
mica-focus: "Sich einen Namen machen - Karriere im E-Musik-Bereich: Nebeneffekt oder Zielerreichung?"Unter der Leitung von Christoph Wagner-Trenkwitz haben sich am 13. Oktober 2009 - im Rahmen einer mica-Focus Veranstaltung gemeinsam mit dem Konservatorium Privatuniversität Wien - sechs Musikexperten im Wiener Konservatorium eingefunden, um vom Leitmotiv "Sich einen Namen machen - Karriere im E-Musik-Bereich: Nebeneffekt oder Zielerreichung?" ausgehend, ihre Standpunkte bezüglich zentraler Fragen auszutauschen.
Ist spielerische Virtuosität alleine ausreichend, um erfolgreich eine musikalische Karriere einschlagen zu können? Oder ist es vielmehr doch notwendig, hinsichtlich der eigenen Vermarktung Zugeständnisse zu machen? Es hat sich gezeigt, dass sich die Anforderungen an sämtliche Interessengruppen (Musiker, Komponisten, Veranstalter, Labelbetreiber), auch im E-Musik-Bereich, in den letzten Jahren signifikant verändert haben. Die stetig steigende Anzahl bestens ausgebildeter Musiker schafft eine Konkurrenzsituation und erschwert es jedem Einzelnen, sich erfolgreich zu behaupten.
Wie Wege aussehen (könnten), die tatsächlich zum Erfolg führen, diskutierten Ranko Markovic (Konservatorium Privatuniversität Wien), Martin Grubinger (Perkussionist), Eleanor Hope (Interclassica Music Management), Markus Hinterhäuser (Salzburger Festspiele), Richard Winter (Gramola) und Walter Weidringer (Die Presse).
Gleich zu Beginn stellte Ranko Markovic fest, dass der Schlüssel zu einer erfolgreichen Karriere heute im Marketingkonzept liegt und "nicht das bessere Produkt, sondern die bessere Wahrnehmung" zum Erfolg führen würde. Dass es gerade um diese Wahrnehmung im E-Musik-Bereich allerdings nicht allzu gut bestellt ist, untermauerte er mit zwei Musikermeinungen: "Wenn einer ein Star werden will, sollte er lieber Fußballer werden. Klassik ist dafür das falsche Metier" (Daniel Müller Schott); "Vor hundert Jahren war das alles noch anders. Große Geiger wie Oistrach haben auf der Bühne nicht einmal gelächelt, während heutzutage gutes Spielen alleine nicht mehr ausreicht" (Arina Pinkas).
Um überhaupt eine Chance auf eine erfolgreiche Karriere zu haben, bedarf es dem Leiter des Konservatoriums Wien Privatuniversität gemäß "eines Genies". "Wer nicht mit Klangvorstellung oder Klangwille auf die Welt kommt, wie auch immer das vor sich geht, kann sich meiner Einschätzung nach schwerlich einen Namen in der Musik machen, schon gar nicht einen, der klingt." Zudem macht er in "Eltern, Lehrern und Wettbewerben" wichtige Einflussfaktoren für die Bildung einer Persönlichkeit aus. |

Ein großer Fehler wäre es laut Markovic, innerhalb einer Gruppe verschieden alter Kinder, deren jeweiliges Talent miteinander zu vergleichen. Den älteren, "die natürlich besser erscheinen", würde auf diese Weise "mehr Begabung zugemessen als den jüngeren und dementsprechend diese auch mehr gefördert" werden. Zur Folge hätte das schließlich eine "selbsterfüllende Prophezeiung", da das besser geförderte Kind "natürlich auch begabter" würde.
Als nächste Stufe und zentralen Anknüpfungspunkt machte er dann den "sehr sensiblen" Ausbildungsbereich, namentlich die "Unis, Hochschulen und Konservatorien", deren Erfolg er für "katastrophal schlecht" erachtet, aus. So wäre etwa in einer Dissertation der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien nachgewiesen worden, dass "Lehrer offensichtlich unabsichtlich ihre Studierenden an deren Entwicklung massiv behindern, da sie aus ihnen Ebenbilder ihrer selbst" machen wollten. Einer anderen (deutschen) Studie gemäß würden zudem "von allen für den Orchesterberuf ausgebildeten Musikern im Alter von 50 Jahren nur noch vier Prozent diesen Beruf ausüben".
In seinen Ausführungen war es Ranko Markovic schließlich auch wichtig, die Auswirkungen der "Veränderung der gesellschaftlichen Realität" zu beleuchten und damit verbunden auch, "wie die Realität des Musikers mit der Realität der Gesellschaft in Beziehung steht". Konkret bezog er sich hierbei auch auf die (potentiellen) "Arbeitgeber" der Musiker, "Konzerthausdirektoren und Intendanten", die stets forderten, "doch bitte Musiker für den Markt auszubilden, Musiker die ein Publikum in die Säle bringen können, um endlich wieder mehr Karten verkaufen zu können". Gleichzeitig, so Markovic, würden allerdings "sämtliche innovative Anregungen abgelehnt" werden. Gerade Veranstalter und Agenten müssten aber hinsichtlich einer Karriereförderung Aufgaben übernehmen, "die weit über einfaches Product Placement und Einkommensoptimierung hinaus reichen".
Abschließend strich er aber noch optimistisch hervor, dass "die Karriere eines Musikers stets von ihm selbst abhängt und es niemanden geben kann, der einer Künstlerpersönlichkeit die Verantwortung für ihr eigenes Schicksal abnehmen" könnte. "Lernfähigkeit und Flexibilität einerseits und Unnachgiebigkeit und Konsequenz andererseits" wären demnach "die Schlüssel, sich nachhaltig durchsetzen zu können". "Die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg der eigenen Karriere kann demjenigen, der diese Karriere anstrebt, letztendlich niemand abnehmen", so Markovic.
Im Anschluss daran versuchte Markus Hinterhäuser, der sich als Musiker und Manager mit dem Begriff "Karriere" aus zwei verschiedenen Blickwinkeln auseinander setzen konnte, an einer Begriffsdefinition. "Heute begreift man ,Karriere' immer nur vom Standpunkt einer Quotensituation heraus." Der Begriff würde demnach immer bloß mit Trophäen assoziiert oder dem Auftritt des betreffenden Künstlers, beispielsweise "in der Carnegie Hall oder dem Musikverein, diesen ,Hirschgeweihen' sozusagen, die aufgestellt werden können". Zudem hielt er fest, dass "wir heute in einer Situation sind, wo Karrieren noch viel stärker ,gemacht' werden, als vor 20 oder 25 Jahren". Heute kämen viel stärker die Mechanismen des Pop zu tragen, was, so Hinterhäuser, sowohl für den E- als auch für den U-Musikbereich gelten würde. Es sei vor allem wichtig geworden, "eine Story zu kreieren, die sich stark im Bewusstsein eines potentiellen Publikums verankert". |

Trotzdem hielt Markus Hinterhäuser fest, dass es trotz dieser Marktstrukturen nach wie vor möglich wäre, wenn auch viel schwieriger, eine Karriere zu machen und zu haben. Als Beispiel hierfür nennt er Pollini, "der mit 17 Jahren den Chopin-Wettbewerb gewonnen hat, danach aber fast zehn Jahre lang überhaupt keine Konzerte gespielt sondern an seinem Repertoire gearbeitet hat" und Evgeny Kissin, "der sich ebenfalls diesem Marktmechanismus verweigert hat und sehr restriktiv in der Auswahl seiner Konzerte ist." Letztendlich, so Hinterhäuser, sei Karriere immer auch eine Frage von Intelligenz.
Im Anschluss daran stellte Eleanor Hope Yehudi Menuhin's Projekt "Live Music Now" vor, dessen erklärtes Ziel es ist, einerseits junge Musiker zu fördern, aber auch die Musik einem Publikum näher zu bringen, das für gewöhnlich aus unterschiedlichsten Gründen davon abgeschnitten ist. "Die Idee war es, dass junge Leute, wenn sie eine Karriere haben wollen, ihre Musik auch ausüben und vor einem Publikum spielen können müssen. Wenn man aber nicht gerade einen Wettbewerb gewonnen hat, ist es sehr schwer, auszutesten, was man machen kann und ob man das überhaupt weiter machen will. Und dann sollten auch noch diejenigen Zugang zur Musik bekommen, die zu alt, zu jung, zu krank sind, Musik auf normalem Wege hören zu können, diejenigen, die nachts arbeiten oder die ihr Leben lang in einem Gefängnis verbringen müssen."
Eleanor Hope zeichnete auch die unglaubliche Entwicklung nach, die dieses Projekt seit Beginn der Siebziger Jahre genommen hat. Von den äußerst bescheidenen Rahmenbedingungen am Anfang bis hin zum Status Quo, wo alleine in England über 10000 Konzerte pro Jahr im Rahmen von "Live Music Now" in Gefängnissen, Kirchen oder Altersheimen veranstaltet werden und die es jungen Künstlern ermöglichen, Erfahrungen mit einem Publikum zu sammeln und darauf aufbauend ihre nächsten Schritte setzen zu können. Letztendlich ist Hope davon überzeugt, dass "dieses Projekt noch vor allen anderen Erfolgen von Yehudi Menuhin steht".
Mit dem jungen Perkussionisten Martin Grubinger kam nachfolgend jemand aus dem Kreis der Musiker und Künstler zu Wort, die im Fokus der Veranstaltung standen, nämlich diejenigen, die noch am Anfang einer etwaigen Karriere stehen, bzw. vor der Frage, ob das für sie unter den heutigen Gegebenheiten überhaupt noch möglich oder sogar erstrebenswert ist. So schätzt Martin Grubinger die aktuelle Situation äußerst nüchtern ein: "In dem Bereich wo ich tätig bin, ist das mit der Karriereplanung ohnehin völlig unrealistisch und überflüssig. Ich hatte mit 15, 16 Jahren, als ich zum ersten Mal im Musikverein spielen durfte, überhaupt keine Karriereplanung und das hat sich bis heute nicht geändert." Vielmehr macht er drei Parameter aus, die seiner Meinung nach entscheidend sind: "1. Die Qualität der Musik, 2. Die Musik muss mit Überzeugung gemacht werden, dann spürt das auch das Publikum und 3. Das Bestreben, innovativ zu sein". Bei letzterem Punkt verwies der Perkussionist besonders auf "neue Programme", "neue Besetzungen", "neue Kombinationen" und "Uraufführungen". |
Martin Grubinger plädierte vor allem auch dafür, dass der Neuen Musik eine viel größere Rolle beigemessen werden sollte und "dass Künstler aus Überzeugung handeln sollten". Eine solche Überzeugung würde allerdings nicht bei künstlerischen Belangen halt machen dürfen, sondern auch eine generelle, gesellschaftliche Überzeugung sein müssen. "Ich selbst, beispielsweise, engagiere mich sehr gegen Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, aber auch für soziale Belange. Es geht darum, dass schon Leute zu mir gemeint haben, ich solle das lassen, das würde meiner Karriere schaden, ,halt dich da zurück', aber genau solchen Ansichten will ich mich widersetzen. Und das Publikum spürt auch diesen ehrlichen Ansatz. Als Künstler müssen wir mehr sein, als bloß Leute, die von A nach B gehen, Konzerte spielen und sich am Applaus erfreuen, den sie erhalten. Wir müssen vielmehr eine Botschaft haben, überzeugen wollen und die Musik bietet uns die Möglichkeit dafür. Speziell in Österreich, angesichts der politischen Lage, ist das ja auch sehr wichtig."
Abschließend unterstrich Grubinger noch, dass genau der Ansatz, der mit "Live Music Now" verfolgt wird, der richtige Weg wäre und für ihn der herkömmliche Karrierebegriff längst überholt scheint. "Man muss Klassische Musik einem breiteren Publikum näher bringen und nicht bloß für ein elitäres Publikum reservieren. Diese ganzen Karriereplanungen sind für mich total überflüssig. Wichtig ist, dass man mit größter Überzeugung das spielt, was man gerne spielt."
Die Gesprächsrunde wurde dann vom Plattenproduzenten Richard Winter fortgesetzt, der, auf eine Frage von Moderator Christoph Wagner-Trenkwitz hinauf, erläuterte, welche Rolle heute Tonträger hinsichtlich der Erschaffung von Karrieren spielen (können). Anhand verschiedener Beispiele aus seinem Berufsalltag kam er zu dem Schluss, dass CD-Produktionen nach wie vor ihre Abnehmer finden und funktionieren, wenn auch in einem "redimensionierten" Ausmaß. So würden sich die "riesigen Maßstäbe, nach denen große Firmen arbeiten", heute einfach nicht mehr rechnen, weil deren Verkäufe vornehmlich auf "kostspieligen Inszenierungs- und Vermarktungs-Strategien" beruhen würden.
Demgegenüber würde aber, "in kleineren Dimensionen, im Independent-Bereich alles wunderbar und nachhaltig" funktionieren. Er stellte fest, dass für viele Kunden "der physische Tonträger einen Ausweis der eigenen kulturellen Befindlichkeit" darstellen würde, sich die Leute "durch die Kultur, mit der sie sich umgeben" definieren. Gleichzeitig betonte Winter aber, dass man sich "auch neuen Medien und Technologien nicht verschließen" dürfe und auf diese Entwicklungen seine "Aufmerksamkeit lenken" müsse.
Hieran knüpfte anschließend Markus Hinterhäuser, der bezeugte, dass "mittlerweile auch viele große Namen ihre, nicht mit dem Programm der Major Companies kompatiblen, Sachen in Eigeninitiative" aufnehmen würden. Als Erfolgsmodell führte er auch die ECM New Series ins Feld, die er als "fast etwas Subversives im Klassikbereich" bezeichnete. Ein solches Modell, das, wie er zugab, "auch über große Namen wie Keith Jarret oder Jan Gaberek querfinanziert wird", könnte sich in Zukunft, "nach dem Motto: Small Is Beautiful", gegenüber großen Unternehmen durchsetzen.
Dem konnte auch Richard Winter zustimmen, der ECM ebenfalls für ein "gutes Beispiel" hielt. "Am Ende werden sich Labels durchsetzen, die sich nie nach der Decke dieser ganzen smarten Marketingideen gestreckt haben, sondern das alles aus der Lust an der Auseinandersetzung und am Inhalt machen. Die Betreiber von ECM haben sich stets als Moderatoren derjenigen Inhalte verstanden, die ihnen auch selbst gefallen haben. Natürlich haben sie auch Glück gehabt mit dem Köln Concert von Keith Jarret. Aber sich so einen Sockel erarbeiten können und darauf aufbauend dann feine Sachen zu produzieren, ist das Beste, was einem passieren kann." |