Das Gleichgewicht, das es immer wieder neu zu erzielen gilt, wird in der universellen Menschenrechtsdeklaration wie folgt umrissen: ,Everyone has the right to participate freely in the cultural life of the community, to enjoy the arts, and to share in scientific advance and its benefits.' Das ist die eine Seite. ,Everyone has the right to the protection of the moral and material interest resulting from any scientific discovery or artistic production of which he is the author.' Das ist die andere Seite." [...]
Reales Musikschaffen für einen virtuellen Markt
Welche Musik ist im Netz?
"MP3 ist der Vorbote eines kulturell-ökonomischen Wandels, der unserer Gesellschaft in vielen Bereichen bevorsteht. [...] Letztendlich stellt das populärste Musikformat aller Zeiten nichts weiter dar als die Speerspitze einer Entwicklung, welche ein bisher gut funktionierendes System mit völlig neuen Rahmenbe-dingungen konfrontiert, oder besser gesagt überfordert. Wenn sich ein solches System anpassen will oder muss, so stehen ihm dazu zwei Möglichkeiten offen: Entweder werden die alten Mechanismen mittels technischer Krücken aufrechterhalten, oder das ökonomische Modell selbst wird nicht nur justiert, sondern orientiert sich grundlegend neu. Einer der spannenden Aspekte an MP3 ist also, dass wir in diesem Bereich sozusagen antizipieren können, vor welche Herausforderungen die Digitalisierung die Produzenten und Distributoren multimedialen Contents auch zukünftig stellen wird."
Mag. Richard Pettauer, MultiMediaArt/Fachhochschule Techno-Z Salzburg, MP3-Redaktion Libro Online
"Etwa 200 Jahre alt ist die Geschichte des kontinentaleuropäischen Urheberrechts. Es war die Geschichte der Aufnahme immer neuer Nutzungsarten unter den gesetzlichen Schutz. Einige Grundlagen aber blieben immer konstant: Dazu gehört die Differenz zwischen Urheber und Bearbeiter, sowie die Differenz zwischen Werk und Werkstück. Genau diese Differenzen aber sind heute nur noch schwer zu erkennen. Und zwar nicht nur wegen MP3 und der totalen Digitalisierung, sondern auch aus ästhetischen Gründen: also aus Gründen, die mit der Arbeit von Künstlern zu tun haben, und mit dem Bewußtsein der Künstler für ihre Produkte."
Friedemann Kawohl M.A., Musikwissenschaftler, Köln
"Klassisch trennt man die Verhaltensweisen und Diskussionen um Musik im Netz in die Litanei der Major-Industrie und die der Konsumenten. Die einen fordern striktere Gesetzgebung, mehr Sicherheit für ihr Produkt, massive Verfolgung der Piraten, Wasserzeichen usw., weil sie ihre Gewinne im Rahmen des Mediums schwinden sehen [...]. Die anderen, die User, fordern vielleicht Privacy, Freiheit, Flatrates, eher aber mit dezenter Stimme und ganz und gar nicht formiert, sozusagen flexibel. Eigentlich würden sie aber auch gerne so weitermachen, vielleicht ein bisschen besser. Im Grunde ist das alles ein Märchen, denn die vorausgesetzten Grenzen zwischen User und Produzent werden mit dem Internet [...] immer durchlässiger.
Wichtiger als die Inhalte dessen, was dort kommuniziert wird, sind mir die Widersprüche und die dort auftauchenden Hinweise auf multiple Netze. Angefangen von den neulich erhobenen Forderungen der IFPI Deutschland, eine Art nationales Netz aufzubauen, mit einem nationalen URL-Filter, der an jedem Service Provider mit Übergang aus Deutschland heraus eine von der Zollbehörde verwaltete Daten-bank mit ,bösen' Websites zwischenschaltet, bis hin zu den etwas absurderen Seiten des Netzes, in denen sich nicht unlo-gisch behaupten liesse, dass die Millionen oder Milliarden Verluste der Musik-industrie durch MP3 eigentlich nichts weiter sind als die durch die SDMI verursachte Downtime der gesamten Majoronlinedistribution."
Sascha Kösch, de-bug Berlin
"In welchem Ministerium liegt die nationale Zuständigkeit? Das ist eine politische, vor allem aber eine praktische Frage bei der nationalen Umsetzung [von EU-Richtlinien]. Am Beispiel der Urheberrechtsrichtlinie: In 6 Ländern ist das Justizministerium zuständig, in 6 Ländern das Kulturministerium, und in 3 das Wirtschaftsministerium." [...]
Dr. Margaretha Mazura, European Multimedia Forum Brüssel
Technologische Möglichkeiten
"Regionale Netzwerke, kleine mobile Einheiten, sind nicht mehr nur denkbar, sondern längst da. Was die Industrie z.B. unter Bluetooth verkauft, ist Kommunikation von Rechnern. Es brauchen bloss die Protokolle geschrieben zu werden, und schon könnte man grosse Teile der Leute einer Stadt, die es was angeht, mit einem neuen Stück Musik versorgen. Und das, ohne einen anderen Weg nehmen zu müssen als den der Träger dieser Musik. Ich könnte mit meinem Rechner für das ganze Haus hier ein Radio betreiben. Es müsste nur jemand wissen, dass ich es tue. Zu überwachen wäre das alles nur, wenn man für jeden Rechner, den sich irgend jemand kauft, ein paar weitere zur Überwachung abstellt."
Sascha Kösch, de-bug Berlin
"In der Praxis sieht es bei z.B. Mobilfunkbetreibern so aus, daß UMTS auch sehr hohe Investitionen mit sich bringt. [...] Darum würden die Betreiber gerne Dienste sehen, die größere Bandbreite beanspruchen und die die Benutzer verwenden würden. Man ist also auf der großen Suche nach neuen Diensten, [...] nach der sogenannten "Killer-Applikation". Gerade hier könnte auch die Musik eine große Rolle spielen."
"Wir haben immer eine schöne Welle: Zuerst ist da der Bandbreitenbedarf, und dann, wenn wir die Bandbreite haben, wollen wir Dienste. [...] Und wenn wir dann die Dienste haben, sie sich entwickeln und Teilnehmer dazukommen, haben wir nicht mehr genug Bandbreite - und so weiter, hin und her."
"Welches Netz erfolgreich wird, hängt sehr stark von den Diensten ab, die es zu bieten hat. Auch Musik in unterschiedlichsten Anwendungen wird bei dem großen Bedarf nach neuen Diensten eine Rolle spielen. Wie groß diese Rolle sein wird, hängt von mehreren Faktoren ab, aber auch davon, wie sinnvoll wir den Dienst gestalten, wie wir ihn anbieten und welche Telekommunikationsnetze wir verwenden. An der Bandbreite dürfte es nicht mehr mangeln."
Dipl. Ing. Igor Brusic, Institut für Kommunikationsnetze, Technische Universität Wien
"Der für mich einzig möglich scheinende Kopierschutz sind ,Fingerprints', die die Transaktionen markieren und im Audiosignal damit sozusagen den Fingerabdruck hinterlassen, wo das Signal weitergegeben worden ist. Und man könnte dann - durch entsprechende Gesetzgebung, durch entsprechende Techniken, um das nachzuverfolgen, und vielleicht auch durch entsprechende Drohungen - vielleicht vermeiden, dass Signale weitergegeben werden. Aber das Problem dabei ist: man muss den Datenschutz berücksichtigen, und es ist die Frage, ob jeder will, dass bei jeder Transaktion irgendwo eine ,Duftnote' hinterlassen wird."
Dr. Bernd Edler, Laboratorium für Informationstechnologie, Technische Universität Hannover
Wer lebt wovon?
"Ich möchte 2 Szenarien entwickeln, die als Extreme zu betrachten sind. Szenario 1: Vollständige oligopolistische Marktkonzentration [...] In diesem Szenario wird die Musikindustrie von 3-4 vollkommen vertikal integrierten Unternehmen beherrscht, die von der Vertragsanbahnung mit den Künstlern bis hin zum Vertrieb ihrer Produkte im Handel und im Internet alle Bereiche kontrollieren. [...]
Szenario 2: Cultural Diversity [...] In diesem Szenario müssen die ,Majors' vielen kleinen und mittleren Musikanbietern weichen, die ihre Musik direkt und über das Internet vermarkten. In diesem Szenario gibt es auch kein Copyright-System mehr, weil die sehr erfolgreichen Musiker ohnehin aus der Eigenverwertung ihrer Musik höheren Gewinn schlagen. Diese Musiker brauchen auch keine Verwertungsgesellschaften mehr, deren Verwaltungsapparat einen Teil des Gewinns bislang absorbiert hat. Die weniger erfolgreichen Musiker konnten ohnehin nicht vom Copyright-System ihren Unterhalt bestreiten und erzielen durch dessen Wegfall höhere Einkommen vom Markt.
Beide Szenarien sind aus heutiger Sicht durchaus plausibel, sie stellen aber nur die Extrempunkte eines ganzen Feldes möglicher Entwicklungen ab. Sicher scheint nur eines, dass die Musikindustrie in 5 Jahren völlig anders aussehen wird als heute."
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