkorde und zum Teil auch schon die Grooves. An diesen Songentwürfen habe ich dann mit der Band intensiv weitergearbeitet. Wir haben uns einen Song nach dem anderen vorgeknöpft und so lange an diesen gearbeitet, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren. Dafür haben wir fast ein halbes Jahr gebraucht.

„Die Songs sollten wieder einfacher werden…“

Wovon haben Sie sich musikalisch inspirieren lassen?

Mary Lamaro: Also bei diesem Album eigentlich von nicht wirklich viel. Grundsätzlich komme ich aber aus einer eher souligen Ecke. Ich stehe einfach auf Soul. Vor allem auf den einer Aretha Franklin. Auf der anderen Seite liebe ich auch David Bowie und verschiedene andere Popgeschichten. Ich denke, mir ist es jetzt gelungen, all diese Dinge irgendwie miteinander zu verbinden. Früher war es so, dass das Pendel einmal in die eine und dann wieder in die andere Richtung ausgeschlagen hat. Wir haben, glaube ich, immer irgendwie versucht, uns an irgendetwas zu orientieren, mit dem Ergebnis, dass wir eigentlich niemals wirklich das gefunden haben, was wir wirklich wollten. Dieses Mal ist es uns zum ersten Mal gelungen.

Sind Sie innerhalb der Band vom Musikgeschmack her so verschieden?

Mary Lamaro: Das nicht unbedingt. Aber es war so, dass früher eher ich mit den meisten Ideen angekommen bin und diese dann, ohne viel über sie nachzudenken, umgesetzt worden sind. Dieses Mal haben wir alle miteinander sehr viele Gespräche geführt und im Studio auch sehr, sehr viel herumprobiert.

Sie waren ja im vergangenen Jahr in Finnland. Warum sind Sie dorthin und was haben Sie dort gemacht?

Mary Lamaro: In erster Linie wollte ich einfach nur mal weg. Woanders leben und Ruhe haben vor dem Trubel hier. Außerdem war es für mich im Rahmen meines Studiums (Popular-Gesang) die letzte Chance, einmal ins Ausland zu gehen. Und die habe ich eben genutzt und bin nach Finnland gegangen.

„Wir sind irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem wir das Gefühl gehabt haben, die Sache hätte sich irgendwie verlaufen.“

Und was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen? Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie doch verändert zurückgekommen sind.

Mary Lamaro: Schon irgendwie. Zumindest ein bisserl. Die Band und ich sind ja irgendwie eine Person. Und wir sind irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem wir das Gefühl gehabt haben, die Sache hätte sich irgendwie verlaufen. Wir waren uns unsicher darüber, wie wir werden wollten und in welche Richtung wir uns bewegen sollten. Auf jeden Fall wollten wir uns verändern und ich mich selbst auch. Wenn du mitten im Leben steckst und den immer gleichen Trott erlebst, ist es manchmal schwer, die Dinge wirklich subjektiv zu betrachten. Und dann bin ich eben nach Finnland gegangen, im Bewusstsein, dass dort einmal nichts passiert. Ich habe mir bewusst vorgenommen, musikalisch nichts zu machen und mir viel Zeit für mich zu nehmen. Die Zeit war sehr wichtig für mich, um die Dinge wieder klarer erkennen zu können. Ich arbeite viele, viele Stunden am Tag an meiner Karriere. Und da kann es schon vorkommen, dass man irgendwann einmal den Faden verliert.

Warum ist es nach der letzten CD zu dieser Unzufriedenheit gekommen?

Mary Lamaro: Nach der letzten CD sind wir schnell draufgekommen, dass diese CD nicht wirklich unsere beste war. Sie musste wegen der Song -Contest-Sache (die Mary Broadcast Band nahm 2012 an der Vorausscheidung zum Song Contest teil) sehr schnell fertig werden. Wir wussten, dass wir dort einen Auftritt zu absolvieren hatten, und wollten daher zum selben Zeitpunkt ein Album veröffentlichen. Die Idee war grundsätzlich auch nicht blöd. Nur haben wir dafür eigentlich zu wenig Zeit gehabt. Außerdem sind verschiedene Dinge passiert, die uns zwar im ersten Moment nicht aufgefallen sind, im Nachhinein betrachtet aber dann doch nicht so super für uns waren. Wir haben plötzlich diesen gewissen Stempel aufgedrückt bekommen.
Der Grundgedanke für das neue Album war daher auch, eben diesen Stempel loszubekommen. Wir haben uns bewusst vorgenommen, einen Schnitt zu machen und eine andere Richtung einzuschlagen. Was uns, glaube ich, auch gelungen ist. Das Besondere ist, und das freut uns sehr, dass wir für uns etwas Neues erfunden haben und uns gleichzeitig auch treu geblieben sind.

Kann man sagen, dass „Dizzy Venus“ auch Ihr persönlichstes Album ist?

Mary Lamaro: Ja, das auf jeden Fall. Eben weil einem jeden Song eine persönliche Geschichte, ein Erlebnis zugrunde liegt. Ich habe zum Teil wirklich tiefgründige Themen verarbeitet, Dinge, die mich total beschäftigt haben.

Entstehen bei Ihnen eigentlich die Texte oder die Musik vorher?

Mary Lamaro: Früher war es so, dass zuerst die Musik da war. Seit Finnland versuche ich, anders an die Sache heranzugehen. Ich habe damit begonnen, zuerst die Texte, zumindest Fragmente solcher, zu schreiben. Und lustigerweise auf Deutsch. Parallel dazu fällt mir dann eigentlich eh auch schon die Musik ein. Das alles sammle ich so lange, bis es total viel wird. Dann nehme ich die Texte und die Musik nochmal her und füge sie irgendwie zusammen.
Was an der Arbeit am Album dieses Mal wirklich auch cool war, war, dass sich manche meiner Lieder im Studio durch die Zusammenarbeit mit meinen Bandkollegen zur Erstversion total verändert haben, dass diese jetzt eigentlich total anders klingen, als noch zur der Zeit, als ich sie ins Studio mitgebracht habe.

„Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt viel mehr Menschen ansprechen.“

Haben Sie bei der Produktion des Albums Unterstützung erhalten?

Mary Lamaro:
Mitproduziert hat das Album Peter Zirbs. Und der hat einen sehr großen Anteil daran, wie die nun Songs klingen. Wir sind eigentlich bereits mit den fertigen Nummern bei ihm angekommen. Er hat durchs Mischen und mit einigen Sounds den Songs dann zusätzlich noch eine Richtung gegeben, eine, die wir, glaube ich, selbst nicht gefunden hätten.

Sie haben die neuen Songs sicher auch schon live ausprobiert. Wie sieht die Resonanz aus?

Mary Lamaro: Voll gut. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt viel mehr Menschen ansprechen. Wir sind ja im vergangenen Oktober mit dem Red-Bull-Brandwagen in Österreich herumgefahren und haben auf verschiedenen öffentlichen Plätzen gespielt. Diese kleine Tour war sicher eine super Gelegenheit, uns Leuten zu präsentieren, die uns vorher noch nicht gekannt hatten. Und ich denke, wir haben diese auch für uns nutzen können. Zumindest hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, dass wir die Menschen, von ganz jung bis alt, packen können. Ich glaube, dass wir dieses Mal etwas für die Masse Zugänglicheres geschaffen haben. Zumindest schließe ich das aus den sehr positiven Reaktionen.

Inwieweit schielen Sie jetzt auch über die heimischen Grenzen hinweg? Wie weit, glauben Sie, geht es noch?

Mary Lamaro: Ich hoffe natürlich, dass es noch viel weiter geht. Ich glaube, es gibt noch genügend Möglichkeiten, in anderen Ländern und auf diversen Festivals zu spielen. Das war auch ein Grund dafür, ein neues Album zu machen, weil dadurch die ganze Sache, Konzerte und eine Tour aufzustellen, dann doch ein bisserl leichter ist. Grundsätzlich würden ich und meine Band ohnehin am liebsten nur live spielen. Und das so viel wie möglich. Aber um so etwas groß auf die Beine zu stellen, bedarf es dann doch auch eines Managements, das wir halt im Moment noch nicht haben. Wäre super, wenn sich das ändern würde.

Danke für das Interview.

Michael Ternai

 

Mary Broadcast live
27.02. The Early Bird, Innsbruck
28.02. Jump In, Matrei
13.03. Arena Bar, Wien
27.03. Auf Augenhöhe mit den Stars, Benefiz, Arcotel Wimberger, Wien
11.04. Mary Broadcast Solo, Dezentral, Wien
29.05. Lions Jazznight 2015, Stadttheater Gmunden
30.05. Weissenwolf, Steyregg

Fotos Mary Broadcast: Agnes Slupek

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