Porträt: Velojet

Schlag nach bei Wikipedia! Unter Velojet findet sich dort Folgendes: „Eine österreichische Band aus Steyr bzw. Wien. Ihr Stil ist vor allem durch Musik aus den 1960ern, wie zum Beispiel die Beatles oder die Beach Boys, aber auch durch Jazzmusik beeinflusst.“ Ein Porträt von Markus Deisenberger.

Ganz abgesehen davon, dass sich der Informationsgehalt solcher Stehsätze – es lebe das Internetzeitalter –  für ein Online-Lexikon, das überall und jederzeit abrufbar ist, in Grenzen hält, sind es immer noch die üblichen Verdächtigen, an denen sich eine junge Band, die glasklaren, messerscharfen Pop spielt, und deren Sänger einen modischen Kurzhaarschnitt trägt, anno 2010 messen lassen muss: die Beatles und die Beach Boys. Dabei sind es nicht einmal die 80er mit Bands wie den Smiths oder den Talking Heads und deren einprägsame Melodien, sondern vor allem die 90er-Jahre und der damals so angesagte Grunge, die René Mühlberger (Gesang, Gitarre) und Marlene Lacherstorfer prägten. Aber Jazz? Nun ja, lassen wir das.

Nirvana und die The Offspring habe man gehört, als man begann Musik zu machen, erzählen die beiden. Marlene habe anfangs sogar in einer Grunge-Band gespielt. Kaum vorstellbar, hört man „Heavy Gold“, Velojets drittes und zugleich reifstes Album. Man nehme etwa „Pass It Back“, von fm4 seit Anfang des Jahres zu recht auf und abgespielt: Ein Hook, der einen nicht mehr loslässt, jede menge Melodie und ein wunderbares Arrangement. Kurz gesagt: Perfekt inszenierter Pop, der den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Und davon gibt es auf „Heavy Gold“ mehr als nur eine Hand voll.
 
Mit den 90er-Jahrten aber, dem Jahrzehnt, als „Indie“ zu einer Marke mutierte, die ihre Strahlkraft längst nicht mehr nur auf den Keller beschränkte, und sich, wie es Tom Holert einmal so schön formulierte, der „Mainstream der Minderheiten“ seinen Weg in die Stadien bahnte, hat diese Musik aber wenig gemein, außer vielleicht das Selbstverständnis, auch mit nicht primär auf kommerziellen Erfolg getrimmter Musik wirklich begeistern zu wollen.

Aber aufgepasst: Mit offenkundig fürs Stadion konzipierter Musik a la Oasis, die einem immer dann gleich einfallen, wenn von britisch beeinflussten Pop die Rede ist, wollen Velojet rein gar nichts zu tun haben, wenngleich man, wie René Mühlberger erzählt, gerade auf Festivals schon auch mal breitbeinig daher kommen muss, um die Massen anzusprechen. „Aber wenn man unter Britpop Oasis versteht, wehre ich mich dagegen Britpop zu sein, weil es in deren Selbstverständnis trotz einiger wirklich fabelhafter Songs mehr um Sound und Posen geht und nicht mehr um den Song an sich.“ „Das ist mir zu wenig Experiment“, meint er. „Ich komme eher von der Beatles-Richtung“, ergänzt er. Blur und die Beatles, das sei schon eher der Kosmos, in dem er sich von Klein auf bewege. Mit zehn bekam er das weiße Album geschenkt, erzählt er. Eine Initialzündung. „Ich hab es ein Jahr lang auf und ab gehört und jedes darauf folgende Jahr folgte eine weitere.“ So wurde schließlich das gesamte Beatles-Universum Stück für Stück verinnerlicht.

Wenngleich das, was Velojet machen, also sehr nah am perfekten, modernen Pop ist, ist es eben zugleich auch anachronistisch. Einmal, weil es sich in seiner Machart, einerseits Pop mit Prinzipien zu spielen, aber andererseits auch dem Experiment nicht abgeneigt zu sein, an den altvorderen Beatles orientiert. Dann aber auch deshalb, weil jedes Album mit durchgehendem Spannungsbogen in einer Zeit des Einzel-Track-Downloads per se anachronistisch ist.

Da aber „Heavy Gold“ von der Band von Anbeginn an als Abschluss einer Trilogie gedacht war schien es unausweichlich, sich noch einmal mit dem Format „Album“ auseinander zu setzen. Das erste Album sollte es sein, auf dem keine lose Ansammlung von zehn, zwölf Pop-Nummern zu finden sei, sondern ein durchgängiges, sich selbst erklärendes Stück Musik, etwas Schlüssiges. Eine dunklere Farbe sollte es insgesamt haben und klingen als wäre es durchwegs live eingespielt worden. Ob es nun tatsächlich düsterer klingt als die beiden Vorgänger, liegt ganz im Auge des Betrachters, sind die einzelnen Nummern doch immer noch poppig und lassen sich jederzeit mitsummen. Aber gerade das erste Album, meint René Mühlberger, sei doch sehr strahlend gewesen und in den sechs Jahren seit seiner Entstehung sei man als Band insgesamt doch um einiges melancholischer geworden. Aber seit auch die Melancholie über Bands wie Arcade Fire Eingang in die Hitparaden gefunden habe, sei auch das relativ.

Ohne die Unterstützung des Musikfonds jedenfalls, erzählt er weiter, wäre es unmöglich gewesen, die Low-Budget-Produktionen vergangener Tage hinter sich zu lassen und eben eine Nummer wie „Pass It Back“ mit Streichern und allem Drum und Dran aufzunehmen. „Aber auch 10.000 Euro sind schnell weg, wenn man mal ins Studio geht.“ Darin sind sich René und Marlene einig. Dennoch klingt das Album an manchen Stellen fast opulent. „Im Nachhinein sagten einige geringschätzig, wir klängen nach E.L.O. Mich machte das sehr stolz“, so Frontmann René.

Ob es sich heute überhaupt noch auszahle, ein Album wie „Heavy Gold“ einzuspielen, bezweifeln die beiden. Wer weiß, vielleicht gibt es ab sofort nur noch Download-Singles, 7-Inches oder nur Vinyl. Auch USP-Sticks seien denkbar. Geschäftsmodelle gäbe es ja genug. Auch der Idee etwa, Konzerte mitzuschneidern und den Besuchern nach dem jeweiligen Konzert gleich einen Mix davon auf USP-Stick anzubieten, kann René einiges abgewinnen.

Aber ist das nicht der letzte Ausverkauf, wenn man das einzigartige Live-Ereignis, von dem man gemeinhin sagt, es sei die letzte Möglichkeit des Popmusikers, wirklich Geld zu verdienen, auch noch entwertet? Nicht unbedingt, meint Marlene. Ein Live-Feeling lasse sich ohnedies nicht nachstellen. Weder auf CD noch auf DVD, darin sind sich die beiden einig. Für den Besucher aber, der live vor Ort war, sei so ein Stick, mit dessen Hilfe er sich zu Hause an das Erlebte erinnern kann, ein besonderes Zuckerl. Mit dem Kauf einer Studio-CD werde man, wenn man eine Band einmal live gesehen hat, sowieso nur selten glücklich, so die Bassistin. „Bei uns hieß es ja auch oft, dass unsere Platten zu steril seien und das Live-Erlebnis nicht wirklich rüber brächten.“ „Und bis zu einem gewissen Grad hat das ja auch gestimmt“, ergänzt René.

Und heute? „Aufgrund der aufwändigeren Produktion waren wir gezwungen umgekehrt auch zuzulegen.“ Das heißt, dass auch live oftmals Streicher mit von der Partie sind. So beim Popfest am Karlsplatz, aber auch beim Donauinselfest. Abgesehen von allen finanziellen Erwägungen liegt der Nutzen auf der Hand: „Pass It Back“ ohne Streicher? Undenkbar. Und live mache es nun einmal auch mehr Spaß, mit Streichern aufzutreten. Selbst, wenn es einmal soundtechnisch nicht so klappen sollte.

Was hat sich noch geändert in diesen sechs Jahren des Musikzierens?„Die Einstellung“, sagen beide unsiono. „Wir proben viel und verwenden enorm viel Zeit darauf, die einzelnen Nummern zu erarbeiten“, erzählt René. Und das zuallererst für die eigene Befriedigung, „weil man eh weiß, dass man am Plattenverkauf nicht viel verdienen wird.“ Klingt ernüchternd. Hat man denn tatsächlich allen Glauben, vielleicht doch noch groß raus zu kommen, verloren? „Natürlich wären wir nicht böse, wenn mehr ginge, wenn wir noch mehr und teils auch größere Konzerte spielen könnten“, antwortet Marlene. „Aber wir haben keinen Manager, der diese Arbeit übernehmen würde. Das heißt: Je mehr anfällt, desto mehr Arbeit fällt auch für mich an. „Es könnte besser sein, speziell in Deutschland“, fügt René an. „Da ist nur noch die Rede davon, dass Indie-Rock längst tot ist.“

Aber was lebt dann eigentlich noch? Jazz ist tot, Indie-Rock auch und Techno sowieso. „Gute Frage“, meint Mühlberger nachdenklich. „Weißt Du, anfangs haben wir noch viel in Deutschland gespielt. Doch dann hatten wir einen Gig, bei dem alles schief lief. Das Keyboard, das für den damaligen Spund ungemein wichtig war, ging einfach ein. Dann folgte die Anlage, und den Rest gab uns schließlich die Dezibel-Beschränkung.“ Ein herber Rückschlag bei dem Vorhaben, zuerst Deutschland und dann die ganze Pop-Welt zu erobern. Aber egal. „Wir machen es für uns. Was passiert, ist toll“, meint Marlene.

Da fällt einem unweigerlich Naked Lunch ein, die einst mit großen Vorschusslorbeeren bedacht loszogen und mit gestutzten Flügeln zurück kamen, was ihnen heute aber Einerlei ist. René war damals wie heute ein Riesenfan. „Die werden auch immer besser, aber haben sich immer viel Zeit gelassen, was in dem Geschäft nicht unbedingt weiter hilft. Ich denke wir arbeiten ähnlich, haben einen ähnlich hohen Anspruch und sortieren auch unheimlich viel aus.“

Indie sei tot, haben wir gehört. Wenn René Mühlberger sein Publikum umreißt, spricht er dennoch immer wieder vom „Indie-Publikum“. Meinen tut er damit aber offenkundig das, was seit nahezu dreißig Jahren immer wieder damit bezeichnet wird, auch wenn sich die Begriffe längst verschoben haben: Ein offenes Publikum, das abseits vom Radio geschulter Hörgewohnheiten offen für eine wohlüberlegte Melodie, offen für einen kompakten Song ist, der einen Anfang und ein Ende hat und eine Geschichte erzählt.

Und um dieses Publikum zu erreichen, nimmt man so einiges auf sich: Heute Wien, morgen Steyr und übermorgen auf irgendeinem Acker. Bis an die sechzig Gigs spielt man jährlich. Große Bühnen, kleine Bühnen, Zeltfeste… Und schätzt sie alle gleich: Da kommen viele Fans, die für Stimmung sorgen und dort muss man das Publikum, das eigentlich wegen einer ganz anderen Band gekommen ist, erst für sich gewinnen. Beides habe seinen Reiz, erzählen die beiden Musiker.

Doch auch die heimischen Festival-Betreiber kämpfen um jeden Zuseher. Wichtig sei es zu ziehen, erzählt René. „Wir haben schon oft von Veranstaltern gehört, sie hätten gedacht, wegen uns kämen 500 Leute. Wegen uns kommen ja auch Leute. Aber jedes Mal 500 zu mobilisieren, gelingt uns halt auch nicht. Das kommt ja ganz wesentlich auf die Szene an, die es vor Ort gibt. Wenn wir in der Nähe von Amstetten spielen und die Jugend dort vorwiegend Punk und Ska hört, dann kommen wir halt nicht so gut an.“

„Andererseits gäbe es auch Veranstalter, die uns dessen ungeachtet buchen. Einfach deshalb, weil sie die Musik gut finden. Schön wäre es natürlich, wenn wir trotzdem 500 Leute motivieren könnten.“ Andere Bands hätten noch größere Probleme mit dem Spielen auf Festivals, so Marlene. Garish etwa oder Interpreten des Songwriter-Fachs. Die seien zu ruhig für Festivalbühnen. „Auf einem Festival klingt schon das Schlagzeug so dünn, dass der Rest wirklich fahren muss.“
Klar, da müsse man schon kompromissbereit sein. So spiele man dann halt die drei ruhigen Nummer einfach nicht. „Teilweise ist das schon auch frustrierend, aber so ist das nun mal.“

Das typische Publikum? „Die meisten Leute kennen zwei Nummern und beim Konzert merken sie, dass sie eigentlich vier Nummern kennen“, so Mühlberger. Aber der Hype, der funktioniere nicht. „Dazu bräuchten wir einen wirklich großen Hit und eine große Agentur, jemanden also, der uns auf eine große Bühne stellt. Ich glaube ja eigentlich, dass es ein Grundirrtum ist, dass alle meinen, man müsse nach Deutschland gehen, um Erfolg zu haben. Warum nicht ein anderes Land, eines, in dem deine Musik einfach besser ankommt.“

Ja, warum eigentlich nicht? Auf der Hand läge dann aber England, wende ich ein und vor diesem Schritt haben heimische Bands dann meist doch zu viel Respekt. „Stimmt schon. In London gibt es zigtausende Bands, aber davon brauch man sich nicht abschrecken zu lassen“, meint René. „Auch wir haben zwei Mal in Brighton gespielt, und erst als die Reaktionen auf alle nachfolgenden Bands verhaltener waren, haben wir gemerkt, dass wir eigentlich sehr gut ankamen und das Publikum dort einfach sehr verwöhnt ist.“ Und als österreichischer Musiker wiederum sei man sehr verwöhnt, was die Reaktionen des Publikums anbelangt.

Wir fassen zusammen: In England ist das Publikum, in Österreich sind die Musiker verwöhnt. Eine interessante Analogie. Ein gutes Beispiel, meint Marlene, sei auch der „Two Door Cinema Club“, der eben noch Headliner auf dem fm4-Fest spielte und eine Woche später in Camden vor sechzig Leuten spielt. „Wenn man so etwas sieht, muss man schon aufpassen nicht das Selbstvertrauen zu verlieren.“ Probieren sollte man es trotzdem, sind sich beide sicher.

Zum Abschluss noch ein Ausblick in die Zukunft: Derzeit sind Velojet sehr damit beschäftigt, an einem grundlegend neuen Sound zu arbeiten. Ein weit verbreitetes Missverständnis sei es ja, so Mühlberger, dass sich perfekter Pop meist – so hat es zumindest den Anschein – in dreiminütigen, dynamischen Gassenhauern manifestiere. „Mir und der gesamten Band schwebt derzeit ein eher grooviger Sound vor, der auf wiederholbaren Motiven basiert und nicht von A nach B und C und dann wieder nach A zurück springt. „Als Sänger will man sowieso immer reduzieren, damit die Stimme mehr Raum hat und man endlich einmal singen kann und nicht schreien muss. Gitarre, Schlagzeug, Bass und Synths sind schon eine ziemliche Wand.“ Aber es gehe auch darum, der Band mehr Freiraum zu lassen. „Mit akkordtechnisch einfachen Nummern, die man variieren kann. Songs mit modularem Aufbau.“ René fährt fort: „Die Nummern, die wir derzeit spielen, kommen dem schon sehr nahe.

Einstweilen könne man das leider nur im Proberaum miterleben. Genau dieses Feeling aber gelte es nun festzuhalten – auf Platte und auf der Bühne, damit es auch das Publikum genießen kann. „Wenn man Nummern, die man aufgenommen hat, nachspielt, ist das Pflichterfüllung, Reproduktion. Wir wollen zeigen, wie sehr die Band doch in den letzten Jahren gereift und zusammen gewachsen ist.“

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