Schon ihr Debüt „Sturz auf Wien“ machte deutlich, dass Lusterboden ihren ganz eigenen Zugang zur Wiener Musiktradition gefunden haben. Das Wienerlied dient Florian Klingler und Merlin Miglinci dabei weniger als Vorlage denn als Inspirationsquelle, aus der sie etwas Neues formen. Auf ihrem zweiten Album „Na Bravo“ (Monkey Music) treffen Wiener Sprachfärbung, zeitgenössischer Pop und ein ausgeprägter Sinn für Stimmungen und Geschichten aufeinander. Die Songs bewegen sich mühelos zwischen rauer Energie und feiner Zurückhaltung, zwischen Humor, Melancholie und jugendlicher Unbekümmertheit. Entstanden ist ein vielschichtiges Album, das das Erwachsenwerden in all seinen Widersprüchen einfängt. Im Interview mit Michael Ternai sprechen die beiden über den Weg vom Debüt „Sturz auf Wien“ zu „Na Bravo“, ihre besondere Form des Wienerlieds und darüber, warum ihre Musik heute vielseitiger klingt denn je.
Wenn man über Lusterboden liest, tauchen immer wieder Begriffe wie „Wienerlied“ oder „Neo-Austropop“ auf. Inwieweit sind das Zuschreibungen, mit denen ihr euch identifizieren könnt?
Florian Klingler: Eigentlich haben wir nie die Entscheidung getroffen, dass wir jetzt das eine oder das andere machen. Wir haben nie gesagt: Wir machen Wienerlieder oder wir machen Austropop. Wir haben einfach begonnen, Musik zu machen, und das Wienerlied war dabei ein naheliegender Bezugspunkt. Merlin kommt aus einer Wienerliedfamilie, den Schrammeln, und auch meine Familie hatte einen starken Bezug dazu. Mit 13 oder 14 haben wir dann angefangen, selbst Wienerlieder zu schreiben. Gleichzeitig hatten wir nie den Anspruch, etwas völlig Neues zu erfinden. Das war nie der Gedanke dahinter.
Merlin Miglinci: Wir haben uns ja mit ungefähr 13 kennengelernt. Irgendwann wurden wir Freunde und haben ständig gemeinsam Musik gemacht. Vor allem haben wir uns gegenseitig Musik gezeigt, die wir gut fanden. Ich kann mich noch an eine Playlist erinnern, die ich erstellt habe – sie hieß „Fire Explosion“. (lacht) Da habe ich immer die besten Lieder hineingegeben, die mir gerade gefallen haben.
Florian Klingler: Irgendwann waren da dann 2.000 Songs drin.
Merlin Miglinci: Wir haben uns ständig Musik hin- und hergeschickt und geschaut, was wir beide cool finden. In dieser Zeit haben wir auch viele Wienerlieder gehört, aber ebenso Georg Danzer und ähnliche Sachen.
Florian Klingler: Aber eben nicht nur.
Merlin Miglinci: Genau, nicht nur. Aber damals vielleicht mehr als heute. Irgendwann haben wir uns dann gedacht: Lass uns doch selbst Musik machen. Zu der Zeit haben wir eigentlich nur Klavier gespielt. Dann hat sich Flo eine Gitarre gekauft. Ich war total begeistert, als er nach zwei Wochen zu mir gekommen ist und gesagt hat: „Schau, ich kann diese drei Akkorde spielen.“ (lacht) Da dachte ich mir: Das ist ja voll cool, ich brauche auch eine Gitarre. So haben wir begonnen, verschiedene Instrumente auszuprobieren. Dadurch kommt man auch auf andere Ideen beim Songschreiben. Man will dann nicht nur Danzer mit denselben Akkorden spielen, sondern eigene Akkorde ausprobieren und herausfinden, was daraus entstehen kann.
Florian Klingler: Aber genau zu der Frage, wie wir uns damit identifizieren. Wir machen uns da eigentlich gar keine Gedanken darüber. In einem Bericht wurden wir als Pop-Duo beschrieben. Ich glaube, damit würden wir uns am wenigsten identifizieren, glaube ich. Aber ansonsten…
Merlin Miglinci: Ich glaube, man ist ja auch beim Musikschaffen davon geprägt, welche Musik man gerade hört oder was einem gerade Spaß macht. Ich habe einmal ein Reggae-Lied geschrieben, weil ich da gerade extrem viel Bob Marley gehört habe. Das wäre ja dann auch nicht Wienerlied. Dadurch, dass wir ganz viele verschiedene Sachen hören, sind dann manche Lieder mehr auf diese Art geprägt und andere auf eine andere Art.
Florian Klingler: Wir beide schreiben seht unterschiedliche Lieder, aber es hat sich über die Jahre schon ein gemeinsamer Weg von Songwriting entwickelt.
Das Interessante an den Begriffen Wienerlied oder Austro-Pop ist ja, dass es sich da schon um zwei verschiedene Sachen handelt. Zumindest für mich. Das Wienerlied ist eine jahrhundertealte, lokale Volksmusiktradition, die zum Beispiel in den Heurigen stattgefunden hat, Austropop, Austropop dagegen ist die Antwort Österreichs auch den internationalen Pop. Dann gibt es auch andere die meinen Wienerlied ist alles, was inhaltlich mit Wien zu tun hat. Bei euch auf jeden Fall spielt Wien schon eine tragende Rolle in den Texten, die Lieder sind sehr geprägt von Wien. Würde sich eure Musik eigentlich so anhören, wie sich anhört, wenn ihr nicht aus Wien kommen würdet?
Florian Klingler: Unmöglich zu sagen. Keine Ahnung. Wir haben eh auch schon mal so drüber geredet.
Merlin Miglinci: Ich glaube, besonders beim aktuellen Album war es uns wichtig, sehr ehrlich zu uns selbst zu sein. Auf dem ersten Album haben wir eher Geschichten erzählt. Die Texte des neuen Albums beschreiben dagegen teilweise echte Gefühle und Gedanken – Dinge, die man vielleicht auch in einem Tagebuch finden könnte. Und dadurch, dass wir in Wien leben, hier unseren Alltag verbringen und all diese Erfahrungen hier machen, ist die Stadt natürlich stark in den Liedern präsent. Ich denke, das ist ein wesentlicher Grund dafür, warum Wien auf dem Album eine so große Rolle spielt.
Florian Klingler: Aber wie schon zuvor gesagt: Das war nie eine bewusste Entscheidung. Wir haben uns nie gedacht: „Bei diesem Text könnten wir jetzt noch den Karmelitermarkt einbauen.“ Unsere Art zu schreiben ist sehr autobiografisch. Vor allem beim neuen Album haben wir kaum etwas erfunden. Manche Songs sind vielleicht etwas spielerischer angelegt, aber grundsätzlich erzählen wir einfach aus unserem Leben.
So haben wir übrigens auch das Wienerlied verstanden, als wir jünger waren. Wir haben damals oft darüber gesprochen, dass man Wien aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann. Spannend fanden wir immer den Zugang, direkt aus dem Leben zu erzählen, möglichst authentisch. Auf dem ersten Album war das noch deutlich romantischer gefärbt. Beim neuen Album haben wir uns vielmehr gefragt: Was ist tatsächlich unser Leben? Was sind die Dinge, die uns gerade wirklich beschäftigen?
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Ironie und Selbstironie spielen bei euch auch eine sehr starke Rolle. Es gibt ja viele Musiker:innen, die sehr ernsthaft an ihre Kunst herangehen. Bei euch scheint Selbstironie dagegen ein wichtiges Werkzeug zu sein.
Merlin Miglinci: Ja, zu hundert Prozent. Ich glaube, es ist ganz wichtig, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.
Florian Klingler: Das ist ja auch eine große Qualität des Wienerlieds. Man denke nur an Qualtinger. Aber bei uns passiert nicht in dem Sinn, dass wir sagen: Der Qualtinger hat das so gemacht, also machen wir das jetzt auch so.
Merlin Miglinci: Wir machen einfach etwas Lustiges, etwas, woran wir Spaß haben. Wir verbringen ja sehr viel Zeit miteinander, auch unabhängig von der Musik. Und es ist schön, gemeinsam eine gute Zeit zu haben und miteinander zu lachen. Es ist einfach eine Charaktereigenschaft von uns, dass wir sehr selbstironisch sein können beziehungsweise über uns selbst lachen können und viele Dinge nicht allzu ernst nehmen. Das eröffnet oft auch einen ganz anderen Blick auf bestimmte Themen.
Florian Klingler: Gleichzeitig finde ich es spannender, wenn es eine gewisse Fallhöhe gibt – auch auf einem Album. Wenn jedes Lied in derselben Emotion bleibt, verschwimmt irgendwann alles. Aber wenn es einmal rauf- und dann wieder runtergeht, wird es viel dynamischer. Und ich finde, dass ein trauriges Lied mit einem ernsten Thema seine Wirkung erst dann richtig entfaltet, wenn es im Kontrast zu etwas anderem steht. So ist es ja auch im echten Leben.
Merlin Miglinci: Das stimmt. Wenn ich dem Flo im Alltag etwas erzähle, das mich bedrückt, dann bin ich im ersten Moment natürlich traurig. Aber es entspricht nicht unserem Wesen, dauerhaft traurig durchs Leben zu gehen. Wir sagen uns dann: Okay, das ist jetzt passiert. Aber morgen gehen wir ins Kino oder morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich glaube, dass sich dieser Umgang miteinander im Privatleben, in diesen Gesprächen, auch in euren Liedtexten widerspiegelt.
Humor und Witz spielen bei euch beim Musikmachen eine große Rolle. Hört dieser Humor eigentlich in dem Moment auf, in dem es ins Studio geht? „Na Bravo“ klingt nämlich sehr professionell und ist weit entfernt von einem reinen Spaßprojekt.
Florian Klingler: Das klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber wir nehmen unsere Kunst schon sehr ernst. Wir stecken unglaublich viel Zeit hinein und reden wahnsinnig viel darüber. Wir haben ein Jahr lang an den Songs geschrieben, ständig darüber gesprochen und die Texte immer wieder gegenseitig ausgetauscht. Wir nehmen das also wirklich ernst und versuchen, das möglichst gut zu machen und dem Ganzen gerecht zu werden.
Wenn wir von Spaß sprechen, meinen wir nicht, dass wir das Album als Spaß-Projekt sehen. Wir nehmen die Musik sehr ernst, haben aber gleichzeitig extrem viel Freude daran, sie zu machen. Und unser Produzent Enzo Gaier ist einfach großartig. Mit ihm macht die Arbeit unglaublich viel Spaß, und vieles geht auch erstaunlich schnell. Wenn die Songs fertig geschrieben sind, gehen wir ins Studio, nehmen sie auf, und oft passt es dann schon. Das funktioniert mit ihm wirklich hervorragend.
Wir haben das Musikalische schon kurz angeschnitten. Inwieweit setzt ihr euch überhaupt Grenzen? Wenn man das Album hört, gewinnt man eher den Eindruck, dass ihr euch keine Grenzen auferlegt. Es ist sehr abwechslungsreich – von flott bis langsam, von rockig und punkig bis balladenhaft. Irgendwie ist alles dabei.
Florian Klingler: Das ist tatsächlich eine Frage, über die ich mir immer wieder Gedanken gemacht habe. Was ist dieses Projekt eigentlich? Wir schreiben ein Album ja nicht als Gesamtkonzept. Wir sagen nicht: Jetzt fehlt noch genau dieser eine Song, damit alles abgerundet ist. Stattdessen schreiben wir einfach Lieder und schauen dann, was zusammenpasst und wo die einzelnen Stücke ihren Platz finden.
Merlin Miglinci: Und dieses Liederschreiben passiert eigentlich die ganze Zeit. Es ist nicht so, dass wir sagen: Wir haben jetzt drei Wochen Zeit, also schreiben wir in diesen drei Wochen möglichst viele Songs und schauen dann, welche aufs Album kommen. Auch jetzt, wo wir gerade gar nicht im Studio sind, schreiben wir ständig neue Lieder, arbeiten an Melodien oder Texten und zeigen uns die Sachen gegenseitig.
Deshalb gibt es auch nicht diese klare Vorstellung, dass wir noch zwei ruhige Nummern, einen schnellen Song oder irgendein anderes bestimmtes Element brauchen. Vielmehr entsteht ein Lied aus dem, was einen im jeweiligen Moment beschäftigt. Wenn ich gerade in einer nachdenklichen Stimmung bin oder mich etwas intensiv beschäftigt, dann wird daraus vielleicht eher ein ruhiger Song. Ich glaube, wir sind da gar nicht so darauf fixiert, ein bestimmtes Genre zu bedienen oder irgendwelche Vorgaben zu erfüllen.
Florian Klingler: Grenzen setzen wir uns eigentlich gar keine. Zumindest haben wir noch nie bewusst gesagt: Bis hierhin und nicht weiter. Es gibt vielleicht bei manchen Liedern irgendwann den Punkt, an dem wir sagen: Okay, das ist jetzt doch zu deppert. Aber grundsätzlich sind wir für die meisten Ideen offen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Merlin Miglinci: Wir zeigen uns die Songs ja auch immer gegenseitig und holen die Einschätzung des anderen ein. Dann stellt sich manchmal schon die Frage: Ist das jetzt zu blöd für dieses Projekt oder geht das noch?
Florian Klingler: Merlin ist zum Beispiel gerade in einer Michael-Jackson-Phase. Er hat den Film gesehen und möchte jetzt für das nächste Album unbedingt Michael-Jackson-Songs machen (lacht). Da sage ich dann schon: Schauen wir einmal.
Merlin Miglinci: Vor ein paar Monaten haben wir auch schon einen Song für das nächste Album geschrieben. Ohne zu viel verraten zu wollen: Der klingt auf jeden Fall etwas rockiger. Da muss man dann schon schauen, ob das noch zu dem Projekt passt.
Oft ist es aber auch so, dass wir mit einer Idee ins Studio gehen und Enzo dann genau den richtigen Zugang findet. Plötzlich hat der Song diesen speziellen Touch, bei dem wir sagen: Ja, das trifft genau unseren Nerv. Das ist diese gewisse Lusterboden-Note. Enzo ist seit der Schule ein sehr guter Freund von uns, auch schon bevor wir bei ihm Musik aufgenommen haben. Er ist mittlerweile ein ganz wesentlicher Teil unseres musikalischen Schaffens. Er ist nicht nur beim Aufnehmen dabei, sondern prägt die Songs auch als Arrangeur maßgeblich mit. Er hat ein außergewöhnliches Gespür dafür, wie man unterschiedlichste Ideen zusammenführt und daraus etwas Stimmiges macht. Ich glaube, genau deshalb funktioniert das alles so gut.
Florian Klingler: Das stimmt. Wir werfen oft die unterschiedlichsten Ideen in den Raum und kommen mit sehr verschiedenen Songs ins Studio. Enzo schafft es dann immer, das Ganze zusammenzuführen und abzurunden.
Was ist für euch der größte Unterschied zwischen eurem ersten Album und „Na Bravo“?
Florian Klingler: Das erste Album war eigentlich ein Sammelsurium aus sehr alten Liedern von uns. Die Songs sind über einen langen Zeitraum entstanden, irgendwo zwischen unserem 14. und 20. Lebensjahr. Manche davon haben wir geschrieben, als wir gerade einmal 16 waren. Damals haben wir einfach alles hineingeworfen, was wir hatten. Das Album wurde dann innerhalb von ein oder zwei Wochen aufgenommen, und damit war die Sache erledigt.
Merlin Miglinci: Dadurch, dass das erste Album einen so großen Zeitraum abdeckt, sind die einzelnen Lieder natürlich auch in ganz unterschiedlichen Lebensphasen entstanden. „Zünd den Regen an“, das auf dem ersten Album zu finden ist, war ja auch schon ein sehr persönlicher Song von dir.
Das war eigentlich das erste Mal, dass wir ein wenig aus dem Muster des restlichen Albums ausgebrochen sind. Die meisten anderen Stücke waren eher Geschichten oder spielerische Ideen. Da gibt es etwa die Geschichte von einem völlig betrunkenen Jäger, der in ein Wirtshaus kommt und Vögel schießt. Oder „Der nackte Danzer“, bei dem die Grundidee war, Georg Danzer zurückzuholen und mit ihm durch Wien zu spazieren.
„Zünd den Regen an“ war dagegen plötzlich sehr persönlich. Rückblickend war das wahrscheinlich schon die Brücke zum zweiten Album. Denn bei den neuen Liedern haben wir uns viel stärker geöffnet und persönliche Gedanken und Gefühle zugelassen. Ich glaube, das ist der größte Unterschied. Nach der Veröffentlichung des ersten Albums ist uns bewusst geworden, dass wir auch auf diese Weise schreiben können und wollen.
Wir haben auch gemerkt, als wir diese Songs ein paar Mal live gespielt haben, dass sie etwas anderes auslösen. Einerseits beim Publikum, andererseits auch bei uns selbst. Wenn man etwas spielt, das eine echte Bedeutung hat, verändert das die Situation. Dann geht es nicht mehr nur darum, eine lustige Geschichte zu erzählen oder mit einer Idee zu spielen, sondern darum, tatsächlich etwas von sich preiszugeben. Man ist in dem Moment sehr ehrlich. Natürlich ist da immer noch ein Augenzwinkern dabei und vieles hat weiterhin etwas Humorvolles. Aber im Kern erzählt man plötzlich etwas sehr Persönliches.
Und hattet ihr vor dieser Offenheit nie Scheu?
Merlin Miglinci: Für mich persönlich eigentlich nicht. Jetzt, wo die Lieder draußen sind und wir bei manchen Songs wirklich sehr ehrlich waren, habe ich mir kein einziges Mal gedacht: Oh Gott, wie kommt das an? Oder: Jetzt bin ich ja völlig gläsern.
Vielleicht liegt das auch daran, dass wir in unseren Texten nie zu eindeutige Erzählstränge ziehen wollten. Es soll nicht so sein, dass jemand den Text liest und sofort genau weiß, welches Gefühl oder welche Situation dahintersteckt. Stattdessen versuchen wir, vieles über Bilder zu erzählen.
Wir haben oft darüber gesprochen, dass das neue Album in gewisser Weise auch sehr abstrakt ist. Viele Textpassagen arbeiten mit Bildern, die unsere Gefühle in dem Moment widerspiegeln, ohne dass sie genau so passiert sein müssen. „Kleiner Mann“ ist dafür ein gutes Beispiel. Das Lied erzählt eigentlich fast ausschließlich über solche Bilder und transportiert trotzdem sehr klar die dahinterliegenden Emotionen.
Dadurch wird es weniger direkt. Anstatt zu sagen: „Mir geht es gerade schlecht, weil mich meine Freundin verlassen hat und ich nur noch im Bett liege und weine“ (lacht), erzähle ich vielleicht davon, dass wir zu oft in den Urlaub geflogen sind und ich diesen Flug jetzt verpassen werde, weil er nicht mehr möglich ist. Die Botschaft dahinter kann dieselbe sein, aber die Art, sie zu vermitteln, ist eine andere.
Florian Klingler: Ich glaube aber auch, dass Kunst grundsätzlich dann interessant wird, wenn sie nicht alles direkt vorgibt. Alles, was einem zu sehr aufgedrängt wird, verliert oft an Reiz.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Inwieweit fühlt ihr euch auch einem gewissen künstlerischen Anspruch verpflichtet? Mir ist aufgefallen, dass eure Texte nicht plakativ sind, sondern oft mit poetischen Bildern arbeiten.
Florian Klingler: Das ist uns schon wichtig. Gleichzeitig sehen wir das aber auch mit einem gewissen Augenzwinkern. Uns ist es wichtig, dass die Texte und die Musik eine Qualität haben und dass man merkt, dass wir uns viele Gedanken darüber gemacht haben. Aber ich finde auch, dass solche Momente nur dann richtig wirken, wenn es einen Kontrast dazu gibt.
Zum Beispiel bei einem Song wie „Schmusen“. Da geht es nicht darum, irgendeinen großen künstlerischen Anspruch zu formulieren. Da steht einfach die Freude an dem Lied im Vordergrund, und genau das macht den Song aus.
Ich finde, wenn sich in einem Projekt irgendwann alles nur noch um sich selbst dreht und permanent versucht, besonders tiefgründig oder bedeutungsschwer zu sein, dann verschlingt es sich irgendwann selbst. Dann wird alles zu einer einzigen Suppe und verliert an Kontur.
Deshalb finde ich es schön, wenn solche poetischen oder anspruchsvolleren Momente gezielt bei einzelnen Liedern auftauchen. Gerade durch die Mischung und die unterschiedlichen Zugänge bekommen sie dann auch die Wirkung, die sie verdienen.
Merlin Miglinci: Der Anspruch ist auf jeden Fall da. Wir machen uns über all diese Dinge viele Gedanken und wissen eigentlich sehr genau, was wir mit jedem einzelnen Song ausdrücken möchten. Und nicht nur mit den Songs, sondern im Grunde auch mit jedem Instagram-Post.
Wir sind auf Social Media mal mehr, mal weniger aktiv, aber auch dort überlegen wir uns genau, was wir zeigen wollen und welche Botschaft wir vermitteln möchten. Insofern begleitet uns dieser Anspruch eigentlich durch alles, was wir machen.
Gleichzeitig darf das Ganze, wie Flo schon gesagt hat, nicht zu verkopft werden. Wenn man sich zu sehr in den eigenen Gedanken verliert, geht irgendwann die Leichtigkeit verloren. Deshalb versuchen wir, eine Balance zu finden.
Aber der Anspruch, uns ernsthaft mit dem auseinanderzusetzen, was wir veröffentlichen, ist definitiv vorhanden. Wir fragen uns immer: Gefällt uns das eigentlich selbst? Warum machen wir das so? Ergibt das für uns Sinn? Oder tun wir es nur, weil es von außen betrachtet cool aussieht? Diese Fragen stellen wir uns ständig.
Wenn man sich die Abrufzahlen eurer Songs auf YouTube oder Spotify ansieht, scheint eure Musik beim Publikum ziemlich gut anzukommen. Inwieweit führt ihr das darauf zurück, dass ihr in dem, was ihr macht, doch ein wenig anders seid?
Florian Klingler: Ich weiß gar nicht, ob wir wirklich so anders sind als andere. Aber natürlich freut uns das extrem. Es ist einfach eine schöne Bestätigung dafür, dass die Zeit, die Energie und die vielen Gedanken, die wir in die Musik stecken, bei den Menschen ankommen. Und das ist für mich eigentlich das Schönste daran.
Merlin Miglinci: Ich finde, man merkt das auch bei unseren Konzerten. Es entsteht dort immer eine ganz besondere Stimmung. Auch wenn ich auf der Bühne stehe und nicht im Publikum, spürt man diese Aufmerksamkeit. Man merkt, dass sich die Leute wohlfühlen und auf das einlassen, was passiert.
Besonders beim Präsentationskonzert im Porgy & Bess war das sehr schön. Die Atmosphäre war unglaublich angenehm, viele haben mitgesungen, und in solchen Momenten denkt man sich schon: Wow. Natürlich waren auch unsere Familien dort, aber die allermeisten Menschen im Publikum kannte ich überhaupt nicht. Zu wissen, dass diese Leute unsere Musik hören und zu unseren Konzerten kommen, ist schon etwas Besonderes.
Noch schöner ist es, wenn nach dem Konzert jemand auf einen zukommt und sagt: „Hey, ich höre eure Musik gerne, die bedeutet mir etwas.“ Das sind Momente, die einem wirklich viel geben.
Und natürlich wäre es auch schön, einmal öfter im Radio gespielt zu werden. Das wäre schon nett. Aber ich glaube, solche Dinge entwickeln sich mit der Zeit. Wir schauen einfach, was noch kommt.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
++++
Lusterboden live
18/06/ Do:now Festival, Wien
05/07/ W24Bühne, Donauinselfest, Wien
25/07/ Kulturknall, Murnau
31/07/ Heimatsound, Oberammergau
09/08/ Free Tree Open Air Festival, Taiskirchen/
18/08/ Weinsommer, Gumpoldskirchen/
03/09/ Treibhaus, Innsbruck/
03-05/09/ Allgäus Finest Festival 2026, Wangen im Allgäu
25/09/ Kunsthaus, Weiz
08-10/10/ Nürnberg Pop Festival, Nürnberg
31/10/ Posthof, Linz
03/12/ PPC, Graz
04/12/ Cafe Hildegard, Kirchdorf
05/12/ Kult, Hof bei Salzburg
++++
Links:
Lusterboden
Lusterboden (Instagram)
Lusterboden (Spotify)
