Musikmagazin – Neues vom österreichischen Musikgeschehen

Di, 18.09.2012 - 17:23

mica focus

Neue Musik – heute? / Symposium zur aktuellen Situation der Neuen Musik (23. bis 26. Oktober 2012)

Die Neue Musik ist heute weitgehend etabliert, stellt aber nach wie vor ein schmales Segment des Musikmarktes bzw. der Medienöffentlichkeit dar. Der auch heute noch spürbare elitäre Anspruch der Neuen Musik steht immer mehr im Widerspruch zu aktuellen Tendenzen künstlerischen Agierens. Lässt sich der Begriff der Neuen Musik heute überhaupt noch aufrecht erhalten? Was macht jeweils neue Musik spannungsvoll, was steckt hinter dem Anspruch der KünstlerInnen, immer wieder Neues schaffen zu wollen? Es gilt, die zeitgenössische Kunstmusik im Kontext des heutigen Wertewandels und der technischen, medialen und gesellschaftlichen Veränderungen neu zu begreifen und in Hinblick auf Grenzziehungen etwa zwischen Genres und sozialen Gruppierungen, aber auch bezüglich problematischer Entwicklungen wie die unserer Hör- bzw. Musikkonsumgewohnheiten, alte Kategorien und Denkgebäude zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu bewerten.

In diesem Sinn werden folgende Fragestellungen in Referaten und Podiumsdiskussionen behandelt:

Was ist neu in der Neuen Musik seit 1980? / Neue Medien und neues Musikschaffen
Digitalisierung, neue Technologien und Medien, mp3, Internet, Web 2.0 und Social Media zeitigen nicht nur einschneidende Veränderungen des Marktes, sondern auch eine Entwicklung von einer materialbezogenen zu einer kommunikationsbezogenen Definition von Musik (bzw. zur Musik als Darstellungsmedium). Ob postmoderne Fusion von Genres oder die Vernetzung unterschiedlichster Ästhetiken und Publikumsgruppierungen, im Mittelpunkt stehen mehr denn je das Hören, Austausch und Interaktion, und damit auch erneut die Materialfrage.

Welches sind die „ausfransenden“ Ränder  (Kunst und künstlerische Forschung)
Elektronik, Techno, DJing, Avantgardepop, (Free-)Jazz, Improvisation, sowie die neuen Kategorien zwischen den Künsten (Film, Theater, Aktionismus, Performance, Klangkunst, Audio Art, Radiokunst, Klang-Installationen etc.) relativieren die traditionelle Musiktheorie, -philosophie und -praxis. Inwieweit sind im Licht dieser Entwicklungen Aspekte der Avantgarde und Postmoderne noch relevant? Die Akzeptanz von Neuem geschieht längst im Kontext neuer Kategorien.

Im Bereich Wissenschaft und Forschung zeitigen Themen wie künstlerische Forschung und „Bologna“ wesentliche Veränderungen, aber auch andere Institutionen und Projekte, Szenen (und die entsprechenden Orte) verändern sich im Spannungsfeld zwischen öffentlicher und privater Förderung sowie neuen Bedürfnissen radikal.

Gibt es einen Underground?
Labels wie Kairos und Editions Mego, Zeitschriften wie SKUG und The Wire, diverse Internetplattformen und Improvisations- und Experimentalensembles etc. praktizieren noch dieses „beherzte Vorstoßen“ (Lachenmann). Hat aber Gegenkultur heute noch Öffentlichkeit, und wenn ja, welche? Weichen Avantgarde und Postmoderne einem Kunstbegriff, der einerseits ohne Rebellion und Einspruch, andererseits ohne diskursive Reflexion auskommt? Wie haben sich Werte und Ideologien verändert?

Pädagogische Projekte – Mission oder Alibi?

Vermittlungsprojekte gehören heute zum Standard vieler Musik-Institutionen. (Klangforum Wien, oenm Salzburg, Ferienkurse Darmstadt, Yellow Lounge etc.) Inwieweit sind sie Alibiaktivitäten oder falsch verstandene Missionierungsversuche?

Öffentliche/private Diskursformen
Das traditionelle Verhältnis von Öffentlichem und Privatem hat sich in den letzten Jahren stark verschoben. Wie hat sich die Öffentlichkeit verändert? Welche Bedeutung haben Zwischenbereiche wie Label- und Verlagswerbung, das Feuilleton, das Pausengespräch oder das Gespräch im Plattengeschäft, Blogs usw.? Bildungsfragen bezüglich Zugangcodes, der Qualität der Medien, der Werbung, und schrumpfendem politischem Bewusstsein sind aktueller denn je.

Ist Neue Musik erfolglos/erfolgreich und in jeweils welchem Kontext?

Sind überkommene Muster und Rollenbilder heute noch wirksam? Wie kann Sinnstiftung gelingen (z. B. über Festivals wie Wien Modern)? Ist der mancherorts diagnostizierte Stillstand in den letzten 10 Jahren ein Symptom der Rückgewandtheit von VeranstalterInnen, von Arrivierten, von retrospektivem Denken? Was verdienen KomponistInnen, gibt es neue Geschäftsmodelle für Labels und Verlage, MusikerInnen und VeranstalterInnen zur Verbreitung Neuer Musik? Die neuen Wertschöpfungsketten sind eine Herausforderung nicht nur für die Musikwirtschaft, sondern für alle am Musikleben Beteiligten. Haben Minimalismus (Reich), Meditative Musik (Pärt), Religiöse Musik (Gubaidulina, Penderecki), Experimentelle Musik etc. noch „ihr“ Publikum? Gibt es Publikumsstromanalysen für den „Neue Musik“-Markt?

Die Musikrezeption außerhalb des traditionellen Konzertbetriebs?
Schon seit der Entwicklung von Radio und Fernsehen verlässt die Musikrezeption die traditionellen Räume und geschieht mehr denn je privat. Neben Austausch etwa im Unterricht und über privaten Austausch von im Handel Erworbenem, passiert Austausch heute vor allem im Internet (downloads/youtube/facebook/twitter/soundcloud). Wie hat sich die Öffentlichkeit dadurch verändert. Gibt es Statistiken über die Verbreitung jeweils der neuen Musik der verschiedenen Genres?
 

Veranstalter: mica – music austria in Kooperation mit WIEN MODERN und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien von 23. bis 26. Oktober 2012
Veranstaltungsorte: Franz Liszt-Saal / Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Lothringerstraße 18, 1030 Wien) und ARTspace / Palais Kabelwerk (Gertrude-Wondrack-Platz 4, 1120 Wien)
Zielgruppe: Das Symposium richtet sich an österreichische Musikschaffende und MusikwissenschaftlerInnen sowie an ein musikinteressiertes Publikum


Neue Musik – heute?
Symposium zur aktuellen Situation der Neuen Musik

Dienstag 23. 10. 2012 Franz Liszt-Saal, Lothringerstraße 18 (Nachbericht)
10.00 Uhr-13.00 Uhr
Was ist neu in der Neuen Musik seit 1980?
Neue Medien und neues Musikschaffen

Beiträge von Johannes Kreidler, Martha Brech, Rosa Reitsamer, Sylvia Wendrock und Marko Ciciliani

14.30 Uhr-16.30 Uhr
Die „ausfransenden“ Ränder
Beitrag von Alfred Smudits, Round Table mit David Toop, Stephan Wunderlich und Thomas Schäfer, Moderation Doris Weberberger (Übersetzung Doris Brady)

Mittwoch 24. 10. 2012 Franz Liszt-Saal, Lothringerstraße 18 (Nachbericht)
10.00 Uhr-13.00 Uhr / 14.30 Uhr-16.30 Uhr
Pädagogische Projekte – Mission oder Alibi?
Beiträge von Anna Schauberger, Ludger Hofmann-Engl, Hans Schneider, Emilija Jovanovic und Thorsten Wagner, anschließend Podium mit Publikumsbeteiligung, Moderation Wolfgang Seierl

Donnerstag 25. 10. 2012 ARTspace, Palais Kabelwerk (Nachbericht)
14.00 Uhr-16.00 Uhr
Öffentliche/private Diskursformen
Round Table mit Dörte Schmidt, Eleonore Büning, Jörg Mainka, Barbara Lüneburg, Anna Schauberger, Moderation Reinhard Kapp

16.30 Uhr-18.30 Uhr
Gibt es einen Underground?
Round Table mit Curt Cuisine, Stephan Wunderlich, Renald Deppe, Bill Drummond, Uschi Katzer, Moderation Susanna Niedermayr, Beitrag von Barbara Lüneburg und Bill Drummond

Freitag 26. 10. 2012 ARTspace, Palais Kabelwerk (Nachbericht)
10.00 Uhr-13.00 Uhr
Ist Neue Musik erfolglos/erfolgreich und in welchem Kontext? Die Musikrezeption außerhalb des traditionellen Konzertbetriebs?
Beiträge von Marie-Luise Maintz, Johannes Kreidler und Peter Tschmuck, Round Table mit Thomas Zierhofer-Kin, Markus Hinterhäuser, Lothar Knessl, Renald Deppe, Peter Tschmuck, Marie-Luise Maintz, Moderation Šimon Voseček

Das Symposium Neue Musik – heute? ist Teil der Reihe Musik.Neu – 3 Symposien, veranstaltet von mica – music austria (Oktober 2012), ÖKB (Mai 2013) und IGNM (November 2013) und Kooperationspartnern


 

Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus Kunstmusik und Öffentlichkeit wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien