Ausgehend davon, dass Kunst ein soziales Konstrukt ist, welches in permanenten Verhandlungs- und Aushandlungsprozessen generiert wird, haben die KünstlerInnen Bernhard Gál und Nadja Klement (in Kooperation mit der Uni Salzburg, dem Mozarteum und der Galerie 5020) die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung "Wer macht die Kunst? Und warum?" konzipiert, die am 12.01.2012 in Salzburg stattfinden wird. Schon einen Tag zuvor wird dazu in der Galerie 5020 die begleitende Ausstellung „Klangkunst - A German Sound“ eröffnet. In beiden Fällen geht es dabei um grundsätzliche Fragen des Kunstbetriebs: Wer mischt bei der Kunstwerdung eigentlich mit, und mit welchem Interesse?
Denn sobald Kunst öffentlich zugänglich wird, formuliert sich immer auch der konkrete Anspruch auf den Kunststatus des jeweils Präsentierten. Erst durch dieses Öffentlich-Werden für andere kann Kunst überhaupt als Kunst wahrgenommen werden. Erst durch Kommunikation, Interaktion und auch durch Missverständnisse wird Kunst überhaupt produziert. Doch bevor es überhaupt soweit kommt, Kunst in die Öffentlichkeit tritt bzw. dorthin getragen wird, werden auf den Hinterbühnen viele Fäden gezogen, Entscheidungen getroffen, Probleme gewälzt, Interessen abgewägt. KünstlerInnen sind zwar maßgeblich an diesem Prozess beteiligt, doch die Faktizität ihres Schaffens allein garantiert längst nicht den Kunststatus dessen, was sie produzieren. Kunst entsteht in einem mehrstufigen und arbeitsteiligen Produktionsprozess, der mit der Eröffnung einer Ausstellung beispielsweise keinesfalls abgeschlossen ist: Im Gegenteil, jetzt geht es erst richtig los, denn ob etwas als Kunst wahrgenommen wird, das entscheidet nicht zuletzt das Publikum.
Bei der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung "Wer macht die Kunst? Und warum?" geht es daher auch um Fragen nach den Beweggründen der im Kunstbetrieb Beteiligten. Fragen den Motiven, Intentionen, nach den konkreten Vorstellungen davon, warum Kunst sein soll und was Kunst kann. Es geht um Fragen nach den Tücken im Detail, nach Visionen und Problemstellungen. Hier soll angesetzt und mit verschiedenen ExpertInnen, auch mit Hinblick auf die zeitgleich in der Galerie 5020 stattfindenden Ausstellung „Klangkunst - A German Sound“, diskutiert werden.
Klangkunst deshalb, weil sie eine zeitgenössische Kunstpraxis darstellt, die mit ihrer exemplarischen Sonderstellung „zwischen den Stühlen“ Perspektiven auf allgemeine Herausforderungen und Fragestelllungen zeitgemäßer künstlerischer Produktion eröffnen kann. Sie experimentiert mit Klängen und Räumen, innen wie außen; sie benutzt vielfach Alltagsgegenstände, und sie spielt mit Situationen aus dem ganz normalen Leben. Klangkunst macht das Angebot, Gewohntes anders und neu zu erleben, Ungewohntes zu entdecken und in eigener Zeit, mit eigener Sinneswelt zu erkunden. Klangkunst ist sinnlich und spielerisch, hintergründig und hinterfragend.
Die von Johannes S. Sistermanns und Stefan Fricke kuratierte Ausstellung „Klangkunst - A German Sound“ versteht sich dabei als mobiles Ausstellungsprojekt, das sowohl die Geschichte und Konzepte der Klangkunst in Deutschland präsentiert als auch aktuelle Werke sinnlich erfahrbar machen will. Dazu wurden 11 KünstlerInnen, die die Geschichte der Klangkunst in Deutschland maßgeblich mitgestaltet haben, beauftragt, kleine klingende Kunstwerke für die Ausstellung zu gestalten und akustische Überraschungen zu präsentieren.
Zusätzlich treffen sich VertreterInnen aus den Bereichen Klangkunst, Kunstkritik, Kunstsoziologie, kuratorische Praxis und Musikwissenschaft zu Tandemgesprächen an einem Tisch. Zu Beginn steht am Eröffnungsabend der Ausstellung (11.01.) ein Gespräch zwischen dem Kurator Stefan Fricke und der in der Ausstellung vertretenen Klangkünstlerin Christina Kubisch.
Am darauffolgenden Tag (12.01.) werden Stefan Fricke, Christina Kubisch, die Kunsthistorikerin Sabeth Buchmann, die Soziologin Felicia Herrschaft, die Kulturwissenschaftlerin Sabine Sanio und der Kurator Georg Weckwerth Impulsvorträge präsentieren und. in Dialog treten. Eine moderierte Feedbackrunde mit allen Beteiligten beschließt die Veranstaltung.
Interview mit Bernhard Gál und Nadja Klement
Wie kam es zur Idee das Thema "Wer macht die Kunst? Und warum?" aufzugreifen und sowohl als Symposium wie als Ausstellung zu präsentieren?
Nadja Klement: Dieses Symposium ist der Beginn einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe des Doktoratskollegs "Kunst und Öffentlichkeit". Bei der Konzeption dieser Reihe ging es vor allem darum, unsere eigenen Forschungs- und Erkenntnisinteressen mit anderen zu teilen. Die Wahl dieses Themas ergab sich zum einen daraus, dass wir in unserem Doktoratskolleg, das den Namen „Kunst und Öffentlichkeit“ trägt, diese Frage notwendigerweise immer wieder diskutieren; zum anderen spiegeln sich hier die konkreten Forschungsschwerpunkten der Beteiligten DoktorandInnen, also von mir und Bernhard Gál wider. Ich forsche etwa über die Geschichte und Funktion des Kunstbegriffs und interessiert sich im besonderen für die Zuschreibungsprozesse über die Kunst zu stande kommt, warum Gesellschaften wie die unsrige einen Kunstbegriff brauchen. Dabei geht es in starkem Maße um den Prädikatscharakter des Begriffs Kunst, der dasjenige, was als Kunst bezeichnet wird, aufwertet. Bernhard Gál forscht zu Raumaspekten in Klanginstallationen.
Geht es um zeitgenössische Kunst, die sich nicht gleich von selbst erschließen will, wird oft von fehlender oder falscher Vermittlungsarbeit gesprochen. Gerade wenn es um entsprechende Kunst im öffentlichen Raum geht. Hat die zeitgenössische Kunst wirklich dieses große Vermittlungsproblem?
NK: Ich denke, dass Kunst generell vermittlungsbedürftig ist. Wir sprechen ja nicht von Artefakten oder gewöhnlichen Dingen. Alles das, was als Kunst in irgendeiner Weise präsentiert wird, hat diesen Status nicht ohne Grund. Kunst ohne kontextuelles Netz kann es nicht geben. Die Frage ist nur, in wie weit diese Kontexte auch transparent gemacht werden. Das gilt für eine antike Statue ebenso wie für eine Klanginstallation. Die Statue mag uns zwar vertrauter erscheinen, genauso wie ein barockes Stillleben, aber das allein ist ja kein hinreichender Grund, weshalb jetzt diese Statue oder jenes Blumenbild Kunst sein können. Die Frage nach dem Warum des Kunststatus kann immer gestellt werden und sie wird leider in den seltensten Fällen tatsächlich reflektiert und vermittelt. Vielleicht müsste man mal fragen, warum das Hermetische, Rätselhafte so hoch geschätzt wird, dass es den Kunststatus erhält.
An wen richten sich das Symposium und die Ausstellung?
Bernhard Gál: An alle, die mit Kunst und Musik zu tun haben.
Die eingeladenen DiskutantInnen und ExpertInnen kommen dabei aus dem Bereichen Klangkunst, Kulturwissenschaften, Kunstkritik, kuratorische Praxis, Musikwissenschaft und Soziologie. Wie wichtig ist so ein transdisziplinärer Diskurs?
NK: Kunst ist das Resultat eines gemeinschaftlichen Prozesses. Nichts ist automatisch Kunst. Nicht alles, was eine Künstlerin denkt, tut und produziert, ist von vornherein Kunst. An dem Prozess der Kunstwerdung sind ganz unterschiedliche Stakeholder mit zum Teil auch ganz verschiedenen Interessen beteiligt: KuratorInnen, SammlerInnen, GaleristInnen, Künstlerinnen, KritikerInnen, WissenschaftlerInnen, etc. Ein Interesse verfolgen sie aber gemeinsam: und zwar, dass dieses oder jenes Kunst sei. Mit unserer Veranstaltung wollen wir diesen Produktionsprozess in den Mittelpunkt rücken, das Bewusstsein für den Konstruktcharakter „der Kunst“ ein wenig schärfen; dabei soll uns der transdisziplinäre Diskurs unterstützen.
Wieso wurde gerade "Klangkunst" als quasi praktisches Beispiel gewählt?
BG: Die Wahl der Klangkunst war naheliegend, da diese einerseits meinen persönlichen Forschungsschwerpunkt darstellt und andererseits gerade in der Klangkunst auf exemplarische Weise intermediale Verschränkungen bzw. die Auflösung von Gattungsgrenzen in der aktuellen Kunstproduktion aufgezeigt werden können.
Gibt es Pläne für weitere, ähnliche Projekte?
BG: Im März 2012 (21.- 22.3.) wird es ein weiteres Symposium geben: „This is not a Protest Song!“ beschäftigt sich mit dem Thema Kunst und Politik. Hier hat das Doktoratskolleg ein zweitägiges Vortrags- und Workshop-Programm initiiert. Unsere Gäste kommen aus dem Bereichen Aktivismus, NetzKunst und Performance. (Konzept: Nadja Klement und Sonja Prlic)
Im April 2012 (20.4.-21. 4.) wird ein Workshop zum Thema Stadt/Aneignung mit dem Titel „Make it Yours“ stattfinden. (Konzept: Laila Huber und Luise Reitstätter).
Danke für das Interview.
"Wer macht die Kunst? Und warum?"
Eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung des Doktoratskollegs Kunst und Öffentlichkeit.
Konzeption: Bernhard Gál und Nadja Klement
Teil der Vorlesungsreihe P-ART-ICIPATE!, in Kooperation mit dem Programmbereich Contemporary Arts & Cultural Production des Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst der Paris Lodron Universität in Zusammenarbeit mit der Universität Mozarteum Salzburg.
Zeitplan:
Klangkunst - A German Sound - Ausstellung zur aktuellen Klangkunst in Deutschland (gemeinsam mit der Galerie 5020)
Mit Arbeiten von Jens Brand + Hans W. Koch, Roswitha Von Den Driesch/Jens-Uwe Dyffort, Frauke Eckhardt, Ulrich Eller, Rolf Julius, Christina Kubisch, Tilman Küntzel, Franz Martin Olbrisch, Erwin Stache.
Eröffnung: 11.1.2012 (Ausstellungsdauer bis 11.2.2012)
18.00 – 19.00: Einführungsgespräch mit Stefan Fricke und Christina Kubisch, Moderation: Bernhard Gál, danach offizielle Ausstellungseröffnung
Galerie 5020
Sigmund Haffnergasse 12/1, 5020 Salzburg
http://www.galerie5020.at
Symposium: Impulsvorträge, Dialoge, Podiumsdiskussion
Do, 12.1.2012, 13.30-18.30
Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst
KunstQuartier, Bergstraße 12, 5020 Salzburg
http://www.w-k.sbg.ac.at/quicklinks/doktoratskolleg/veranstaltungen.html
Programm:
13:45 Begrüßung: Bernhard Gál und Nadja Klement
14:00 – 15:00 Stefan Fricke (Kurator, Musikwissenschaftler, Berlin) & Sabeth Buchman (Kunsthistorikerin, Kunsttheoretikerin, Wien)
15:10 – 16:10 Felicia Herrschaft (Soziologin, Frankfurt) & Christina Kubisch (Klangkünstlerin, Berlin)
16:20 – 17:20 Georg Weckwerth (Kurator/Künstler, Wien) & Sabine Sanio (Kulturwissenschaftlerin, Berlin)
17:40 – 18:40 Offene Feedbackrunde mit Vortragenden und VeranstaltungsteilnehmerInnen (Moderation: Bernhard Gál und Nadja Klement)