Im Rahmen der Gesprächsreihe mica focus, die sich in den vergangenen beiden Jahren den verschiedensten Verknüpfungen der Themen Kunstmusik – Öffentlichkeit – Ästhetik widmete, fand am letzten Tag von Wien Modern 2010 im mica unter reger Publikumsteilnahme eine Podiumsdiskussion zum Thema „2010 – was ist das Neue an der Neuen Musik?“ statt, die in durchaus selbstkritischer Reflexion den heutigen Umgang mit der „Neuen“ Musik zu hinterfragen versuchte.
Ausgehend von der ungeschminkt-realistischen Einschätzung wie sie der Philosoph und Komponist Claus-Steffen Mahnkopf in seiner „Kritik der neuen Musik. Entwurf einer Musik des 21. Jahrhunderts“ formuliert – „Neue Musik gehört zu den befremdlichsten kulturellen Erscheinungen des 20. Jahrhunderts. Während Musik für den Liebhaber immer noch die ‚klassische’ ist und der Massenkonsument alle möglichen Arten der Popmusik als einzig richtige Form des gegenwärtigen Musizierens betrachten dürfte, spielt die Kunstmusik am Ende des zweiten Jahrtausends eine Sonderrolle, die kaum mit einer anderen Kunstsparte verglichen werden kann. Ab und an hört man von ihr – im Feuilleton oder im Gespräch mit solchen, die an der ‚Szene’ teilhaben, doch meist kann sich selbst derjenige, der sich offen um das ihm Unverständliche bemüht, nur wenig darunter vorstellen.“ –, ging es nicht nur um die gesellschaftspolitische Rolle die Musik unserer Zeit in unserer Zeit spielt, sondern auch um den Umgang innerhalb jener Kreise, die fachlich permanent damit konfrontiert sind. Welche Rolle hat heute noch der viel zitierte „elfenbeinerne Turm“, der Rückzugsmöglichkeit für individuelles, gesellschaftlich nicht angenommenes Tun bilden mag, aber auch Flucht vor populistischen Tendenzen, die den kritischen Diskurs überlagern? Welche Begrifflichkeiten haben sich über Jahre und Jahrzehnte so eingeprägt, dass sie heute mangels eines differenzierenderen Vokabulars auch in Expertenkreisen dem unkritischen Gebrauch unterliegen und oftmals zu wenig auf ihre sinnhafte Anwendung hinterfragt werden? Welche Schienen fahren die verschiedenen Proponentengruppen – jene der schöpferisch Tätigen, die Angehörigen des Bühnen- und Konzertbetriebs (einschließlich der ausübenden Musiker), die theoretisch begleitende Wissenschaft, die Mittler wie etwa die Journalisten sowie letztlich der Konsument: das Publikum – individuell oder in Überschneidung? Wo ist im museal ausgerichteten Repertoirebetrieb der angestammte oder besser „geeignete“ Platz für das „Neue“?
Unter der Leitung von Renata Schmidtkunz (RSch) trafen einander Persönlichkeiten, die in ganz verschiedenen Bereichen mit „Neuer“ und neuster Musik arbeiten und somit auch von sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten aus Aspekte der (natürlich auch plakativ gestellten) Titelfrage hervorhoben: Laura Berman (LB), die als künstlerische Leiterin der Reihe „Kunst aus der Zeit“ bei den Bregenzer Festspielen mit der Aufgabe der Präsentation zeitgenössischen Schaffens im Rahmen eines internationalen Festivals befasst ist, Werner Jauk (WJ), der sich als Musikwissenschaftler insbesondere den Schwerpunkten Kunst und neue Technologien, aber auch Kunst und Wissenschaft widmet, Helga de la Motte-Haber (HMH), von 1978–2005 Professorin für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Berlin und fortgesetzt in Fragen der Musikpsychologie und der Vermittlung von Klangkunst engagiert, Katharina Klement (KK), die als Komponistin in ihrer täglichen Arbeit das „Neue“ lebt, sowie Michael Scheidl (MSch), der als Regisseur und Leiter der Produktionsorganisation Netzzeit seit vielen Jahren u. a. mit der Umsetzung des schöpferisch Neuen befasst ist.
Im einleitenden Impulsreferat „Das Neue an der Neuen Musik oder Neu-Positionierung von Musik in der digital Culture“ gab Werner Jauk Philosophischem („Die Frage nach dem Neuen in der Neuen Musik stellt sich dann als Frage nach der neuen, der erneuten Bedeutung von Musik im Leben.“) ebenso breiten Raum wie wissenschaftlichen Untersuchungsansätzen und Kategorisierungen: So wäre zunächst einmal das „Alte“ an der Neuen Musik zu definieren, um demgegenüber das „Neue“ auszumachen. Jauk ging dabei etwa auf das rationale Spiel (die Weiterführung des seriellen Denkens) ein, Musik als Paraphänomen, die Bedeutung von Regelwerken wie der Notation oder auch den Aspekt der Verleugnung der Möglichkeit emotionaler Kommunikation zugunsten eines Primats des Sehens. Aus seiner umfassenden Beschäftigung mit Popmusik resultierte auch ein spannender Vergleich zwischen heutiger „Neuer“ Musik und Pop: Laut Jauk wäre demnach das Massenphänomen Pop heute in seiner Wirkung wie Volksmusik zu verstehen. Zum anderen steht das permutative Musizieren des Pop in Verbindung mit hoch entwickelten technischen Mitteln. Wie einst die bürgerliche Musikkultur würde heute Pop als Medium der sozialen Positionierung gebraucht. Durchaus provokant mochte die These erscheinen, wonach die Anhänger der Neuen Musik heute eher aus Avantgarden des Pop als aus traditionellen (E-Musik-)Avantgarden stammten. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus sieht Jauk Musik als „ein Erkenntnisphänomen […], ein erfahrungsbedingtes Phänomen der digital Culture.“ Diese sei vordergründig als eine Welt des Sehens zu verstehen, durch die Einbindung von Codes aber auch als eine Welt des Sehens. – Werner Jauk: „Das Neue an der Neuen Musik oder Neu-Positionierung von Musik in der digital Culture“
In unmittelbarer Replik auf Jauks Thesen wies Helga de la Motte-Haber auf die der Thematik zugrunde liegende Geschichtskonstruktion hin: „Verloren gegangen ist die Fortschrittskategorie. […] Der Umgang der Komponisten mit der Tradition ist heute ein respektvollerer als etwa in der Avantgarde der 1950er-Jahre. […] Der Komplex der Wahrnehmungsästhetik ist ein neues Phänomen. Was bedeutet körperlicher Einbezug? Die Frage ist: Muss es immer schreiender sein?“
Michael Scheidl: „Werner Jauk stellt ein Junktim her zwischen ‚Neu’ und Fortschritt. Ich glaube nicht, dass Fortschritt ein wesentliches Element des ‚Neuen’ sein muss. Ein respektvoller Umgang mit der Tradition ist ein wesentlicher Aspekt, wenn das Neue Bleibendes bringen soll.“
Werner Jauk wies auf die Möglichkeiten der Gleichsetzung von Moderne und Fortschritt und die Position der Postmoderne als eines „Step aside“ hin. – WJ: „Ich persönlich vertrete keine moderne Fortschrittshaltung.“
Renata Schmidtkunz: „Offenbar wird das Junktim „Neu“ – „Fortschritt“ teils auch als Ärgernis empfunden.“
Katharina Klement: „[…] Es gibt eine Tiefenschicht verschiedenster Musikkulturen. Das Durchdringen ist das Neue!“
RSch: „ ‚Alles ist möglich’ oder ‚Nothing is new!’ “
Laura Berman: „Durch die postmoderne Pluralität: Wenn man ‚Pop’ sagt, weiß ich gar nicht mehr, was damit gemeint ist. – Sie sprechen von ‚Musik als Ablenkung’. Wir hören Musik und hören weg. Ich höre Musik zum Weinen oder um nix zu tun. – Neu ist, dass das alles möglich ist.“
HMH: „Welche Techniken man auch immer in der Pop-Musik heute anwendet, diese waren zuerst in der Neuen Musik vorhanden. Denken Sie etwa an Cage in den 1930er-Jahren. Ich würde nicht sagen, dass das von Außen an die Neue Musik kommt.“
RSch: „Werner Jauk stellt ein Beispiel in den Raum. Die Ebenen kreuzen sich.“
LB: „Fast immer kommt Erneuerung aus der Avantgarde. Aber heute gibt es verschiedenste Avantgarden – wo immer aus der Welt es herkommt.“
KK: „Es geht um Musik, die hörbar zu erfassen ist. Das ist abgekoppelt von Notation zu sehen. Das ‚Neue’ ist nicht an der Notation fest zu machen; viel mehr an den neuen Technologien, vor allem dem Computer. Wir müssen daher heute nicht mit Noten umgehen, sondern vor allem mit Klang!“
WJ: „Über neue Technologien wird Musizieren neu als körperliche Erfahrung wahrnehmbar.“
HMH: „Die körperliche Erfahrung dürfte bei Playback eher gering sein. […] Klang ist nicht an Digitalisierung gebunden. Varèse hat viel schöner Klang geformt als Pierre Schaeffer. – Ein Phänomen ist: Wir leben nicht mehr in der mitteleuropäischen Kultur alleine! Wir leben in einer globalisierten Welt. Wie sind die Wechselwirkungen? Es gibt wechselseitig Elemente, die einfließen und angenommen werden.“
LB: „Nicht nur die Musikschaffenden, sondern auch die Zuhörer haben durch die Globalisierung eine andere Definition und Vorstellung. Neu ist das Identifikationsproblem: Wer bin ich und was ist meine Kultur?! Ich selbst hatte diese Erfahrung als ist in Südkorea einen Vortrag über Musiktheater halten sollte.“
RSch: „Wollen Leute, die nicht den eurozentristischen Blick haben, Neue Musik machen, weil es ihnen eine Bedürfnis ist?“
KK: „Leute in China fangen mit dem Terminus Neue Musik nichts an.“
LB: „Wir schwimmen in der Pluralität. Wir reden von allem und jeder versteht etwas anderes darunter.“
HMH: „Weg von den reinen Tonsatzstrukturen, die heute total offen sind. Wesentlich sind heute andere und neue Zeitvorstellungen. Das kommt aus der Begegnung mit anderen Kulturen.“
Die sich anschließende Mitdiskussion des Publikums eröffnete Heinz Rögl mit der nicht ganz unwesentlichen Grundsatzfrage: „Was ist Neue Musik mit dem großen ‚N’?“
KK: „Ein neues Raum-Zeit-Konzept. Musik geht auch mit neuen Erkenntnissen der Wissenschaft einher. Die Polymetrik bei Xenakis, Ligeti war für uns neu – nicht aber für andere Kulturen.“
WJ: „Die Mitteleuropäische Hochkultur hat durch den Kontakt mit anderen Kulturen eine neue Begrifflichkeit kennen gelernt und aufgenommen. Wir nehmen in einer Art Imperialismus Dinge aus anderen Kulturen auf.
MSch: „In unserer Gesellschaft gibt es den ‚Zwang zum Neuen.’ Dieses Diktat ist deshalb so bestimmend, weil es in einer einfachen Kategorie von ‚Neu’ schwer geworden ist, ‚Neues’ zu produzieren. […] Es geht auch um das Auffinden des Repertoires. Man steht vor einem endlos großen Rundum – so vielfältig wie nie zuvor.“
RSch: „Wie geht der Theatermensch damit um?“
MSch: „Er hat das gleiche Problem; zwar nicht schöpferisch – es ist nicht leichter geworden, aber es hat sich nicht so viel geändert, für den Komponisten wie für den Regisseur.“
Martin Kapeller: „Ich bin als Komponist gekommen – und habe große Verständnisschwierigkeiten. Die Vorstellung, ‚Das ist so viel Material, ich stehe vor einem Kasten.’, stellt sich für mich nicht. Ich stehe in meiner Welt nicht vor einem imaginären Regal.“
RSch: „Welche Frage stellt sich Ihnen?“
Kapeller: „Im Moment des Komponierens wächst etwas.“
KK: „Das ist eine andere Diskussion. Wenn ich selbst komponiere, geht man natürlich der eigenen Sprache nach.“
Klaus Lang: „Das Zentrale ist die Begeisterung für das, was man selbst macht.“
Eine weitere Meldung aus dem Publikum: „Wenn ich ins Konzert gehe, möchte ich für mich Neues hören. Das gilt ebenso bei Neuer Musik wie bei klassischer.“
Kapeller: „Ich möchte alles kennen und trotzdem Neues finden.“
Wolfgang Seierl: „Es gibt zwei Positionen: zum einen ‚Alles neu macht der Mai’, zum anderen ‚Ist das neu?’. – Man hat heute mit Politik, Wirtschaft und Machtstrukturen zu tun. Das Neu mit dem großen ‚N’ ist ein historisches Label hinter dem eine Machtstruktur steht. Warum ist das Neue von vor 70, 80 Jahren heute immer noch Teil der Neuen Musik.“
RSch: „Definitionen, die früher gegeben waren, verblassen im Zeitalter der Globalisierung.“
LB: „Neue Musik mit großem ‚N’ gibt es nicht mehr. – Was das Publikum betrifft: Einerseits wollen die Leute das hören, was sie kennen, aber vor allem wollen die Leute heute überrascht werden. Es geht nicht um ‚neu’ oder ‚nicht neu’, sondern um das überrascht Werden.“
KK: „Je länger ich mich mit neuen Techniken beschäftige, desto mehr verstehe ich Altes. Zum Beispiel durch die Beschäftigung mit Granularsynthese finde ich Dinge, die es schon bei Beethoven gibt.“
WJ: „Wozu WOLLEN wir das Neue? – Das Neue ist aus einem NEUgier-Verhalten zu sehen, als Erkenntnisgewinn.“
Elisabeth Schimana: „Der Begriff ‚Neue Musik’ beschreibt ein vorhandenes Biotop. Viele Kulturen durchwandern erst jetzt diese Etappe, auch daher ist er wichtig.
HMH: „Wie der Begriff ‚Elektronische Musik’ entfremdet wurde, geschieht das auch mit ‚Neue Musik’. – Es gibt dafür keine Tradition. ‚Neue Musik’ taucht erstmals 1919 als Schimpfwort auf.“
Schimana: „Der Begriff teilt das Publikum, er dient zur Abgrenzung.“
RSch: „Wie kann man Raum schaffen für einen Bogen zwischen Tradiertem und Neuem?“
LB: „Über diesen Bogen denke ich nicht nach, da würde ich nur verlieren. Das ist wie bei Komponisten.“
MSch: „Bis zu einem gewissen Grad dürfen wir im neuen Musiktheater machen, was wir wollen. Wenn man das austrocknet, sieht man die Schäden! – So gibt es z. B. in Wien unglaublich viel Geld für Musiktheater, aber beschämend wenig für Neues Musiktheater.“
WJ: „Wenn ich aus der Position des Zerberus spreche: ‚Neue Musik’ war zu Beginn der 1920er-Jahre ein Schimpfwort, in den 1950ern diente es der Positionierung einer sozialen Elite. Brauchen wir heute den Begriff? – Musik muss man zuhören! – Nein, Musik sagt mir etwas durch das Hören.“
Mit dieser Rückkehr Werner Jauks zur philosophischen Ebene beschloss Renata Schmidtkunz die Diskussion. Auch wenn es DIE Antwort, was denn das Neue an der neuen Musik sei (nicht nur) an diesem Nachmittag nicht gab, weil es sie nicht geben konnte, so mochte jeder der Anwesenden seine Sichtweise durch verschiedenste andere Aspekte aus dem Verlauf der Diskussion erweitert haben. Und vielleicht ist ja letztlich doch der schon im Vorfeld-Smalltalk und schließlich auch in der Diskussion definierte Schmidtkunz-Gedanke so oberflächlich nicht: „Nothing is new!“
Christian Heindl
„2010 – was ist das Neue an der Neuen Musik?“
mica focus – Samstag, 20. November 2010
Teilnehmer:
Impulsreferat: Werner Jauk (Musikwissenschaftler, Universität Graz)
Laura Berman (Künstlerische Leiterin „Kunst aus der Zeit“, Bregenzer Festspiele)
Helga de la Motte-Haber (Musikwissenschaftlerin, Berlin)
Katharina Klement (Komponistin, Wien)
Michael Scheidl (Regisseur, Netzzeit, Wien)
Diskussionsleitung: Renata Schmidtkunz (ORF, Wien)
Die Diskussions- und Vortragsreihe micafocus /Kunstmusik und Öffentlichkeit wird unterstützt durch die Abt. für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.