
Anlässlich der 15 Jahr Jubiläumsferier des mica-music austria am 27. November waren österreichische Musikschaffende aller Genres dazu eingeladen, im Rahmen des mica focus "Sprechen über Musik - Polemiken" ein sehr persönliches ästhetisches Statement zur Frage "Was macht heutzutage gute Musik aus?" abzugeben, und dieses mit Hörbeispielen zu untermauern. Die SprecherInnen an diesem Abend waren: Renald Deppe, Christof Dienz, Electric Indigo, Sven Hartberger, Manuela Kerer, Doris Knecht, Fritz Ostermayer, Matthias Rüegg
Matthias Rüegg
Einen schönen guten Abend. Ich werde es lange und schmerzvoll machen. Die Türen sind abgesperrt, es kommt niemand herein und niemand heraus, das Buffet ist zu für die nächsten zwei Stunden, in denen ich Sie jetzt belästigen werde. Ich nehme das über die besten Voraussetzungen für schlechte Musik. (Beispielstück wird gespielt). Die CD ist nicht kaputt, weil ich sie so oft angehört habe. Ich habe sie in New York gekauft, von einem Musiker, dessen Namen ich gar nicht nennen will, der sicher schon über 200 CDs aufgenommen hat. Hier hat er ein Doppelalbum mit Standards eingespielt. Das ist ein wunderschönes Beispiel für kollektiven Hype, kollektive Taubheit und Selbstüberschätzung. Keine Ehrfurcht vor dem Original, das Instrument nicht beherrschend. Hat alles, was eben schlechte Musik ausmacht. Das einmal zur Einstimmung.
Ich habe mir vorgestellt, es geht um essentielle Musik und ich bin bei einer Sammlertauschbörse und würde folgenden Tausch vorschlagen. Ich tausche das Gesamtwerk der Rolling Stones gegen ein Schubertlied aus der Winterreise, ich tausche das Gesamtwerk der deutschen Avantgarde, von Adorno bis Lachenmann, gegen "Fool on the hill" von den Beatles, ich tausche das Gesamtwerk von Michael Jackson gegen "Lovesexy" von Prince, ich tausche sämtliche deutsche Schlager gegen "Don't Explain" von Billy Holiday gesungen, ich tausche sämtliche je aufgenommene elektronische Musik gegen Stravinskis "Sacre du printemps", tausche alle Hits von ABBA gegen einen Song aus Gershwins Oper "Porgy & Bess", tausche sämtliche je aufgenommene Punkmusik gegen Shirley Horns "Here is to life", tausche sämtliche je aufgenommene Rapmusik gegen ein Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, z.B. das A-Dur, und ich tausche mein eigenes Gesamtwerk gegen ein einziges Arrangement von Gilham.
Wenn man sich in den letzten 10, 15 Jahren Texte anschaut von Musikern und Veranstaltern, dann gibt es sehr viele Fremdwörter. Ich habe da ein paar zusammen gesucht. Innovation, Interaktion, Dekonstruktion, Konzeption, Ästhetik, Originalität, Authentizität, Kollektivimprovisation und Aleatorik. Nur ein einziges Wort kommt aus der Musik. Alle anderen Wörter kommen aus der Soziologie, aus der Philosophie und aus der Wirtschaftslehre. Ich möchte das kurz erklären. Innovation ist ein Begriff aus der Wirtschaft, von Josef Schumpeter 1911 eingeführt, es betrifft das Einführen von neuen Marktstrategien. Interaktion ist ein Begriff aus der Soziologie, eine Wechselbeziehung zwischen aufeinander ansprechende Partner. Ich habe interessanterweise ein Fremdwörterbuch aus dem Jahre 1971, da sind viele Wörter noch nicht so vorbelastet, wie sie es heute sind. Dekonstruktion, Begriff aus der Philosophie, den der französische Philosoph Jaques Derrida geprägt hat, letztendlich zurückzuführen auf Martin Heidegger. Konzeptionell kommt ebenfalls aus der Soziologie, ist ein Plan, ein Entwurf, ein formuliertes Gedankengut, das zur Realisierung von irgendetwas verwendet wird. Ästhetik kommt aus der Philosophie, und ist von Alexander Gottlieb Baumgarten begründet. Originalität, heißt eigentlich ursprünglich nur "echt". Authentizität ist ein Schlagwort der Postmoderne geworden, unter anderem auch sehr von Sartre geprägt. Im Wort Kollektivimprovisation versteckt sich das Wort Kollektiv, das bedeutet "Soziales Gebilde". Und der einzige musikalische Begriff in diesem Genre ist Aleatorik, kommt von Alea, der Würfel und das ist ein Spiel, das Mozart schon gemacht hat, der mit zwei Würfeln gewürfelt und sich verschiedene Reihen gesucht hat.
Diese Worte tauchen sehr oft auf und ich möchte jetzt gerne eine Erklärung geben, was das sozusagen im Hintergrund bedeutet oder bedeuten kann. Innovation. Mit der Klassifizierung. Damit kann man jede Musik ohne Angabe von weiteren Gründen entwerten oder erhöhen. Man braucht nur sagen, "diese Musik ist nicht innovativ", und damit braucht man gar nichts mehr zu erklären. Vier Kreissägen, Kontrabass, Flöte ist innovativer als ein Klaviertrio, wobei sozusagen dann Form und Inhalt gerne verwechselt werden. Man beurteilt nicht wie gut diese Komposition, vier Kreissägen und Kontrabass, Flöte ist, oder wie gut hat das Klaviertrio gespielt, sondern unter dem Begriff "Innovation" wird sozusagen etikettiert.
"Interaktion". Im Jazz nannte man das früher einmal "Zusammenspiel". Unter Interaktion versteht man heutzutage, "sie haben sich irgendwie durchgeschwindelt durch die Form, falls sie überhaupt eine hatten". "Dekonstruktion", das wird besonders gerne in Bezug auf Bearbeitungen verwendet, das heißt, im Klartext, "der Musiker hat sich weder mit der Vorlage beschäftigt, noch kann er damit umgehen, aber solange man das alles gar nicht erkennt, ist alles wunderbar". "Konzeptionell". Wichtig ist einzig und alleine, komplizierter und unverständlicher Text mit möglichst vielen Fremdwörtern, die keiner versteht, denn damit kann man die Umsetzung auch nicht nachprüfen. Besonders beliebt bei Neuen Komponisten. "Ästhetik", das kann man immer dann in eine Diskussion einwerfen, wenn man nichts Substanzielles zu sagen hat oder wenn die Ohren versagt haben. "Originalität" und "Authentizität". Gemeint ist, "der Künstler hat alle konventionellen Schranken hinter sich gelassen und etwas komplett Neues erschaffen, das sich allerdings niemand anhören kann". "Kollektivimprovisation", kommt immer gut an, da es um die Vorwegnahme einer politischen Utopie geht. Im Klartext, "man muss nicht proben, es funktioniert immer, sogar wenn man eingeraucht oder betrunken ist". "Aleatorik", bedeutet Improvisation ohne Zusammenhänge, besonders beliebt in verschiedenen Free Jazz Akten.
Das wären sozusagen meine Gedanken zur Terminologie, die sich in die Musik eingeschlichen hat, das heißt, das sind lauter Begriffe, die mit Musik eigentlich gar nichts zu tun haben, die jetzt plötzlich die Musikwelt bestimmten. Wenn man wirklich von Musik redet, dann redet man über musikalische Terme und nicht über soziologische, politische und wirtschaftliche. Also ganz gefährlich ist das Wort "Innovation", was also tatsächlich zur Definition einer Marktstrategie beigetragen hat. Ich habe hier ein schönes Beispiel. Das heißt "Tausend Nadelstiche, Amerikaner und Briten singen Deutsch". Die Idee der Amerikaner war, damit sie im europäischen Markt Fuß fassen können, dass sie die Interpreten die amerikanischen Hits auf Deutsch singen lassen. Also das war eine innovative Idee im Sinne einer Marketingidee, die dann natürlich nicht funktioniert hat.
Jetzt habe ich noch einen kurzen dritten Teil. Wir haben ein imaginäres Viereck vor Augen. Wir haben da die Veranstalter, da die Kritiker, da das Publikum und da die Musiker und alle vier tragen jetzt etwas dazu bei, dass gute Musik verhindert werden kann. Ich fange bei den Veranstaltern an. Sehr oft fehlen Fähigkeiten, viele Veranstalter haben überhaupt selber nie ein Instrument gespielt und so stützen sie sich vorwiegend auf politische und soziologische Aspekte der Musik, wie wir vorher gehört haben und beurteilt wird die Oberfläche und nicht das, was effektiv passiert. Und damit das etwas weniger auffällt, muss man übergreifende Konzepte machen, verwiegend auch für Festivals und diesem Konzept muss sich dann alles unterordnen. Ein Beispiel: "Das Fremde in uns", "Das Verwandte in der Fremde" oder "Fremde in der Nacht". Das sind lauter Mottos, wo der Künstler am Ende gar nicht mehr weiß, was er machen soll. Aber das Ganze sozusagen politisch abgesegnet. Kommen wir zum Publikum. Gute Musik ist auf Anhieb nicht wirklich erkennbar. Das merkt man dann, wenn man ein Stück öfter hört. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es wird immer schlechter bei jedem Hören oder es eröffnet immer neue Aspekte. Aber es gibt sehr wenige Leute, die die Musik der Musik wegen hören. Es gibt fast immer einen anderen Vorwand. Man will an den letzten Urlaub erinnert werden, man will sich emotional ablenken, man will

Electric Indigo
Schönen guten Abend. Wie Sie sehen, bin ich ein wenig indisponiert. Ich bin vor zwei Wochen von der Bühne gefallen. Ich habe mir sagen lassen, das gehört zu einer anständigen Musikerinnenkarriere. Es war aber weniger spektakulär, weil beim Aufbau von meinem Live-Act passiert und nicht vor Publikum, und eigentlich würde ich jetzt gerne das Ganze ganz kurz machen können und sagen, "gute Musik ist die, die man dann trotzdem spielt", weil ich habe mich dann nicht davon abhalten lassen, auch nachher noch mein Konzert abzuliefern, aber das ist leider nicht so einfach, weil ich fürchte da gibt es genug Beispiele von Musik, die trotzdem gemacht wird und dennoch aber nicht gut ist.
Aber das hat der Kollege vor mir ja schon ausgiebig referiert. Und mein Beitrag wird jetzt eher das strikte Gegenteil davon, weil ich doch darüber reden möchte, welche Musik für mich gut ist. Und das ist eine auch sehr persönliche Ansicht und ich würde vor allem dazu sagen, außer dass ich nicht gut vorbereitet bin, weil ich sehr mit meinem Knie beschäftigt war. Gute Musik ist eine, die mich überraschen kann, gute Musik berührt mich auf eine durchaus emotionale Art und Weise, aber nicht nur, sondern hat auch eigentlich sehr unmittelbar eine körperliche Wirkung auf mich und regt mich auch geistig an. Des Weiteren fange ich bei guter Musik auch automatisch an, entweder zu lächeln oder manchmal, aber das passiert mir nur bei Klassischer Musik, vorwiegend bei Klaviersonaten, aus heiterem Himmel, zu weinen. Das ist jetzt ein Geständnis in der Öffentlichkeit, das ich so auch gar nicht geplant hatte. Außerdem finde ich, dass sehr viel Potential im Weglassen liegt, in der Unterlassung, in der Pause, in der Stille und darüber hinaus muss ich auch noch sagen, ich stehe total auf Bässe und Spielereien mit Synkopen und Bassmelodien. Außerdem möchte ich noch dazu sagen, da spreche ich natürlich aus meiner 20jährigen DJ-Erfahrung heraus, dass gute Musik schon im Kontext hörbar wird und funktioniert, deswegen fiel es mir auch ein bisschen schwer, aus dem Stück, das ich mitgebracht habe, eine Zwei-Minuten-Passage auszuwählen, weil ich finde, dass sich das erst, erstens im Klub so richtig entfaltet, es ist ein Stück Klubmusik, das ich mitgebracht habe und zweitens auch, wenn es richtig eingebaut ist, wenn es ein Vorher und ein Nachher gibt. Jetzt habe ich grade noch was, das ich unbedingt sagen wollte, das ist mir aber entfallen, fürchte ich. Dann hören wir doch einfach rein. Jedenfalls, das Stück heißt "Audio Quattro", ist von Daniel Meteo, auf Shitkatapult erschienen und kommt aus Berlin.
Jetzt ist mir doch wieder eingefallen, was ich vorher vergessen hatte. Noch eine kurze Anmerkung zu dem Stück. Diese Sirene in dem Stück mag ich eigentlich nicht so gerne, aber der Grund, warum ich sie dann doch akzeptieren kann, ist einfach das Ende, das sie hat, diese etwas verrückte Spielerei und Zwirbelei es dann doch erträglich macht. Aber das richtig Gute ist für mich daran der Rhythmus und wie es mich bewegt. Dazu, das was ich vorhin vergessen hatte. Ich habe schon oft feststellen müssen, dass ich gute Musik nicht gleich erkannt habe. Das heißt, Stücke gehört habe, die mich völlig kalt gelassen haben und durch glückliche Zufälle erst später drauf gekommen bin. Auch in einer anderen Verfassung, beim Wiederhören ich erst doch die Qualitäten erkannt habe und ich denke, das sind oft die Sachen, die dann doch oft viel nachhaltiger gut sind und gut bleiben. Und ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.

Christof Dienz
Schönen guten Abend. Also, was ist gute Musik? Das ist schon einmal eigentlich nicht zu beantworten, weil man das eigentlich nicht wirklich benennen kann. Das ist meine Meinung. Da findet auch jeder etwas Anderes gut. Es finden auch ganz viele Hansi Hinterseer beispielsweise spitze und das kann ich persönlich auch respektieren, wenn jemand einen anderen Zugang dazu hat. Und meiner, ich bin ein klassisch ausgebildeter Musiker und komme eben aus der Klassik, und bewege mich aber in sehr vielen verschiedenen Szenen und erkenne, egal in welcher Szene, dass die sich immer sehr abgrenzen von den anderen Szenen und das finde ich auch sehr schade. Weil man eigentlich nur profitieren kann von einem anderen Blickwinkel und man auch keine Angst davor zu haben braucht. Gute Musik hat auch sicher sehr viel mit dem Heute zu tun und in dieser Zeit des Überflusses finde ich auch spannend oder durchaus legitim, wenn man klaut, also sich bedient an Material, das es schon gibt. Ich sage das deshalb, weil ich mir denke, dass auch die Komponisten sich viel zu sehr wichtig nehmen und sich viel zu sehr in den Mittelpunkt drücken, bei der Musik die sie machen.
Ich finde es eigentlich viel attraktiver, wenn man sich zurück nimmt als Musikschaffender und andere Aspekte und andere Menschen und Umstände, die da mit beteiligt sind an irgendeinem musikalischen Projekt, auch mit einfließen lässt. Ich glaube nicht daran, dass man jetzt unbedingt nur seine eigene Vision verwirklichen muss und alles ganz genau aufschreiben muss und jede Spieltechnik und -Weise ganz genau und präzise hinschreiben muss, sondern ich denke mir, man kann auch ruhig ein bisschen einen Interpretationsspielraum lassen und auch Improvisationsspielraum vielleicht. Das kann dann auch schlecht improvisiert sein und das macht auch nichts, für mich zumindest. Weil jeder bringt sich ein und im Kollektiv oder die die halt da sind, machen dann aus dem Ganzen was.
Was noch? Ja, also ich glaube, dass es wichtig ist, dass man im Prinzip respektvoll umgeht mit der ganzen Musik auf der Welt. Also wie gesagt, dass ein Hansi Hinterseer auch seine Berechtigung hat. Das ist für uns "Elite" vielleicht nicht so spannend, aber es gibt genug, die das spannend finden und nachdem ich nichts von Eliten halte, bin ich ganz für den Hansi Hinterseer. Und rein musikalisch habe ich jetzt ein Stück mitgebracht von D'Angelo, einem R'n'B-Sänger, und ich habe es deshalb mitgebracht, weil für mich das größte Glück in der Musik das Timing ist und der Umgang mit Timing und der kann das so richtig gut. Danke.

Manuela Kerer
Vielen Dank für die Einladung. Es freut mich sehr, dass ich heute hier sprechen darf und ich bin praktisch schon ein bisschen eine Vertreterin der sogenannten Ernsten Musik, der Neuen Musik, die sich tatsächlich oft sehr abspaltet und sehr trennt und Grenzen setzt zu anderen Genres und das finde ich auch sehr schade, wie der Christof vorher schon gesagt hat. Und ich finde auch das Elitäre sehr schade, weil im Grunde, und jetzt komme ich zum Thema zurück, ich natürlich finde, dass Neue Musik gute Musik ist. Es ist natürlich nicht alles gut und es ist nicht alles schlecht, aber ich glaube, es gibt so, wenn wir von Hansi Hinterseer zum Beispiel sprechen, ich bin Südtirolerin, ich darf die Kastelruther Spatzen noch nennen, dann ist es einfach so, dass die sicher, wenn ich mir denke, wie viele Leute vom Spatzenfest in Südtirol kommen, es ist für mich sehr beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen diese Gruppen schaffen, an sich zu fesseln und wirklich, ja, die Menschen sind der Meinung, das ist gute Musik. Und das möchte ich überhaupt nicht in Frage stellen.
Was ich heute aber schon in Frage stellen will ist: Warum ist meine Musik doch so relativ elitär, warum gibt es eine so relativ kleine Bevölkerungsschicht, die ich mit meiner Musik anspreche? Und deshalb möchte ich Ihnen einige Bereiche sagen, die für mich ganz wichtig sind für gute Musik. Erstens muss gute Musik mich total neugierig machen. Ich finde, dass es nichts Schlimmeres gibt, und da ist meine Tätigkeit in der Neuropsychologie sehr wichtig, es gibt nichts Schlimmeres als Langeweile. Wenn man irgendwo drinnen sitzt und sich denkt, "es passiert nichts, auf keiner Ebene und ich fasse das nicht, ich halte das fast nicht aus", das finde ich ist ein Kriterium für gute Musik, dass sie nicht langweilig sein darf. Jetzt sind wir aber wieder beim Thema. Was ist für mich Langeweile. Das ist für mich etwas ganz anderes als für andere wahrscheinlich. Deswegen glaube ich, es ist eine ganz große Definitionssache.
Aber ich bin ja heute hier, um zu sagen, was für mich gute Musik ist und deswegen es gibt zum Beispiel, ich bin schon der Meinung, dass man ruhig vier Kreissägen instrumentieren kann. Und zum Beispiel, ich freue mich immer total, wenn ich am Abend Zähne putze. Bitte, wer eine elektrische Zahnbürste hat, hören Sie, es gibt Obertöne, wenn man die Zähne putzt. Das ist auch Musik für mich. Ich finde, dass das Leben viel zu spannend ist und dass es viel zu viele interessante Dinge gibt zu Hören, um das auszuschließen. Und ich finde es wahnsinnig toll, ich habe in meinem Kompositionsstudium auch immer wieder gehört, "das ist gut, das ist schlecht", das soll so sein, und ich glaube die gute Musik braucht das. Ein Handwerker braucht eine Form, das muss nicht erlernt sein, das kann total autodidaktisch erfolgt sein, aber trotzdem, ich glaube, das Leben ist Musik im Prinzip. Wenn ich raus gehe und ich höre etwas, das ist für mich auch schon Musik. Und ich mache immer wieder mit Kindern Klangspaziergänge. Ich finde es oft tragisch, wenn man fragt, was klingt denn cool, was ist toll, dann muss es wahnsinnig laut sein. Und eben, ich glaube, dass Stille etwas ganz wichtiges ist. Deswegen muss es ja auch Pausen geben in meiner Definition zu guter Musik.
Und was ich Ihnen auch noch schnell erzählen möchte ist, dass es vor kurzem einen Artikel in der Zeit gab, wo darüber gesprochen wurde, dass Neue Musik eigentlich nicht für unser Gehirn gemacht wurde. Ich bin Neurowissenschafterin, ich bin Komponistin für Neue Musik und ich muss Ihnen sagen, das ist kompletter Schwachsinn. Weil als Argument wird nämlich genannt, dass Neue Musik nicht ins Ohr geht und man sie nicht nachsingen kann. So, wer von Ihnen kann mir einen Wagner-Akkord ins Detail nachsingen? Und trotzdem, ich war heuer in Bayreuth, das ist ein Wahnsinn, wie viele Leute da sind. Deswegen, das stimmt einfach nicht. Unser Gehirn ist genauso gemacht für Neue Musik, für Schräge Musik sage ich immer, und "schräg" ist bei mir immer ein Kompliment. Wenn ich Kinder anschaue, bevor sie kulturalisiert worden sind, die hören ganz andere Sachen, die verbinden auch nicht Dur mit lustig und Moll mit traurig, das passiert alles im Laufe unseres Lebens, dass wir das lernen.
Was ich auch glaube, was total wichtig ist in dieser Diskussion, ist der Mensch selber. Weil ich kann einmal in ein Konzert gehen, immer unter der Voraussetzung, dass es gut gespielt ist, dass die Komposition gut ist und es gefällt mir total gut und am nächsten Abend halte ich das für schlechte Musik. Es gibt immer einen guten Empfänger aber der Sender muss auch irgendwo seine Antennen aufgestellt haben. Und ich glaube, dass das auch sehr wichtig ist. Was mir noch wahnsinnig wichtig ist zu sagen, ich finde, ich bin wieder im Bereich der ernsten Musik, wobei ich auch glaube, dass die Grenzen überschritten werden sollen und müssen. Es gibt für jede Musik, Ernste Musik heißt sie, aber bitte, wir brauchen einfach auch Humor. Ich lache wahnsinnig gerne, ich finde, dass gute Musik humorvoll sein kann, darf, muss nicht, und sie kann auch sehr sinnlich sein. Das sind zwei Komponenten, die mir sehr wichtig sind für gute Musik. Und ich glaube einfach, dass wenn ich ein gutes Musikstück höre, dann höre ich auch einen authentischen Komponisten heraus.
Ich glaube, dass Authentizität wahnsinnig wichtig ist. Wir sind alle in einem Bereich, wir werden eingeladen, Stücke zu schreiben, es gibt Veranstalter, die natürlich ihre Konzertsäle füllen müssen und das versteht man und was man davon hält ist eine andere Sache. Aber trotzdem glaube ich, dass man schon hört, ob jemand sich treu bleibt und seiner Musiksprache, ob das ein DJ ist oder ein Hansi Hinterseer oder ein Komponist Neuer Musik. Zum Beispiel der Musikkritiker Hanslik hat gesagt, dass Musik keine außermusikalischen Bezüge haben sollte. Das ist aber etwas Wichtiges. Im Prinzip soll sie das Organ der Phantasie anregen. Ich finde nämlich, ich bin ja auch Juristin, ich habe zum Beispiel sieben Gesetze des italienischen Strafgesetzbuches vertont. Ja, wieso darf ich das denn nicht sagen? Ich finde das interessant, wenn Sie das wissen. Auch wenn sie das vielleicht nicht hören, es kommt kein Text vor, im ersten Moment versteht man das vielleicht nicht eins zu eins. Das ist meine persönliche Interpretation. Ich glaube auch, dass es nicht für gute Kunst einen Beipackzettel geben soll, aber ich glaube, man darf ruhig auch das Publikum ein wenig unterstützen. Und jetzt muss ich Ihnen etwas verraten, ich bin voll ins Fettnäpfchen getreten, ich habe nämlich, ohne mir wirklich viel zu denken, zum Thema "Gute Musik" ein Stück von mir gebracht. Und es ist so, ich sage Ihnen nicht viel, es heißt "15 Milligramm". Ob das jetzt 15 Milligramm Antidepressiva sind oder ich diesen Titel gewählt habe, weil eine Träne 15 Milligramm wiegt, diese Entscheidung überlasse ich Ihnen und ich hoffe, dass mich danach niemand eintauscht gegen irgendjemanden.

Fritz Ostermayer
Wie gewünscht, spreche ich heute über das Thema „Was macht gute Musik aus?“ Wenn es nach Pierre Bourdieu und seinen „feinen Unterschieden“ gehen sollte, dann bräuchte ich mich jetzt nicht auf das Objekt unser aller Begierde - eben „gute Musik“ – zu konzentrieren, sondern ich könnte einfach die berühmte Distinktionsmaschine anwerfen, die dann ganz sozio-automatisch die Spreu der Idioten (also alle Zeitgenossen, die einem mehr oder weniger vernünftigen Beruf nachgehen und Musik einfach nur „mögen“) vom Weizen der Auskenner (also alle hier anwesenden Narren, für die Musik nichts weniger als eine Lebensnotwendigkeit darstellt) trennen würde. Es wäre so einfach: Wir Journalisten und Kulturarbeiter der Nischenproduktion und die von uns abgefeierten Musiker wissen per Fantum geschuldeter Amtsanmaßung, was „gut“ ist, während der BWL-Mob nur auf schlechten House steht, die Friseuse auf dumpfe Casting-Acts und meine Mutter immer noch auf Julio Iglesias.
Doch das mit der Definitionsmacht der vorgeblich Wissenden spielt es leider schon lange nicht mehr. Und unseren Distinktionsgewinn können wir uns auch längst in die Haare schmieren, denn dieselbe Kraft der Selbstermächtigung, die in Punk- und Postpunk-Zeiten noch avancierte Ästhetiken und subversive Schönheit hervorzubringen imstande war, gebiert heutzutage Heerscharen von sämtliche Kanäle verstopfenden normierten Selbstermächtigern von Dieter Bohlens Gnaden, für die wir das Wort „Fremdschämen“ erfunden haben, was diesen Arschgesichtern aber verflucht noch mal gar nichts auszumachen scheint, was uns Nicht-Arschgesichter verflixt und zugenäht noch mal wiederum sehr wurmt, finden wir uns doch durch diese Peinlichkeits-Performer in der unsympathischen Rolle von Kulturpessimisten wieder.
Dass das Erkennen von „guter Musik“ – seit Bourdieu eh ein Gemeinplatz - eine Frage des Geschmacks und somit eine der bürgerlichen Bildung und folglich der sozialen Klasse ist, hilft mir nun nur insofern weiter, dass ich meine kleinbürgerliche Herkunft renitent als Waffe gegen den „guten Geschmack“ und also gegen „gute Musik“ einsetzen, ich mich also halbwissend voll dumm stellen kann, was freilich aber auch nichts anderes heißt als dadurch sogleich in die alte Camp-Falle zu tappen, in der ich mich dann mit jedem musikalischen Scheißdreck solidarisiere, nur um nicht an Pet Sounds und all den anderen Denkmälern populärer Hochkultur anstreifen zu müssen. Trotzdem: In diesem campigen Sinn einer freundlichen Übernahme versuche ich mich immer wieder gern im alchemistischen Akt, aus Scheisse Gold zu machen, zumindest die Scheiße in all ihrer dampfenden Unreinheit gegen die sterile und System stabilisierende Wertanlage Gold zu verteidigen.
Freilich setzt auch dieser Akt der Einssetzung von „schlecht“ ist gleich „gut“ ein anmaßendes Subjekt voraus, das sich die Frage nach dem „Wer spricht?“ gefallen lassen muss.
Also: Wer spricht? Es spricht ein privilegierter weißer, heterosexueller Mitteleuropäer kleinstbürgerlicher Herkunft, der „gute Musik“ zwar zu genießen gelernt hat wie „gutes Essen“, dem aber affige Überspanntheiten wie die Molekularküche dennoch am Arsch vorbei gehen wie das Gesamtwerk von Steely Dan, Prefab Sprout, Kate Bush und überhaupt alles, was einem Connaisseur wie – sagen wir - Klaus Nüchtern wohlige Schauer kennerhaften Genusses über den Rücken jagt. Ab einer bestimmten Perfektion und handwerklichen Meisterschaft – behaupte ich, und ich bin es ja, der jetzt spricht – kippt das, was der Genießer „gute Musik“, in unserem Fall: „gute Popmusik“ nennt, in etwas snobistisch Prätentiöses, dessen Reiz sich in der Addition zwanghaft komplexer Akkordfolgen und sinnlos vertrackter Rhythmen erschöpft.
Wer spricht noch? Ein gelegentlich Erschöpfter. Ein Liebhaber primitiver Strukturen im Pop. Ein Verfechter des Weniger ist Mehr-Prinzips, es sei denn ein Mehr ist Mehr dient der melodramatischen Erregung (z.B. Roy Orbison, The Antlers) oder spiritueller bzw. drogeninduzierter Überwältigung (z.B. Spiritualized, Fuck Buttons). Es spricht einer, der von der von ihm für gut befundenen Musik manchmal die Nase so voll hat, dass er sich wie einstens David Thomas von Pere Ubu ein drei Jahre dauerndes Verbot jeglicher Musikproduktion wünscht, im nächsten Moment aber wieder vor der von ihm für gut befundenen Musik kniet, meistens wie ein Irrer nach so einer sucht und noch immer nach ihr süchtig ist wie Odysseus nach dem Klang der Sirenen.
Es gibt den Anti-Ödipus der Poststrukturalisten, ich wäre gern der Anti-Odysseus der Pop-Mythologie: vor lauter Neugier, wie unendlich schön und berauschend denn der Gesang der Sirenen sei, hätte ich mich lieber von meiner Leidenschaft zugrunde richten als mir Ohrenstöpsel verpassen und mich an einen Schiffsmast ketten zu lassen. Abstinente Helden waren mir – Adorno hin, Aufklärung her – immer schon suspekt.
Was für ein Jammer: Die angeblich schönste Musik der Welt, unwiederbringlich versunken irgendwo in der depperten Ägäis, – und ich werde sie nie nie nie mehr zu hören kriegen. Es wäre zum wahnsinnig werden, gäbe es nicht zum Saufüttern zweitschönste.
Wie zum Beispiel das Stück, das ich ausgesucht habe. Es hat mit Pop nur insofern zu tun, als dass es zwei Minuten dauert. La Golondrina – ein mexikanisches Volkslied aus dem Spätwestern The Wild Bunch von Sam Peckinpah. Das ganze Dorf steht beim Auszug der verdammten Desperados, die ihrem Ende entgegen reiten, Spalier und singt ihnen ein Ständchen.

Renald Deppe
Schönen guten Abend meine Damen und Herren. Soviel Kluges ist gesagt worden, dem man sich teilweise mehr oder weniger anschließen kann. Es gibt ein berühmtes Zitat von Ludwig Wittgenstein über das Sein und das Nichtsein, über Ästhetik und Ethik, über das Gute und das Böse und das Schlechte und es endet ganz am Schluss mit einem ganz berührenden Satz. „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“ Es gibt bestimmt eine Menge guter Musik und der Glückliche hört gute Musik anders als der Unglückliche. Aber man kann sich nicht unbedingt den Zustand aussuchen, in dem man sich befindet. Um aber die breite Potenz und Kompetenz von guter Musik zu kennen, muss man sich in die Situation des Glücklichen, wenn man unglücklich ist und in die Situation des Unglücklichen, wenn man glücklich ist, hinein versetzen. Das bedeutet, ich muss Toleranz aufbringen. Auch auf die Frage, was ist gute Musik.
Bach galt Generationen als nicht so gute Musik. Dann gab es wieder Generationen, da war es wieder hervorragende Musik. Handwerklich steht diese Musik außer Diskussion. Also man hat erkannt, es gibt Befindlichkeiten beim Hörer wo man Musik und vielleicht auch gute Musik gut verkaufen kann. Diese Befindlichkeiten stelle ich her. Das macht heutzutage der Musikbetrieb. Aber man sollte ich nicht allzu sehr davon tangieren lassen, sondern seine eigenen Befindlichkeiten, zu seinen eigenen Befindlichkeiten stehen und Toleranz zu den anderen Befindlichkeiten aufbringen. Toleranz ist nicht Akzeptanz. Viele Menschen bringen schwer Toleranz auf, weil sie glauben, alles was sie tolerieren müssen, müssen sie auch akzeptieren. Das gilt auch für die ästhetische Diskussion. Ich muss nicht alles akzeptieren, was ich auf ästhetischer Basis tolerieren sollte.
Um noch mehr zurück zu gehen, nach Wittgenstein mit Eichendorf zu sprechen, „schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort. Dieses Zauberwort muss jeder von uns versuchen zu treffen, will er sich mit Musik beschäftigen und er sie erkennen, will er die Qualitäten für sich erkennen, ohne die Eigenleistung des treffenden Zauberworts ist das nicht möglich, egal wie gut und egal wie schlecht die Musik ist. Ich habe eine Musik mitgebracht, die etwas länger als zwei Minuten ist, nämlich vier. Darum rede ich jetzt kürzer. Ich persönlich halte diese Musik für sehr sehr gut. Ich persönlich finde, dass diese Musik eigentlich öfter gehört werden sollte und zwar nicht nur in barocken Zyklen für Barockspezialisten. Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die Welt des Unglücklichen. Sie hören nun Musik von einem unglücklichen Komponisten, der in einer Affekthandlung seine Frau und deren Liebhaber, als er sie erwischt hat, ermordet hat. Sie hören aus dem letzten Madrigal-Buch von Gesualdo di Venosa „Ich sterbe matt vor Schmerzen“. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Doris Knecht
Guten Abend. Jetzt haben natürlich alle alles schon gesagt. Aber ich sage es trotzdem auch. Was gute Musik ausmacht? Das ist das, was sie zu allen Zeiten ausgemacht hat. Dass sie einem Publikum, egal, wie winzig klein dieses Publikum ist, in ihm etwas zum Schwingen bringt. Und dieses Publikum und niemand sonst, kann beurteilen, was gute Musik ausmacht. Und dieses Publikum ist im extremsten Fall, und da bin ich ganz der Meinung von Christof Dienz, genau einer, eine Person, also ich. Und ich sage, gute Musik macht aus, dass sie mir gefällt, dass ich sie gut finde und dass ich mich von ihr verstanden fühle. Wobei „gut“ sowieso ein schwammiger und unbrauchbarer Begriff ist. Was ist schon gut? Und lässt sich „gut“ irgendwie objektivieren? Nein! Außerdem, objektive Kriterien gibt es, würde ich meinen, für die Qualifizierung von Musik sowieso keine. Also in der Klassik vielleicht, wo es auch um die Virtuosität der Interpretation geht, in der Rockmusik nicht. Wenn einer nur drei Akkorde beherrscht und er schafft es, mich damit zu berühren – gewonnen. Und auch Musikkritik geht ja vom kleinstmöglichen Publikum aus, nämlich dem Kritiker oder der Kritikerin selbst, die sich allerdings um ihre Mission zu rechtfertigen, etwas Derartiges wie objektive Kriterien zurechtlegen und ausdenken müssen und sie anderen dann effizient aufzwingen. Die meisten Musikkritiker und Musikkritikerinnen bedienen sich auch wenn sie es nicht merken, überwiegend der Kriterien, die ihnen bereits von Kritikern vor ihnen aufgezwungen wurden bzw. wenden sie halt so geschickt auf die aktuellsten Urteile der Musik an, dass diese Kriterien beweisen, dass sie mit ihrem persönlichen Geschmack recht haben.
Ich finde es außerdem natürlich viel leichter zu definieren, was wiederum für mich schlechte Musik ist. Ich kann genau argumentieren, warum ich Rammstein ablehne, oder warum ich die neue Distelmeyer scheiße finde, und die letzten zwei oder drei Dylan Alben, vor allem dieses verheerende Weihnachtsalbum, das meinen Respekt vor Dylan, den ich eigentlich für Gott halte, nachhaltig beschädigt hat. Und warum ich so wenig klassische Musik höre, außer Ö1 zwingt sie mir auf. Oder warum es für Techno in meinem Dasein nur winzigste Momente gibt, wo ich ihn ertrage. Ich kann weniger gut erklären, warum ich seit mittlerweile bald einem Jahr immer wieder eine spezielle CD höre. Ich höre sie, weil sie meine Musik der Stunde ist. Und wie sich erwiesen hat, vieler Stunden, Tage, Wochen und jetzt schon Monate. Die haltbarste Musik, die haltbarste Euphorie, die Musik in den letzten Jahren bei mir ausgelöst hat, das größte Einverständnis. Und schon lange nicht mehr, hat für mich etwas so rundherum gestimmt wie dieses Album, aus dem ich gleich eine Nummer vorspielen werde.
Die Band heißt Dead Weather und das Album heißt „Horehound“. Und Jack White, wer ihn kennt, hat darin das sagen. Die Musik von Dead Weather ist die kürzeste Verbindung zwischen Blues und Punk und sie enthält fast alles, was in meiner musikalischen Sozialisation eine Rolle gespielt hat. Die Ehrlichkeit von schwarzem Blues, die Scheißdrauf-Attitüde des Punk, das aggressive rotzige Ungestüm von Jeffrey Lee Pierce, das sexy Orgelgequengel der Doors, obwohl es eigentlich eine Gitarre ist, die man da hört, ein wenig von dem elektronischen Minimalismus der Young Marble Giants und die undurchdringlichen Soundwände von Sonic Youth. Diese Musik hat ein Gedächtnis, ohne dass es sich in nostalgischem Sentimentalismus verliert. Ich sage nicht, dass gute Musik diese Kriterien erfüllen muss, muss sie nicht. Nur in diesem Fall tut sie es. Und mich macht sie glücklich und mehr muss gute Musik für mich nicht leisten.

Sven Hartberger
Zunächst herzlichen Glückwunsch mica zum 15. Geburtstag, danke auch für die Einladung. Was macht heutzutage gute Musik aus? Doris Knecht hat es schon gesagt, dasselbe, was gute Musik immer ausgemacht hat. Ich lasse also das „heutzutage“ gleich einmal präventiv weg und versuche darüber zu sprechen, was gute Musik ausmacht. Gute Musik macht aus, was alle Kunst ausmacht. Sie muss mehr können und sie muss Anderes können, als nur die Zeit, den Gedanken, ein drückendes Gefühl, die Stille oder die Leere zu vertreiben. Was dieses „mehr“ und dieses „Andere“ sein kann, das gute Musik können muss und nicht nur Musik sondern eben gute Musik zu sein, dazu möchte ich nachher noch ein paar Gedanken und Überlegungen anbieten. Zunächst möchte ich aber diese Fähigkeit eigentlich jeder Musik, nämlich die Zeit, den Gedanken, das drückende Gefühl und die Stille, die Leere zu vertreiben, nach Gebühr würdigen und möchte nicht sagen, dass Musik, die nicht mehr kann als das, schon automatisch eine schlechte sein muss. Denn wir können diese Fähigkeit der Musik gar nicht hoch genug schätzen, weil nämlich Zeit, Gedanken, Gefühle, Stille, Leere wir als zunehmend unerträglich finden und ein so angenehmes und noch nicht einmal substanzgebundenes Mittel haben, um uns dieses Drückenden zu entledigen. Die Musik, deren Einnahme auch keine üblen Folgen am nächsten Tag hat. Dieses Vermögen und diese Fähigkeit alleine, machen aber denke ich keine gute Musik und um irgendwie zu einer Idee dazu zu kommen, was gute Musik sein kann, möchte ich doch versuchen, mich dem Gedanken des Guten zu nähern und mich nicht einfach darauf zurückziehen, zu sagen, „was gut ist, kann niemand sagen“, es ist versucht worden und wie ich meine, mit Erfolg versucht worden.
Umständehalber, welche Umstände das sind, erspare ich Ihnen, beschäftige ich mich seit drei Monaten wieder vermehrt mit den Schriften von Platon und all denjenigen, die mich kennen und die auch wissen, was ich beruflich tue, kann ich sagen, es handelt sich nicht um das Symposium, mit dem ich mich diesmal beschäftige, sondern es handelt sich um die Politeia, in deren sechsten Buch Platon sehr ausführlich darüber handelt, was man eigentlich unter dem Guten zu verstehen hat. Ich zitiere ihn, weil ich das, was er über das Gute zu sagen hat, gut finde. Platon sagt, „das gute hat zwei Aspekte“, nachdem der Mensch nämlich auch zwei Aspekte hat, und aus zwei Teilen besteht, nämlich seinen Leib und seine Seele, „das Gute ist das, was das natürliche Streben, die natürlichen Bedürfnisse des Geistes oder des Leibes, unsere leibliche Existenz und unsere geistige Existenz erfüllt. Das erste, die Erfüllung der leiblichen Bedürfnisse oder auch Wünsche nennen wir Lust, alles, was in uns Lust erzeugt, ist auch für Platon das Gute, weil es ursprüngliche menschliche Bedürfnisse, nämlich die unserer leiblichen, unserer physischen, unserer einfachen Existenz erfüllt, dasjenige, was unsere geistigen Sehnsüchte, unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse erfüllt, nennt Platon die Erkenntnis.
Und es ist die zweite Form des Guten die Platon kennt und Musik ist dann gut, wie alles was es gibt, was ein Bestandteil der wechselnden Wahrnehmungen des Menschen ist, wenn es eine dieser Bedürfnisse erfüllt. Platon mit Recht stützt sich nicht auf eines der beiden sondern sagt, es kommt auf eine gelungene Mischung von beiden an.
Was bedeutet das für die Musik? Musik ist dann gut, denke ich, und das ist in vielem von dem angeklungen, das heute schon gesagt worden ist, ich möchte das auf diesen Punkt bringen, wenn sie psychotrop ist. Wenn sie das Vermögen hat, das Befinden des Menschen zu ändern, in ganz einfachem und sehr grundlegenden Sinn unseres körperlichen Wohlfühlens, unserer Befindlichkeit im Moment, oder wenn sie gar in der Lage ist, uns eine via regis, ein Königsweg zur Erkenntnis zu sein. Wovon immer über die Erkenntnismöglichkeiten, die die Kunst bietet und die keine andere Wissenschaft, kein anderer Weg bieten kann, darüber ist viel gesprochen und geschrieben worden, das führt heute zu weit, aber wenn wir fragen, was gute Musik ist, möchte ich diese Antwort versuchen, sie muss in diesem Sinn psychotrop sein, sie muss etwas mit uns tun, was uns aus unserem ursprünglichen Zustand heraus hebt, was diesen Zustand höht, was hinführt zur Erkenntnis, und um es noch weiter zu kommentieren, je nachdem wie hoch das Bedürfnis, welches solche Musik befriedigt, je höher der Wunsch steht, der hier bedient wird, desto besser scheint mir die Musik.
Und das ist ein kleiner Versuch gewesen, ein bisschen etwas dazu zu sagen, was gute Musik ist. Ich glaube, es ist eine gute Überleitung, weil ich gehört habe, es wird nachher ein Werk von Bernhard Lang versteigert oder verlost, von dem ich heute ein Stück mitgebracht habe. Es ist ein schönes Stück guter Musik, das das Klangforum erst vor wenigen Tagen in Wien uraufgeführt hat. Ich hätte auch ein neapolitanisches Lied, gesungen von Roberto Murolo mitbringen können, aber auch das ist ein sehr gutes Stück. Ich muss um Verzeihung bitten, das Stück dauert 21 Minuten und ich bitte einfach darum, es nach zwei Minuten auszublenden.