Es ist nicht allzu schwer, CDs selbst zu produzieren oder auch eine eigenes Label zu gründen, allerdings sollte man sich vorher überlegen, wie man die Produkte dann auch verkaufen kann. In diesem Abschnitt wird erklärt, welche Möglichkeiten es gibt, Tonträger (Vinyl/CDs/DVDs) an den Handel oder direkt an die Endkonsumenten zu verkaufen.
Vertriebsmöglichkeiten:
Direktvertrieb:
Ohne professionellen Vertrieb kann man seine Tonträger direkt
• Über das Internet selbst verkaufen
Prinzipiell natürlich eine tolle Möglichkeit, der Aufwand für Website und Pakete auf die Post bringen, ist nicht sehr groß. Die Zahlungsmethoden muss man sich aber überlegen, per Nachnahme ist sehr teuer und schreckt potenzielle Kunden ab, Vorauskasse ist bei unbekannten Websites auch nicht jedermanns Sache. Für Zahlung mit Kreditkarten muss man Verträge mit den Kreditkartengesellschaften abschließen (mit welchen ist auch die Frage),und es fallen auch Gebühren an, das zahlt sich für kleine Händler kaum aus.
Paypal ist da eine bessere Möglichkeit, allerdings muss man auch hier mit Gebühren rechnen (bei bis zu € 2500.- Umsatz pro Monat: 3,4% vom VK (=Verkaufspreis) + € 0,35), die man im Verkaufspreis einkalkulieren sollte. Ganz wichtige Überlegungen sind aber auch die: warum sollte jemand auf meiner Seite das Album kaufen? Woher kann er die überhaupt kennen?
Eine weitere Möglichkeit ist, seine Produkte über etablierte Online-Händler, wie z.B. Amazon anzubieten:
Vorteil: Amazon ist weltweit bekannt, Kunden wickeln Zahlungen gerne über vertraute Händler ab
Nachteil: Gebühren (momentan 15% des VK + € 0,99 pro erfolgreichem Verkauf + 2,20 Versandtransaktionsgebühr. Dazu kommen noch 15% Umsatzsteuer wenn man keine EU-UID Nummer (Umsatzsteuer-Identifikationsnummer) hat
• Bei Konzerten selbst verkaufen
Das empfiehlt sich selbst dann noch, wenn man einen Vertrieb gefunden hat. Ein Live-Konzert ist auch die beste Verkaufsshow, die man bekommen kann. Konzertpublikum ist oftmals kaufwillig und nimmt gerne ein Andenken an einen gelungenen Abend mit. Meist wird es auch als zusätzlicher Kaufimpuls empfunden, wenn die Musiker selbst ihre Produkte verkaufen oder vielleicht signieren.
• Einzelnen Fachhändlern selbst in Kommission geben (bzw. wenn möglich verkaufen)
Das ist bei manchen Shops möglich, allerdings fast nur noch auf Kommission. Das heißt, man gibt dem Shop Ware (Lieferschein nicht vergessen, Übernahme bestätigen lassen!) und bekommt erst dann ein Geld, wenn dieser was verkauft hat. Abgerechnet wird monatlich oder noch seltener. In vielen Fällen wird man die Shops an die Abrechnung erinnern müssen. Dieser Weg ist nur zu empfehlen, wenn das nötige Vertrauen vorhanden ist (Kommission kommt ja auch von lat. comittere: anvertrauen)
Was kann bzw. sollte ein professioneller Vertrieb alles machen?
- Ein Vertrieb verkauft Produkte an den Einzelhandel, der diese dann an die Endkonsumenten weiterverkauft
- Dafür hat er Telefonverkäufer und Außendienstmitarbeiter
- Er hält Kontakt zu den Einkäufern bei Handelsketten und Fachhändlern und bekommt von diesen regelmäßig Termine, um seine Waren zu präsentieren
- Er verschickt regelmäßig Aussendungen (per E-Mail, Post oder Fax) mit Informationen über Neuheiten, Aktionen, Chart-Platzierungen und Live-Terminen seiner Künstler
- Er plant in Absprache mit den Labels Marketing- und Promoaktivitäten
- Er hat Kontakte zu internationalen Vertrieben, denen er sein nationales Repertoire weiterverkauft
- Er hat ein Lager und sorgt dafür, dass er immer ausreichend Ware zur Verfügung steht
- Er plant Zeitpunkt von Veröffentlichungen, Auflage der Pressung, Preisgestaltung etc. gemeinsam mit dem Label
Welche Formen von Vertrieben gibt es?
- Majorvertriebe
Alle 4 Majorlabels (EMI, Sony, Universal, Warner) haben auch in Österreich eine Vertriebsstruktur. Diese arbeiten vorwiegend mit ihren hauseigenen Labels, als Indie Label ist es nur sehr schwer möglich, von Majors vertrieben zu werden.
- Nu School Majors
Als Nu School Majors bezeichnen wir Independent Vertriebe, die mit vergleichbaren Strukturen wie die der Majors arbeiten und die auch eine entsprechende Größe haben (z.B. PIAS, Edel). Es sind multinationale Konzerne, bei denen die österreichischen Vertretungen kaum Repertoire-Entscheidungen treffen können. Entsprechend schwierig ist es daher, als neues Label bei solchen Firmen unterzukommen.
- Independent Vertriebe
Gibt es in Österreich leider (zu) wenige. Diese arbeiten mit internationalen Indie-Vertrieben zusammen, deren Labels sie in Österreich vertreten. Im Gegenzug bieten diese Partner dann (leider nicht immer) das österreichische Repertoire in ihren Territories an (man spricht meist von „territories“ statt Ländern, weil es Länder gibt, die zusammen als „territory“ von einem Vertrieb betreut werden. z.B. Benelux oder G/A/S = Germany, Austria, Switzerland). Kämpfen alle mit (zu) viel Repertoire auf einem kleinem Markt. Haben nicht alle Zugang zu allen großen Handelsketten (Libro, Media/Saturn, Cosmos)
Vertriebssuche
- Auswahl: Zunächst sollte man herausfinden, was es überhaupt für Vertriebe in Österreich gibt, bzw. welche internationalen für mein Label geeignet wären. Denn eigentlich muss sich die Suche nach einem geeigneten Vertrieb für mein Label nicht auf heimische Vertriebe beschränken, es ist allerdings sicher nicht gerade einfach, von Österreich aus einen internationalen Vertrieb zu finden. Es kann aber durchaus sein, dass es die einzige Chance ist, weil es z.B. in der Nische, in der ich arbeite, gar keinen heimischen Vertrieb gibt. Ein Beispiel wäre momentan ein fehlender heimischer Vertrieb für Techno Vinyl-Maxis, da müsste man versuchen, bei einem der deutschen Techno-Vertrieb (wie Neuton, Intergroove oder Kompakt) unterzukommen. Das alles findet man am einfachsten raus, indem man in seiner eigene Sammlung nach Alben sucht, die dem eigenen Schaffen Nahe sind, von denen man sich vorstellen kann, dass sie auf dem eigenen Label erscheinen könnten. Dann schaut man, auf welchen Labels diese Alben erschienen sind und versucht rauszubekommen, welche Vertriebe diese Labels in Österreich oder Europa haben.
- Kriterien: Es gibt ein paar Punkte, die man von einem Vertrieb erfahren sollte, um beurteilen zu können, ob es der geeignete Vertrieb für das eigene Label wäre: Welche Labels hat der Vertrieb noch im Programm, bzw. wie groß sind die? (um herauszufinden, welchen Stellenwert man in diesem Vertrieb haben würde) Welche Musikgenres bietet der Vertrieb an? (um herauszufinden, welche Glaubwürdigkeit dem Vertrieb von Fachhändlern zugestanden wird. Ein Außendienstmitarbeiter, der in einem Gespräch Schlager und Dubstep-Alben verkaufen soll, kann kaum in beiden Bereichen als kompetent gelten können). Hat der Vertrieb Zugang zu den wichtigen Ketten? (steht meine Musik dann möglicherweise auch beim Saturn oder Cosmos?) Hat der Vertrieb internationale Partner in den wichtigsten Territories? (um abzuschätzen, wie groß die Chancen sind, dass die eigenen Produkte international verkauft werden können).
- Präsentation: Über die Wichtigkeit einer guten, professionellen Selbstdarstellung wurde bereits beim Punkt Labelsuche hingewiesen. Die folgenden Punkte interessieren speziell einen potenziellen Vertrieb: mit welchen Künstlern arbeitet das Label? Welche davon spielen live? Sind Compilations und/oder Artist Alben geplant? Anzahl der geplanten Veröffentlichungen pro Jahr? Wird Promo (auch) selbst gemacht? arbeitet das Label mit Promoagenturen?
- Verträge + Erläuterungen:
Muster-Vertriebsvertrag
Erläuterungen:
Vertragsdauer: Man sollte sich nicht fix länger als 3 bis maximal 5 Jahre an einen Vertrieb binden, unter zumindest 1-2 Jahren wird es aber schwierig sein, die Arbeit eines Vertriebs zu beurteilen, auch wird ein Vertrieb nur ernsthafte Anstrengungen für ein Label unternehmen, wenn er eine gewisse Zeit sicher mit den Label arbeiten wird. Eine gute Möglichkeit wäre die Vereinbarung über eine kurze Vertragsdauer mit automatischer Verlängerung bei nicht fristgerechter Kündigung.
HAP: HAP steht für Handelsabgabepreis (auch gebräuchlich die englische Abkürzung PPD von price per dealer), das ist der Nettopreis, um den Händler einen Tonträger vom Vertrieb kaufen können. Dieser wird vom Vertrieb festgelegt.
Kommission: Heutzutage machen die meisten Vertriebe nur noch Kommissionsgeschäfte, mit Ausnahme von sehr renommierten Labels . Da die großen Handelsketten zumeist Zahlungsziele von in etwa 60 Tagen haben, übernehmen die Vertriebe ohnehin schon eine teilweise Zwischenfinanzierung für die Labels, eine Vorfinanzierung ist den Vertrieben durch die schwieriger gewordenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aber meist nicht mehr möglich.
Einzelhandel:
- Fachhandel: das klassische Plattengeschäft gibt es immer seltener. Jahrelange Benachteiligung bei Einkaufskonditionen vor allem der Majors zu Gunsten großer Ketten wie Libro oder Media/Saturn, die große Konkurrenz von Internetanbietern und ein allgemeiner Rückgang der Verkäufe im Tonträgerhandel, haben zu einem Sterben des Fachhandels geführt. Meist nur noch in größeren Städten, können vor allem Läden, die sich auf Nischen spezialisiert haben, überleben.
Vorteile: meist großes Repertoire auf Lager, gutes Kundenservice (z.B. spezielle Bestellungen), Kunden werden noch persönlich betreut und hören auf Empfehlungen. Somit können einzelne Alben gut verkauft werden, sofern sie einzelnen Verkäufern gefallen, auch wenn sie nicht groß vermarktet werden. Oft Bereitschaft, Produkte oder Poster in Auslage oder Geschäft unentgeltlich zu positionieren
Nachteile: selten großen finanziellen Reserven, schlechtere Konditionen bei Vertrieben (höhere Einkaufspreise, schlechtere oder gar keine Retourenvereinbarungen), weniger Kundenfrequenz, bieten nur vereinzelt sämtliche musikalischen Genres an
- Handelsketten: In Österreich Media/Saturn (ein Konzern, der mit unterschiedlichen Konzepten zwei Ketten betreibt. In den meisten Filialen Vollanbieter (alle Genres). Derzeit kein Zentraleinkauf, das heißt, die Einkäufer der einzelnen Filialen dürfen selbständig disponieren, unterliegen aber strengen Kontrollmechanismen), Libro (größter heimischer Anbieter, allerdings fast nur Top 20 Charts-Ware, zentraler Einkauf für alle Fillialen), Müller (zentraler Einkauf in Deutschland, auch österreichischen Filialen werden aus Deutschland beliefert). Sämtliche Präsentationsflächen in solchen Märkten werden vermietet: ob Listening Posts, Wandregale, Aufsteller, Posterflächen – für all diese Flächen muss bezahlt werden
Vorteile: Am meisten Publikum, ausreichend Kapital für Werbung, machen auch für kleinere Labels leistbare Anzeige-Koops mit großen Medien (Kronen Zeitung, News etc.),
Nachteile: verlangen von Vertrieben schwer zu erfüllende Konditionen, Vertriebe mit zu wenig kommerziellem Repertoire werden gar nicht gelistet
- Internethandel: Die großen Anbieter haben gar keinen österreichischen Einkauf, wenn man keine deutschen Vertrieb hat, kommt man bei Amazon z.B. gar nicht rein. Spezialisierte Anbieter wie z.B. Juno Records http://www.juno.co.uk/ können aber durchaus auch von österreichischen Vertrieben beliefert werden.
Organisationen:
VTMÖ: http://www.vtmoe.org/ Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs
IFPI: http://www.ifpi.at/ Verband der Österreichischen Musikwirtschaft
IMPALA: http://www.impalasite.org/ Independent Music Companies Association (europäisches Indie-Label Netzwerk)
MERLIN: http://www.merlinnetwork.org/home/ (Weltweites Indie-Label Netzwerk)